Buchtipp: "Das narrative Gehirn" von Fritz Breithaupt

Erstellt von Michael Ditsch | | Körper & Psyche

Was unsere Neuronen erzählen

Wer in Geschichten verstrickt ist, lebt intensiver – ich erzähle, also bin ich. Doch nicht nur das eigene Leben wird als Narration prägnanter. Mittels Erzählungen gelingt es uns auch, die Erfahrungen eines einzelnen Menschen zu solchen von vielen anderen zu machen. Dazu müssen unsere Gehirne und die Weisen, wie wir Geschichten erzählen, aufeinander abgestimmt sein. Doch wie genau geschieht das? Fritz Breithaupts brillantes Buch unternimmt eine Neubestimmung des Menschen als narratives Wesen, das sich durch Erzählungen in der Welt verankert. © Bild und Text Suhrkamp. Breithaupt, Fritz (2022): Das narrative Gehirn - Was unsere Neuronen erzählen, Berlin: Suhrkamp Verlag E-Book

Kommentar

# Wir leben in ereignisreichen Zeiten. Wer sich über das Tages- und Weltgeschehen mittels verschiedener Medien und Quellen informiert, erhält oftmals den Eindruck, dass zu jedem Ereignis mehrere Erzählungen existieren. Aber auch im privaten Lebensbereich zeigt sich das Phänomen, dass ein und dasselbe Ereignis, abhängig vom beteiligten Publikum, in unterschiedlichen Versionen wiedergegeben wird. Und letztlich ist auch die eigene Lebensgeschichte eine Erzählungen, die wir, bewusst oder unbewusst, immer wieder neu erzählen und dabei bestimmte Details weglassen oder hinzufügen. Vom Tratsch mit dem Nachbar, über die Erläuterung des Lebenslaufs bei einem Bewerbungsgespräch, bis zu den bedeutenden Epen der Menschheitsgeschichte, Erzählungen haben einen großen Einfluss auf unser Leben und daher überrascht es nicht, dass es dafür einen eigenen Forschungsbereich gibt.

# Für die Erzählforschung oder Narratologie habe ich mich bisher nicht interessiert. Tatsächlich war mir gar nicht bekannt, dass es diese Forschungsrichtung in den Geisteswissenschaften gibt. Neugierig gemacht hat mich aber ein Buchtitel, welchen ich bei meiner Recherche zu neurowissenschaftlichen Themen entdeckt habe. Das neue Buch von Fritz Breithaupt "Das narrative Gehirn - Was unsere Neuronen erzählen" wurde am 19.06.2022 vom Suhrkamp Verlag herausgebracht. Fritz Breithaupt lehrt an der Indiana University in Bloomington (USA) als "… professor of Germanic Studies, adjunct professor in Comparative Literature, and affiliated professor of Cognitive Science at Indiana University." (Indiana University 2022). Weiterhin ist er auch Leiter eines Labors, das Experimental Humanities Lab, in dem Erzählungen und narratives Denken mit einer Vielzahl von Methoden untersucht werden.

"The humanities laboratory is not just a psychology lab with the old-school seal and label of the humanities. The recent humanities lab is a unique event since it operates in the ill-defined borderlands between the humanities and cognitive science." (Experimental Humanities Lab 2017)

# Hier wird es nun spannend, wie es immer spannend wird in den Grenzgebieten verschiedener Wissenschaften. In seinem Buch wagt Fritz Breithaupt die Verknüpfung seiner geisteswissenschaftlichen Forschung mit Erkenntnissen der Evolutionsbiologie und der Kognitions- bzw. Neurowissenschaften. Fritz Breithaupt postuliert in seinem Buch, dass Menschen narrative Lebewesen sind und durch ihr narratives Denken geprägt werden. Die Forschung zu Erzählungen bzw. Narrationen erhält somit eine Bedeutung, die weit über literatur- oder sprachwissenschaftliche Untersuchungen hinausgeht und in der Zusammenschau mit anderen Humanwissenschaften neue Aspekte unserer menschlichen Existenz offenlegt.

# Wie es guter Wissenschaftsstil ist, stellt der Autor verschiedene Thesen und Hypothesen zur Diskussion. Dabei bezieht er sich u.a. auf neueste Erkenntnisse der Neurowissenschaften, wie der Theorie des "Predictive Brain" oder dem Begriff der "Nischen-Evolution" der modernen Evolutionstheorie, aber auch auf Ergebnisse seiner eigenen Forschungen zur seriellen Reproduktion von Erzählungen. Interessant wird es, wenn Fritz Breithaupt die Arbeiten von Lisa-Feldmann-Barrett (Links siehe unten) oder Michael Tomasello (Links siehe unten) erwähnt. Beide lehnen nämlich ein dualistisches Körper-Geist Denken ab, besonders hinsichtlich der kulturellen Evolution, und betonen einen konstruktivistischen Erklärungsansatz menschlichen Verhaltens, der auch essentialistische Vorstellungen, es gäbe für "geistige" Erfahrungen und Wahrnehmungen biologische Ursachen (Essenzen), für überholt erklärt. In diesem Sinne sieht auch Fritz Breithaupt Erzählungen als Teil einer konstruierten Realität.

"Narrationen sind die Form, in denen unser Gehirn unsere Handlungen und die Handlungen anderer simuliert. Weil wir diese Simulationen für geeignet erachten, unsere Handlungen abzubilden, stehen sie unter starkem Realitätsverdacht." (Breithaupt 2022, S.14)

# Sehr interessant finde ich die These, dass Emotionen das narrative Denken belohnen. Wie Fritz Breithaupt bei seinen Experimenten herausgefunden hat, sind es nämlich nicht Rationalität und Kausalität, die primär bei der Weitergabe von Erzählungen eine Rolle spielen, sondern die emotionale Wertigkeit und die emotionale Belohnung am Ende der Geschichte.

"Narratives Denken ist so wichtig für uns, weil es Anfang und Ende von Sequenzen erkennen lässt und uns mit der Emotion am Ende ein Signal gibt, dass nun etwas geschafft und vollendet ist. Die Emotion ist am Ende daher eine Belohnung im doppelten Sinne. Sie belohnt und bewertet die konkreten Handlungen, die wir narrativ miterlebt haben, und sie belohnt uns zugleich dafür, dass wir uns überhaupt auf eine Narration eingelassen haben." (Breithaupt 2022, S 24)

"Dies führte uns zu der These, dass ein entscheidendes Merkmal von Narrationen mit der Kommunikation von Emotionen verbunden ist: Emotionen bleiben im Gedächtnis besonders deutlich hängen und werden zum Anker, an dem Geschichten festgemacht werden können." (Breithaupt 2022, S. 135)

# Der Mensch, Homo sapiens, ist eben nicht so "sapiens", also einsichtig, klug, verständig, weise, wie wir uns das gerne so vorstellen. Vielmehr zeigen gerade die aktuellen Geschehnisse, ob Klimawandel, Artensterben, Pandemie oder der Ukrainekrieg, wie irrational unser Denken und Handeln eigentlich ist. Es ist immer wieder faszinierend zu beobachten, wie es bei den entsprechenden Erzählungen, die in Medien oder bei Diskussionen verbreitet werden, selten um das eigentliche Thema, um Fakten oder Sachargumente, geht, sondern meist darum, durch Emotionen interessengeleitete Botschaften zu verankern. Nur mit Beiträgen die Emotionen auslösen, kann in der Aufmerksamkeitsökonomie oder in der Politik Wirkung erzielt werden. Mit der Komplexität (Link siehe unten) der Welt kann Homo sapiens nicht umgehen und daher wirken einfache, monokausale Erklärungen, wie z.B. Schuldzuweisungen an bestimmte Personen oder gesellschaftliche Gruppen, emotional befreiend, da sie die unangenehmen Spannungszustände von Ungewissheit oder Ambiguität (Mehrdeutigkeit) auflösen.

# Mit Emotionen hat sich auch Lisa Feldman-Barrett in ihrem Buch "How Emotions Are Made  - The Secret Life of the Brain" (Link siehe unten) intensiv auseinandergesetzt. Ihre "Theory of constructed emotion", basierend auf dem Ansatz des "Predictive Brain", postuliert, dass unser Gehirn auf der Grundlage von vergangenen Erfahrungen Konzepte entwickelt, um Empfindungen (Affekt) eine Bedeutung zu geben. Handelt es sich um Emotionskonzepte, konstruiert das Gehirn Instanzen von Emotionen, die auch Teil einer sozialen Realität werden können. Obwohl Fritz Breithaupt auf die Forschungen von Lisa Feldman-Barrett zurückgreift, finde ich es bedauerlich, dass er in seinem Buch den Begriff "Emotionen" nicht weiter ausführt. Auch in seinem lobenswerten Kapitel "Grundbegriffe" werden wichtige Begriffe wie Affekt, Gefühl oder Emotion nicht behandelt. Dies sorgt beim Leser leider für Verwirrung, wie das Beispiel des Wortes "Erstaunen" zeigt, welches anscheinend willkürlich als Emotion, Affekt oder Gefühl benannt wird (z.B. Seiten 142, 152, 153, 181, 183, 293).

# Das Buch von Fritz Breithaupt halte ich für sehr lesenswert, da es meiner Meinung nach eine weitere Erklärung für das seltsame Verhalten des Menschen liefert, der, angesichts drohender Katastrophen, lieber Narrationen, oder sollte es besser Narreteien heißen, produziert, konsumiert und verinnerlicht, statt den Blick zu weiten und vorausschauend zu handeln. In der eigenen Selbstbetrachtung kann allerdings festgestellt werden, wie wirkmächtig Narrationen, z.B. über die eigene Familie, den individuellen Lebenslauf bestimmen.

"Narrationen erlauben es uns, Annahmen und Vorhersagen über die soziale Welt zu treffen, diese zu erinnern und zu kommunizieren. Das ist nicht nur Bequemlichkeit, sondern durchaus rational und funktioniert meist ausgezeichnet. Aber eben so bleiben wir auch in den Fahrrillen stecken. Die einmal entwickelte Narration ist so überzeugend, dass wir sie nicht einfach abschütteln können. Dieses Gefangen-Sein geht weit über Selbstbilder hinaus und erfasst viele Formen des Verhaltens. In den meisten Fällen hilft es uns sicherlich, dass wir wissen, wie man sich in bestimmten Situationen verhalten kann und was zu erwarten ist. Aber auch viele sonderbare Formen des Fehlverhaltens gehören in den Bereich, der vom narrativen Denken zumindest teilweise geleitet wird." (Breithaupt 2022, S. 15)

"Gerade dies geschieht aber beim kollektiven Narrativ: Die Stimmen einzelner öffentlicher Personen von Politikern und Intellektuellen bis hin zu Promis und Influencern können in unseren Köpfen als narrative Vorbilder weiterlaufen. Sie sind einflussreich nicht nur in dem, was sie konkret sagen, sondern in der Art und Weise, wie wir ihre Reden weiterführen und uns mit ihnen aus den Krisen hinauserzählen." (Breithaupt 2022, S. 200)

# Bleiben wir also Gefangene eigener und fremder Erzählungen? Am Ende seines Buches gibt uns Fritz Breithaupt einen Ausblick, welchen er "Auszug aus der narrativen Unmündigkeit" nennt. Das Problem sind nämlich nicht die Narrationen, sondern eher unsere erlernte Unfähigkeit damit umzugehen. Wenn nun Fritz Breithaupt behauptet, dass es zu jeder Geschichte auch eine Alternative gibt, erinnert mich das an einen Satz des Psychologen Chuck Spezzano (Link siehe unten) während eines Seminars: "Es ist nie zu spät, um eine glückliche Kindheit zu haben". Aber nicht nur Psychologie und Psychotherapie kennen Methoden zur Neuinterpretation von schädlichen Narrationen oder Glaubenssätzen, sondern auch die spirituellen Traditionen zeigen Wege zur Befreiung von erworbenen, verinnerlichten Welt- und Selbstkonzepten, die zu Ego-Anhaftungen und Ego-Identifikationen führen.

# Der "Homo sapiens" scheint für die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts keine weltumfassende Lösung zu finden, aber vielleicht gelingt es dem "Homo narrans" von Fritz Breithaupt eine globale Erzählung zu erschaffen, die uns in eine lebenswertere Zukunft führt. Ein Gedanke, den auch Rob Hopkins in seinem Buch "Stell dir vor …" (Link siehe unten) sehr deutlich darlegt, da auch ihm bewusst geworden ist, dass allein Zahlen und Fakten die Menschen nicht zu einer Veränderung bewegen werden.

"Durch das, was die Transition-Bewegung alles in Gang gesetzt hat, wurde mir klar, dass wir oft an den falschen Stellen nach Lösungen für unsere größten Probleme suchen. [...] Vielleicht ist es an der Zeit zu erkennen, dass im Zentrum unserer Arbeit das Bedürfnis unserer Mitmenschen steht, sich eine bessere Welt vorstellen, Geschichten darüber erzählen und ihre Verwirklichung herbeisehnen zu können. Wenn wir uns eine bessere Welt vorstellen, herbeiwünschen und erträumen können, ist es viel wahrscheinlicher, dass wir unsere Energie und Entschlossenheit daransetzen, sie auch Wirklichkeit werden zu lassen." (Hopkins 2021)

"Wir sind als Homo narrans nicht nur Wesen, denen Geschichten erzählt werden, sondern Wesen, die selbst erzählen und nacherzählen. Jedes Erzählen findet im Plural statt. Ein narrativ aufgeklärtes Bewusstsein ist eines, das sich von Narrationen gerne fesseln und leiten lässt, aber zugleich das »Entfesselungspotential« von Geschichte kennt und im eigenen Aufnehmen und Weiterspinnen der Narrationen entfaltet. In jeder Geschichte liegt das Potential des Auszugs aus einer als zu eng wahrgenommenen Welt. Wenn wir dieses Potential nutzen, eröffnet sich uns ein intensiveres, reicheres Leben." (Breithaupt 2022, S. 300)

Quellen

  • Breithaupt, Fritz (2022): Das narrative Gehirn - Was unsere Neuronen erzählen, Berlin: Suhrkamp Verlag E-Book
  • Indiana University (2022): Department of Germanic Studies - Fritz Breithaupt, [online] germanic.indiana.edu/about/faculty/breithaupt-fritz.html [07.07.2022]
  • Experimental Humanities Lab (2017): How to start a humanities lab, [online] www.experimentalhumanities.com [07.07.2022]
  • Hopkins, Rob (2021): Stell dir vor … - mit Mut und Fantasie die Welt verändern, Innsbruck: Löwenzahn Verlag E-Book

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Inhalt

Einleitung 9
Ich bin im falschen Film 11
Im richtigen Film sein 19
Fragen und Thesen 23
Grundbegriffe 26

I. Das Denken in Episoden: Vom Chaos zur Ordnung 39
Segmentierung: Anfang und Ende (Neurowissenschaften) 39
Die Mitte (Gustav Freytag) 50
Zusammenfassung 59

II. Was sind Narrationen? 61
Zwei Definitionen 61
Ereignis, Perspektive 64
Gedankenexperiment 70
Funktionen von Narration 72
Zusammenfassung 77

III. Stille-Post-Spiele 81
Kausalität (Frederic Bartlett) 85
Vulnerabilität (Brüder Grimm) 93
Emotionale Bewertungen (Experimental Humanities Laboratory) 115
Zusammenfassung 134

IV. Emotionen als Belohnung des narrativen Denkens 137
Tagträume 145
Triumph 148
Staunen als Belohnung von Neugier 150
Genugtuung bei verdienter Strafe (Satisfaktion) 154
Rührung, vor allem Rührung als Resultat von Wiedererkennung 160
Überraschung und Neuheit 167
Lachen als Entschärfung des Peinlichen 171
Liebe und Erotik als narrative Emotionen 174
Zusammenfassung 181

V. Das Narrativ als Antwort auf eine Krise 185
Was ist ein Narrativ? 186
Narrative zur Beendung von Krisen: Das Beispiel von 9/11 188
Narrative Therapie 193
Fehlende Narrative. Was ist das künftige Corona-Narrativ? 202
Zusammenfassung 209

VI. Identität als Pathologie 211
Lob der Spielbarkeit (Tulpamancie) 212
Tracking. Zur Genese des Konstrukts von Person 220
Rechtfertigen als Basis der narrativen Person 225
Identität als Pathologie 234
Zusammenfassung 239

VII. Multiversionale Wirklichkeit, vielschichtige Narrationen 243
Antizipation (predictive brain) 245
Multiversionalität (Spannung) 247
Modell des multiversionalen Denkens 252
Narratives Denken 257
Zusammenfassung 260

VIII. Evolution des narrativen Gehirns: Die Bühne als Geburtsort der Bewusstseinsmobilität 263
Geteilte Aufmerksamkeit 271
Der Darsteller: Von der Täuschung zur Vorführung für die anderen 275
Der Beobachter: Die Kultivierung der Rezeptivität 277
Narrative Elemente der frühen Bühne 281
Zusammenfassung 287

Ausblick. Auszug aus der narrativen Unmündigkeit 291

Danksagung 301
Anmerkungen 304
Bibliographie 34

Buchumschlag Das narrative Gehirn