Buchtipp "China und die Seidenstraße" von Thomas O. Höllmann

Erstellt von Michael Ditsch | | Spiritualität & Lebenskunst

Kultur und Geschichte von der frühen Kaiserzeit bis zur Gegenwart

Die Seidenstraße, die Ostasien mit dem Mittelmeerraum verbindet, ist zum Inbegriff einer frühen Globalisierung geworden. Thomas O. Höllmann schaut von China aus auf das legenden umrankte Routennetzwerk. Er beschreibt anschaulich, wie die Menschen reisten und wie Güter und Ideen weiter vermittelt wurden. Ein Ausblick macht deutlich, warum China mit der "Neuen Seidenstraße" auf das symbolische Kapital der alten Verbindungen setzt. © Bild und Text C.H.Beck. Höllmann, Thomas O. (2022): China und die Seidenstraße - Kultur und Geschichte von der frühen Kaiserzeit bis zur Gegenwart, München: C.H.Beck E-Book

Kommentar

# In den 2000er-Jahren ergaben sich für mich mehrere Gelegenheiten, um im Rahmen meiner Taijiquan (Link siehe unten) Praxis durch verschiedene Provinzen der Volksrepublik China (VR China) zu reisen. Das gemeinsame Interesse für chinesische Kampfkünste sowie das Engagement von Freunden und Lehrern, ermöglichten die Begegnung und das Kennenlernen von Menschen und Orten abseits des üblichen, touristischen Reiseprogramms. Damals war die VR China noch sehr aufgeschlossen gegenüber westlichen Besuchern. Die Reform- und Öffnungspolitik von Deng Xiaoping wirkte noch nach, z.B. trat die VR China im Jahre 2001 der Welthandelsorganisation (WTO) bei, und mit Hu Jintao, welcher 2002 Generalsekretär der Kommunistische Partei Chinas wurde, hatte eine Führungsgeneration die Macht übernommen, die eine eher pragmatische und weniger ideologieorientierte Herangehensweise an die Staatsführung praktizierte.

# Die Chinareisen führten mich auch nach Xi‘an, der Hauptstadt der chinesischen Provinz Shaanxi, die in der Nähe von wichtigen Orten des Altertums liegt wie Xianyang, Hauptstadt des Königreiches Qin, oder der Kaiserstadt Chang’an. Die Stadt ist bekannt für touristische Attraktionen wie dem Glockenturm, der Stadtmauer oder der Großen Wildganspagode, als Startpunkt für Besuche der Terrakotta-Armee, aber auch als Ausgangspunkt der historischen Seidenstraße. Neben meiner Vorliebe für traditionelle chinesische Kampfkünste, verstärkte sich durch die Reisen auch mein Interesse für chinesische Philosophie, Kultur und Geschichte.

# Bei meiner Sichtung von Neuveröffentlichungen achte ich daher auch sehr auf Beiträge über die chinesische Antike und die Kaiserzeit. Der C.H.Beck Verlag hat nun im Februar 2022 das Buch "China und die Seidenstraße - Kultur und Geschichte von der frühen Kaiserzeit bis zur Gegenwart" herausgebracht, welches von dem renommierten Sinologen Thomas O. Höllmann geschrieben wurde. Der emeritierte Professor der Ludwig-Maximilians-Universität München und amtierende Präsident der Bayerischen Akademie der Wissenschaften ist durch seine Forschungen und Veröffentlichungen zur Kulturgeschichte Chinas bekannt geworden. Mit der Seidenstraße hat sich Thomas O. Höllmann schon öfter beschäftigt, wie z.B. durch seine Tätigkeit als Berater des Seidenstraßenprojekts der UNESCO, oder bei eigenen Buchprojekten, deren Inhalte teilweise in das aktuelle Werk eingeflossen sind.

"Manche Beobachtungen habe ich schon an anderer Stelle zu Papier gebracht, insbesondere in der Kulturgeschichte des alten China (2008) sowie den beiden Bänden über die Seidenstraße (erstmals 2004) und die chinesische Schrift (2015) in der Reihe C.H.Beck Wissen. Wenn sich seither inhaltlich keine neuen Anhaltspunkte ergeben haben und andere Formulierungen keinen Erkenntnisgewinn versprachen, wurden einzelne Passagen daraus übernommen." (Höllmann 2022)

# Meiner Einschätzung nach ist das Buch nicht für Leser geeignet, die, aufgrund aktueller Ereignisse, eine spannende, populärwissenschaftliche Lektüre über China suchen, sondern eher für Menschen, die sich schon länger für das klassische China interessieren, bereits einige Sachbücher darüber gelesen haben, und nun ihr Wissen weiter vertiefen möchten. Stellenweise liest sich das Buch nämlich als hätte ein konfuzianischer Beamter der Qin-Dynastie einen Bericht über den Warenverkehr des kaiserlichen Hofes geschrieben. Seitenweise detaillierte Tabellen, Aufstellungen und Listen von Lieferungen der verschiedensten Waren und Handelsgüter. Die Vorgehensweise des Wissenschaftlers ist allerdings nachvollziehbar, da er seinen Versuch einer Rekonstruktion der Geschichte der historischen Seidenstraße durch Fakten belegen möchte.

"Datenfülle und Detailanalyse sollen also gleichermaßen zu ihrem Recht kommen und in der Zusammenschau Verständnis für die komplexen Zusammenhänge vermitteln." (Höllmann 2022)

# Für eine vollständige Betrachtung sämtlicher Routen und Epochen der Seidenstraße würde eine einzelne Publikation nicht ausreichen. Daher grenzt der Autor den Bereich seiner Untersuchung ein und konzentriert sich hauptsächlich auf die Zeit des chinesischen Kaiserreichs und auf dessen Einflussgebiet. Durch die Gliederung in fünf Teile werden zeitliche und inhaltliche Schwerpunkte gesetzt. Der Fokus liegt auf den Landrouten, da nach Meinung des Autors die Seewege bereits in anderen Veröffentlichungen umfassend beschrieben wurden. Ein Epilog oder ein Fazit, mit einer Zusammenfassung oder Einordnung des Inhalts durch den Autor, wäre für den Leser sicher hilfreich gewesen.

# Gleichzeitig aufgelockert und fundiert werden die Aussagen von Thomas O. Höllmann durch Farbabbildungen archäologischer Funde und Zitate aus verschiedenen Quellen wie z.B. Gedichte, Reiseberichte, Briefe, Verträge, Tagebücher, Inschriften, etc., die alle vom Autor selbst übersetzt wurden. Der Leser hat dadurch die Möglichkeit sich einen eigenen Eindruck über das Leben der Menschen in den verschiedenen Bereichen der Seidenstraße zu verschaffen.

# Aus meiner Sicht ist das Buch nicht nur ein sehr lesenswerter Beitrag über einen interessanten Bereich der chinesischen Kulturgeschichte, sondern auch eine sehr gute Lektion über den Umgang mit archäologischen Zeugnissen und überlieferten, historischen Texten. Bereits meine intensive Beschäftigung mit dem Daoismus (Link siehe unten) hat mir gezeigt, dass eine kritische Auseinandersetzung, nicht nur mit der Quellenlage, sondern auch mit den Motiven von Autoren, Wissenschaftlern oder Übersetzern, unumgänglich ist. Meiner Meinung nach wird in der deutschen Taijiquan und Qigong Szene oft ein sehr verklärter und unreflektierter Umgang mit traditionellen chinesischen Texten und Lehren betrieben. Sehr interessant ist in diesem Zusammenhang das Kapitel "Die Verbreitung von Religionen".

# Sehr gut und sehr wichtig finde ich das Kapitel "Grundlagen", da hier Thomas O. Höllmann nicht nur wesentliche Begriffe klärt und den Leser mit der geographischen, klimatischen, wirtschaftlichen, soziologischen und politischen Situation der damaligen Seidenstraße vertraut macht, sondern auch die Arbeitsweisen und Schwierigkeiten bei der Rekonstruktion historischer Gegebenheiten aufzeigt. Im Gegensatz zu archäologischen Funden, die heutzutage mit modernen naturwissenschaftlichen Verfahren, wie z.B. Archäometrie oder Archäogenetik, genau untersucht werden können, muss bei schriftlichen Quellen und Übersetzungen immer auch geklärt werden, wie vertrauenswürdig die Texte sind und mit welcher Absicht sie geschrieben wurden.

"Die offizielle Überlieferung oblag in China den Historiographen: einer Gruppe von Spezialisten, die in der Tradition der Schreiber stand, welche im ausgehenden 2. Jahrtausend v. Chr. die Orakelbefragungen dokumentiert hatten. Eine leichte Affinität zur Wahrsagung lässt sich aber auch noch in der Kaiserzeit konstatieren, bestand ihre Aufgabe doch nicht unbedingt darin, den Lauf der Ereignisse korrekt festzuhalten. Vielmehr hatten sie – gegebenenfalls unter Ausklammerung oder Verbiegung der Realität – Paradigmen zu formulieren, an denen sich folgende Generationen orientieren sollten." (Höllmann 2022)

# Im letzten Kapitel "Nachspiel" behandelt der Autor den Zeitraum vom 19. Jahrhundert bis heute und nimmt auch Bezug zur sogenannten "Neuen Seidenstraße". Thomas O. Höllmann zeigt sehr gut, wie wissenschaftliche Akteure, durch Einflussnahme oder aus Überzeugung, Forschungsergebnisse im Sinne nationalistischer Machtansprüche interpretieren. Das erinnert mich an einen sehr guten Beitrag von Stephan Schleim bei Spektrum.de über die Bedeutung einer freien Wissenschaft für eine demokratische Gesellschaft (Schleim 2022). Wir leben in einer Zeit, in der wieder versucht wird mit Kriegen imperiale Machtfantasien umzusetzen und dies mit angeblich historisch fundierten Ansprüchen legitimiert wird. Sehr wichtig sind daher Bücher wie das vorliegende von Thomas O. Höllmann, da sie den Blick für geschichtliche Zusammenhänge schärfen und helfen, eine kritische Haltung gegenüber propagandistischen Verlautbarungen zu entwickeln.

"Wirrköpfe gibt es bekanntlich in allen Teilen der Welt. Nicht immer verfügen sie jedoch über wohlbestallte Positionen an renommierten Universitäten und das Wohlwollen der Mächtigen, die sich – ansonsten stets die Ratio ihres Handelns unterstreichend – nicht ausdrücklich von dieser kruden Gedankenwelt distanzieren. Die Vereinbarkeit mit nationalem Pathos legitimiert offenkundig noch die dreisteste Geschichtsklitterung." (Höllmann 2022)

"Der demokratische Rechtsstaat kann, soll und muss sich eine freie Wissenschaft leisten." (Schleim 2022)

Hinweis
Das Buch von Thomas O. Höllmann habe ich im EPUB-Format erworben, bei dem die Textdarstellung variabel ist und sich der jeweiligen Bildschirmgröße automatisch anpasst. Bei den Zitaten habe ich deshalb keine Seitenzahlen angegeben und auch auf die Angabe der Kapitel verzichtet.

Quellen

  • Höllmann, Thomas O. (2022): China und die Seidenstraße - Kultur und Geschichte von der frühen Kaiserzeit bis zur Gegenwart, München: C.H.Beck E-Book
  • Schleim, Stephan (2022): Wissenschaftliches Wissen in der Öffentlichkeit, [online] scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/wissenschaftliches-wissen-in-der-oeffentlichkeit/ [12.04.2022]

Links

Inhalt

Vorwort

Erster Teil - Die Grundlagen
1. Begriffe und Quellen
2. Raum und Zeit
3. Menschen und Mächte

Zweiter Teil - Die Verbreitung von Religionen
Mit einem Fokus auf das 2. bis 9. Jahrhundert
1. Eine Einbahnstraße Richtung Osten
2. Der Buddhismus
3. Der Zoroastrismus
4. Das Christentum
5. Der Manichäismus
6. Judentum und Islam

Dritter Teil - Tribut und Handel
Mit einem Schwerpunkt im 6. bis 10. Jahrhundert
1. Diplomatischer Warenverkehr
2. Kostbarkeiten
3. Pflanzliches
4. Tierisches
5. Menschliches
6. Fakten und Schimären
7. Transaktionen
8. Nachklang

Vierter Teil - Transfer und Transformation
Mit einem Schlaglicht auf das 15. bis 18. Jahrhundert
1. Die Schrift
2. Das Papier
3. Der Druck
4. Kompass, Karte und Kanone
5. Die schönen Dinge des Lebens

Fünfter Teil - Nachspiel
Vom 19. Jahrhundert bis heute
1. Abenteurer und Forscher
2. Der Weg ins 21. Jahrhundert

Anhang
Karten
Die Dynastien im Überblick
Anmerkungen
Chinesische und japanische Quellen
Literatur
Bildnachweis
Personenregister
Register der Orts- und Völkernamen

Buchumschlag China und die Seidenstraße