
bewegtSein & balance
michaelditsch.de
Buchtipp: "Still" von Susan Cain
Kategorie: Körper & PsycheDie Bedeutung von Introvertierten in einer lauten Welt
Selbstsicheres Auftreten und die Beherrschung von Small Talk sind nicht alles. Susan Cains glänzendes Plädoyer für die Qualitäten der Stillen.
"Ein leerer Topf klappert am lautesten". Aber wer der Welt etwas Bedeutendes schenken will, benötigt Zeit und Sorgfalt, um es in Stille reifen zu lassen. "Still" ist ein Plädoyer für die Ruhe, die in unserer Welt des Marktgeschreis und der Klingeltöne zu verschwinden droht. Und für leise Menschen, die lernen sollten, zu ihrem "So-Sein" zu stehen. Ohne sie hätten wir heute keine Relativitätstheorie, keinen "Harry Potter", keine Klavierstücke Chopins, und auch die Suchmaschine "Google" wäre nie entwickelt worden. "Still" baut eine Brücke zwischen den Welten, kritisiert aber das gesellschaftliche Ungleichgewicht zugunsten der Partylöwen und Dampfplauderer. Es herrscht eine "extrovertierte Ethik", die stille Wasser zwingt, sich anzupassen oder unterzugehen. Ihre Eigenschaften - Ernsthaftigkeit, Sensibilität und Scheu - gelten eher als Krankheitssymptome denn als Qualitäten. Zu unrecht, sagt Susan Cain, und stellt sich gegen den Trend, der "selbstbewusstes Auftreten" verherrlicht. "Still" ist das Kultbuch für Introvertierte, hilft aber auch Extrovertierten, ihre Mitmenschen besser zu verstehen. Still - Die Bedeutung von Introvertierten in einer lauten Welt, Susan Cain, Riemann, 2011
© Text und Bild Riemann
Kommentar:
Ein hervorragend gemachtes und gut geschriebenes Werk ist das Buch "Still" von Susan Cain. Wie von einer "Introvertierten" nicht anders zu erwarten, ist das Buch sehr fundiert, gut durchdacht und sehr in die Tiefe des Themas gehend. Beim Lesen ist zu spüren, dass intensive persönliche Erfahrungen und Erlebnisse zum Schreiben motiviert haben. "Die Bedeutung von Introvertierten in einer lauten Welt" ist für Susan Cain eine Herzensangelegenheit. Trotz ihrer persönlichen Betroffenheit widersteht die Autorin der Versuchung eine Streitschrift gegen die extravertierte Ethik der "Partylöwen und Dampfplauderer" zu veröffentlichen. Ihr Buch ist ist ausgewogen und sehr gut recherchiert.
Dabei ist ihr auch die Schwierigkeit der Begriffsdefinition klar geworden: "Ich habe bald entdeckt, dass es so etwas wie eine Universaldefiniton von Introversion und Extraversion nicht gibt." S. 25
"Wir sind nämlich nicht nur alle wunderbar komplexe Individuen, sondern es gibt auch viele verschiedene Arten von Introvertieren und Extravertierten. Introversion und Extraversion mischen sich mit anderen Persönlichkeitsmerkmalen und biografischen Einflüssen, sodass daraus ein gewaltiges Spektrum verschiedenartiger Menschen resultiert. S. 30
Allerdings erinnert Susan Cain daran, dass sich im Berufsleben, in Schule und anderen Bildungseinrichtungen und in der Gesellschaft insgesamt, eine Dominanz der extrovertierten Ethik entwickelt hat. Großraumbüros, Team- oder Gruppenarbeit, Präsentationen, Selbstdarstellung, Selbstoptimierung und Selbstvermarktung, überall sollen wir "aus uns herausgehen", um erfolgreich zu sein und um (uns) besser verkaufen zu können.
"Es ist nachvollziehbar, dass viele Introvertiere sich vor sich selbst verstecken. Wir leben in einem Wertesystem, das vom 'Ideal der Extraversion' geprägt ist, wie ich es nenne - dem allgegenwärtigen Glauben, der Idealmensch sei gesellig, ein Alphatier und fühle sich im Rampenlicht wohl." S. 15
In Teil I des Buches - Das Ideal der Extraversion - erläutert Susan Cain die historische und gesellschaftliche Entwicklung unserer Persönlichkeitskultur. Obwohl sich Susan Cain auf die gesellschaftlichen Verhältnisse in den USA bezieht, kann ihre Beschreibung und Analyse auch auf Deutschland übertragen werden.
"Amerika verwandelte sich von einer 'Charakterkultur', wie der einflussreiche Kulturhistoriker Warren Susman es nannte, in eine 'Persönlichkeitskultur'. Damit öffnete sich eine Büchse der Pandora mit persönlichen Ängsten, von denen wir uns nie ganz erholt haben. In der Charakterkultur war der Idealmensch ernsthaft, diszipliert und ehrbar. ... Doch mit dem Wechsel zur Persönlichkeitskultur fingen die Amerikaner an, vor allem darauf zu schauen, wie andere sie wahrnahmen." S. 39
Ein interessanter Vergleich mit anderen Gesellschaften wird im 2. Teil des Buches gezogen: "Viele asiatische Kulturen sind teamorientiert, aber nicht auf die Art, wie Menschen im Westen sich Teams vorstellen. Individuen in Asien betrachten sich als Teil eines größeren Ganzen - ob einer Familie, Firma oder Gemeinde - und legen sehr viel Wert auf Harmonie innerhalb ihrer Gruppe. Sie ordnen ihre eigenen Wünsche oft den Interessen der Gruppe unter und akzeptieren ihren Platz in der Hierachie. Die westliche Kultur ist hingegen um das Individuum herum organisiert." S. 289
Im Teil II - Unsere Biologie, unser Selbst - zeigt Susan Cain sehr umfassend die wissenschaftlichen Grundlagen von Introversion/Extaversion auf. "Unsere Persönlichkeit ist dehnbar, aber nur bis zu einem bestimmten Grad. Unser angeborenes Temperament beeinflusst uns, unabhängig vom Leben, das wir führen. Ein beträchtlicher Teil unserer Identität ist durch unsere Gene, unser Gehirn und unser Nervensystem festgeschrieben." S. 183
Die Anwältin, Trainerin und Beraterin Susan Cain gibt schließlich im 3. Teil - Formen der Liebe und Arbeit für Introvertierte - praktische Hilfestellungen für den Alltag von Introvertierten in einer extravertierten Welt.
Wichtig ist das Kapitel "Zur Terminologie" auf S. 416 im Anhang des Buches. Hier erläutert Susan Cain verschiedene Definitionen und ihre weitergehende Auffassung des Begriffes Introversion.
Die Mischung von Anekdoten, persönlichen Einsichten und wissenschaftlichen Erläuterungen machen das herrliche Buch spannend und lesenswert.

