Achtsamkeit - Shen 神

Bewusst im gegenwärtigen Augenblick

Die Praxis der Achtsamkeit hat ihren Ursprung in traditionellen, östlichen wie auch westlichen, spirituellen Wegen. Bekannt sind z.B. Meditationsübungen von Schulen des indischen Buddhismus. Zunehmend werden Methoden der Achtsamkeit von westlichen Pädagogen und Therapeuten zur Stressbewältigung eingesetzt.

"Im Grunde ist Achtsamkeit ein ziemlich einfaches Konzept. Seine Kraft liegt in der praktischen Umsetzung und Anwendung. Achtsamkeit beinhaltet, auf eine bestimmte Weise aufmerksam zu sein: bewußt, im gegenwärtigen Augenblick und ohne zu urteilen." Kabat-Zinn, Im Alltag Ruhe finden, Seite 18

Auch in den chinesischen inneren Künsten ist Achtsamkeit eine wichtige Grundlage. Der Begriff "shen 神" hat, wie die meisten chinesischen Begriffe, mehrere Bedeutungen, die sich erst im jeweiligen Zusammenhang zuordnen lassen. In der chinesischen Medizin gehört shen 神 zu den "Drei Schätzen":  Qi 氣, Jing 精 und Shen 神. Shen 神 wird meist mit Geist übersetzt, meint aber die Gesamtheit aller emotioneller, mentaler und spiritueller Aspekte des Menschen. Dabei ist zu beachten, dass im Verständnis der chinesischen Medizin eine Trennung von Körper und Geist nicht existiert. Der Aspekt der Achtsamkeit von shen 神 zeigt uns, was "ist" und was "da" ist, also unser "Da-Sein" im gegenwärtigen Augenblick.

"Die Bewusstseinsqualtäten von shen 神 sind u.a. Bewusstheit, Achtsamkeit und Konzentration. Die innere wie äußere Präsenz der Persönlichkeit ist Ausdruck von shen 神. Wie und mit welcher inneren Kraft und Gegenwärtigkeit (Präsens) sich jemand in der Welt bewegt, zeigt die Qualität von shen 神 an. Die Fähigkeit, mein Bewusstsein und meine Aufmerksamkeit auf etwas zu lenken, wurzelt in shen 神. Dazu gehören z.B. der Blick, die Klarheit, die aufrechte innere wie äußere Haltung, das Gesammeltsein." Klaus-Dieter Platsch, Psychosomatik in der Chinesischen Medizin, Seite 13

In den grundlegenden Übungen der inneren chinesischen Gesundheits- und Kampfkunstsysteme (z.B. Qigong und Taijiquan) wird sehr viel Wert auf die Entwicklung der Achtsamkeit gelegt. Über Körperübungen und Körperwahrnehmung erfolgt eine umfassende Schulung des Bewusstseins, welche letztendlich, über Einbeziehung der Sinne, Gedanken und Gefühle, den Mensch als Ganzes erfasst.

Angestrebt wird die Entwicklung einer "Haltung des inneren Beobachtens", welche, im gegenwärtigen Augenblick, ohne Bewertung, ohne Ausagieren und Reaktion, einfach nur wahrnimmt und akzeptiert, was an inneren Prozessen bewusst wird.

Durch die Übung der Achtsamkeit können automatisierte Handlungs- und Haltungsmuster vermieden werden. Stattdessen entsteht im gegenwärtigen Sein ein innerer Raum der Stille und Gelassenheit.

Buchtipp

Wann haben Sie das letzte Mal etwas ganz bewusst getan? Sich beim Essen völlig auf den Geschmack der Speisen konzentriert, den Duft, das Gefühl, wenn das Mahl auf der Zunge zergeht? In unserem schnellen, hektischen Alltag gehen solche Erfahrungen allzu oft unter - statt im Augenblick zu leben, sind wir mit unseren Gedanken meistens ganz woanders. Die gute Nachricht ist: Achtsam zu sein und sich stärker auf die Geschehnisse im Hier und Jetzt zu fokussieren, Gefühle wahrzunehmen und auch wieder ziehen zu lassen, kann man lernen. Klingt nach Esoterik? Weit gefehlt! Zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen deuten inzwischen darauf hin, dass Achtsamkeitstraining tatsächlich Stress zu lindern vermag und etwa gegen Depression ähnlich gut wirkt wie Medikamente. Mit ergänzenden Meditationstechniken lässt sich sogar unsere Empathiefähigkeit verbessern, indem wir lernen, uns in andere einzufühlen, ohne uns von ihrem Leid erdrücken zu lassen. © Bild und Text Spektrum Kompakt. Achtsamkeit und Empathie - Die Wissenschaft der Wertschätzung, Spektrum der Wissenschaft Kompakt, 01/2017

Buchtipp

Immer mehr Menschen möchten Meditation und Achtsamkeit als einen zentralen Bestandteil in ihr Lebens integrieren. Wie das familiäre und soziale Beziehungen beeinflussen kann, dokumentieren hier eindrucksvoll Britta Hölzel und Christine Brähler. Die Hirnforscherin und die Psychotherapeutin geben einen fundierten Überblick darüber, wie Achtsamkeit in vielen wichtigen Lebensbereichen umgesetzt werden kann. Wer selbst mehr Achtsamkeit in sein Leben bringt – etwa im Umgang mit Kollegen, Klienten, Kindern, Partnern und Freunden – verändert auch die Gesellschaft im Ganzen. Das Grundlagenwerk vereint einige der wichtigsten deutschsprachigen Achtsamkeitsautoren. Die Autoren: Dr. Britta Hölzel, Dr. Christine Brähler, Prof. Dr. Stefan Schmidt, Dr. Tim Gard, Dr. Thorsten Barnhofer, Dr. Gisela Full, Dr. Clarissa Schwarz, Lienhard Valentin, Vera Kaltwasser, Nicole Stern, Dr. med. Eckard Krüger, Michaela Doepke. © O.W. Barth. Achtsamkeit mitten im Leben - Anwendungsgebiete und wissenschaftliche Perspektiven, Britta Hözel & Christine Brähler (Hrsg.), O.W. Barth, 2015

Buchtipp

Der achtsame Weg durch die Depression
Mark Williams (Autor), John Teasdale (Autor), Zindel V. Segal (Autor), Jon Kabat-Zinn (Autor), Heike Born (Sprecher), Ute Weber (Übersetzer), Bettina Wehner (Übersetzer)
Arbor-Verlag
ISBN-10: 3936855803
ISBN-13: 978-3936855807

Buchtipp

Achtsamkeit und Akzeptanz in der Psychotherapie
Ein Handbuch
Thomas Heidenreich (Herausgeber), Johannes Michalak (Herausgeber)
Dgvt-Verlag; Auflage: 3., überarbeitetete und erweiterte Auflage. (Juni 2009)
ISBN-10: 3871590908
ISBN-13: 978-3871590900