Big Five

Sich selbst und andere erkennen

"Allen Menschen ist zuteil, sich selbst zu erkennen und verständig zu denken." schreibt Herakleitos (DK 22 B 116) und auch der Spruch "Gnothi seauton" (Erkenne dich selbst) auf der Säule der Vorhalle des Apollontempels in Delphi erinnert an die menschliche Fähigkeit zur Selbsterkenntnis. Seit der Mensch Wissenschaft betreibt, messen und einteilen kann, wird auch versucht, menschliche Eigenschaften zu beschreiben.

"So unterschiedlich wir sind. Jeder ist ein Unikat. Doch das Gewimmel der Merkmale ist nicht so regellos, wie es scheint. Die Vielfalt hat ein Gerüst, einen verborgenenen Ordnungsrahmen. Inspiziert und vergleicht man die persönlichen Eigenarten vieler tausend Individuen einer Bevölkerung, so stößt man auf Muster." Saum-Aldehoff, 2007, S. 9

Allerdings hatten die meisten Persönlichkeitsmodelle den Nachteil, dass sie auf subjektiven Annahmen und eingeschränkten Blickwinkeln beruhten. Die amerikanischen Psychologen Gordon Willard Allport und Harold Odbert entwickelten daher in den 1930er Jahren einen lexikalischen Ansatz zur Persönlichkeitsbeschreibung. "In unserer Sprache bündeln wir Eigenschaften zu Traits, zu großen Grundzügen der Persönlichkeit. In der Sprache selbst steckt also ein Persönlichkeitsschema - eine implizite Theorie der Persönlichkeit." Saum-Aldehoff, 2007, S. 38

Aus diesem Ansatz heraus entstanden im weiteren Verlauf der Forschung die fünf grundlegenden Persönlichkeitseigenschaften (Big Five), welche bis heute welweit als plausibles Modell anerkannt sind: Extraversion, Neurotizismus, Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit und Offenheit für neue Erfahrungen.

Die Big Five basieren auf nachprüfbaren wissenschaftlichen Kriterien und durchgeführte Test erfüllen die Forderungen nach Objektivität (verschiedene Anwender erhalten dieselben Ergebnisse), Reliabilität (Zuverlässigkeit der Ergebnisse) und Validität (Gültigkeit des Verfahrens).

Natürlich sind die Big Five in der Persönlichkeitspsychologie nicht unumstritten und werden daher auch kritisch diskutiert. Bessere Modelle sind zur Zeit allerdings nicht in Sicht. "Persönlichkeit ist ein kompliziertes Geflecht von Wechselwirkungen. Bei allen Unzulänglichkeiten liefern die Analogien der Sprache, die sich im Big-Five-Modell spiegeln, noch immer die prägnanteste und umfassendste Beschreibung dessen, was uns als Menschen seelisch unterscheidet." Saum-Aldehoff, 2007, S. 44

Die Big Five stellen ein Kontinuum zwischen Eigenschaftspolen dar und sind daher eher als Achsen zu verstehen. Ein individuelles Persönlichkeitsprofil ergibt sich erst durch die Verknüpfung der Grundeigenschaften und ihrer Unterskalen (Jeweils sechs Facetten. Siehe Tabelle unten). Das eigene Persönlichkeitsprofil kann durch einen Test (Link siehe unten) ermittelt werden.

Das Big Five Persönlichkeitsprofil bleibt über die ganze Lebenspanne erstaunlich stabil und daher ist eine genetische Komponente zu vermuten. "Aber die Befunde belegen, dass jeder Mensch von Geburt an ein relativ beständiges persönliches Naturell als Mitgift erhält, dass Persönlichkeit also nicht allein ein Produkt der Erziehung oder der 'Verhältnisse' ist, sondern auf einem biologischen Fundament aufbaut." Saum-Aldehoff, 2007, S. 176

Selbst traumatische Erfahrungen, psychologische Therapien oder kognitive Verfahren können das persönliche Profil kaum beeinflussen. "Doch dramatische Wandlungen sind rar. Seelische Neugeburten finden nicht statt. Keiner wird per Willensakt ein anderer Mensch." Saum-Aldehoff, 2007, S. 183

Selbsterkenntnis über die eigene Persönlichkeit erleichtert uns die Gestaltung unserer individuellen Lebenswirklichkeit. "Die Gene indes sind mächtige Steuerleute in diesem Prozess der Selbstfindung. Individuen formen die Umwelt, in der sie leben. Und die Art, wie sie diese Umwelt gestalten, hängt entscheidend von ihrem natürlichen Temperament ab. Die Verhaltensgenetikerin Sandra Scarr nennt das niche picking. So wie sich ein Biber seine Lebensnische schafft, indem er einen Fluss aufstaut, richten wir Menschen uns in Nischen ein, die zu unseren Neigungen, unserer Persönlichkeit passen - und damit eben letztlich auch zu unseren genetischen Anlagen." Saum-Aldehoff, 2007, S. 185

Big FiveFacetten
Extraversion bzw. IntroversionHerzlichkeit, Geselligkeit, Durchsetzungsfähigkeit, Aktivität, Erlebnishunger, Glückserleben
NeurotizismusÄngstlichkeit, Reizbarkeit, Depression, Soziale Befangenheit, Impulsivität, Verletztlichkeit
VerträglichkeitVertrauen, Freimütigkeit, Altruismus, Entgegenkommen, Bescheidenheit, Gutherzigkeit
GewissenhaftigkeitKompetenz, Ordnungsliebe, Pflichtbewusstsein, Leistungsstreben, Selbstdisziplin, Besonnenheit
Offenheit für NeuesOffenheit für Fantasie, Offenheit für Ästhetik, Offenheit für Gefühle, Offenheit für Handlungen, Offenheit für Ideen, Offenheit des Normen- und Wertesystems

Buchtipp

Es gibt Menschen, die mit beneidenswerter Gelöstheit auf wildfremde Personen zugehen, andere stehen auf Partys linkisch am Rand. Während manche das Leben unbeschwert nehmen, grübeln andere über die Kränkungen und Missgeschicke des Tages nach. Was unterscheidet uns voneinander und warum verhalten wir uns so, wie wir es tun? Seit den Anfängen der Psychologie suchen Forscher nach den Grundachsen der Persönlichkeit, aber erst in jüngster Zeit hat sich ein Konzept durchgesetzt: das Fünf-Faktoren-Modell, die "Big Five". Wie sich diese fünf Grundzüge der Persönlichkeit im Alltag bemerkbar machen und wie sie sich im Laufe des Lebens verändern - davon erzählt dieses Buch. © Bild und Text Patmos. Big Five - Sich selbst und andere erkennen, Thomas Saum-Aldehoff, Patmos, 2007

Buchtipp

Die eigenen Potentiale erkennen und wirksam entfalten - Die Persönlichkeit eines Menschen ist so einzigartig wie sein Fingerabdruck. Einmal gefestigte charakterliche Eigenschaften scheinen nahezu unveränderlich - doch ist dies wirklich so? Muss der Zauderer zögerlich bleiben, der Mutige furchtlos? Der britische Psychologe und Anthropologe Daniel Nettle nimmt uns mit auf eine erstaunliche Reise in die Welt der Evolutionspsychologie: Anhand der "Big Five", fünf charakterlicher Grundtypen, erläutert er, wie jeder von uns sich seiner Stärken und Schwächen bewusst werden kann und wie es gelingt, die eigenen Potentiale wirksam und positiv zu entfalten. © Bild und Text Anaconda. Persönlichkeit - Warum du bist, wie du bist, Daniel Nettle, Anaconda, 2012

Buchtipp

Wer sind wir – und warum sind wir so, wie wir sind? Gehen wir gern unter Leute oder bleiben wir lieber allein? Sorgen wir uns häufig oder ruhen wir in uns? Machen uns Schicksalsschläge am Ende wirklich stark? Und: Kommen wir mit einem unveränderlichen Charakter auf die Welt? Jule Specht beschreibt die Entstehung und Entwicklung unserer Persönlichkeit über die gesamte Lebensspanne hinweg: In welchen Eigenschaften wir uns voneinander unterscheiden, wie wir uns im Laufe des Lebens verändern und wodurch, was uns prägt, und ob und wie wir selbst Einfluss auf unsere Persönlichkeit und unseren Charakter nehmen können. So entsteht ein ebenso lehrreiches wie unterhaltsames Buch für alle Menschen, die sich fragen, wer sie sind, wie es dazu kam, und wer sie sein werden. © Bild und Text Rowohlt. Charakterfrage - Wer wir sind und wie wir uns verändern, Jule Specht, Rowohlt, 2018

Extraversion - Introversion

Extraversion bzw. Introversion sind die bekanntesten und am gründlichsten erforschten Persönlichkeitsdimensionen der Big Five.
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