Individuelle Realität

Bewußtsein, Wahrnehmung, Illusion und Realität

Wann haben Menschen wohl begonnen, ihre Wahrnehmung und die Realität an sich, in Frage zu stellen? Was hat sie dazu bewogen? War es der tägliche Wechsel von Tiefschlaf, Traum und Wachheit? Waren es Erfahrungen mit psychotropen Substanzen oder mit psychischen Störungen? Waren es die alltäglichen Phänomene der Sinnestäuschung, die Zweifel an der wahrgenommenen Realität entstehen ließen? Das "Viveka Chudamani", ein aus dem  8. Jahrhundert stammender Text, wird dem hinduistischen Philosophen Adi Shankara zugeschrieben. Darin enthalten ist eine bekannte Analogie des Advaita Vedanta (Link siehe unten), bei der ein Betrachter im Zwielicht der Dämmerung ein Seil für eine gefährliche Schlange hält. Shankara veranschaulicht mit diesem Beispiel die Unterscheidung zwischen Illusion und Realität. Auch Begriffe wie "Lila", das Spiel der Götter, oder "Maya", die Täuschung, aus den ostasiatischen, spirituell-philosophischen Traditionen zeigen, wie die Menschen versucht haben, Erklärungen für die Mehrdeutigkeit der weltlichen Erscheinungen zu finden. Die modernen Kognitions- und Neurowissenschaften findet immer mehr Belege dafür, dass die traditionellen Überlieferungen einen wahren Kern beinhalten: Unsere wahrgenommene Realität wird von uns selbst konstruiert.


Anil Seth - Prädiktive Codierung / Prädiktive Verarbeitung

Das Gehirn als Prognosemaschine

"Fortlaufend stellt unser Gehirn Vermutungen über die Welt da draußen an und gleicht Sinneseindrücke ab. Damit konstruiert es die Realität, die wir wahrnehmen, als eine Art kontrollierte Halluzination" (Seth, 2020, S. 19)

"Unser Geist schafft sich unsere Realität. Somit lebt jeder von uns in seiner eigenen Welt, die sich von derjenigen der Mitmenschen unterscheidet." (Seth, 2020, S. 19)

"Somit beruht unsere Wahrneh­mung mindestens so stark auf einem zur Peri­pherie gerich­teten Informationsfluss wie umgekehrt, wenn nicht noch stärker. Es handelt sich also nicht um ein pas­sives Aufneh­men einer äußeren, objektiven Realität, sondern um einen aktiven Konstruktionsprozess - eine kon­trollierte Hallu­zination." (Seth, 2020, S.22)

"Daraus folgt keineswegs, dass nichts real wäre. Der englische Philosoph John Locke (1632–1704) unterschied bereits im 17. Jahrhundert zwischen 'primären' und 'sekundären' Qualitäten. Die primären Qualitäten eines Objekts wie seine Festigkeit oder der Raum, den es ein­ nimmt, existieren unabhängig von demjenigen, der sie wahrnimmt. Sekundäre Qualitäten - wie etwa Farbe - gibt es dagegen nur durch den Betrachter. Daher bedeutet die Interpretation der Wahrnehmung als kontrollierte Halluzina­tion nicht, dass es klug wäre, vor einen Bus zu springen. Der Bus besitzt unabhängig von unserem Wahrnehmungs­apparat die primären Qualitäten der Festigkeit und räum­lichen Ausdehnung, die uns verletzen können. Die kontrol­lierte Halluzination ist also nicht der Bus als solcher, son­dern die Art, wie er uns erscheint." (Seth, 2020, S. 22)

"Unsere Wahrnehmungswelt besteht aus kon­trollierten Halluzinationen, mit denen das Gehirn Vermutun­gen über die letztlich unergründlichen Ursachen der senso­rischen Signale aufstellt. Und die meisten von uns erlebensolche kontrollierten Halluzinationen als real - allerdings nicht immer." (Seth, 2020, S. 24)

Seth, Anil K.: "Wahrnehmung - Unsere inneren Universen", in Spektrum der Wissenschaft 2.20, 2020, S. 18-24, URL: www.spektrum.de/news/unsere-inneren-universen/1696550 (Stand: 01.02.2020)


Vilaynur S. Ramachandran - Rätselhafte Phänomene unseres Bewusstseins

"Alle Erkenntnisse, die ich bei der Untersuchung von normalen Menschen und von Patienten mit Schädigungen verschiedener Teile ihres Gehirns gewonnen habe, legen eine beunruhigende Schlussfolgerung nahe: Wir konstruieren unsere eigene 'Wirklichkeit' aus bloßen Bruchstücken von Informationen; was wir 'sehen' ist eine verlässliche - aber nicht immer zutreffende - Wiedergabe dessen, was in der Welt ist; wir sind uns der überwältigenden Mehrheit der Ereignisse, die in unserem Gehirn vorgehen, nicht bewusst." (Ramachandran / Blakeslee, 2002, S.364)

"Die Mitteilung, dass Ihr Leben, all Ihre Hoffnungen, Triumphe und Bestrebungen nur auf die Aktivität von Neuronen in Ihrem Gehirn zurückgehen, klingt einigermaßen entmutigend. Tatsächlich bedeutet dieser Gedanke aber keine Abwertung menschlichen Tuns, sondern ist, denke ich, ganz im Gegenteil ein Adelsprädikat. Die Naturwissenschaften - Kosmologie, Evolutionstheorie und vor allem die Neurowissenschaften - teilen uns mit, dass wir keine Sonderstellung im Universum innehaben und dass unser Gefühl, wir hätten eine private, nichtstoffliche Seele, die die 'Welt beobachtet', in Wirklichkeit eine Illusion ist (wie es die mystischen Traditionen des Ostens, etwa der Hinduismus und der Zen-Buddhismus, schon lange lehren). Sobald Ihnen klar geworden ist, dass Sie keineswegs Zuschauer sind, sondern vielmehr Teil des ewigen Gezeitenstroms der kosmischen Ereignisse, wirkt diese Erkenntnis sehr befreiend. Letztlich verhilft sie Ihnen auch zu einer gewissen Demut - dem Kern jeder echten religiösen Erfahrung." (Ramachandran / Blakeslee, 2002, S.409)

Buchtipp: Die blinde Frau, die sehen kann

Vilaynur S. Ramachandran gehört neben Oliver Sacks zu den international führenden Neurowissenschaftlern. Seine aufregende Gehirnforschung betreibt er nicht mit einem High-Tech-Maschinenpark, sondern im ärztlichen Kontakt mit besonderen Menschen. Dabei benutzt er so simple Hilfsmittel wie Wattetupfer, Wassergläser und Billigspiegel. Statt nüchterner Fallbeispiele erzählt der Forscher voller Respekt die Lebensgeschichten von Persönlichkeiten, die aufgrund neurophysiologischer Veränderungen in einer anderen Welt leben. Wer die Bücher von Oliver Sacks genossen hat, wird auch die hier versammelten Geschichten, die in Zusammenarbeit mit der Wissenschaftsjournalistin Sandra Blakeslee entstanden sin, ergreifend und erschütternd finden, vielleicht auch gruselig, oft heiter, aber immer spannend und zum Nachdenken anregend. © Bild und Text Rowohlt. Ramachandran, Vilayanur S. / Blakeslee, Sandra (2002): Die blinde Frau, die sehen kann - Rätselhafte Phänomene unseres Bewusstseins, Hamburg: Rowohlt TB

Buchtipp: Die Frau, die Töne sehen konnte

Gibt es ihn, den "freien" Willen? Was ist das Selbst? Was ist Erinnerung? Was unser Bewusstsein? Wie entstehen Gefühle? Wie interagieren wir mit unserer Umwelt? Warum haben wir Sprache entwickelt, das Vermögen zu Kreativität und moralischem Handeln, warum gibt es Kunst und Musik - für das Überleben gänzlich "unnütze" Fähigkeiten? Gehörte die Beantwortung dieser Fragen lange Zeit eher zur Domäne der Philosophen oder Psychologen, gibt mittlerweile auch die Gehirnforschung Hinweise auf die Verbindungen zwischen Geist, Körper und Gehirn. In diesem Buch destilliert der international renommierte Neurowissenschafter Vilayanur S. Ramachandran die wichtigsten Erkenntnisse seiner bisherigen Forschung zu einem packenden Kompendium über die Mysterien unseres Seins. Dazu stellt er Patienten mit außergewöhnlichen Störungen vor: Petra, die Töne sehen kann, Robert, der allen Menschen unfreiwillig eine bestimmte Farbe zuordnet, Ali, der glaubt, keinen Körper zu haben, den Komapatienten Jason, der immer dann aus dem Koma erwacht, wenn er angerufen wird, und am Telefon ganz normal kommunizieren kann, aber eben nur dann, oder auch Cindy, für die alle Personen um sie herum völlig identisch aussehen - wie ihre Tante. Ausgehend vom jeweiligen Defekt, zieht Ramachandran Rückschlüsse auf die Funktionsweise des Gehirns beim gesunden Menschen. Letztlich geht es ihm um nichts Geringeres als um die Frage, was den Menschen zum Menschen macht. "Ramachandran in Höchstform." Oliver Sacks "Als Marco Polo der heutigen Zeit reist er auf der Seidenstraße der Wissenschaft zu den geheimsten Regionen des Gehirns." Richard Dawkins. © Bild und Text Rowohlt. Ramachandran, Vilayanur S. (2013): Die Frau, die Töne sehen konnte - Über den Zusammenhang von Geist und Gehirn, Hamburg: Rowohlt. Kommentar zum Buch bei michaelditsch.de


Donald Hoffman - "Do we see reality as it is?"

Buchtipp: Relativ real

"Was ist Wirklichkeit?": mit dieser Frage beschäftigt sich die Philosophie, auch Religionen wie der Buddhismus und die Naturwissenschaft im Bereich der Quantenphysik nähern sich ihr. Mit 'Relativ real' liefert Donald D. Hoffman einen kognitionswissenschaftlichen Zugang zu der alten Frage: "Was können wir wissen?". Basierend auf seiner Forschung erläutert Donald Hoffman, wie sich die Wahrnehmung des Menschen entwickelt hat und inwieweit dieser die Realität mit seinen Möglichkeiten überhaupt erfassen kann. In seinem Big-Idea-Buch erforscht Hoffman, welche Bereiche "hinter der Wirklichkeit liegen, die wir bisher wahrnehmen können". © Bild und Text dtv. Hoffman, Donald D. (2020): Relativ real - Warum wir die Wirklichkeit nicht erfassen können und wie die Evolution unsere Wahrnehmung geformt hat, München: dtv E-Book. Kommentar zum Buch bei michaelditsch.de

Begriffe

Universeller Darwinismus

"Die Erkenntnis, dass Darwins Algorithmus nicht nur für die Evolution alles Organischen, sondern auch, mit einigen Anpassungen, für eine Vielzahl anderer Domänen gilt, nennt man universellen Darwinismus. (Richard Dawkins prägte diesen Ausdruck, indem er argumentierte, dass Darwins Algorithmus die Evolution des Lebens nicht nur auf der Erde, sondern überall im Universum lenkt.) Der universelle Darwinismus geht, anders als die moderne Theorie von der biologischen Evolution, nicht von der Existenz physischer Objekte in Raum und Zeit aus. Er ist ein abstrakter Algorithmus, ohne eine Festlegung auf einen Stoff, der ihn umsetzt." (Hoffman 2020)

FBT-Theorem

"Das lässt sich durch das Fitness-schlägt-Wahrheit-Theorem (Fitness-Beats-Truth, kurz FBT) genauer erklären, über das ich spekuliert habe und das Chetan Prakash bewiesen hat. Nehmen wir an, es gibt zwei Sinnesstrategien, von der jede zu N unterschiedlichen Wahrnehmungen in einer objektiven Realität mit N Zuständen in der Lage ist: Wahrheit sieht die Struktur der objektiven Realität so gut, wie es nur möglich ist; Fitness erkennt diese objektive Realität nicht, richtet sich aber auf die für die Fitness relevanten Erfolgsaussichten aus - Erfolgsaussichten, die zwar von der objektiven Realität abhängen, aber auch vom Organismus, seinem Zustand und dessen Handlungen." (Hoffman 2020)

Interface-Theorie der Wahrnehmung

"Jedes Wahrnehmungssystem ist ein User Interface, wie der Desktop auf Ihrem Computer. Dieses Interface wird durch die natürliche Auslese geformt: Es kann von Art zu Art, ja sogar von Kreatur zur Kreatur innerhalb einer Spezies unterschiedlich ausfallen. Ich nenne dies die Interface-Theorie der Wahrnehmung (interface theory of perception, ITP)." (Hoffman 2020)

"Die ITP behauptet, dass unsere Sinne durch die Evolution zu einem User Interface geworden sind, bestens angepasst an die Bedürfnisse unserer Spezies. Unser Interface verbirgt die objektive Realität und lenkt das angepasste Verhalten in unserer Nische. Raumzeit ist unser Desktop, und physische Objekte wie Löffel und Sterne sind Icons auf dem Interface des Homo sapiens. Unsere Wahrnehmung von Raum, Zeit und Objekten wurde von der natürlichen Auslese nicht dahin gehend geprägt, dass sie realitätsgerecht ist - sie soll die objektive Realität weder offenbaren noch rekonstruieren -, sondern ist so geformt worden, dass wir lange genug leben, um Nachwuchs großzuziehen." (Hoffman 2020)

Objektive Realität

"Häufig verrät der Kontext, um welchen Fall von 'real' es gerade geht. Aber um jeden Zweifel auszuräumen, ist es hilfreich, zudem noch 'objektiv' anzuführen, wenn es um die Realität geht, die auch ohne Wahrnehmung existiert. Die ITP geht davon aus, dass Neuronen kein Teil einer objektiven Realität sind. Sie sind aber dennoch reale subjektive Erfahrungen - etwa für einen Neurowissenschaftler, der durch ein Mikroskop ein Gehirn betrachtet." (Hoffman 2020)

"Erfindung einer Symmetrie"-Theorem

"Das Theorem hält fest: Aus den Symmetrien in unserer Wahrnehmung ergibt sich nichts Zwingendes über die Struktur der objektiven Realität. Der Beweis ist konstruktiv. Er zeigt präzise, wie Wahrnehmungen und Handlungen sich einer Symmetrie erfreuen können - wie etwa der Translation, Rotation, Spiegelung und Lorentz-Symmetrie - in einer Welt, in der es keinerlei Symmetrie gibt." (Hoffman 2020)

"Symmetrien sind einfache Programme, die wir zur Datenkomprimierung und Fehlerkorrektur nutzen. Die Symmetrien in unserer Wahrnehmung offenbaren nur, wie stark wir Informationen komprimieren und verschlüsseln, und nicht etwa die Natur der objektiven Realität." (Hoffman 2020)

Wahrnehmen-entscheiden-handeln-Kreislauf (PDA)

"Wahrnehmung und Handlung sind folglich in dem 'wahrnehmen - entscheiden - handeln'-Kreislauf ('perceive - decide - act', kurz PDA) verknüpft." (Hoffman 2020)

"Der PDA-Kreislauf wird durch eine entscheidende Eigenschaft der Evolution geformt - die Funktion der Fitness-Verbesserung. Die Fitness einer Handlung hängt vom Zustand der Welt ab, aber auch vom Organismus (dem Akteur) und dessen Zustand. Jedes Mal, wenn ein Akteur handelnd auf die Welt einwirkt, ändert sich der Zustand der Welt, und der Akteur erntet eine Fitness-Belohnung (oder -Bestrafung). Und nur ein Akteur, der so handelt, dass er ausreichend Fitness-Belohnungen erhält, kann überleben und sich fortpflanzen." (Hoffman 2020)

Bewusste Akteure

"Wenn wir zugestehen, dass es bewusste Erfahrungen gibt und bewusste Akteure, die Erfahrungen machen und danach handeln, dann können wir versuchen, eine wissenschaftliche Theorie des Bewusstseins zu entwerfen, die diese bewussten Akteure - und nicht die Objekte in der Raumzeit - als grundlegend postuliert und behauptet, dass die Welt gänzlich aus bewussten Akteuren besteht." (Hoffman 2020)

"Kurzum: Ein bewusster Akteur macht Erfahrungen und Handlungen, und die sind Auswahlmöglichkeiten (Messräume). Er nimmt wahr, entscheidet und handelt, und das sind bedingte Veränderungen (Markow-Kette). Und er zählt, wie viele Erfahrungen er schon gemacht hat. Das ist die vollständige Definition eines bewussten Akteurs." (Hoffman 2020)

Bewusster Realismus

"Wir können uns auch komplexere Universen vorstellen, etwa mit Netzwerken von drei, vier oder gar unendlich vielen Akteuren. Die Art und Weise, wie ein Akteur im Netzwerk wahrnimmt, beeinflusst die Art und Weise, wie ein anderer Akteur handelt. Ich nenne diesen Monismus bewussten Realismus. Bewusster Realismus und ITP sind zwei voneinander unabhängige Hypothesen; man mag zum Beispiel behaupten, dass die Realität hinter unserem Wahrnehmungsinterface nicht grundsätzlich bewusst ist." (Hoffman 2020)

Hoffman, Donald D. (2020): Relativ real - Warum wir die Wirklichkeit nicht erfassen können und wie die Evolution unsere Wahrnehmung geformt hat, München: dtv E-Book


Nick Chater - "The Mind is Flat: The Illusion of Mental Depth"

"We all like to think we have a hidden inner life. Most of us assume that our beliefs and desires arise from the murky depths of our minds, and, if only we could work out how to access this mysterious world, we could truly understand ourselves. Nick Chater, Professor of Behavioural Science at Warwick Business School, who argues that this has been a big misunderstanding. Nick discusses his new book "The Mind is Flat: The Illusion of Mental Depth and The Improvised Mind", drawing on new research in neuroscience, behavioural psychology and perception, and concludes that we have no hidden depths to plumb. Unconscious thought is a myth, instead we generate our ideas, motives and thoughts in the moment." Quelle: Talks at Google 2018


György Buzsáki - Inside-out-Modell

"Ein großes Problem für mich und andere Fachleute liegt schon darin, dass niemand so genau sagen kann, was eigentlich der 'Geist' (im Englischen 'mind') ist. Seit Aristoteles gingen zahlreiche Denker und Denke­rinnen davon aus, dass er zunächst ein unbeschriebenes Blatt ist, auf das unsere Erfahrungen gemalt werden. Im vergangenen Jahrhundert hat diese 'Outside-in'-Pers­pektive die Psychologie und die Kognitionswissenschaft durchdrungen. Demnach dient das Gehirn als Werk­zeug, um die wahre Natur der Welt zu erkennen. Das ist allerdings nicht die einzige Sichtweise. Man kann die Sache auch andersherum betrachten: Womög­lich versuchen Hirnnetzwerke lediglich, ihre eigene in­terne Dynamik aufrechtzuerhalten. Dabei erzeugen sie ständig zahllose, anfangs unsinnige Muster neuronaler Aktivität, so genannte Feuermuster. Wenn eine schein­bar zufällige Handlung vorteilhaft erscheint, gewinnt das ihr zu Grunde liegende Muster an Bedeutung. Sagt ein Säugling etwa 'te-te' und bieten die Eltern ihm da­raufhin freudig einen Teddy an, erhält der Laut 'te-te' die Zuschreibung 'Teddybär'. Neuere Erkenntnisse der Hirnforschung sprechen dafür, dass an dieser 'Inside-out'-Theorie etwas dran sein muss." (Buzsáki 2022, S. 14)

"Der Unterschied zwischen dem Outside-in- und dem Inside-out-Ansatz wird besonders deutlich, wenn man die beiden auf Lernprozesse anwendet. Das Tabularasa-Modell geht davon aus, dass Hirnnetzwerke mit neuen Erfahrungen zusätzliche Verbindungen knüp­fen. Beim Lernen sollten die Schaltkreise demnach ausgefeilter werden. Im Inside-out-Modell ist Erfah­rung hingegen nicht die Hauptquelle für die Komplexität des Gehirns. Stattdessen organisiert sich das Netzwerk selbst und legt sich dabei ein riesiges Reper­toire an vorgefertigten Feuermustern an, die so ge­nannten neuronalen Trajektorien. Es gleicht folglich einem Wörterbuch, das anfangs mit unsinnigen Wör­tern gefüllt ist. Neue Erfahrungen ändern nichts an der Gesamtaktivität der Neuronennetze. Vielmehr lernen wir, indem wir vorhandene Trajektorien mit dem Er­lebten verbinden." (Buzsáki 2022, S. 17)

Buzsáki, György (2022): Wie das Gehirn die Welt konstruiert, in Gehirn&Geist 10/2022


Literatur

Buchtipp: Das narrative Gehirn

Wer in Geschichten verstrickt ist, lebt intensiver – ich erzähle, also bin ich. Doch nicht nur das eigene Leben wird als Narration prägnanter. Mittels Erzählungen gelingt es uns auch, die Erfahrungen eines einzelnen Menschen zu solchen von vielen anderen zu machen. Dazu müssen unsere Gehirne und die Weisen, wie wir Geschichten erzählen, aufeinander abgestimmt sein. Doch wie genau geschieht das? Fritz Breithaupts brillantes Buch unternimmt eine Neubestimmung des Menschen als narratives Wesen, das sich durch Erzählungen in der Welt verankert. Um dem Denken in Geschichten auf die Spur zu kommen, stützt Breithaupt sich ebenso auf die neuesten Einsichten der Hirnforschung und faszinierende Experimente mit Nacherzählungen im Stille-Post-Verfahren mit Tausenden von Versuchsteilnehmern wie auf die Analyse von Serien, Romanen, Grimm'schen Märchen und alltäglichem Büroklatsch. Narratives Denken, so zeigt sich, wird stets mit spezifischen Emotionen belohnt, und das heißt: Wir leben, wie wir leben, weil wir diesen Belohnungsmustern folgen. In Narrationen kann darüber hinaus aber auch immer alles anders kommen, und ebendies erlaubt uns den Aufbruch zu neuen Ufern. © Bild und Text Suhrkamp. Breithaupt, Fritz (2022): Das narrative Gehirn - Was unsere Neuronen erzählen, Berlin: Suhrkamp Verlag E-Book. Kommentar zum Buch bei michaelditsch.de

Buchtipp: Woher soll ich wissen, was ich denke, bevor ich höre, was ich sage?

Verstehe sich, wer kann! Liebe und Zuneigung, Schuld und Schadenfreude, Wut und Nachsicht - unsere Gefühle werden vom Gehirn gesteuert. Doch was genau passiert in unserem Kopf, wenn wir streiten, lieben oder schmollen? Sind wir noch gutherzig, wenn wir's danach auf Facebook posten? Wo lauern die Denkfehler, die uns das Zusammenleben so schwer machen? Wie überlebt das Gehirn ein Arbeitsessen oder ein Paargespräch? Und wo wir gerade dabei sind: Wäre eine einsame Insel nicht doch die bessere Option? Franca Parianen meint: Wenn wir uns, unsere Gefühle und unsere Mitmenschen besser verstehen lernen wollen, müssen wir unser Gehirn besser verstehen - und dabei hilft sie uns mit wissenswerten Fakten und vielen Anekdoten, die neben Erkenntnisgewinn auch große Unterhaltung versprechen. Ein ironischer Unterton, ein Handschlag oder die SMS "Wir müssen reden" - was auch geschieht, unser Gehirn hat für das Verhalten unserer Mitmenschen fast immer eine Erklärung parat. "Sozialleben" ist sein Steckenpferd. Aber warum kommt es dabei so oft zu Missverständnissen, Konflikten und Irrtümern? Das Hirn puzzelt heldenhaft und unermüdlich Informationen zusammen, aber wenn diese lückenhaft sind oder es schnell gehen soll, bedient es sich dabei eben auch gerne großzügiger Verallgemeinerungen, übereilter Kurzschlüsse und waghalsiger Prognosen - was in unserem Sozialleben schon mal zu recht interessanten Risiken und Nebenwirkungen führt. Die Neurowissenschaftlerin Franca Parianen erklärt, wie sozial unser Gehirn ist - und warum "sozial" nicht zwingend "nett" bedeuten muss. Sie führt uns auf eine Reise durch die sozialen Neurowissenschaften, vorbei an diversen Kleinkindern, kulturellen Errungenschaften, einigen menschlichen Abgründen, irrationalen Ängsten, romantischen Gefühlen und dem einen oder anderen Primaten. Es wird um Vertrauen und Rache gehen, um Hilfsbereitschaft und Bußgelder, um Mitläufer und die Frage: Wo kämen wir denn da hin, wenn das jeder täte? © Bild unt Text Rowohlt. Woher soll ich wissen, was ich denke, bevor ich höre, was ich sage? Die Hirnforschung entdeckt die großen Fragen des Zusammenlebens, Franca Parianen, Rowohlt, 2017

Buchtipp: Mein Hirn hat seinen eigenen Kopf

Was kann unser Hirn verraten? Warum begegnen wir Fremden mit Vorurteilen? Warum spielt Religion eine wichtige Rolle dabei, wie wir die Welt wahrnehmen? Warum sehen für Europäer Asiaten meist gleich aus? Warum wählen wir manchmal unfähige Politiker? Unser Gehirn sucht immer nach Erklärungen. Erklärungen, wie die Welt funktioniert, wie wir selbst funktionieren und wie andere Menschen funktionieren. Doch jedes Gehirn findet eben seine eigenen Antworten – warum das so ist und ob wir diesen Antworten immer trauen können, erfahren Sie in diesem Buch. ©Bild und Text Rowohlt. Mein Hirn hat seinen eigenen Kopf - Wie wir andere und uns selbst wahrnehmen, Dong-Seon Chang, Rowohlt, 2016

Buchtipp: Anders sehen

Du siehst was, was du nicht siehst. Was wir sehen, hören, fühlen, entspricht nicht der Realität. Wahrnehmung ist die Grundlage aller menschlicher Erfahrung, und sie trügt, wo sie nur kann. Darum will der weltbekannte Neurowissenschaftler Beau Lotto nichts Geringeres, als uns eine neue Art des Wahrnehmens zu ermöglichen, denn dies ist der Schlüssel zu Glück und Erfolg. Wir sollen nicht nur verstehen, sondern wirklich erleben, wie unser Gehirn die Informationen der Sinne beschneidet. Dazu kombiniert der Autor spannende Geschichten, eigene Experimente und optische Täuschungen zum Selbsttest. Auf seine originelle, humorvolle und anschauliche Weise lässt uns Beau Lotto am eigenen Leib unsere Wahrnehmung wahrnehmen und somit auf die nächste Stufe heben. © Bild und Text Goldmann. Anders sehen - Die verblüffende Wissenschaft der Wahrnehmung, Beau Lotto, Goldmann, 2018. Rezension bei Spektrum.de

Buchtipp: Schnelles Denken, langsames Denken

Intuition oder Vernunft? - Menschliches Verhalten und das Verständnis von Wirtschaft. Wie treffen wir unsere Entscheidungen? Warum ist Zögern ein überlebensnotwendiger Reflex, und was passiert in unserem Gehirn, wenn wir andere Menschen oder Dinge beurteilen? Daniel Kahneman, Nobelpreisträger und einer der einflussreichsten Wissenschaftler unserer Zeit, zeigt anhand ebenso nachvollziehbarer wie verblüffender Beispiele, welchen mentalen Mustern wir folgen und wie wir uns gegen verhängnisvolle Fehlentscheidungen wappnen können. Geldhändler, die ganze Bankenimperien ruinieren; Finanzmärkte, die außer Rand und Band sind; Kleinanleger, die ihr Erspartes in Aktien anlegen, ohne je den Wirtschaftsteil einer Zeitung gelesen zu haben: Wer in diesen Zeiten noch an den Homo oeconomicus als rational agierendes Wesen glaubt, dem ist nicht zu helfen. Daniel Kahneman liefert eine völlig andere Sichtweise, die nah am wirklichen menschlichen Verhalten orientiert ist und die Wirtschaftsakteure nicht als berechenbare Roboter betrachtet. Sein Fazit: Wir werden niemals immer und überall optimal handeln, wichtige Entscheidungen bleiben unsicher und fehleranfällig. Doch gibt es viele alltägliche Situationen, in denen wir die Qualität und die Folgen unseres Urteils entscheidend verbessern können. Ein Buch, das unser Denken verändern wird. © Bild und Text Siedler. Schnelles Denken, langsames Denken, Daniel Kahneman, Siedler, 2012

Buchtipp: Der unsichtbare Gorilla

Christopher Chabris und Daniel Simons wurden durch ihr "Gorilla-Experiment" weltberühmt: Sie ließen einen Mann im Gorillakostüm durch ein Basketballspiel laufen - und die Hälfte der Zuschauer nahm ihn überhaupt nicht wahr. Überall lässt sich diese Unaufmerksamkeitsblindheit beobachten: Polizisten gehen an schweren Unfällen vorbei. Hollywoodfilme wimmeln von Fehlern. Denn unsere Wahrnehmung funktioniert absolut selektiv. Die Autoren entlarven die Beschränktheit unserer Wahrnehmung, unserer Fähigkeit zu erinnern und unserer Auffassungsgabe. Vor allem aber zeigen sie, wie oft wir völlig unbegründet auf unsere Intuitionen vertrauen. Und wie wir unserem Bewusstsein doch noch auf die Sprünge helfen können. © Text und Bild Piper. Christopher Chabris , Daniel Simons (2011): Der unsichtbare Gorilla - Wie unser Gehirn sich täuschen lässt, München: Piper Verlag. Kommentar zum Buch bei michaelditsch.de

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Struktur und Funktion - Erstaunliche Komplexität der Schaltkreise - Active sensing und predictive coding - © 2021 www.dasGehirn.info

The Brain Inside Out by György Buzsáki - with introduction by Lisa Feldman Barrett (2020)

Your brain hallucinates your conscious reality - Anil Seth - TED Talk 2017

Do we see reality as it is? | Donald Hoffman TEDTalk March 2015

The Mind is Flat | Nick Chater | Talks at Google 2018

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