Artgerechte Ernährung

Die Steinzeit steckt uns in den Knochen

Der Koala lebt in den Eukalyptuswäldern Australiens und ernährt sich fast ausschließlich von Blättern, Rinde und Früchten bestimmter Eukalyptusarten. Der Gepard lebt in den Savannen und Steppen Afrikas und ernährt sich hauptsächlich von Gazellen und Antilopen. Der Mensch lebt fast überall und ernährt sich von fast allem. Tobias Lechler bemerkt daher zu Recht: "Eine art- oder gengerechte Ernährung des Menschen zu definieren, ist eine äußerst schwierige Aufgabe, da der Mensch hinsichtlich seiner Nahrungsquellen extrem flexibel ist." (Lechler, 2001, S. 183). Eventuelle Hinweise zur artgerechten Ernährung des Menschen könnten Untersuchungen über heutige Jäger- und Sammlervölker, der Paläoanthropologie, der menschlichen Physiologie, und der Primaten ergeben. Allerdings zeigen die Ausführungen von Tobias Lechler, dass sich eindeutige Aussagen daraus nicht ableiten lassen.

  • Heutige Jäger- und Sammlervölker
    "Werden die Ernährungsgewohnheiten der heute noch von der Zivilisation unberührten menschlichen Lebensgemeinschaften (Naturvölker), die bis zu Anfang oder Mitte des 20. Jh unter steinzeitlichen Bedingungen lebten, im Vergleich zu denjenigen in Industrieländern betrachtet, fällt auf, dass der Anteil pflanzlicher und tierischer Lebensmittel erheblich variert." (Lechler, 2001, S. 13)
  • Paläoanthropologie
    "Der Verlauf der Hominidenentwicklung ist in ihren subhumanen und humanen Phasen nur sehr lückenhaft durch fossile Funde dokumentiert. Fest steht aber, dass die Geschichte des Menschen mit dem Aufstieg der Hominiden vor etwa  5 Mio Jahren beginnt." (Lechler, 2001, S. 54)
    "Kein einziges der bisher entworfenen Modelle zur Evolution des Menschen lässt sich ausreichend belegen. ... Die Saisonalität der hominiden-typischen Lebensräume (Savanne) machte nicht nur eine komplexe und flexible Ernährungsstrategie notwendig, sondern ebenso ein breites Nahrungsangebot und eine hohe Mobilität, da diese Landschaftstypen sich durch eine im Vergleich zum tropischen Regenwald niedrige Qualität der Pflanzennahrung auszeichnen." (Lechler, 2001, S. 68)
  • Physiologie
    "Die Dominanz des Dünndarms in Verbindung mit dem einkämmrigen Magen beim Menschen legt Anpassungsprozesse an eine qualitativ hochwertige und energiedichte Nahrung nahe. Sie lässt vermuten, dass humane Vorfahren den Schwerpunkt ihres Nahrungsspektrums auf Früchte und tierische Nahrungsquellen legten." (Lechler, 2001, S. 177)
    "... lässt sich der Verdauungstrakt des Menschen weder in die Kategorie eines "Fleischfressers" noch einer anderen Kategorie zuordnen." (Lechler, 2001, S. 175)
  • Primaten
    "Grundnahrungsmittel sind tierisches Nahrungsgut wie Insekten und Gliedertiere, gelegentlich auch kleine Säugetiere (Faunivorie), Früchte (Frugivorie) oder Blätter (Foliovorie). Kein einziger Primate ernährt sich nur insektivor, frugivor oder foliovor. Diese Flexibilität in der Nahrungsauswahl ist bei Säugetieren einmalig und tritt bei Primaten nicht nur innerhalb einer Spezies auf, sondern variiert auch zwischen den Spezies." (Lechler, 2001, S. 145)

"D.h. der Mensch wäre von Natur aus prinzipiell so frei in seiner Nahrungswahl, dass er theoretisch ohne negativen Folgen energie-liefernde und nicht-energieliefernde Substrate in jeglicher Form aufnehmen könnte, sofern sie in ausreichender Menge im Nahrungsgut enthalten sind, d.h. zur Deckung des Energiebedarfs ausreichen. Diese Auffassung ist jedoch angesichts der Anzahl der ernährungsabhängigen Krankheiten in Industrieländern so kaum haltbar; es sei denn, westliche Bevölkerungsgruppen würden im selben Ausmaß körperlich aktiv sein wie die Naturvölker." (Lechler, 2001, S. 200)

  • Die Ernährung als Einflussfaktor auf die Evolution des Menschen
    Tobias Lechler, Dissertation, Universität Hannover, 2001
  • Evolutionäre Ernährungswissenschaft und "steinzeitliche" Ernährungsempfehlungen - Stein der alimentären Weisheit oder Stein des Anstoßes? Teil 1: Konzept, Begründung und paläoanthropologische Befunde, Alexander Ströhle, Andreas Hahn, Ernährungs-Umschau 53 (2006) Heft 1 S.10. Teil 2: Ethnographische Befunde und ernährungswissenschaftliche Implikationen, Alexander Ströhle, Andreas Hahn, Ernährungs-Umschau 53 (2006) Heft 2 S. 52

Koevolution von Ernährungsweise und Genen

"Auch eine veränderte Ernährung kann dafür sorgen, dass sich unterschiedliche Eigenschaften bei menschlichen Populationen manifestieren. Bekannt ist die Laktase-Persistenz, also die andauernde Fähigkeit des Körpers, Milchzucker zu verwerten. Alle Kinder weltweit bilden das dafür nötige Enzym Laktase - rund 65 Prozent der Weltbevölkerung aber fehlt es im Erwachsenenalter. In Regionen, die eine lange Tradition in der Haltung von Milchvieh haben - Nordwesteuropa, Nordwestindien oder verschiedenen Stellen Afrikas - produzieren jedoch heute die Bewohner bis ins Alter das dort besonders nützliche Enzym zur Verwertung des Milchzuckers. Das Aufkommen von Getreidenahrung seit der Jungsteinzeit hat dagegen die Verbreitung von Genen für das Enzym Amylase im Körper gefördert, das zur Aufspaltung von Stärke benötigt wird. Heutzutage tragen die meisten Menschen als Nachkommen der Ackerbauern mehrere Kopien des Amylase-Gens AMY1 in sich. Nur moderne Jäger-Sammler-Gemeinschaften, etwa die Datoga in Tansania, verfügen über wenige dieser Genkopien."

"Bei den grönländischen Inuit dagegen sind Genregionen verändert, die Enzyme zum Abbau von ungesättigten Omega-3- und Omega-6-Fettsäuren kodieren - beide besonders reichhaltig in der typischen Inuit-Ernährung aus Fisch und Fleisch. Unbestreitbar ist demnach, dass sich auch bei der Spezies Mensch vorteilhafte Gene in bestimmten Situationen unter speziellem Selektionsdruck durchsetzen - und demnach die Evolution auf menschliche Populationen wirkt."

Quelle: zitiert aus Online Artikel "Kleine Fortsetzung der Menschheitsgeschichte", von Caroline Ring, 29.08.2016
www.spektrum.de/news/kleine-fortsetzung-der-menschheitsgeschichte/1420260

"Die Geschichte der Menschheit war von einer Reihe kultureller Umbrüche geprägt. In enger Verzahnung damit veränderte sich unser Erbgut. Auf diese Weise kam es zu einer Koevolution von Kultur und Genen."

"So waren die Frühmenschen dank eines vergrößerten Gehirns in der Lage, raffinierte Werkzeuge anzufertigen. Diese wiederum ermöglichten ihnen - ebenso wie die Nutzung des Feuers - genügend hochwertige Nahrung für das besonders energiehungrige Organ zu beschaffen und aufzuschließen."

"Auch die Umstellung auf landwirtschaftliche Produkte während der neolithischen Revolution gelang nur im Verein mit genetischen Wandel. Insbesondere vervielfachte sich das Gen für das Enzym Amylase, das Stärke zu Zucker abbaut und auch in den Speicheldrüsen wirkt. Desgleichen sorgten bei Bevölkerungsgruppen, die Milchwirtschaft betrieben, Mutationen im Umfeld des Laktasegens dafür, dass Milchzucker auch von Erwachsenen verdaut werden konnte."

Quelle: Zitiert aus Spektrum der Wissenschaft, Oktober 2011, S. 62
www.spektrum.de/artikel/1121039


Marlene Zuk über Evolution und Ernährung

Paleofantasy: What Evolution Really Tells Us about Sex, Diet, and How We Live

Marlene Zuk, Evolutionsbiologin, Verhaltensforscherin und Professorin an der University of Minnesota, hat ein bemerkenswertes Buch über die menschliche Evolution geschrieben. Als Ausgangspunkt nimmt sie gängige Mythen und Mißverständnisse, die sich besonders auf das Leben unserer "Steinzeit" Vorfahren beziehen. Gerade für die heutigen, teilweise sehr dogmatisch geführten, Diskussionen über die "richtige" Ernährung, liefert Marlene Zuk überzeugende Fakten und Informationen.

"Evolution is continuous, but it is not goal-oriented. It is not as if we were on a predestined path toward enlightenment when agriculture suddenly threw a plow into the works and made us deviate into obesity and desease." S. 56

"What's more, the use of dairy as a food source is an illustration of how genes and human cultural activites can influence each other. This gene-culture interaction is also huge: it means not just that humans have evolved, and recently (impressive though that is) or that culture has changed through time (though that, too, occurs), but that both have been altered, one by the other, in a tight coevolutionary spiral that may be continuing right now." S. 93

"It certainly puts to rest the notion that because dairy 'is not paleo', it is not an appropriate part of the human diet. One's ability to digest milk simply depends on one's genes, and those genes have changed, at least in those of us whose heritage is rooted in pastoralists." S. 107

"Consumption of dairy exquisitely illustrates the ongoing nature of evolution, in humans as in other living things. Our ancestors had different diets, and almost certainly different gut flora, than we have. We continue to evolve with our internal menagerie of microorganisms just as we did with our cattle, and they with with us." S. 108

"The notion that humans got to a point in evolutionary history when their bodies were somehow in sync with the enviroment, and that sometime later we went astray from those roots - whether because of the advent of agriculture, the invention of the bow and arrow, or the availability of the hamburger - reflects a misunderstanding of evolution. What we are able to eat and thrive on depends on our more than 30 million years of history as primates, not on a single arbitrarily more recent moment in time." S. 120

"We did not have a single diet, regardless of the relative compositions of fruits, nuts, tubers, and meat, throughout the period between the evolution of the genus Homo and the development of agriculture. Instead, people in different places ate different foods, modified them to differend degrees, and thrived on the variety." S. 125

"Gene duplication may have little or no effect, depending on what the gene does, but in the case of amylase, having more copies means that the individual is better able to digest starchy foods - an obvios advantage for people whose diet includes them. [...] Then natural selection would have favored individuals with more copies as the amount of starch in the diet increased, so that the early agriculturalists could take advantage of the new foods. Cereal crops such as barley or rice probably were not domesticated until people had evolved more efficient starch digestion" S. 126

"Nonetheless, a strong body of evidence points to many changes in our genome since humans spread across the globe and developed agriculture, making it difficult at best to point to a single way of eating to which we were, and remain, best suited." S. 131

"The answer is that no one, whether a low-carb enthusiast, a proponent of bacon fat, or a fan of organic food, can legitimately claim to have found the only 'natural' diet for humans. We simply ate too many different foods in the past, and have adapted too many new ones, to draw such a conclusion." S. 133

"Everything alive today is just evolved as every other organism, and nothing mirrors human history in its entirety. We are all related, of course, and we can see how humans, or other primates, respond to different selection pressures in different enviroments, but no species has a premium on being best adapted to its surroundings. Relinquishing our paleofantasy also helps us feel more connected to other organisms;" S. 270

"Giving up the paleofantesies lets us appreciate that all environments, old and new, leave their mark. As with baby's foot altered by shoes in modern times and by barefoot walking in ancient times, or the different microbes that flourish in our guts depending on our diets, whatever we choose has consequences, and choices have to be made. We do not have genes plunked wholesale into one environment or another, wether Paleolitic, medieval, odr industrial; we have genes that respond to that environment and to each other." S. 270

Paleofantasy: What Evolution Really Tells Us about Sex, Diet, and How We Live; Marlene Zuk; Norton & Company; 2013

Buchtipp: Paleofantasy

We evolved to eat berries rather than bagels, to live in mud huts rather than condos, to sprint barefoot rather than play football - or did we? Are our bodies and brains truly at odds with modern life? Although it may seem as though we have barely had time to shed our hunter-gatherer legacy, biologist Marlene Zuk reveals that the story is not so simple. Popular theories about how our ancestors lived - and why we should emulate them - are often based on speculation, not scientific evidence. Armed with a razor-sharp wit and brilliant, eye-opening research, Zuk takes us to the cutting edge of biology to show that evolution can work much faster than was previously realized, meaning that we are not biologically the same as our caveman ancestors. Our nostalgic visions of an ideal evolutionary past in which we ate, lived, and reproduced as we were "meant to" fail to recognize that we were never perfectly suited to our environment. Evolution is about change, and every organism is full of trade-offs. From debunking the cavman diet to unraveling gender stereotypes, Zuk delivers an engrossing analysis of widespread paleofantasies and the scientific evidence that undermines them, all the while broadening our understanding of our origins and what they can really tell us about our present and our future. © Bild und Text Norton & Company. Paleofantasy: What Evolution Really Tells Us about Sex, Diet, and How We Live; Marlene Zuk; Norton & Company; 2013

The Paleo Diet Delusion: Paleofantasy's Marlene Zuk on Dietary Myths

Paleofantasy - Lecture by Marlene Zuk, Professor of Ecology, Evolution and Behavior, University of Minnesota


Proteine

"Ein Problem ergibt sich erst, wenn man Paleo so versteht, dass es vor allem darauf ankommt, möglichst viele gegrillte Steaks zu schlemmen - Fleisch habe schließlich einen Großteil der Ernährung des Steinzeitmenschen ausgemacht. Erstens werden wir nie genau wissen, wie viel Fleisch unsere Vorfahren vor einer Million Jahren wirklich verzehrt haben. Was aber noch viel wichtiger ist: Was der durchschnittliche Steinzeitmensch verspeist hat, muss nicht unbedingt mit einer Ernährungsweise übereinstimmen, die ein langes Leben begünstigt, weil dies ja gar nicht das primäre 'Ziel' der Evolution ist. Die Natur verfolgt in dieser Hinsicht ein ganz anderes Interesse als wir. Der Evolution geht es nicht darum, dass eine Fruchtfliege oder Ratte gesund alt wird. Es ist ihr egal, ob ein Mensch seinen 80. Geburtstag feiern - und dann noch eine letzte Runde Tennis mit seinen Enkeln spielen - kann. Es geht ihr vielmehr darum, dass wir unsere Gene weitergeben, was wir in den meisten Fällen vor unserem 80. Geburtstag längst erledigt haben." Der Ernährungskompass - Das Fazit aller wissenschaftlichen Studien zum Thema Ernährung, Bas Kast, C. Bertelsmann, 2018, S. 53


Lesetipp: Der Mensch - Ein einzigartiges Wesen

Stamm: Chordatiere; Klasse: Säugetiere; Ordnung: Primaten; Familie: Menschenaffen; Gattung: Homo; Art: Homo sapiens - so lautet nach klassischer Systematik unsere Stellung im System der Natur. Als der schwedische Naturforscher Carl von Linné (1707-1778) in der 1758 erschienenen zehnten Auflage seiner »Systema Naturae« den Menschen in das Tierreich einsortierte, zielte er allerdings nicht auf eine biologische Verwandtschaft zu anderen Lebewesen auf Grund gemeinsamer Abstammung. Das blieb im 18. Jahrhundert noch undenkbar; erst Charles Darwin (1809-1882) sollte ein Jahrhundert später die Idee einer Sonderstellung des Menschen erschüttern. Dass sich die Spezies Homo sapiens aus Vorläuferarten entwickelte, gilt seit Darwins Zeiten als sicher. Warum allerdings von allen menschlichen Arten, die jemals auf Erden wandelten und heute zur Gruppe der Homininen zusammengefasst werden, nur eine überlebte, gehört zu den großen Rätseln der Paläoanthropologie. Der menschliche Erfolg bleibt unbestritten. Keine andere biologische Spezies hat den Planeten Erde in kürzester Zeit so stark geprägt; Geologen sprechen daher von der Epoche des Anthropozäns, dem Zeitalter des Menschen. Die damit verbundene Umweltzerstörung und Klimaveränderung bedrohen letztlich unsere eigene Existenz. Homo sapiens, der »weise Mensch«, entlarvt sich somit als doch nicht so weise. Andreas Jahn, Spektrum der Wissenschaft. © Bild und Text Spektrum D. Wissenschaft. Der Mensch - Ein einzigartiges Wesen, Spektrum Spezial, Spektrum D. Wissenschaft, 2019

Lesetipp: Revolution in der Steinzeit

In der Ära vor 40 000 Jahren, der letzten großen Etappe der Altsteinzeit, vollzieht sich in einigen Höhlen auf der Schwäbischen Alb eine Revolution: Wildbeuter, die dort der Kälte trotzen, erschaffen aus Mammutelfenbein filigrane Tierskulpturen, eine expressive Frauenfigur. Es sind die ersten gegenständlichen Kunstwerke der Menschheit, die wir kennen. Mehr noch: Sie künden von einer beispiellosen kreativen Explosion. Denn zuvor war das Dasein der Menschen über Jahrhunderttausende allein auf ihr Überleben ausgerichtet gewesen. Sie streiften mit Speeren und Werkzeugen aus Stein durch eine raue Welt und waren den Naturgewalten ausgesetzt. Doch allmählich entwickelten sie Vorstellungen, die über ihre Umwelt hinausgingen und auch über das Ende des menschlichen Daseins - davon zeugen Bestattungen und Totenrituale. Und sie erschufen Dinge, die keinem praktischen Zweck dienten, sondern Ausdruck eines neuen Bewusstseins waren: Schmuck, Figuren, Musikinstrumente, in Stein geritzte Gravuren, Felsmalereien. GEO EPOCHE erzählt davon, wie der Mensch die Kultur entdeckte - und begann, sich die Welt untertan zu machen. Denn er nutzte seine Schöpfungskraft, um immer bessere Steingeräte und Waffen zu entwickeln und schließlich Techniken zu erfinden, die ihn unabhängig vom Jagd- und Sammelglück machten: Ackerbau und Viehzucht. Aus umherziehenden Gruppen wurden sesshafte Gemeinschaften; Häuser, Dörfer, Städte und gewaltige Großsteinbauten entstanden. Der Mensch erfand das Rad und ersann womöglich erste Schriftzeichen. © Bild und Text GEO. GEO EPOCHE Ausgabe NR. 96 - 10. April 2019 - Revolution in der Steinzeit

Lesetipp: Die Ursprünge der Menschheit

In letzter Zeit geht es in der Paläoanthropologie höchst erfrischend zu. Alle Augenblicke müssen die Forscher lieb gewordene Ansichten begraben, wenn wieder einmal eine Sensationsmeldung ein etabliertes Weltbild auf den Kopf stellt wie z. B. beim Fund des Homo naledi. Der neue Fund bestärkt eine wichtige Einsicht, die sich schon Ende des letzten Jahrhunderts anbahnte: Die Homininen gaben zu allen Zeiten ein viel bunteres Bild ab, als die Fachleute noch vor 50 Jahren glaubten. Der Stammbaum unserer Vorfahren und ihrer Verwandtschaft muss recht verästelt gewesen sein. Für eine Menge frischen Wind sorgt auch die Paläogenetik. Sie beleuchtet unsere jüngere Vergangenheit: So scheinen einzelne Neandertalergene dem schon "fertigen" modernen Menschen das Leben außerhalb Afrikas erleichtert zu haben. © Bild und Text Spektrum der Wissenschaft. Die Ursprünge der Menschheit - Spektrum der Wissenschaft Spezial Biologie - Medizin - Hirnforschung 4/2015

Lesetipp: Die Geburt der Zivilisation

Vor rund 100.000 Jahren begann das faszinierendste Kapitel in der Geschichte des Homo sapiens: Aus urzeitlich lebenden Jägern und Sammlern, die in kleinen Gruppen umherstreiften, entstand der moderne Mensch, der sich nach und nach von der Natur emanzipierte und die Kultur schuf - das Fundament der Zivilisation. Er begann seine Toten zu beerdigen, erfand die Kunst, wurde sesshaft. Er lernte Tiere und Pflanzen zu züchten, gründete Dörfer, Städte und Staaten und entwickelte mit der Schrift ein geniales System, um seine Gedanken dauerhaft festzuhalten. Das alles versetzte ihn schließlich in die Lage, um 3.300 v. Chr. die ersten Hochkulturen der Geschichte zu begründen. Die neue Ausgabe von GEOkompakt zeichnet die wichtigsten Abschnitte dieses langen Weges nach, erklärt, weshalb archaisch anmutende Rituale die ersten vielschichtigen Gemeinwesen ermöglichten, wie der Mensch seine Kreativität entdeckte, warum neue Materialien wie Kupfer und Bronze den technischen Fortschritt beschleunigten, wieso sich die Gesellschaft in Arm und Reich aufspaltete - und schließlich auch, warum manche hoch entwickelte Kultur nach kurzer Blüte wieder unterging. © Bild und Text GEOkompakt. GEOkompakt Nr. 37 - 12/2013 - Die Geburt der Zivilisation. Kommentar zum Heft bei michaelditsch.de

Lesetipp: Der kreative Mensch

Der kreative Mensch - Zwischen biologischer und kultureller Evolution - Spektrum der Wissenschaft Spezial Archäologie - Geschichte - Kultur 2/2013. Die Suche nach den Anfängen unserer Kreativität gehört zu den spannendsten Forschungsfeldern überhaupt. Den Paläoanthropologen und Paläoarchäologen gelingen auf diesem Gebiet aufregende Entdeckungen. Die Experten deuten ihre Funde nach akribischen Analysen unter Berücksichtigung des gesamten Wissensstands. Was macht den Menschen aus? Was hebt ihn von anderen Primaten ab? Dies zu verstehen, dazu verhelfen auch Einblicke in die Anfänge, als unsere Vorfahren begannen, sich die Welt in neuer Weise anzueignen, Technologien weiterzuentwickeln und sich schließlich künstlerisch auszudrücken. Das Spezial "Der kreative Mensch" nimmt Sie mit in unsere ferne Vergangenheit. Es führt Sie von den Anfängen des Homo sapiens und seinen ersten Kulturspuren bis hin zum Leben in der Eiszeit. © Text und Bild Spektrum.

Lesetipp: Wie der Mensch die Erde eroberte

Zu Urzeiten entwickelt sich ein Lebewesen in den Savannen Afrikas, das sich von allen anderen unterscheidet und das die Erde verändern wird, wie kein zweites: der Mensch. GEOkompakt erzählt die Geschichte des Menschen: von seiner Entstehung in Afrika über seine Ausbreitung in fast alle Winkel der Erde bis zu jener landwirtschaftlichen Revolution, die ihn sesshaft machte. GEOkompakt Nr. 24 - 09/10 - Wie der Mensch die Erde eroberte. © Text und Bild GEOkompakt

Mehr Informationen

Zeitmarken menschlicher Evolution

  • vor 3 bis 2 Millionen Jahren
    Aus einer Art der Gattung Australopithecus entwickelten sich die ersten Vertreter der Gattung Homo. Effiziente, durch effektive Werkzeugbenutzung unterstützte Allesfresser. Zielgerichteter Gebrauch des Feuers durch Homo erectus. Erfindung des Kochens vor ca. 1,9 Millionen Jahren.
  • vor 300.000 bis 200.000 Jahren
    Entwicklung des modernen Menschen - Homo sapiens.
  • vor 10.000 bis 8000 Jahren
    Neolithisierung (neolithische Revolution) und damit beginnende Jungsteinzeit mit tiefgreifenden Veränderungen in der Wirtschaftsweise. Hauptmerkmale sind domestizierte Tiere und Pflanzen sowie die durch den Ackerbau bedingte Sesshaftigkeit. Erste Versuche der Metallbearbeitung.
    (Quelle Wikipedia)

Menschliche Evolution - Genetik

"Beim Menschen besteht der mit Abstand größte Teil der genetischen Unterschiede nicht zwischen geographischen Populationen, sondern innerhalb solcher Gruppen. Die höchste genetische Vielfalt findet sich auch heute noch bei Menschen auf dem afrikanischen Kontinent. Dort liegen die Wurzeln und die meisten Verzweigungen im menschlichen Stammbaum. Auf einem dieser Äste fallen die Menschen Ostafrikas und alle Nicht-Afrikaner zusammen. Menschen außerhalb Afrikas sind somit näher verwandt mit Menschen aus Ostafrika, wie den Hadza, als diese mit Menschen aus Südafrika, z. B. mit den Khoisan. Aus stammesgeschichtlicher Sicht sind somit alle Menschen Afrikaner."

"Der anatomisch moderne Mensch entstand vor über 250.000 Jahren in Afrika, von dort verbreitete er sich in kleinen Gruppen von Menschen über die restliche Welt. Die Nicht-Afrikaner zweigten sich vor ca. 60.000 Jahren von den Menschen aus dem östlichen Afrika ab und besiedelten einen Großteil der Welt."

"Anstelle von definierbaren Grenzen verlaufen zwischen menschlichen Gruppen genetische Gradienten. Es gibt im menschlichen Genom unter den 3,2 Milliarden Basenpaaren keinen einzigen fixierten Unterschied, der zum Beispiel Afrikaner von Nicht-Afrikanern trennt."

"Allein die Hautfarbe hat sich im Lauf der Migrationen des Menschen immer wieder verändert und ist dunkler und heller geworden je nach lokaler Sonneneinstrahlung oder Ernährungsweise. So waren die Menschen Mitteleuropas bis vor 8000 Jahren noch stark pigmentiert und erst mit Beginn der Landwirtschaft wanderten Menschen mit hellerer Hautfarbe aus Anatolien ein. Die stark pflanzenbasierte Kost der frühen Ackerbauern bevorzugte Individuen mit hellerer Haut, um im dunklen Winter Europas genügend Vitamin D in der Haut zu produzieren. Die helle Hautfarbe der Menschen im nördlichen Europa ist jünger als 5000 Jahre."

Quelle: Jenaer Erklärung
Anlässlich der 112. Jahrestagung der Deutschen Zoologischen Gesellschaft in Jena
Institut für Zoologie und Evolutionsforschung der Friedrich-Schiller-Universität Jena
September 2019
www.uni-jena.de/190910_JenaerErklaerung.html