Buchtipp: "Der Sinn des Gebens" von Stefan Klein

Erstellt von Michael Ditsch | | Spiritualität & Lebenskunst

Warum Selbstlosigkeit in der Evolution siegt und wir mit Egoismus nicht weiterkommen

Selbstlos siegt! Welche Gesetze über Erfolg und Misserfolg in unserem Leben bestimmen. Den Selbstlosen gehört die Zukunft: Das ist die erstaunliche Quintessenz des neuen Buches von Stefan Klein, das unser Denken und Handeln verändern wird. Denn die neueste Forschung lässt die Ehrlichen keineswegs als die Dummen dastehen. Entgegen unserem Alltagsglauben schneiden Egoisten nämlich nur kurzfristig besser ab. Auf längere Sicht haben diejenigen Menschen Erfolg, die sich um das Wohl anderer bemühen. Denn nicht nur Wettbewerb, sondern auch Kooperation ist eine Triebkraft der Evolution. Ein Sinn für Gut und Böse ist uns angeboren. Stefan Klein zieht einen faszinierenden Querschnitt durch die aktuellen Ergebnisse der Hirnforschung und der Genetik, der Wirtschaftswissenschaften und der Sozialpsychologie. Er zeigt, welche Gesetze über Erfolg und Misserfolg in unserem Leben bestimmen. Und er stellt dar, warum menschliches Miteinander und das Wohlergehen anderer zu unseren tiefsten Bedürfnissen gehören. Für andere zu sorgen schützt uns nicht nur vor Einsamkeit und Depression. Vielmehr macht uns Selbstlosigkeit glücklicher und erfolgreicher - und beschert uns nachweislich sogar ein längeres Leben.

© Text und Bild Fischer

Kommentar

Stefan Klein hat ein sehr optimistisches Buch über den menschlichen Altruismus geschrieben: "Dieses Buch ist eine Einladung, die freundliche Seite unseres Wesens zu erkunden." Klein, 2011, S. 16

Allerdings sehe ich das nicht als Nachteil. Eine umfassende Diskussion über die menschliche Natur hätte den Rahmen des Buches gesprengt. Über die dunkle Seite unseres Wesens gibt es außerdem genügend Literatur, wie z.B. "Der Luzifer-Effekt" von Philip Zimbardo.

Der Autor geht im Wesentlichen der Frage nach, ob der Mensch in der Lage sein wird, die Krisen unserer heutigen Zeit im Rahmen einer globalen Gemeinschaft bewältigen zu können.

"Die Geschichte der Menschheit begann mit einer altruistischen Revolution - unsere Vorfahren fingen an, für ihre Nächsten zu sorgen. Nur gemeinsam hatten sie eine Chance in einer Welt, in der Nahrung knapp wurde, weil das Klima sich wandelte. Heute stehen wir vor einer ähnlichen Schwelle: Die Herausforderung ist, Zusammenarbeit in viel größerem Maßstäben zu lernen. Es ist Zeit für eine zweite altruistische Revolution." Klein, 2011, S. 16

Zunächst gilt es zu klären, was unter Egoismus und Altruismus zu verstehen ist.

"Und an der Frage, wer die Kosten trägt und wer den Nutzen hat, offenbart sich sofort, ob sich ein Mensch egoistisch oder altruistisch verhält: Ein Egoist genießt einen Nutzen, für den andere zahlen. Extrem egoistisch benimmt sich etwa ein Dieb. Ein Altruist dagegen nimmt eigene Kosten in Kauf, um für andere Nutzen zu stiften - zum Beispiel, indem er etwas verschenkt, ohne dass eine Gegenleistung zu erwarten steht. Diese Definition verwendet auch die Verhaltensforschung." Klein, 2011, S. 27

Altruismus ist evolutionsbiologisch allerdings schwer zu erklären. Darwin selbst hatte keine Lösung für die Frage gefunden, wieso die natürliche Selektion altruistisches Verhalten nicht aus dem Genpool entfernt hat.

Im ersten Teil seines Buches zeigt Stefan Klein anhand vieler Fakten aus der Spieltheorie, der Neuro- und der Evolutionsbiologie, "... dass Kooperation und sogar Selbstlosigkeit sich durchsetzen können, weil sie sich oft langfristig lohnen." Klein, 2011, S. 137

Wie unsere Spezies die Fähigkeit zu altruistischen Handeln erlangt hat und wie erfolgreich sie damit in der Evolution bestehen konnte, beschreibt Stefan Klein im zweiten Teil seines Buches. In seiner Beweisführung erwähnt er auch die Arbeit von Sarah Blaffer Hrdy (siehe Link unten). Die weltweite Entstehung von Hochkulturen (Achsenzeit ca. 500 v.Chr.) stellte den Menschen vor neue Herausforderungen.

"Statt in überschaubaren Dörfern und Sippen lebten Menschen nun in größeren Verbänden dicht zusammen, oft ohne auch nur im Entferntesten verwandt zu sein. Trotzdem mussten sie lernen, in Eintracht zu leben." Klein, 2011, S. 242

Für das Zusammenleben in größeren Zivilisationen hat die biologische Evolution den Mensch nicht optimiert. Er musste lernen seine angeboren empathischen Fähigkeiten zu einer allgemeingültigen Moral zu transformieren. Die Essenz dieser Transformation ist die "Goldene Regel", welche, in verschiedenen Formulierungen, bei allen Kulturen entstanden ist.

"Bis in die Wortwahl gleichen sich auch die Umschreibungen der 'Goldenen Regel', die in all diesen Lehren zentrale Bedeutung hat. Wiederum hat Konfuzius sie als Erster aufgestellt haben: 'Was man mir nicht antun soll, will ich auch nicht anderen Menschen zufügen." Klein, 2011, S. 248

Von Immanuel Kant wurde die "Goldene Regel" weiterentwickelt: "Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne." Klein, 2011, S. 251

Als Erfolgsgeschichte des selbstlosen Handelns nennt Stefan Klein die Entstehung freier Software, wie z.B. Linux und die vielen selbstlosen Projekte im World Wide Web wie z.B. Wikipedia. Das Internet und die Informationsgesellschaft sieht der Autor auch als eine große Chance für das Zusammenwachsen der globalen Völkergemeinschaft. Die Entstehung einer Weltgemeinschaft ist nach Stefan Klein auch notwendig zur Lösung der derzeitigen und kommenden ökologischen und wirtschaftlichen Krisen.

"Während der längsten Zeit der Menschheitsgeschichte kooperierten unsere Vorfahren, weil ihnen ein gewissen Maß selbstloser Neigungen angeboren war und weil sie Gruppennormen befolgten. Dies, und nicht der in freien Märkten kanalisierte Egoismus, ist das Fundament, auf dem jedes menschliche Zusammenleben ruht." Klein, 2011, S. 267

"Wenn die Bereitschaft, selbstlos zu handeln, durch vielfältige Gruppenzugehörigkeiten wächst, dann sollte die Vernetzung der Welt bewirken, dass immer mehr Menschen sich altruistisch verhalten. Viel spricht dafür, dass diese Annahme zutrifft." Klein, 2011, S. 271

Die optimistische Grundhaltung des Buches wird von Stefan Klein bis zum Schluss durchgehalten.

"Zum ersten Mal in der Geschichte zeichnet es sich ab, dass Menschen über alle Grenzen hinweg teilen - weil Kulturen und Kontinente zusammenwachsen, weil Entfernungen kaum mehr zählen, weil Wissen zum wertvollsten Produktionsmittel wird. ... Je mehr Menschen weltweit übereinander wissen und voneinander abhängen, desto stärker steigt der Nutzen der Selbstlosigkeit, während ihre Kosten sinken. Die Zukunft gehört den Altruisten." Klein, 2011, S. 276

Hoffen wir das Beste!

Buchtipp: "Der Sinn des Gebens" von Stefan Klein