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Lesetipp: GEO kompakt Nr. 28 - 09/11
Kategorie: Körper & PsycheIntelligenz, Begabung, Kreativität
Unser Gehirn ist ein Wunderwerk aus 100 Milliarden Nervenzellen, die ständig miteinander kommunizieren und etwas geradezu Magisches vollbringen: Sie erschaffen ein denkendes Selbst. Einen wachen Geist, der Verstand hat: der Zusammenhänge erkennt, Probleme löst, in die Zukunft plant. Und der schöpferisch ist: der Ideen hervorbringt und etwas Neues schafft. Diese beiden Gaben, Intelligenz und Kreativität, sind die wichtigsten Triebfedern der menschlichen Zivilisation – und noch immer stellen sie Wissenschaftler vor Rätsel. Mit modernster Technik versuchen Forscher zu ergründen, wie das Nervengeflecht in unserem Kopf kluge Gedanken fasst. Weshalb manche von uns intelligenter sind als andere. Was in unserem Gehirn geschieht, wenn uns ein Geistesblitz ereilt. Und welche Rolle Erbgut und Erziehung bei der Entwicklung unseres Verstandes spielen. GEOkompakt Nr. 28 "Intelligenz, Begabung, Kreativität" © Bild und Text GEO
Kommentar
Das neue Geo Kompakt ist eine lesenswerte Zusammenstellung von Artikeln aus der aktuellen Forschung über Intelligenz und Kreativität.
Bemerkenswert die Aussage von Ute Eberle in ihrem Artikel ab S. 20 "Was ist Intelligenz? - Psychologen und Neuroforscher ergründen das Wesen der menschlichen Geisteskraft":
"Der Verstand hat eben keine starre Struktur, die, einmal ausgereift, sich später niemals mehr erneuern oder wandeln kann. Im Gegenteil: Von Geburt an verändert sich das Gebäude unserer Geisteskraft ununterbrochen. Damit derartige Umformungen im Gehirn überhaupt möglich sind, ist der Mensch auf Reize von außen angwiesen. Deshalb auch wäre eine kognitive Entwicklung ohne einen Körper und dessen Fähigkeit, Kontakt zur Umwelt aufzunehmen, schlicht undenkbar. Anders ausgedrückt: Ohne Daten, die uns die Sinnesorgane liefern, könnte es keine Intelligenz geben. ... Deshalb gehen die meisten Forscher heute davon aus, dass unsere Intelligenz nicht nur von unserem Hirn, sondern vom gesamten Körper geprägt wird. Und dass sie stets aus dem Kontakt zu Umgebung entsteht." S. 29
Bedenklich stimmen diese Sätze angesichts des zunehmenden Bewegungsmangels bei Kindern und Jugendlichen. Die verminderte körperliche Aktivität von Kindern und Jugendlichen wird bedingt durch verringerte Spiel- und Bewegungsräume, die zunehmende Nutzung von elektronischen Medien, aber auch durch die geringe Wertschätzung des freien Spiels im Freien durch Erziehungsberechtigte.
Sehr gut auch der Artikel von Alexandra Rigos über das Heranreifen menschlicher Intelligenz "Kindesentwicklung - Die Geburt der Gedanken" S. 46. Auch hier wird die Wichtigkeit körperlicher und sinnlicher Erfahrung für die Kindesentwicklung betont:
"Was Erwachsenen oft als sinnlos-kindliches Spiel erscheint, ist in Wirklichkeit ein Lernprogramm. ... Auf diese Weise testen die Kleinen ständig ihre Umgebung auf Regeln und Gesetzmäßigkeiten. Diese Erkundung der Welt und damit die Entfaltung der eigenen Geisteskraft ist jedoch nie allein Sache des Gehirns. Sie schließt stets auch die Sinne, den Körper mit ein." S. 50
Sehr lesenswert das Interview mit dem Hirnforscher Gerhard Roth über Gene und Erziehung ab S. 60. Gerhard Roth erläutert den Einfluß der Genetik (Intelligenz ist zu etwa 50% angeboren) und die Bedeutung der Schwangerschaft und der ersten drei Lebensjahre für die Entwicklung von Intelligenz. Die Bedeutung und Wichtigkeit von guter Bildung steht außer Frage und daher fordert Gerhard Roth sehr zu Recht auf S. 70:
"Die Förderung von Intelligenz und Bildung muss zur nationalen Top-Aufgabe werden, und dazu gehört, dass die Entscheidungshoheit der Bundesländer in Sachen Bildung endlich wieder auf ein vernünftiges Maß zurückgeschnitten und das Bildungs-Chaos beseitigt wird."
Mit der Erforschung der Kreativität befasst sich der Artikel "Das Atelier im Kopf" von Bertram Weiß ab S. 118. Wichtige Voraussetzung für Kreativität und Ideenreichtum sind Zeit und Unabhängigkeit. Kritisch zu hinterfragen sind daher moderne Managementmoden wie Großraumbüros oder Teamarbeit. Auch Brainstorming ist für die Ideenfindung ungeeignet, da Mitarbeiter bei dem gemeinsamen Gedankenspiel eher blockiert sind:
"In der Erwartung, einfallsreich sein zu müssen, erreichen sie nur selten, was der Managementberater Otto Scharmer vom Massachusetts Institute of Technology als 'presencing' bezeichnet. Dieses Kunstwort ist aus englischen Begriffen für Spüren (sensing) und Gegenwart (presence) zusammengesetzt. Im Kern versteht Scharmer darunter, was bereits die chinesischen Denker des Taoismus vor zwei Jahrtausenden lehrten: Der Mensch darf Kreativität nicht wollen - er muss sie zulassen." S. 127-128

