Entwicklungspsychologie

Veränderungen und Stabilitäten im Lebenslauf

Mensch werden - Eine Theorie der Ontogenese

"All diese empirischen und theoretischen Fortschritte haben die Möglichkeit einer evolutionär fundierten Theorie des ontogenetischen Prozesses erzeugt, der die einzigartig menschliche Psychologie hervorbringt. Hier habe ich eine solche Theorie vorgeschlagen. Mein Vorschlag lautet, dass die entscheidenden Neuheiten in der Evolution des Menschen alle auf die eine oder andere Weise Anpassungen an eine besonders kooperative, geradezu hyperkooperative Lebensform waren. Ich habe diese Anpassungen als Fertigkeiten und Motivationen geteilter Intentionalität charakterisiert, ..." Tomasello, Michael (2020): Mensch werden - Eine Theorie der Ontogenese, Berlin: Suhrkamp eBook, S. 423

Theorie der geteilten Intentionalität

"In zusammengefasster Form lautet die Theorie, dass die Ontogenese des Menschen ein konstruktiver Prozess ist, der Reifung, Erfahrung und exekutive Selbstregulation erfordert. Der Rahmen für die Reifung beginnt mit der allgemeinen kognitiven und sozialen Ontogenese von Menschenaffen, aber fügt dann auch evolutionär neue und spezifisch menschliche Fähigkeiten hinzu, die den Prozess umwandeln. Es gibt zwei Mengen spezifisch menschlicher Fähigkeiten.

Gemeinsame Intentionalität
Motivation: die Motivation, sich anderen Individuen (insbesondere Erwachsenen) sozial anzuschließen und Bindungen mit ihnen einzugehen, indem man mit ihnen psychische Zustände (Gefühle, Ziele, Aufmerksamkeit, Wissen) teilt und den ihren angleicht.
Kognition: die kognitive Fähigkeit, mit anderen Individuen einen gemeinsamen Akteur »wir« zu erzeugen, was die Möglichkeit der – unter anderem rekursiven (das heißt die Zwei-Ebenen-Struktur) – Übernahme der Perspektive von anderen schafft, und sich zu anderen zweitpersonal als Gleiche zu verhalten.

Kollektive Intentionalität
Motivation: die an der Gruppe orientierte Motivation, sich der sozialen Gruppe anzuschließen und für sie zu sorgen, indem man ihre Konventionen und Normen respektiert (das heißt unter dem Druck der Verpflichtung) und mit ihnen übereinstimmt (sich an ihnen ausrichtet).
Kognition: die kognitive Fähigkeit, ein an der Gruppe orientiertes »wir« zu bilden und dadurch an Konventionen, Normen und Institutionen teilzuhaben und Dinge aus »objektiven« und normativen Perspektiven zu sehen."

Tomasello, Michael (2020): Mensch werden - Eine Theorie der Ontogenese, Berlin: Suhrkamp eBook, S. 433-434

Buchtipp: Mensch werden

Fast alle Theorien darüber, wie der Mensch zu einer so einzigartigen Spezies geworden ist, konzentrieren sich auf die Evolution. Michael Tomasello legt mit seinem faszinierenden Buch eine komplementäre Theorie vor, die sich auf die kindliche Entwicklung konzentriert. Aufbauend auf den bahnbrechenden Ideen von Lev Vygotskij, erklärt sein empiriegesättigtes Modell, wie sich das, was uns menschlich macht, in den ersten Lebensjahren herausbildet. Tomasello bietet drei Jahrzehnte experimenteller Arbeit mit Schimpansen, Bonobos und Menschenkindern auf, um einen neuen theoretischen Rahmen für das psychologische Wachstum zwischen Geburt und siebtem Lebensjahr vorzuschlagen. Er identifiziert acht Merkmale, die den Menschen von seinen engsten Verwandten unterscheiden: soziale Kognition, Kommunikation, kulturelles Lernen, kooperatives Denken, Zusammenarbeit, Prosozialität, soziale Normen und moralische Identität. Auch Menschenaffen besitzen diesbezüglich rudimentäre Fähigkeiten. Aber erst die Anlage des Menschen zu geteilter Intentionalität verwandelt diese Fähigkeiten in die einzigartige menschliche Kognition und Sozialität. Mit seiner radikalen Neubewertung der Ontogenese zeigt Tomasello, wie die Biologie die Bedingungen schafft, unter denen die Kultur ihre Arbeit verrichtet. © Bild und Text Suhrkamp. Tomasello, Michael (2020): Mensch werden - Eine Theorie der Ontogenese, Berlin: Suhrkamp eBook. Kommentar zum Buch bei michaelditsch.de

Michael Tomasello - "Becoming Human: A Theory of Ontogeny"
Recorded on September 26, 2019 at the SAGE Center for the Study of the Mind, University of California, Santa Barbara

Literatur

Lesetipp: Die Kraft der Familie

Kaum etwas setzt derart intensive Emotionen in Menschen frei wie der Gedanke an die eigene Familie. Sie wird von manchen als große Last empfunden, von anderen als höchstes Glück. Nichts prägt uns stärker als unsere Herkunft - sei es über die Erbanlagen, sei es über die Erfahrungen,die wir im Umgang mit Vater und Mutter sammeln. In dieser Ausgabe befassen wir uns mit dem machtvollen Erbe der Eltern. Wir erklären, wieso Kinder oft deren Verhaltensweisen übernehmen, ohne aber Gefangene ihrer Sozialisation zu sein. Wir beschreiben, weshalb bestimmte Menschen von klein auf im Abseits stehen - und wie manche Geheimnisse noch Generationen später die Nachgeborenen belasten. Editorial S. 3. © Bild und Text GEO. Die Kraft der Familie - Wie sie uns prägt und unserem Leben Halt gibt. GEO kompakt Nr. 61/2019

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