Buchtipp: "Die Schwerkraft ist kein Bauchgefühl" von Florian Aigner

Erstellt von Michael Ditsch | | Spiritualität & Lebenskunst

Eine Liebeserklärung an die Wissenschaft

Kopf oder Bauch, auf wen hören Sie eher? Wie können wir in einer Zeit voller Fake News und Verunsicherung wissen, worauf wir uns verlassen können? Wann darf man intuitiv entscheiden, und wie können wir sicher sein, dass wir nicht gefährlichen Irrlehren Glauben schenken? Leichtfüßig und humorvoll beschreibt Florian Aigner, was wissenschaftliches Denken bedeutet und was Fakten von Fakes unterscheidet. In anschaulichen wie erstaunlichen Geschichten unternimmt er eine Reise von der Mathematik über die Physik bis zur Philosophie und zeigt: Gerade weil sich Wissenschaft ständig verändert, können wir uns auf sie verlassen. Manchmal braucht man einfach mehr Gespür als Verstand: Auch das muss man anerkennen, sagt Aigner. Das heißt aber nicht, dass wir den vielen pseudowissenschaftlichen Blödsinn, der uns erzählt wird, einfach glauben müssen. Im Gegenteil: Wenn wir verstehen, wie Wissenschaft funktioniert und wo ihre Grenzen liegen, sind wir gegen Humbug immun! © Bild und Text Brandstätter. Aigner, Florian (2020): Die Schwerkraft ist kein Bauchgefühl - Eine Liebeserklärung an die Wissenschaft, Wien: Brandstätter E-Book

Kommentar

# Seit Gründung der Bundesrepublik Deutschland (BRD) waren es hauptsächlich wirtschaftliche und gesellschaftspolitische Themen, die intensiv in der Öffentlichkeit diskutiert wurden. Trotz mancher Probleme herrschte die Vorstellung, dass die Entwicklung zu Frieden und Wohlstand immer so weitergehen würde, auch weil der Hegemon und Bündnispartner USA eine Weltordnung garantierte, in der sich die BRD auf ihre wirtschaftliche Entwicklung konzentrieren konnte. Die Globalisierung wurde daher hauptsächlich im Zusammenhang mit Begriffen wie Exportweltmeister oder Reiseweltmeister gesehen. Die liberale Demokratie und eine freie bzw. soziale Marktwirtschaft schienen Erfolgsmodelle zu sein, die sich weltweit durchsetzen würden. Die Zeiten haben sich geändert. Nun werden mit der Globalisierung Begriffe wie Pandemie, Klimawandel, Artensterben oder Migration verbunden. Der Aufstieg Chinas verändert nicht nur die derzeitige Weltordnung, sondern es stellt sich auch die Systemfrage, wenn ein autoritär geführter Staat, mit einer gelenkten Volkswirtschaft, zu einer globalen Macht werden kann. In den USA hat sich während einer vierjährigen Präsidentschaft gezeigt, welchen Einfluss "Fake News" und "Social Media" in einer Demokratie haben können. Aber auch hierzulande wird die Meinungsbildung immer schwieriger, da etablierte Medien und Angebote der US-amerikanischen Plattformökonomie, wie etwa Suchmaschinen oder soziale Netzwerke, täglich eine überwältigende Masse an teils widersprüchlichen Informationen erzeugen. Unsichere Zeiten also und daher stellt Florian Aigner im Vorwort seines neuen Buches die richtigen Fragen:

"In dieser komplizierten Welt haben wir große, schwierige Fragen zu beantworten: Worauf können wir uns eigentlich verlassen? Was können wir wissen? Und was sollen wir glauben?" (Aigner 2020)

# Florian Aigner ist Physiker und Wissenschaftspublizist. Schon sein 2016 erschienenes, sehr empfehlenswertes Buch "Der Zufall, das Universum und du" habe ich mit großer Begeisterung gelesen. Sein neues Buch "Die Schwerkraft ist kein Bauchgefühl" trägt den Untertitel "Eine Liebeserklärung an die Wissenschaft" und knüpft an eine Debatte an, die zur Zeit in unserer Republik mit großer Heftigkeit geführt wird. Die Auseinandersetzungen um Maßnahmen, die im Zusammenhang mit dem Klimawandel oder der aktuellen Pandemie stehen, rücken wissenschaftliche Erkenntnisse und einzelne Wissenschaftler in den Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit. Vehement wird über CO2-Werte, Inzidenzen oder Exponentialfunktionen gestritten. Von verschiedenen Seiten werden dabei die Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung in Frage gestellt, Fakten geleugnet und sogenannte "alternative Fakten" verbreitet. Die Skepsis gegenüber der wissenschaftlichen Expertise wird noch verstärkt, wenn sich Aussagen aus dem Bereich der Forschung ständig verändern und Wissenschaftler sich anscheinend nicht über die Interpretation der Ergebnisse einigen können. Von der Wissenschaft werden also eindeutige Handlungsempfehlungen erwartet, die direkt in politische Maßnahmen umgesetzt werden können. Kann die Wissenschaft das überhaupt leisten? Wie funktioniert eigentlich Wissenschaft?

# Für die meisten Menschen ist die Wissenschaft ein unbekanntes Territorium. In die Schlagzeilen der Medien schaffen es meist nur Meldungen über spektakuläre Entdeckungen oder über die Ergebnisse von Studien, die gerade tagesaktuelle Themen betreffen. Doch wie kommt es zu diesen Entdeckungen und wie entstehen wissenschaftliche Studien? Die Unkenntnis über die wissenschaftliche Arbeitsweise kann zu Zweifel und Misstrauen, und im Extremfall sogar zu Wissenschaftsfeindlichkeit führen. Florian Aigner ist es daher ein großes Anliegen, die Bedeutung der Wissenschaft für unser Leben herauszustellen und einem breiten Publikum auf verständliche Weise zu vermitteln. Den Leser möchte er deshalb auf eine "Abenteuerreise" (Aigner 2020) durch die Welt der Wissenschaft mitnehmen, ohne dabei den Anspruch zu erheben, dass er ein vollständiges Bild oder gar eine umfassende Definition der Wissenschaft bieten kann. Trotzdem gelingt es Florian Aigner, anhand von lebendig erzählten Ereignissen und Anekdoten aus der Wissenschaftsgeschichte, einen guten Überblick über die wissenschaftliche Methodik zu geben und wesentliche Begriffe, wie z.B. Induktion und Deduktion, Falsifizierbarkeitskriterium, Paradigma oder Peer Review, zu erklären. Auch problematische Themen, wie z.B. der Publication Bias, die Replikationskrise oder das Expertenproblem, werden angesprochen. Wissenschaftler sind auch Menschen, machen daher Fehler, handeln irrational und können getrieben sein von Ehrgeiz, Neid und Hochmut. Wenn es nun auch in der Welt von Logik und Vernunft "menschelt", wie kann dann sichergestellt werden, dass es letztlich zu allgemeingültigen Aussagen kommt? Hier greifen die, wie ich es nenne, "Selbstheilungskräfte" des wissenschaftlichen Systems. Florian Aigner beschreibt sehr gut, dass Wissenschaft eine Gemeinschaftsleistung ist, ein weltumspannendes, interdisziplinäres Netz von Forschern, deren wissenschaftlicher Konsens verlässlicher als eine Einzelmeinung ist.

# Die sehr betonte Gegenüberstellung von "Wissenschaft" und "Esoterik" halte ich für einen dramaturgischen Kniff des Autors Florian Aigner, da es bei einer Erzählung zu jedem Helden auch einen Schurken braucht. Der Wissenschaftler Florian Aigner wird sehr genau wissen, dass Pauschalisierung und Schubladendenken für den Erkenntnisgewinn eher hinderlich sind. Für den Begriff "Esoterik" ist mir keine allgemein anerkannte Definition bekannt. Im Sinne der Wortbedeutung ist für mich z.B. Quantenphysik sehr esoterisch (nur für Eingeweihte verständlich, zugänglich). Homo sapiens gibt es seit ca. 300.000 Jahren, intelligent und neugierig waren die Menschen schon immer, sonst hätte unsere Spezies nicht überlebt, und seit jeher haben die Menschen versucht sich und ihre Welt zu verstehen. Warum also sollten sich in überlieferten Traditionen nicht Schätze finden lassen, die auch heute noch wertvoll für unser Leben sein könnten? Ethnopharmazie und pharmazeutische Biologie z.B. suchen Wirkstoffe für neue Medikamente auch in dem Wissen der schamanischen Heilkunst. Erst kürzlich gab es einen Beitrag bei Terra-X über ein Forscherteam der Universität von Nottingham, welches in einem mittelalterlichen Rezeptbuch die Beschreibung für eine Salbe entdeckt hat, die sich in ersten Tests als hochwirksam gegen heutige multiresistente Keime erweist (Ein Tag im Mittelalter, Film von Jan Karitzky, 3sat, Sendung vom 15.11.2020). Skeptisches Hinterfragen und kritisches Denken sind sehr wichtig, es sollte daraus aber keine wissenschaftliche Inquisition oder eine dogmatische Weltanschauung entstehen. Eine Ausbildung zum "schamanischen Heiltrommler" (Aigner 2020) sehe ich nicht als Herausforderung für die, im Grundgesetz verankerte, Freiheit von Forschung und Lehre, sondern eher die zunehmende Kommerzialisierung von Wissenschaft und Forschung, wie sie sich in der Entwicklung zur "unternehmerischen" Hochschule und der Abhängigkeit von Drittmitteln aus der Wirtschaft zeigt.

# Mich persönlich hat es sehr positiv überrascht, wie gut es Florian Aigner gelungen ist, das Wissenschaftssystem in einen gesamtgesellschaftlichen Kontext einzuordnen und die Grenzen wissenschaftlichen Wirkens sehr klar aufzuzeigen. Sehr hilfreich finde ich den Hinweis am Anfang des Buches: "Wissenschaftliche Präzision hingegen war in unserer Evolutionsgeschichte meistens ziemlich nutzlos." (Aigner 2020). Auch die Neurowissenschaftlerin Lisa Feldmann Barret betont im Kapitel "Your Brain Is Not for Thinking" in ihrem Buch "Seven and a Half Lessons About the Brain" (Link siehe unten), dass es bei der biologischen Evolution zuallererst um das Überleben eines Organismus und die Weitergabe seiner Gene geht, und nicht um das Erkennen einer objektiven Realität. Überhaupt zeigen die Forschungsergebnisse der modernen Neuro- und Kognitionswissenschaften, dass Wahrheit und Wirklichkeit sehr relative Begriffe sind. Für sehr empfehlenswert halte ich die Veröffentlichungen von Donald D. Hoffman, Michael Tomasello, Anil Seth, Lisa Feldman Barrett, Vilaynur S. Ramachandran oder Julia Shaw (Links siehe unten). Mit Fragen zu Wahrnehmung und Realität haben sich übrigens schon hinduistische und buddhistische Gelehrte auseinandergesetzt und sind dabei zu erstaunlichen Resultaten gekommen. Die Wissenschaften mögen Wissen und Fakten schaffen, aber die wahrgenommene Realität wird in unseren Gehirnen erzeugt. Welt- und Menschenbilder entstehen im Kopf und können, mit oder ohne Kenntnis wissenschaftlicher Fakten, zu irrationalen Handlungen führen. Wer den anthropogenen Klimawandel willentlich leugnet, aus welchen Gründen auch immer, wird sich von wissenschaftlichen Tatsachen nicht beeindrucken lassen. Bei einer konstruierten Wirklichkeit stören auch Widersprüche nicht, daher ist es auch nicht verwunderlich, wenn z.B. Fundamentalisten jeglicher Couleur kein Problem damit haben, modernste Technik wie Smartphones oder Satellitennavigation zu benutzen. So gesehen sind die Ergebnisse der Wissenschaften nur Weiterentwicklungen des Faustkeils, Hilfsmittel also, welche als Werkzeuge oder als Waffen verwendet werden können, wie z.B. die Entdeckung der Kernspaltung sehr eindrücklich gezeigt hat. Leider befürchte ich, dass Florian Aigner mit seinem Buch nicht die Leser erreichen wird, die es eigentlich lesen müssten.

# Florian Aigner hat eine überzeugende "Liebeserklärung an die Wissenschaft" geschrieben. Auch, oder gerade weil ich mich als spirituellen Menschen sehe, kann ich mich dieser Liebeserklärung anschließen, da ich Wissenschaft nicht als Gegensatz zu Spiritualität oder als Ersatz für Spiritualität sehe, sondern als ein Weg zur Spiritualität (Link siehe unten). Jede Veröffentlichung über wissenschaftliche Themen, von der ich erfahre und die ich auch verstehe, erfüllt mich mit Staunen über das Wunder des Lebens. Leider scheint dieses Wunder so alltäglich zu sein, dass es nicht mehr als solches erkannt und wahrgenommen wird. Zu erkennen, dass ich Teil dieses Wunders bin, führt zu Demut, dem Ausgangspunkt spiritueller Entwicklung. Zum Abschluss noch zwei Zitate, die meine Überzeugung und mein Verhältnis zur Wissenschaft sehr gut zum Ausdruck bringen. Neben den Büchern von Florian Aigner kann ich auch das Buch von Rolf Heilmann "Auch Physiker kochen nur mit Wasser" sehr empfehlen.

"Auch die Schönheit der Natur spüren wir umso stärker, je besser wir sie verstehen. In den Sternenhimmel zu blicken und dabei über gewaltige Pulsare, schwarze Löcher und ferne Planeten nachzudenken, erzeugt ein viel ehrfurchtsvolleres Kribbeln im Bauch als das bloße Betrachten leuchtender Punkte. Und eine schöne Blume wird noch viel wunderbarer, wenn wir wissen, dass sie aus denselben Atomen besteht wie wir und dass sie Teil derselben Evolutionsgeschichte ist, die auch uns Menschen hervorgebracht hat." (Aigner 2020)

"Wir wissen nicht, was kommen wird. Nur eines wissen wir: Seit es Menschen gibt, haben sie gestaunt und sich gewundert. Sie haben versucht, hinter die Zusammenhänge zu kommen. Dabei entwickelten sie Phantasie und Kreativität. Das hat sie als Menschen ausgezeichnet. Wenn wir das Wundern und Fragen verlernen, vergessen wir, was uns zu Menschen macht." (Heilmann 2015, S.227)

Hinweis

Das Buch von Florian Aigner habe ich im EPUB-Format erworben, bei dem die Textdarstellung variabel ist und sich der jeweiligen Bildschirmgröße automatisch anpasst. Bei den Zitaten habe ich deshalb keine Seitenzahlen angegeben und auch auf die Angabe der Kapitel verzichtet.

Quellen

  • Aigner, Florian (2020): Die Schwerkraft ist kein Bauchgefühl - Eine Liebeserklärung an die Wissenschaft, Wien: Brandstätter E-Book
  • Heilmann, Rolf (2015): Auch Physiker kochen nur mit Wasser - Wo die Wissenschaft an ihre Grenzen gerät - Eine Entdeckungsreise, München: Herbig
  • Aigner, Florian (2016): Der Zufall, das Universum und du - Die Wissenschaft vom Glück, Wien: Brandstätter Verlag

Links

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Wissenschaft oder Bauchgefühl?

Eins plus eins ist zwei

Dieser Satz ist falsch

Schmutzige Gläser und reine Wahrheit

Alle Raben sind schwarz

Was nicht stimmt, muss nicht gleich falsch sein

Es lebe die Revolution!

So einfach wie möglich

Wie man mit der Wahrheit lügt

Ein Netz, das uns trägt

Auf den Schultern von Riesen

Auch kluge Leute reden Unsinn

Wissenschaft mit Bauchgefühl

Literatur

Danke!

Impressum

Buchumschlag Die Schwerkraft ist kein Bauchgefühl