Buchtipp: "Die Gabe der Erinnerung und die Kunst des Vergessens" von Lisa Genova

Erstellt von Michael Ditsch | | Körper & Psyche

Wie unser Gedächtnis funktioniert

Erschrecken Sie, wenn Ihnen der Name eines bekannten Menschen nicht einfällt? Wenn Sie nicht wissen, warum Sie in einen bestimmten Raum gegangen sind? Sind das simple Gedächtnislücken oder bedenkliche Anzeichen? Lisa Genova beruhigt: Unser Gehirn kann sich nicht alles merken, Vergessen gehört zu seinen Grundfunktionen. Was unser Gedächtnis leistet, grenzt an ein Wunder. Aber perfekt ist es nicht. Vergesslichkeit ist etwas ganz Natürliches. Lisa Genova erklärt, wie Erinnerungen entstehen und wie wir sie abrufen können, und zeigt, wie es uns gelingt, Erinnerung zu gestalten und zu sichern und wie wir durch das Vermeiden toxischer Verhaltensweisen unser Erinnerungsvermögen steigern und das Risiko von Alzheimer und Demenz minimieren. © Bild und Text Allegria. Genova, Lisa (2021): Die Gabe der Erinnerung und die Kunst des Vergessens - Wie unser Gedächtnis funktioniert, Berlin: Allegria E-Book

Kommentar

# Wer Freunde, Verwandte oder Bekannte mit pflegebedürftigen Angehörigen hat, Menschen aus dem Bereich der Altenpflege kennt, oder bereits selbst Angehörige versorgt, derjenige weiß um diese besondere Achtsamkeit und Empfindlichkeit, wenn es um die Vergesslichkeit älterer Menschen geht. Mit dem Oberbegriff "Demenz" wird eine Kombination von Symptomen verschiedener Erkrankungen bezeichnet, die hauptsächlich die Verschlechterung kognitiver Fähigkeiten zu Folge haben. Die häufigste Ursache für eine zunehmende Demenz ist die Alzheimer-Krankheit.

# Aber auch im normalen Lebensalltag kommt es immer wieder zu Situationen, bei denen wir mit unserer Gedächtnisleistung und unserer Vergesslichkeit konfrontiert werden. Prüfungen in Schule oder Studium, Einkaufen im Supermarkt, Aufgaben in der Arbeit, Reminiszenzen bei einem Gespräch mit Freunden, oder einfach nur verlegte Gegenstände wie z.B. eine Lesebrille. Müssen wir uns deshalb Sorgen machen? Können wir uns auf unser Gedächtnis überhaupt verlassen? Wie funktioniert eigentlich unser Gedächtnis?

# Diese und weitere Fragen versucht Lisa Genova in ihrem neuen Buch "Die Gabe der Erinnerung und die Kunst des Vergessens - Wie unser Gedächtnis funktioniert" zu beantworten. Obwohl sie als Wissenschaftlerin nicht mehr selbst in der Forschung tätig ist, besitzt sie doch den nötigen Hintergrund, um sich mit diesem schwierigen und sensiblen Thema auseinanderzusetzen. Laut Angaben auf Ihrer Website studierte Lisa Genova Biopsychologie am Bates College und promovierte in Neurowissenschaften an der Harvard University (Genova 2022). Mit der Alzheimer-Krankheit wurde sie in der eigenen Familie konfrontiert, als ihre Großmutter daran erkrankte.

# Bekannt geworden ist Lisa Genova durch ihre Romane über Personen mit neurologischen Störungen. Im Jahre 2007 veröffentlichte sie ihren Debütroman "Still Alice" über die fiktive Harvardprofessorin Alice Howland, die an einer früh beginnenden Variante der Alzheimer-Krankheit leidet. Das Buch wurde Jahr 2014 mit Julianne Moore in der Hauptrolle verfilmt. Den Roman habe ich nicht gelesen und auch den Film habe ich nicht gesehen. Neben weiteren Romanen ist "Die Gabe der Erinnerung und die Kunst des Vergessens", welches im März 2021 mit dem Originaltitel "Remember -  The Science of Memory and the Art of Forgetting" bei Harmony Books erschienen ist, das erste Sachbuch von Lisa Genova. Ausschlaggebend für die Veröffentlichung waren anscheinend Fragen und Sorgen von Menschen, die ihre Bücher gelesen haben oder bei ihren Vorträgen waren.

"Sowohl als Neurowissenschaftlerin wie auch als Autorin von Still Alice (Mein Leben ohne Gestern) habe ich über zehn Jahre weltweit vor Publikum über Gedächtnis und Alzheimer-Krankheit gesprochen. Ausnahmslos nach jedem Vortrag warten Zuhörer auf mich im Foyer oder umringen mich im Aufenthaltsraum, um ihre persönlichen Sorgen über Erinnerungslücken und Vergessen zu äußern. Viele haben einen Eltern- oder Großelternteil oder einen Ehepartner, der unter Demenz litt oder leidet. Sie waren Zeugen dessen, welch verheerende und qualvolle Auswirkungen ein schwerwiegender Gedächtnisverlust hervorruft. Wenn diese Menschen sich nicht an ihr Passwort bei Netflix oder an den Titel des Films erinnern können, in dem Tina Fey die Hauptrolle gespielt hat, befürchten sie, derartige Ausfälle seien vielleicht frühe Anzeichen dafür, dass sie ebenfalls von einer unvermeidlichen Krankheit ereilt werden." (Genova 2021)

# Gängige Menschenbilder wie z.B. die Maschinenmetapher und die Computermetapher bestimmen immer noch unsere Vorstellung über die Funktionsweise des menschlichen Körper-Geist Systems. Das Herz als Pumpe, die Muskeln als Motoren, das Auge als Kamera und das Gehirn als Steuerungszentrale mit Festplatte und Arbeitsspeicher. Der Hype um humanoide Roboter und sogenannte "Künstliche Intelligenz" vermittelt oftmals den Eindruck, als ob sich der Mensch sehr leicht nachbauen lasse. Der Eindruck täuscht aber, da die Wissenschaft, trotz vieler Erkenntnisse und Erfolge, eigentlich erst am Anfang des Verständnisses neurobiologischer Prozesse steht.

# Sehr gut finde ich daher, wie Lisa Genova bestehende Mythen und Ansichten widerlegt und sehr verständlich die Art und Weise unserer Gedächtnisfunktionen beschreibt. Gut gelungen ist der Aufbau des Buches. Im ersten Kapitel werden die Grundlagen unseres Erinnerns beschrieben, das zweite Kapitel beschäftigt sich mit dem Vergessen und im dritten Kapitel werden die Auswirkungen unseres Alltags auf die Gedächtnisleistung erläutert. Gut finde ich das abschließende Kapitel "Was man mit alldem anfangen kann", da hier in Kürze die wesentlichsten Aussagen des Buches zusammengefasst werden. Im Anhang "Empfohlene Lektüre" finden sich Hinweise zur weiteren Vertiefung.

# Leider enthält das Buch keine evolutionsbiologische Betrachtung unserer Gedächtnisfunktion. Es ist doch eine interessante Frage, warum das menschliche Gehirn angeblich so "fehlerhaft" im Vergleich zu einem Computer funktioniert, der Homo sapiens aber trotzdem seit 300.000 Jahren auf der Erde überlebt hat? Anscheinend war es nicht das Ziel der biologischen Evolution, dass wir uns an den Schulstoff der 4. Klasse oder an Geschäftstermine erinnern.

"Das Gedächtnis verfährt ziemlich ökonomisch. Eingebettet in eine Nussschale, haben sich unsere Gehirne in der Weise entwickelt, dass sie sich an das Wesentliche erinnern und das Unwesentliche vergessen." (Genova 2021)

# Beim Lesen wird spürbar, dass Lisa Genova bisher Romane geschrieben hat, mit denen sie ein eher intellektuelles, liberales US-amerikanisches Publikum angesprochen hat, wenn z.B. bestimmte Schauspieler, Künstler, Bücher oder Filme erwähnt werden. Trotz der anspruchsvollen Thematik ist ihr Buch spannend geschrieben und gut zu lesen, da sie auf Fußnoten oder Anmerkungen im Text verzichtet und wissenschaftliche Fakten in einem lockerem Erzählstil erläutert. Sehr gut finde ich, wie sie ihre Leserschaft mit persönlichen Einblicken, praktischen Hinweisen, Beispielen und Übungen aus dem Lebensalltag anspricht und miteinbezieht.

# Sehr interessant war für mich, dass Lisa Genova sehr deutlich hervorhebt, wie wichtig Aufmerksamkeit für die Bildung von Erinnerungen ist, und wie schädlich sich chronischer Stress auf die Gehirnaktivität und die Gedächtnisleistung auswirkt. Interessant deshalb, weil wir in Zeiten leben, in denen Aufmerksamkeit zu einem Wirtschaftsfaktor geworden ist, der für viele Tech-Konzerne die Geschäftsgrundlage bildet. Einige Bücher, die ich letzter Zeit gelesen habe, thematisieren die sogenannte "Aufmerksamkeitsökonomie" und ihre Folgen für unser Leben. Sehr zu empfehlen: "Stell dir vor … - mit Mut und Fantasie die Welt verändern" von Rob Hopkins, "Nichts tun - Die Kunst, sich der Aufmerksamkeitsökonomie zu entziehen" von Jenny Odell, "Klick - Wie wir in einer digitalen Welt die Kontrolle behalten und die richtigen Entscheidungen treffen" von Gerd Gigerenzer, "Das neue Lernen - heißt Verstehen" von Henning Beck (Links siehe unten).

"Wir leben in einer vernetzten, äußerst hektischen Zeit, werden heimgesucht von allerlei Ablenkung. Smartphone, Facebook, Twitter, Instagram, SMS-Benachrichtigungen, E-Mails, unaufhörlich rasende Gedanken – all das sind Räuber der Aufmerksamkeit und damit auch der Erinnerung. Erst wenn Sie die Angebote zur Zerstreuung weniger wahrnehmen oder sie ganz außen vor lassen, verbessern Sie Ihre Gedächtnisleistung." (Genova 2021)

# Lisa Genova geht auch auf das sogenannte "Gedächtnis-Hacking" ein, wie es schon sehr beeindruckend das Buch "Das trügerische Gedächtnis - Wie das Gehirn Erinnerungen fälscht" von Julia Shaw aufgezeigt hat (Link siehe unten). Unser Gedächtnis lässt sich nämlich sehr leicht manipulieren und es können sogar Erinnerungen an Ereignisse erzeugt werden, die wir gar nicht selbst erlebt haben. Die Implikationen sind sehr weitreichend, wenn allein der Bereich der Rechtsprechung betrachtet wird.

"Da das episodische Gedächtnis durch Sprache und irreführende Fragen ziemlich leicht zu manipulieren ist, sollten wir ihm nicht vertrauen, wenn es über wichtige Angelegenheiten zu entscheiden hat, etwa Gerichtsurteile und Gefängnisstrafen, oder? Fast die Hälfte der US-Amerikaner meint, die Aussage – und somit das Gedächtnis – eines einzigen Augenzeugen genüge, einen Angeklagten zu verurteilen. Bis September 2019 wurden in den Vereinigten Staaten 365 unschuldig verurteilte Personen mittels DNA-Tests freigesprochen. Unter ihnen waren ungefähr 75 Prozent aufgrund von Augenzeugenberichten schuldig gesprochen worden. Mithin erwiesen sich all diese Erinnerungen an das Tatgeschehen als falsch" (Genova 2021)

# Auf die spirituellen Aspekte ihrer Erkenntnisse geht Lisa Genova nur indirekt ein. Unsere Identität, wer wir sind und wer wir waren, unser Ich- und Menschsein, definieren wir maßgeblich über unsere Erinnerungen. Wenn wir aber unserem Gedächtnis nicht mehr trauen können, wenn wir sogar unsere Erinnerungen an unser Leben gänzlich verlieren, was bleibt letztlich?

"Schließlich wird das Gedächtnis nicht benötigt, um die gesamte Bandbreite menschlicher Gemütsbewegungen zu empfinden. Sie brauchen es zum Beispiel nicht, um zu lieben und sich geliebt zu fühlen. Meine Großmutter erkannte niemanden von uns, als sie mit Alzheimer starb. Sie hatte ihren Ehenamen vergessen, all ihre neun Kinder und die noch zahlreicheren Enkel. Sie erkannte weder ihr Haus als ihr Zuhause noch ihr Gesicht im Spiegel. Sie dachte, ihre Tochter Mary, die ihr während der letzten vier Lebensjahre als Vollzeitpflegekraft diente, sei eine Obdachlose, der sie freundlicherweise Unterkunft gewährt habe. Im Endstadium der Krankheit hätte ich nicht einmal eine Tasse Kaffee für ihr Gedächtnis verwettet. Doch selbst am Tag ihres Todes spürte sie, dass sie geliebt wurde. Sie wusste nicht, wer wir sind, erwiderte aber unsere Liebe." (Genova 2021)

Hinweis
Das Buch von Lisa Genova habe ich im EPUB-Format erworben, bei dem die Textdarstellung variabel ist und sich der jeweiligen Bildschirmgröße automatisch anpasst. Bei den Zitaten habe ich deshalb keine Seitenzahlen angegeben und auch auf die Angabe der Kapitel verzichtet.

Quellen

  • Genova, Lisa (2021): Die Gabe der Erinnerung und die Kunst des Vergessens - Wie unser Gedächtnis funktioniert, Berlin: Allegria E-Book
  • Genova, Lisa (2022): This is me, [online] www.lisagenova.com [31.01.2022]

Links

Inhalt

Die Autorin / Das Buch
Titelseite
Impressum

Einleitung

1. Teil – Wie wir uns erinnern

1 – Erinnerungen zur Grundlage machen
2 – Seien Sie aufmerksam
3 – Im Augenblick leben
4 – Muskelgedächtnis
5 – Die Wikipedia Ihres Gehirns
6 – Was geschehen ist

2. Teil – Warum wir vergessen

7 – Ihre Erinnerungen (an das, was geschehen ist) sind falsch
8 – Zungenspitzenphänomen
9 – Vergessen Sie nicht, sich zu erinnern
10 – Auch dies geht vorbei
11 – Vergessen Sie es
12 – Normaler Alterungsprozess
13 – Alzheimer

3. Teil – Verbessern oder verschlechtern

14 – Stellen Sie einen Zusammenhang her
15 – Stressgeplagt
16 – Gehen Sie schlafen!
17 – Vorbeugung gegen Alzheimer
18 – Das Gedächtnis-Paradox

Anhang

Was man mit alldem anfangen kann
Empfohlene Lektüre
Dank

Buchumschlag Die Gabe der Erinnerung und die Kunst des Vergessens