Embodiment

Die Wechselwirkung von Körper und Psyche

"Embodiment ist ein Anglizismus, für den es keinen geeigneten deutschen Fachbegriff gibt. 'Inkarnation' ist als Terminus bereits permanent an die Theologie vergeben. 'Verkörperung' oder 'Körperlichkeit' sind zu unspezifisch klingende Begriffe, obwohl sie den Kern dessen gut träfen, was die Kognitionswissenschaft mit 'embodied cognition' meint: die Auffassung, dass ohne Bezug auf den Körper psychische und kognitive Konstrukte unzureichend spezifiziert sind. Wir wollen mit Embodiment ausdrücken, dass Psychologie im Bewusstsein betrieben werden sollte, dass die Psyche immer in einen Körper eingebettet ist. Erst vor diesem Hintergrund wird nach unserer Überzeugung eine vollständige Theorie der Psychologie möglich. Embodiment betrifft ein Grundlagenproblem von Philosophie, Psychologie und Kognitionswissenschaften insgesamt: das Leib-Seele-Problem. Die Frage, wie man den Zusammenhang zwischen 'Leib' (also Körper, Materie, Gehirn) und 'Seele' (also Kognition, Psyche, Denken) verstehen soll, ist ein fundamentales philosophisches Problem, das sich durch die gesamte Geschichte der Philosophie hindurchzieht." Tschacher, W. & Storch, M. (2010). Embodiment und Körperpsychotherapie. In A. Künzler , C. Böttcher, R. Hartmann & M.-H. Nussbaum (Hrsg.), Körperzentrierte Psychotherapie im Dialog (S. 163). Heidelberg: Springer

Different emotions are associated with discernible patterns of bodily sensations. Bodily topography of basic (Upper) and nonbasic (Lower) emotions associated with words. The body maps show regions whose activation increased (warm colors) or decreased (cool colors) when feeling each emotion. (P < 0.05 FDR corrected; t > 1.94). The colorbar indicates the t-statistic range. © Bodily maps of emotions; Proceedings of The National Academy of Sciences of The United States of America (PNAS); January 14, 2014; vol. 111; no. 2; 651

Verkörperte Selbstwahrnehmung

In seinem hervorragenden Buch "Selbstwahrnehmung und Embodiment in der Körperpsychotherapie" beschreibt der Entwicklungspsychologe und Körpertherapeut Alan Fogel den Menschen als komplexes dynamisches System. Alan Fogel lehnt die modulare Betrachtung des Menschen ab (Baukastenprinzip) und zeigt stattdessen in seinem Buch wie die Vernetzung des Körpers funktioniert.

"Es ist sinnvoller, sich den Körper als einen Prozess vorzustellen und nicht als ein Gebilde von Zellen und Organen. Zellen sind immer lebendig und verändern sich. Flüssigkeiten und elektrische Impulse bewegen sich immer in ihrem Inneren und zwischen den Zellen. Der Körper als Ganzes ist niemals in Ruhe mit seiner Atmung, seinem Herzschlag und anderen organischen Bewegungen: Wir sind Komplexität und Strom." S. 38

"Im Gehirn und im Körper braucht es eine ganze Gemeinschaft von gleichzeitig aktivierten Regionen und Zellen, um eine arbeitende Körperfunktion zu erschaffen. Man könnte sagen, dass die Atmung in der Lunge 'lokalisiert' ist. Das ist aber keineswegs der Fall. Die Atmung umfasst Brustmuskeln und das Diaphragma, das autonome Nervensystem und das Nervensystem der der Skelettmuskeln, das Blut, das Herz und das Gehirn. Entfernen Sie irgendeines von diesen Teilen aus dem Kreislauf, und Sie werden keine Atmung mehr haben, die Leben aufrechterhalten kann." S. 38

"Verkörperte Selbstwahrnehmung: Die Fähigkeit, uns selbst Aufmerksamkeit zu schenken, unsere Empfindungen, Emotionen und Bewegungen im gegenwärtigen Augenblick ohne den vermittelnden Einfluss von Beurteilungen zu fühlen. Sie setzt sich zusammen aus Empfindungen (wie warm, kribbelig, weich, angeekelt, schwindlig), Emotionen (wie glücklich, traurig, bedroht) und Körperempfindungen (wie dem Fühlen von Koordination oder dem Fehlen von Koordination zwischen den Armen und Beinen beim Schwimmen oder dem Spüren unserer Form und Größe [dick oder dünn] und dem Spüren unserer Position in Bezug zu Objekten oder anderen Menschen)." S. 300

Alan Fogel erwähnt auch, dass viele westliche Körper- und Atemtherapeuten des 19. Jahrhunderts von asiatischen Lehren beeinflusst wurden. Durch den Leib-Seele-Dualismus und eine gewisse Leibfeindlichkeit in der westlich-christlichen Kultur konnte sich, meiner Meinung nach, die Vorstellung der Einheit von Körper und Geist, wie in den asiatischen Traditionen, nicht entwickeln.

Selbstwahrnehmung und Embodiment in der Körperpsychotherapie, Alan Fogel, Schattauer Verlag, 2013

Buchtipp: Selbstwahrnehmung und Embodiment in der Körperpsychotherapie

Die Wiederentdeckung des Körpergefühls - Ein gutes und realistisches Körpergefühl ist essenziell für unser Wohlbefinden. In der Anpassung an wechselnde Lebensphasen und -wirklichkeiten kann es uns jedoch vorübergehend oder dauerhaft verlorengehen – oft mit der Folge schmerzhafter Verdrängung. Dieses innovative und interdisziplinäre Werk macht den Weg frei für die verkörperte Selbstwahrnehmung in Gestalt von Bewegungen, Empfindungen und Emotionen. Alan Fogels Buch verbindet die komplizierte, technische Welt der psychologischen und biomedizinischen Forschung mit der gelebten Welt menschlicher Entwicklung und Erfahrung. Es erläutert psychophysiologische Grundprinzipien für die Überwindung krankmachender oder traumatischer Belastungen. © Bild und Text Schattauer. Selbstwahrnehmung und Embodiment in der Körperpsychotherapie - Vom Körpergefühl zur Kognition, Alan Fogel, Schattauer Verlag, 2013

Wechselwirkung Körper u. Psyche

Darstellung Wechselwirkung Körper u. Psyche mit Infrarot-Thermographie. Themen wie Depression, Aufgeben, Mutlosigkeit drücken sich in einer gekrümmten Körperhaltung und einseitiger, punktueller Wärmeverteilung aus (Bild oben). Durch bewußtes Aufrichten entsteht eine vollkommen andere Wärmeverteilung im Körper (Bild unten). Abbildungen aus: Embodiment - Die Wechselwirkung von Körper und Psyche verstehen und nutzen; Storch, Cantieni, Hüther, Tschacher; Verlag Hans Huber; 2006; ISBN 3-456-84323-2

Embodied Cognitive Science

"Gegen das 'Computermodell des Geistes' regte sich in den vergangenen Jahrzehnten jedoch zunehmend Widerspruch, und zwar in den eigenen Reihen. So betonen Vertreter der 'embodied cognitive science' ('verkörperlichte' Kognitionswissenschaft) eine Tatsache, die Hirnforscher vielleicht vergessen, wenn sie vornehmlich Probanden untersuchen, die bewegungslos im Tomografen liegen: Menschen sind Lebewesen mit einem Körper, der sich einen Großteil seines Daseins aktiv in der Welt bewegt und mit ihr interagiert. Für die Anhänger der 'Embodiment-These' ist Bewusstsein daher zwingend an einen handelnden Körper gebunden. Embodiment ist aber längst auch in den Lebenswissenschaften ein Begriff, etwa in der Psychologie, Psychiatrie, Psychotherapie und natürlich den Neurowissenschaften. Meist wird der Ausdruck gebraucht, wenn sich ein weitaus größerer Einfluss des Körpers auf den Geist offenbart als bislang angenommen. Und inzwischen müssen sich Hirnforscher die Frage gefallen lassen, ob sie das Bewusstsein bisher nicht am falschen Ort suchten." Wolf, Christian: Nur eine Kopfgeburt?, in: Das Rätsel Bewusstsein, Spektrum Kompakt Digitalausgabe, Erschienen am: 02.12.2019, S. 54-55, URL: https://www.spektrum.de/pdf/spektrum-kompakt-bewusstsein/1682388

Exkurs Künstliche Intelligenz

Mechanistische Modelle zur Beschreibung des Menschen basieren meist auf der Maschinenmetapher oder der Computermetapher (siehe Link unten). Der Mensch wird als komplexe Maschine oder als informationsverarbeitendes System gesehen. Aus dieser Betrachtung lässt sich natürlich ableiten, dass sich menschliche Fähigkeiten durch Maschinen oder Digitalrechner ersetzen lassen. Mit Verfahren der sogenannten "Künstlichen Intelligenz (KI)" soll menschliches Wissen und Denken nachgebildet werden. Allerdings sind bisher im Bereich der KI-Entwicklung keine wirklichen Erfolge erzielt worden. Selbst spektakuläre Meldungen, wie z.B. die Siege beim Strategiespiel Go durch das KI-Programm AlphaGo, sollten nicht darüber hinwegtäuschen, dass diese Ergebnisse nur in einem beschränkten Anwendungsbereich, und nur durch massive Rechenleistung und die Analyse riesiger Datenmengen möglich sind. Mit menschlicher Intelligenz hat das nichts zu tun. Ein Grund könnte sein, dass das menschliche Gehirn eben nicht wie ein Digitalrechner funktioniert.

"Auch beim Wissen bestehen große Unterschiede zwischen KI und Menschen. Durch den Zugriff auf enorme Datenmengen könnte man hier eine Überlegenheit der KI vermuten. Allerdings sind Daten und Information nicht mit Wissen zu verwechseln. So ist ein großer Teil unseres menschlichen Wissens mit körperlichen Erfahrungen verbunden. Zwar weiß wohl jeder, was das Wort 'Liebe' ungefähr bedeutet, aber dieses abstrakte Konzept bliebe unvollständig, wenn Sie sich nicht auch an das Gefühl im Bauch erinnerten, als Sie zum ersten Mal verliebt waren. Die Kognitionspsychologie weiß seit langem, dass solche körperlichen Erfahrungen wichtig sind, um zuverlässiges Wissen zu erlangen. Über unseren Körper ist eine Rückkopplung mit der Umwelt möglich und können wir unsere Hypothesen über die Welt prüfen." (Knauff, 2020)

"Die wirklich grandiosen Versprechungen über künstliche Intelligenz werden aber wahrscheinlich wieder einmal auf ebenso grandiose Weise scheitern. Denn: Intelligenz ohne Körper, ohne eigene Erfahrungen mit der Umwelt ist kaum möglich. Und Intelligenz ohne echtes Wissen über die Welt, ohne die Möglichkeit, etwas als wahr oder falsch, als Ursache oder Wirkung zu erkennen, ist kaum vorstellbar. Der nächste KI-Winter kommt bestimmt." (Knauff, 2020)

Knauff, Markus: Die Mär von der Superintelligenz - Künstliche Intelligenz kann sich weniger denn je mit menschlichem Denken messen, in: Psychologie Heute 4/2020 Digitalausgabe, Erschienen am: 11.03.2020, S. 36-40, URL: https://www.psychologie-heute.de/gesellschaft/40402-die-maer-von-der-superintelligenz.html

Nei San He - 內三合 - Die drei inneren Harmonien

In den klassischen Texten der chinesischen inneren Künste finden sich viele Beschreibungen für das Zusammenwirken und die Einheit von mentalen und körperlichen Prozessen. Die drei inneren Harmonien sind dafür ein gutes Beispiel.

內三合 – nèi sān hé
innere drei vereinigen/verbinden
心與意合 - xīn yù yì hé
Herz-Geist (-Bewusstsein) mit Vorstellungskraft/gerichtete Aufmerksamkeit vereinigen/verbinden
意與氣合 -  yì yù qì hé
Vorstellungskraft/gerichtete Aufmerksamkeit mit Qi vereinigen/verbinden
氣與力合 -  qì yù lì hé
Qi mit Körperkraft vereinigen/verbinden

"Xin yu yi he bedeutet daher, Willen, Gefühl, Verstand, Emotionen, kurz unser gesamtes mentales Innenleben, zur Einigkeit zu führen. Wir sind einsgerichtet. So können einhundert Prozent Geisteskraft und mentale Stärke entstehen. Innerhalb unserer Form bedeutet dies, dass unsere Gedanken und Emotionen zur Ruhe kommen. Das Leere eintritt. Aus dieser Leere, dem Wuji-Zustand, entsteht ein Bewusstsein, das vollends in der von ihm selbst initiierten Bewegung aufgeht. Im Ideal entsteht ein einsgerichtetes Bewusstsein, dass ohne Ablenkung konzentriert ist. Ein Bewusstsein, das nicht nur die Bewegung führt, sondern die Bewegung ist." Chen, Jan Silberstorff, Lotos, 2003, S. 77

Literatur

Buchtipp: Zuhause im eigenen Körper

Wer kennt das nicht? Eine ärgerliche Situation zuhause, und der Magen verkrampft sich, Stress im Job, und der Rücken beginnt zu schmerzen. Ein herzliches Lachen, und der Brustkorb wird ganz leicht und frei. Körperliches und seelisches Wohlbefinden hängen eng zusammen und bedingen sich gegenseitig. Wer den Kontakt zu seinem eigenen Körper verbessern und sich in seiner Haut wieder wohlfühlen möchte, findet hier eine Vielzahl praktischer Tipps und Übungen zur Körperwahrnehmung, z. B. zu den Bereichen Atmung, Körperhaltung, Regulation von Anspannung und Entspannung, Umgang mit Gefühlen, liebevolle Zuwendung zum eigenen Körper, chronischer Schmerz sowie Sexualität. Nützliche Hintergrundinformationen helfen außerdem, den eigenen Körper und seine Signale besser zu verstehen. © Bild und Text Beltz Verlag. Zuhause im eigenen Körper - Sich mit Freude spüren - Strategien für eine lebendige Körperwahrnehmung, Sabine Ecker, Beltz Verlag, 2015. Kommentar zum Buch bei michaelditsch.de

Buchtipp: Philosophie der Verkörperung

Beim Stichwort "Kognition" denken die meisten an das Gehirn, Computermodelle oder Informationsverarbeitung. In der realen Welt treffen wir aber immer nur auf Wesen mit Körpern, die in eine Umwelt eingebunden und in ihr aktiv sind. Kognition findet nicht im Kopf statt, sondern in der Welt. So lautet der Grundgedanke der Philosophie der Verkörperung. Die Hinwendung zu Körper und Umwelt stellt eine der vielleicht weitreichendsten Neuorientierungen der modernen Kognitionswissenschaft und Philosophie dar, die auch unser Verständnis von Wissenschaft und Kultur prägen wird. Der Band versammelt die Grundlagentexte zu diesem Thema zum ersten Mal in deutscher Sprache und bietet somit einen vorzüglichen Überblick über dieses neue Forschungsgebiet. © Bild und Text Suhrkamp Verlag. Philosophie der Verkörperung - Grundlagentexte zu einer aktuellen Debatte; Herausgegeben von Joerg Fingerhut, Rebekka Hufendiek und Markus Wild; Suhrkamp Verlag; 2013

Buchtipp: Warum Einstein niemals Socken trug

Wer spazieren geht, denkt kreativer. Wer einen Laborkittel überzieht, agiert aufmerksamer. Und wer hart sitzt, urteilt sachlicher. Wie wir denken, hängt von jeder Menge kleiner Details ab. Denn wir denken nicht mit dem Kopf allein – sondern mit dem ganzen Körper. Christian Ankowitsch, Erfolgsautor und Spezialist für die Prüfungen des Alltags, erklärt uns die Wechselwirkungen zwischen Körper und Gehirn, die wir sonst nicht wahrnehmen oder unterschätzen: Wer hätte beispielsweise vermutet, dass man etwas besser versteht, wenn man eine dazu passende Bewegung macht? Dass wir unsere Mitmenschen positiver beurteilen, sobald wir eine wärmende Tasse in den Händen halten? Und manche Probleme löst man, indem man nur Kleinigkeiten ändert: die Arme ausbreitet, die Faust ballt, die Hände wäscht. Unterhaltsam und lebensklug führt Christian Ankowitsch uns vor Augen, auf welch überraschende Weise Umgebung und Körpergefühl unser Denken beeinflussen – und verrät so verblüffende wie praktikable Tricks, wie wir dieses Zusammenspiel zu unserem Vorteil nutzen können. Ein unverzichtbares Buch für alle, die verstehen wollen, was wirklich vor sich geht, wenn wir denken, urteilen und handeln. © Bild und Text Rowohlt. Warum Einstein niemals Socken trug: Wie scheinbar Nebensächliches unser Denken beeinflusst, Christian Ankowitsch, Rowohlt, 2015