Dao Yin 導引 Dehnung

Zen Imagery Exercises

Wer sich mit asiatischen Gesundheitskünsten beschäftigt, wird mit einer Vielzahl von verschiedenen Begriffen konfrontiert. Die Übertragung und Übersetzung von Begriffen aus dem asiatischen Sprach- und Kulturraum in unser westliches Schrift- u. Denksystem ist immer eine schwierige Angelegenheit. Eine Ursache der Begriffsverwirrung sind z.B. die unterschiedlichen Umschriftsysteme, wie z.B. beim chinesischen 氣功, welches in Pinyin "Qìgōng" geschrieben wird und in Wade–Giles "Chi Gong". Eine weitere Ursache ist die Entwicklung von Begriffen in verschiedenen asiatischen Ländern. Z.B. wird das indische Dhyāna  ध्यान (Meditation) zum chinesischen Chan 禪 und dann in Japan zum Zen 禅. Auch tragen natürlich die verschiedenen Schulen und Lehrer zur Begriffsvermehrung bei, da sie ihre jeweiligen individuellen Übungssysteme voneinander abgrenzen möchten und deshalb vorhandene Bezeichnungen kombinieren oder neue Bezeichnungen erschaffen.

Daoyin 導引, jap. Do-In, (Leiten und Dehnen, s.u. Zitate v. Livia Kohn) ist die Bezeichnung für die traditionellen gesundheitsfördernden Körperübungen in China. Sie waren Teil des übergeordneten Konzepts der Lebenspflege yǎngshēng 養生, zu dem z.B. auch Diätetik oder sexuelle Praktiken zählten. Das moderne Qigong umfasst nur ausgewählte Übungen, welche durch die Führung der Volksrepublik China geprüft und standardisiert wurden. Daoyin Übungen enthalten immer die folgenden Elemente:

  • Körperhaltungen und -bewegungen
  • Atem
  • Imagination

Gerade der Einsatz der Imagination (意- yì – Vorstellungskraft, Ideokinese siehe Link unten) unterscheidet Übungen des Daoyin/Qigong von westlicher Gymnastik. Die meisten Daoyin Übungen werden im Stehen durchgeführt. Es gibt aber auch spezielle Anwendungen, die in sitzenden und liegenden Positionen geübt werden. Persönlich praktiziere ich die Merdiandehnübungen, die Jörg Krebber (siehe Link unten) während seiner Seminare anbietet. Sie basieren auf den Übungssystemen, welche Shizuto Masunaga in seinem Buch Meridiandehnübungen (ich bevorzuge den Originaltitel "Zen Imagery Exercises") und Michio Kushi in seinem Buch Do-In beschreiben. Es geht dabei, meiner Meinung nach, nicht darum, sich eine umfassende Kenntnis über die Wirkung einzelner Meridiane und Funktionskreise anzueignen. Dieses vertiefte Wissen geht schon in den Bereich der Heilung und medizinischer Behandlung über. Im Rahmen der Prävention sollten die Übungen das Wohlbefinden des ganzen Menschen verbessern. Das Wichtigste ist es, die Übungen überhaupt zu praktizieren.

"Diese Meridianübungen sind nicht als bloße Dehnung zur Lockerung von Muskeln und Gelenken zu betrachten. Dehnen bedeutet in diesem Zusammenhang nicht nur, daß etwas in die Länge oder auseinandergezogen wird, es ist vielmehr ein Vorgang des Weitens, der die latente Energie in Ihnen freisetzt. Diese Übungen dienen als körperliche Ausdrucksform, um mit dem Dehnen jene Dinge loszulassen, an die man sich innerlich klammert. Sie bieten Ihnen die Chance, mit Ihrem Körper Kontakt aufzunehmen und Ihrem inneren Wesen durch Bewegung Ausdruck zu verleihen." Meridian Dehnübungen, Shizuto Masunaga, Felicitas Hübner Verlag, 2000, S. 66

Jörg Krebber, Seminar Los Gamos Spanien 2014, Beispiele von Meridian Dehnübungen, Fotos Brigitte Rettinghausen

Buchtipp

Masunaga, der Begründer des weltweit verbreiteten Zen Shiatsu, entwickelte die Meridian Dehnübungen anlehnend an traditionelle östliche Methoden und schuf so ein vollständiges Übungssystem zur Selbsthilfe, aber auch für alle Therapeuten, die mit Körperenergien arbeiten (z. B. Shiatsu und Akupunktur), mit Körperpsychotherapie oder Krankengymnastik, sowie für Sportler und Sporttherapeuten. Im Gegensatz zu westlichen Übungssystemen geht es nicht darum, Bewegungsabläufe nur nachzuahmen oder in bestimmten Körperteilen zu kontrollieren, sondern den Körper als Einheit so zu bewegen, wie er es möchte. Damit werden Bewegung, Atmung und Imagination in Einklang gebracht. Die Übungen werden zwar einzelnen Meridian-Energien zugeordnet, sie wirken aber immer auf den gesamten Menschen und sind eine Wohltat für Körper und Geist, denn sie fördern Entspannung, Beweglichkeit und Vitalität, stärken Ausdauer und Gesundheit. Spezielle Serien von Dehnübungen können wirksam in die Dynamik unterschiedlicher Beschwerden eingreifen und sie lindern. Masunaga gibt hierzu eine Fülle von Hinweisen. © Bild und Text Felicitas Hübner Verlag. Meridian Dehnübungen, Shizuto Masunaga, Felicitas Hübner Verlag, 2000

Buchtipp

Daoyin, the traditional Chinese practice of guiding the qi and stretching the body is the forerunner of Qigong, the modern form of exercise that has swept through China and is making increasing inroads in the West. Like other Asian body practices, Daoyin focuses on the body as the main vehicle of attainment; sees health and spiritual transformation as one continuum leading to perfection or self-realization; and works intensely and consciously with the breath and with the conscious guiding of internal energies. This book explores the different forms of Daoyin in historical sequence, beginning with the early medical manuscripts of the Han dynasty, then moving into its religious adaptation in Highest Clarity Daoism. After examining the medieval Daoyin Scripture and ways of integrating the practice into Tang Daoist immortality, the work outlines late imperial forms and describes the transformation of the practice in the modern world. Presenting a rich crop of specific exercises together with historical context and comparative insights, Chinese Healing Exercises is valuable for both specialists and general readers. It provides historical depth and opens concrete details of an important but as yet little-known health practice. © Bild und Text Univ of Hawaii Press. Chinese Healing Exercises: The Tradition of Daoyin, Livia Kohn, Univ of Hawaii Press, 2008

"Indeed, the term dao essentially means 'to guide' or 'to direct', and appears originally in a political and cultural context in the sense of 'leading' the people in a certain direction. The character consists of two parts, the word Dao 道 for 'way', which is often also used in the sense of 'to guide', and the word cun 寸 for 'inch', which indicates a small distance. Guiding the qi in a concrete, physical way means thus that one makes a conscious effort to establish harmony with the Dao in the body, realizing the inherent polarity of yin and yang and aligning oneself with the cosmos […]. The second word of the compound is yin. It originally means 'to draw a bow' and indicates the pulling and activating of strength and inner tension as well as the opening of a space between the bow and the string. Often short for daoyin,  it can stand for breathing and exercices in general and be used as a generic term for 'nourishing life'. Yin may mean to limber up muscles, release joints, or stretch limbs […]. The earliest manuscripts on healing exercises consistently use yin in a general sense for daoyin, meaning the practice of exercises." Chinese Healing Exercises: The Tradition of Daoyin, Livia Kohn, Univ of Hawaii Press, 2008, S. 11

"More specifically, Daoyin involves gentle movements of the body in all kinds of different positions together with deep breathing and the focused mental guiding of qi around the channels. The oldest sources, manuscripts from the early Han dynasty (ca. 200 B.C.E), tend to describe a large range of standing moves with only few seated and lying poses. After that, the most common posture for Daoyin is kneeling with heels tucked under the buttocks. This was the proper and most formal way of sitting in ancient China, where chairs were only gradually introduced from Central Asia under the influence of Buddhism […]." Chinese Healing Exercises: The Tradition of Daoyin, Livia Kohn, Univ of Hawaii Press, 2008, S. 12

"Other basic poses include squatting and sitting with legs straight out forward or spread fan-shaped out to the side. These postures were considered quite rude in traditional China and were associated with demons and exorcism […]. Their use in healing exercises, aside from opening the hips and strengthening the legs, shows the intentional separation from common social norms and patterns and is indicative of the thrust toward self-realization." Chinese Healing Exercises: The Tradition of Daoyin, Livia Kohn, Univ of Hawaii Press, 2008, S. 12