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Lesetipp: SPIEGEL WISSEN 4/2011

Kategorie: Körper & Psyche

Von: Michael Ditsch

Rücken ohne Schmerz - Neue Therapien für Körper und Seele

Lesetipp: SPIEGEL WISSEN 4/2011

Rückenleiden sind die Volkskrankheit schlechthin: Mehr als 80 Prozent aller Deutschen spüren mindestens einmal in ihrem Leben Schmerzen im Kreuz - meistens sogar sehr viel häufiger. Hexenschuss, Ischias, Nackenweh und Lendenschmerzen sind, nach dem Schnupfen, der zweithäufigste Grund, zum Arzt zu gehen, und der häufigste Grund für den Besuch beim Alternativmediziner. Doch den Betroffenen drohen unsinnige Ratschläge und gefährliche Behandlungen; vor allem wird viel zu oft unnötigerweise an der Wirbelsäule operiert. SPIEGEL-Redakteure haben bei Bewegungsmedizinern, Evolutionsbiologen, Orthopäden, Chirurgen, Schmerztherapeuten, Psychiatern, Psychologen und Stressforschern recherchiert und berichten, was dem Kreuz wieder aufhilft. Gestützt durch wissenschaftliche Beweise, propagieren sie neue Therapien, die auf Körper und Seele gleichermaßen wirken und den Rückenschmerz tatsächlich besiegen können.

© Text und Bild Spiegel Wissen

Kommentar

Es ist schon sehr verwunderlich, dass im 21. Jahrhundert das mechanistisch-descartianisches Welt- und Menschenbild noch große Teile unseres Gesundheitssystems dominiert. Der Mensch wird immer noch als eine Art Maschine gesehen, die wie ein Auto zu funktionieren hat und bei Fehlfunktion dementsprechend repariert werden kann. Die Computermetapher ist vorherrschend, Hard- und Software sind getrennt und werden daher unterschiedlich behandelt.

Das einleitende Kapitel "Das Kreuz mit dem Kreuz" beginnt mit einem Artikel von Spiegel Redakteur Jörg Blech, welcher bereits einige sehr gute Bücher zum Thema Gesundheit verfasst hat, wie z.B. "Die Krankheitsfinder" oder "Heilen mit Bewegung". Jörg Blech formuliert auch das durchgängige Thema des Heftes, dass sich nämlich gerade beim Rückenschmerz die Einheit von Körper und Seele sehr deutlich zeigt.

"Dauerhafte seelische Anspannungen, verursacht durch mangelnde Stressbewältigung, lösen im Körper krank machende Vorgänge aus, die zu Schmerzen führen oder bestehende verstärken können." S. 17

Sehr gut ist auch das Interview mit dem Orthopäden Reiner Gradinger über unnötige Eingriffe und schwarze Schafe unter den Ärzten. Interessant seine These über den Zusammenhang von Ich-Gesellschaft und Krankheit.

"Es geht uns das Gefühl für das Normale verloren, für das, was alle haben und was dazugehört, Alterserscheinungen zum Beispiel. Heute geht man schon wegen Kleinigkeiten zum Arzt. Da ist eine Überängstlichkeit entstanden. Und die zunehmende Konzentration auf sich selbst, diese Ichbezogenheit, verschlimmert jedes Wehwehchen. Wer sich überwiegend mit sich selbst beschäftigt, überhöht alles, was ihm geschieht." S. 24

Das Kapitel "Körper und Seele" wird von dem interessanten Artikel "Kampf dem Seelenschmerz" von Bettina Musal ab S. 28 eingeleitet. Gerade beim Thema Schmerz zeigen sich die Auswirkungen unseres westlichen Welt- und Menschenbildes, mit seiner vorherrschenden Trennung von Körper und Psyche.

"Psychosoziale Einflussfaktoren entscheiden mit darüber, ob aus einem akuten ein wiederkehrender und schließlich ein chronischer Schmerz wird." S. 33

Werden körperliche Probleme gesellschaftlich akzeptiert, gelten psychische Ursachen immer noch als sehr suspekt. Das Interview mit dem Psychosomatiker Ulrich T. Egle ab S. 37 liefert dazu interessante Erkenntnisse.

"Wenn ich dem Patienten sage, der Rückenschmerz ist psychisch bedingt, denken viele, der will mich als Simulanten überführen, der bezweifelt, dass ich wirklich Schmerzen habe." S. 37

"Wer in der Kindheit ein hohes Maß an Belastung aushalten musste, hat eine hohe Stress-Vulnerabilität und damit beispielsweise ein Depressionsanfälligkeit, ist also mit größerer Wahrscheinlichkeit anfällig für Rückenschmerzen." S. 39

Sehr faszinierend fand ich einen weiteren Artikel ("Zum Laufen geboren" ab S. 41.) von Jörg Blech über die evolutionsbiologische Hintergründe des menschlichen Rückens.

"Rückenschmerzen hielten Evolutionsmediziner lange für den Preis des aufrechten Gangs. Doch Vergleiche zwischen Affen und Menschen zeigen: Der Rücken taugt in Wahrheit bestens für die Bewegung auf zwei Beinen." S. 41

Simon Book beschreibt in seinem Artikel ab S. 53 über die traurige Tatsache, dass von Rückenschmerzen bereits Kinder betroffen sind.

"Rückenschmerzen sind längst nicht mehr nur ein Problem der Alten. Bis zu 50 Prozent der Schulkinder klagen gelegentlich über Rückenschmerzen, etwa 300000 Kinder sind deswegen in Behandlung. Und die Zahlen steigen." S. 53

Gut finde ich, dass nicht nur komplexe therapeutische Verfahren erwähnt werden, sondern auch einfache Maßnahmen und die Ursachen in dem Artikel benannt werden. Z.B. wird die Kinderorthopädin Rösch zitiert: "'Zwischen den Schulstunden sollte einfach mal Toben angesagt sein' meint sie. Der Sportunterricht komme sowieso zu kurz." S. 54

Zum Schluss des Kapitels "Körper und Seele" wird in dem Artikel "GAU für den Sozialstaat" ab S. 56 von Katrin Elger und Laura Gitscher die Ursachen in Arbeitswelt und deren gesamtwirtschaftlichen Folgen betrachtet.

"Stress, Unzufriedenheit oder Überforderung im Beruf erweisen sich als wahres Rückengift. Während Mediziner und Psychologen noch nach Lösungen suchen, haben Ökonomen das Ausmaß der Katastrophe durchgerechnet: Jeder Lendenlahme kostet die deutsche Volkswirtschaft durchschnittlich 1322 Euro pro Jahr." S. 57

Sehr interessant sind in o.g. Kapitel auch die Ergebnisse verschiedener Studien über die Ursachen der vielen Krankmeldungen. Körperliche Schwerarbeit, Fehlhaltungen und ergonomische Defizite spielen fast keine Rolle. Vielmehr sind psychische Probleme am Arbeitsplatz und die Ausuferung des Wohlfahrtsgedanken Hauptursachen der Rückenmisere.

"Um Ansprüche gegenüber dem Sozialstaat durchsetzen zu können, müsse ein Rückenpatient möglichst krank sein - anstatt zu versuchen, gesund zu werden." S. 59

"Tatort Wirbelsäule" ab S. ist das beeindruckendste Kapitel des ganzen Heftes. So deutlich und fundiert wie in diesen Artikeln habe ich selten die Kritik an den konventionellen orthopädischen Behandlungsformen lesen können.
Bezeichnend ist die Aussage des Wirbelsäulenchirurgen Jürgen Harms, dass mindestens 40 Prozent aller chirurgischen Eingriffe an der Wirbelsäule überflüssig seien (S. 67). Erwähnt wird auch, dass Gier eine Ursache für die kostenintensiven Operationen ist. "Das Stechen und Schneiden an der Wirbelsäule hat sich zu einem Industriezweig ausgewachsen, private Rückendoktoren fischen regelrecht nach Patienten (S. 68).

Mit dem Kapitel "Gesunder Rücken" wird das Heft zum Thema Rückenschmerzen abgeschlossen. Etliche therapeutische und präventive Methoden werden vorgestellt und beschrieben. Wie zu vermuten, spielen Bewegung und Entspannung eine wesentliche Rolle bei der Prävention und Behandlung von Rückenschmerzen.

Das Spiegel Wissen Nr. 4/2011 ist wirklich sehr gelungen. Von Anfang bis Ende ein stimmiges Heft mit vielen spannenden Artikeln zum Thema Rückenschmerzen.

Für Praktizierende ostasiatischer Künste ist die Einheit von Körper und Geist keine neue Erkenntnis. Hoffentlich kann das alte mechanistisch-descartianisches Paradigma des Westens bald überwunden werden und eine ganzheitliche Betrachtung des Menschen an seine Stelle treten.