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Lesetipp: Gehirn&Geist Dossier 2/2011

Kategorie: Spiritualität & Lebenskunst

Von: Michael Ditsch

Glaube und Aberglaube

Lesetipp: Gehirn&Geist Dossier 2/2011

Forscher ergründen unseren Sinn fürs Übersinnliche - Sigmund Freud hat sich geirrt. Der Begründer der Psychoanalyse hielt die Hoffnung vieler Menschen, im Glauben Trost und Orientierung zu finden für eine infantile Illusion Deshalb forderte er eine "Erziehung zur Realität", die jede Form von Religion überwinden helfe. Aktuelle Erhebungen zeigen jedoch: Der Fortschritt hat Spiritualität und Glauben nicht verdrängt - auch nicht im säkularen Europa. Das bedeutet freilich nicht, dass Religiosität heute genauso gelebt wird wie zu Freuds Zeiten. In diesem G&G-Dossier ergründen Forscher Sinn und Unsinn von religiösen, spirituellen und parapsychologischen Phänomenen.

© Bild und Text Gehirn&Geist

Kommentar:
Ein mutiges Heft hat die Gehirn&Geist Redaktion da herausgebracht. Glaube, Aberglaube und übersinnliche Phänomene sind nicht gerade einfache Themen für wissenschaftliche Publikationen. Allerdings wird nach Lesen des Heftes klar, dass sich in den letzten Jahren in der wissenschaftlichen Welt einiges geändert hat. Die moderne Neurobiologie wagt sich nicht nur an die Erforschung subjektiver Bewusstseinsprozesse, sondern befasst sich auch mit Grenzbereichen des menschlichen Geistes.

Ab S. 57 schreiben Hans-Ferdinand Angel und Anreas Kraus in ihrem Artikel "Der interdisziplinäre Gott" über Versuche der Annäherung: "Das Problem, ob Religiosität ein neuronales Korrelat besitzt, bildet den Kern einer noch jungen Forschungsrichtung, die unter dem Begriff Neurotheologie firmiert." In diesem Artikel werden auch die Forschungen von Vilayanur Ramachandran erläutert. Ramachandran ist ein Experte auf diesem Gebiet und durch sein Buch "Die blinde Frau, die sehen kann - Rätselhafte Phänomene unseres Bewusstseins" auch bei uns bekannt geworden.

Aufällig ist allerdings, dass sich die Forschung hauptsächlich mit religiös-spirituellen Praktiken wie Meditation oder Gebet befasst. Davon handelt auch der Artikel von Dieter Vaitl "Stärke deinen Geist" ab S. 62. Der Neuropsychologe Dieter Vaitl und sein Mitarbeiter Ulrich Ott untersuchen am Bender Institute of Neuroimaging (BION) die Auswirkungen von Meditation auf das Gehirn. Auch der Artikel von Rüdiger Braun ab S. 68 befasst sich eher mit Bewusstseinstechniken wie Trance und Hypnose.

Ein weiterer Schwerpunkt des Heftes ist die Frage, ob Spritualität und Frömmigkeit als "segensreiche" Produkte der Evolution zu begreifen sind, wie Michael Blume in seinem Artikel "Homo religiosus" ausführt: "Wie kognitive und musikalische Fähigkeiten besitzt auch Religiosität eine erhebliche genetische Komponente im Bereich von 40 bis 60 Prozent."

Unbestreitbar bleibt, dass Religion, Glaube und spirituelle Sinnsuche auch in modernen Gesellschaften des 21. Jahrhunderts die Menschen beschäftigen. Die Ursprünge liegen weit zurück, wie Klaus Manhart auf S. 20 schreibt: "Die frühesten Formen religiösen und spirituellen Verhaltens weisen Forschern den Weg zurück bis zu unseren steinzeitlichen Vorfahren. Wahrscheinlich bereits vor 200 000 Jahren entwickelte der Neandertaler ein Mythensystem, basierend auf der Vorstellung von einem Leben nach dem Tod."

Lesenswert dazu auch das Streitgespräch "Sinn und Unsinn des Glaubens" mit Franz Wuketits und Richard Schröder ab S.36 und das Interview mit dem Religionssoziologen Hans Joas ab S. 16.

Schade fand ich, dass nur westliche Systeme, wie z.B. das Christentum, angesprochen wurden. Die reichen spirituellen Traditionen des Ostens hätten wohl auch nicht mehr in das Heft gepasst.

Insgesamt wieder ein gelungenes Heft der Gehirn&Geist Redaktion. Besonders gefallen hat mir der behutsame und vorsichtige Umgang mit diesem schwierigen Thema. Es wird nicht die wissenschaftliche Keule geschwungen, sondern die Offenheit gegenüber religiös-spirituellen Themen gewahrt.