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Buchtipp: "Die Kunst des klaren Denkens" von Rolf Dobelli

Kategorie: Körper & Psyche

Von: Michael Ditsch

52 Denkfehler, die Sie besser anderen überlassen

Buchtipp: "Die Kunst des klaren Denkens" von Rolf Dobelli

Unser Gehirn ist für ein Leben als Jäger und Sammler optimiert. Heute leben wir in einer radikal anderen Welt. Das führt zu systematischen Denkfehlern - die verheerend sein können für Ihr Geld, Ihre Karriere, Ihr Glück. Wer weiß, wie leicht man sich irren kann, ist besser gewappnet: Rolf Dobelli nimmt die tückischsten "Denkfallen" unter die Lupe, in die wir immer wieder tappen. Und so erfahren wir,- warum wir unser eigenes Wissen systematisch überschätzen (und andere für dümmer halten, als sie sind), - warum etwas nicht deshalb richtiger wird, weil Millionen von Menschen es für richtig halten, - warum wir Theorien nachhängen, selbst wenn sie nachweislich falsch sind. Rolf Dobellis Texte sind nicht nur inhaltlich ausgesprochen bereichernd, sie sind ein echtes Lesevergnügen. Die Kunst des klaren Denkens - 52 Denkfehler, die Sie besser anderen überlassen, Rolf Dobelli, Carl Hanser Verlag, 2011

© Bild und Text Carl Hanser

Kommentar:

Rolf Dobelli, ein Schweizer Schriftsteller und Unternehmer, hat seine wöchentliche Kolumne "Klarer Denken" bei der Frankfurter Allgemeine Zeitung und der Schweizer SonntagsZeitung, zu einem Buch zusammengefasst.

"Denkfehler, so wie ich den Begriff hier verwende, sind systematische Abweichungen zur Rationalität, zum optimalen, logischen, vernünftigen Denken und Verhalten. Das Wort 'systematisch' ist wichtig, weil wir oft in dieselbe Richtung irren." Dobelli, 2011, Loc. 243-45

Dobelli argumentiert auf der Basis von Erkenntnissen der Evolutionspsychologie. Die Evolutionspsychologie geht davon aus, dass unsere Verhaltens- und Denkweisen hauptsächlich an ein Leben in Kleingruppen zur Zeit des Pleistozän (ca. 3 Mio. - 10000 Jahre v.Chr.) angepasst sind. Für unsere komplexen modernen Lebenswelten, ausgehend von der neolithischen Revolution vor ca. 10000 Jahren, über die industrielle Kultur bis zur heutigen Informationsgesellschaft, sind die mentalen Fähigkeiten des Menschen nur unzureichend entwickelt. Laut Dobelli sind unsere Hirne auf Reproduktion ausgelegt und nicht auf Wahrheitsfindung. Unsere Fehlentscheidungen und Denkfehler sind daher aus der evolutionären Perspektive zu betrachten:

"Die Evolution 'optimiert' uns nicht im absoluten Sinn. Solange wir besser sind als unsere Konkurrenten (zum Beispiel Neandertaler), verzeiht sie uns die Fehler."  Dobelli, 2011, Loc. 2195-96

Der studierte Betriebswirt Dobelli bringt viele anschauliche Beispiele für Denkfehler aus den Bereichen der Wirtschaft und man spürt, dass ihn auch die derzeitige globale ökonomische und ökologische Krise sehr beschäftigt.

"Die Kontrollillusion ist die Tendenz, zu glauben, dass wir etwas kontrollieren oder beeinflussen können, über das wir objektiv keine Macht haben." Loc. 825-27
"Es wäre für alle Beteiligten unerträglich, sich einzugestehen, dass die Weltwirtschaft ein fundamental unsteuerbares System ist." Loc. 844-45
"Überall dort, wo der Nutzen beim Einzelnen anfällt, die Kosten aber bei der Gemeinschaft, lauert die Tragik der Allmende: CO2-Ausstoß, Abholzung, Wasserverschmutzung, Bewässerung, Übernutzung der Radionfrequenzen, öffentliche Toiletten, Weltraumschrott, Banken, die 'too big to fail' sind. ... Die Tragik ist bloß ein Effekt, der eintritt, wenn die Gruppengröße ungefähr 100 Menschen übersteigt und wir an die Grenze der Regenerationskapazität von Systemen stoßen. Es braucht keine besondere Intelligenz, um zu erkennen, dass wir in zunehmendem Maß mit diesem Thema konfrontiert sein werden." Dobelli, 2011, Loc. 949-51
"Lineares Wachstum verstehen wir intuitiv. Doch wir haben kein Gefühl für exponentielles (oder prozentuales) Wachstum." Dobelli, 2011, Loc. 1505-6
"Nichts, was prozentual wächst, wächst ewig - auch das vergessen die meisten Politiker, Ökonomen und Journalisten. Jedes exponentielle Wachstum kommt irgendwann an eine Grenze - garantiert." Dobelli, 2011, Loc. 1518-20

Beim Lesen des Buches fühlt man sich immer wieder ertappt, weil Doblin gnadenlos die eigenen menschlichen Schwächen aufdeckt. Besonders beim "Confirmation Bias" ist mir das klar geworden:

"Der Confirmation Bias ist der Vater aller Denkfehler - die Tendenz, neue Informationen so zu interpretieren, dass sie mit unseren bestehenden Theorien, Weltanschauungen und Überzeugungen kompatibel sind. Anders ausgedrückt: Neue Informationen, die im Widerspruch zu unseren bestehenden Ansichten stehen (in der Folge als Disconfirming Evidence bezeichnet, da ein passender deutscher Ausdruck fehlt), filtern wir aus. Das ist gefährlich. 'Tatsachen hören nicht auf zu existieren, nur weil sie ignoriert werden', sagte Aldous Huxley." Dobelli, 2011, Loc. 488-91

Bedenklich ist der "Confirmation Bias" angesichts der Optimierung und Individualisierung von Suchergebnissen und Empfehlungen der webbasierten Dienste wie z.B. Google, Facebook, oder Amazon.

"Wir bewegen uns zunehmend in Communitys von Gleichdenkenden, die den Confirmation Bias noch verstärken." Dobelli, 2011, Loc. 550-51

Obwohl wir unsere Denkfehler erkennen können, zeigt Dobelin, dass es unmöglich ist, angesichts unserer biologischen Konstitution und der Komplexität unserer Umwelt, alle unsere Entscheidungen auf rein rationalem Denken zu gründen. Immer wieder blitzen daher bei Dobelin fast schon daoistisch anmutende Erkenntnisse auf.

"Wirklich Wissende wissen, was sie wissen - und was nicht. Befindet sich jemand von diesem Kaliber außerhalb seines 'Kompetenzkreises', sagt er entweder gar nichts oder: 'Das weiß ich nicht.'" Dobelli, 2011, Loc. 809-11

"Sie erhalten keine Ehrung, keine Medaille, keine Statue mit Ihrem Namen drauf, wenn Sie durch Abwarten genau die richtige Entscheidung treffen - für das Wohl der Firma, des Staates, der Menschheit" Dobelli, 2011, Loc. 1849

Rolf Dobelin gelingt es, auf der Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse, ein unterhaltsames und doch auch weises Buch über das Denken des Menschen zu schreiben.

Zitate aus: Die Kunst des klaren Denkens, Rolf Dobelli, Carl Hanser Verlag Kindle Edition, 2011