Tiefenökologie

Wie wir in Zukunft leben wollen

Der Begriff "Tiefenökologie" wurde 1973 von dem norwegischen Philosophen Arne Naess ausgearbeitet. Auf die Frage, was das "Tiefe" an der Tiefenökologie ist, antwortet Arne Naess:

"... die Gestaltung einer nachhaltigen Welt ist nicht nur eine Frage der umweltfreundlichen Technik und der möglichst nachhaltigen Ökonomie, sondern es ist auch eine Frage der Lebens- und Weltanschauung. [...] Die Prämissen und Fragen sind tiefer. Im Mittelpunkt der Auseinandersetzung steht nicht die Frage der Nützlichkeit für den Menschen. Wir stellen statt dessen die Frage: Was ist ein Leben, das würdig für Menschen ist. Wir stellen solche Fragen, weil wir doch im Innern so tief mit der Natur zusammenhängen, dass wir nicht die Natur zerstören können, ohne uns selbst zu zerstören. Wenn wir mit dieser tiefsten Frage anfangen, dann verändern sich die Schwerpunkte und Prioritäten." (Naess 2008, S. 107)

Naess, Arne (2008), Das Netz des Lebens, in: Geseko von Lüpke (Hrsg.), Politik des Herzens, Uhlstädt-Kirchhasel: Arun-Verlag

Why A ‘Deep’ Ecology?

"The decisive difference between a shallow and a deep ecology movement hinges on the willingness to question, and to appreciate the importance of questioning, every economic and political policy in public. The questioning is ‘deep’ and public. It asks why more insistently and consistently, taking nothing for granted." (Naess 2021)

"When arguing from deep ecological premises, one need not discuss at all most of the complicated proposed technological fixes. The relative merits of alternative-technology proposals in industrial societies concerned with how to increase energy production are pointless if our vital needs have already been met. The focus on vital issues activates mental energy and strengthens motivation. The shallow environmental approach, on the other hand, tends to make the human population more passive and less interested in environmental issues. The deep ecology movement tries to clarify the fundamental presuppositions underlying our economic approach in terms of value priorities, philosophy, and religion. In the shallow movement, argument comes to a halt long before this. The deep ecology movement is therefore ‘the ecology movement that questions deeper.’" (Naess 2021)

Naess, Arne (2021): The Deep Ecology Movement, in: There is No Point of No Return, London: Penguin Books E-Book

Literatur

Buchtipp: Politik des Herzens

Nachhaltige Konzepte für das 21. Jahrhundert. Gespräche mit Vordenkern und Visionären. Dieses Buch besteht aus Interviews mit Politikern, Umweltschützern, Wissenschaftlern u.v.m. über deren Ideen, Anregungen und Kritiken an eine nachhaltige Umweltpolitik für das 21. Jahrhundert. Wie lange können wir so weitermachen, wie wir machen? © Bild und Text Arun-Verlag. Lüpke, Geseko von, Hrsg. (2008): Politik des Herzens - Nachhaltige Konzepte für das 21. Jahrhundert - Gespräche mit Vordenkern und Visionären, Uhlstädt-Kirchhasel: Arun-Verlag

  1. Das neue Bild der Erde
    Die neue Sicht auf die Evolution des Menschen und seine Rolle im Universum - Thomas Berry, Hans-Peter Dürr, James Lovelock, Rupert Sheldrake, Friedrich Cramer, Elisabeth Sathouris.
  2. Das Netz des Lebens
    Die ökologische Sichtweise als neue Kernwissenschaft und die philosophische Alternative der Tiefenökologie in Gesprächen mit ihren wichtigsten Protagonisten - Fritjof Capra, Joanna Macy, Arne Naess, Dolores La Chapelle.
  3. Leben in lebenden Systemen
    Die systemische Sichtweise und ihre kulturelle Auswirkungen - Ervin Laszlo, Gerd Binnig, Bert Hellinger.
  4. Ancient Futures – Aus der Vergangenheit lernen
    Der "aufgeklärte Traditionalismus", der das Wissen unserer Vorfahren für die Bewältigung aktueller Probleme neu entdeckt und nutzen will - Helena Norberg-Hodge, Malidoma Some, Galsan Tschi-nag, Steven Foster & Meredith Little, Holger Kahlweit.
  5. Die Kunst des Haushaltens: Die Versöhnung von Ökologie und Ökonomie
    Mit den Grenzen des Wachstums sind neue nachhaltige Konzepte für die Wirtschaft zur Überlebensbedingung geworden. Statt Ökologie als wettbewerbsfeindlich zu diffamieren, werden nachhaltige Formen des Wirtschaftens im 21. Jahrhundert zur ökonomischen Überle-bensfrage werden - Donella Mae-dows, Amory Lovins, Wangari Matai, Vandana Shiva, Manfred Max-Neef.
  6. Erdpolitik: Auf dem Weg in eine zukunftsfähige Gesellschaft
    Im sechsten Kapitel werden die neuen ökologisch-systemischen Grundwerte auf die politische Gestaltung übersetzt - Ernst Ulrich von Weizäcker, Klaus Bosselmann, Jose Lutzenberger, Edward Goldsmith, Julia Butterfly Hill, Klaus-Michael Mayer-Abich, Naomi Klein.
  7. Wachstum ins Undenkbare: Die innere Evolution
    Die neue ganzheitlich-systematische Sichtweise wird auf die Psychologie ausgedehnt - Stanislaf Grof, Wolf Büntig, Mihali Chikszentmihalyi, Joachim Galuska, Kenneth Ring.
  8. Spirituelle Ökologie und ökologisches Christentum
    Die Grenzen zwischen religiöser und ökologischer Ethik haben sich verwischt, seitdem es zum zentralen Ziel ökologischer Bildung geworden ist, das Weltbild und Bewußtsein der Menschen so zu ändern, daß sie zu einem nachhaltigen Umweltverhalten kommen - Matthew Fox, David Steindl-Rast, Eugen Drewermann, Henryk Skolimowsky, Bede Griffiths

Buchtipp: There is No Point of No Return

Emphasizing joy in the world, human cooperation and the value of all living things, this selection of Arne Naess' philosophical writings is filled with wit, learning and an intense connection with nature. Arne Naess (1912-2009) was a philosopher and mountaineer who developed the concept of ‘deep ecology’ while living in a wooden hut high in Norway’s Hallingskarvet mountain range. Contents: The Deep Ecology Movement, Self-Realization: An Ecological Approach to Being in the World, The Place of Joy in a World of Fact, Lifestyle Trends Within the Deep Ecology Movement, Industrial Society, Postmodernity, and Ecological Sustainability. © Bild und Text Penguin Books. Naess, Arne (2021): There is No Point of No Return, London: Penguin Books E-Book

Buchtipp: Interkulturelles Ökologisches Manifest

Dass wir, unsere Kinder und die folgenden Generationen ökologisch vor ungeheuren Herausforderungen stehen, ist offensichtlich. Doch es herrscht Ratlosigkeit, wenn nachhaltige Auswege aus der Krise gefragt sind. Michael von Brück bringt dafür Denkansätze aus den europäischen und asiatischen Traditionen in ein Gespräch, aus dem uns ein Umdenken, ein Umfühlen, ein neues Handeln zuwachsen kann. Europa, Indien und China verfügen über einen bedeutenden spirituellen Reichtum, von dem her eine Transformation unserer Lebensformen und eine Erneuerung unseres Selbstverständnisses als Menschen auf dieser Erde möglich ist. Denn nicht durch Drohung, sondern durch Einsicht wird der Mensch zur Transformation bewegt. © Bild und Text Verlag Karl Alber. Brück, Michael von (2021): Interkulturelles Ökologisches Manifest, Freiburg / München: Verlag Karl Alber, 2. Auflage

"Tiefenökologie, spirituelle Praxis und ganzheitliche Anthropologie bekommen dabei ein neues Gewicht für die Kernfrage: Was ist notwendig, um würdig zu leben? Es wird eine unabdingbare Aufgabe der Menschheit werden, bei Niedergang des ressourcenabhängigen materiellen Wohlstands ein Äquivalent durch immateriellen Wohlstand bzw. spirituellen Reichtum zu schaffen. Wertschöpfung bedarf der Ergänzung durch Schöpfungswert. Ein Prozess, der mit integralem Bewusstsein gestaltet werden will. Das bedeutet, dass der ökonomistische Egoismus überwunden wird durch kooperative Lebensformen des Aufeinander-Bezogenseins." (Brück 2021, S. 33)

"Spiritualität ist die gezielte Formung des Bewusstseins durch sich selbst. Diese ist möglich durch die verschiedenen Übungsformen der Meditation. Sie gipfelt in der Erfahrung der Einheit der Wirklichkeit, wobei das abgespaltene Ich-Bewusstsein bzw. das »Ego« überwunden wird. Das Ich ist zwar ein integrierter Bestandteil des Bewusstseins, der für das Überleben des Individuums notwendig ist, aber bei weitem nicht die einzige und alles bestimmende Größe. Es wird vom Bewusstseinsstrom projiziert, spiegelt aber – wie alle Bewusstseins-Konstruktionen – nicht die Wirklichkeit wider, »wie sie ist«. Das Gewahrwerden einer tiefen Verbundenheit allen Lebens drückt fundamentale Potentiale des Bewusstseins aus. Es befreit von Angst. Die Überwindung von Angst vermindert nicht nur Aggressivität, sondern setzt den Mut zur Kreativität frei. Diese Potenziale zu wecken und zu fördern, ist die Aufgabe der spirituellen Bildung." (Brück 2021, S. 146)

Quelle:
Brück, Michael von (2021): Interkulturelles Ökologisches Manifest, Freiburg / München: Verlag Karl Alber, 2. Auflage

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