Buchtipp: "Die Weisheit der Wälder" von Suzanne Simard

Erstellt von Michael Ditsch | | Erde & Mensch

Auf der Suche nach dem Mutterbaum

Die Forstwissenschaftlerin Suzanne Simard nimmt uns mit in ihre Welt, ins Zentrum des Waldes, und zeigt, dass Bäume viel mehr sind als bloße Rohstofflieferanten: Lebendige Wesen mit hochspezialisierten Aufgaben, die soziale Strukturen bilden und über ein Geflecht aus unterirdischen Netzwerken miteinander kommunizieren. Sie lernen, passen ihr Verhalten an die Bedingungen ihrer Umwelt an, erkennen Nachbarn, haben Erinnerungen und sogar einen Sinn für Zukunft. Sie konkurrieren miteinander und unterstützen sich gegenseitig auf erstaunlich hochentwickelte Weise – Eigenschaften, die normalerweise menschlichen Gesellschaften zugeschrieben werden. Im Zentrum von Simards Forschungen stehen die "Mutterbäume": alte, mächtige und geheimnisvolle Bäume, welche die anderen um sie herum versorgen, verbinden und beschützen. © Bild und Text btb Verlag. Simard, Suzanne (2022): Die Weisheit der Wälder - Auf der Suche nach dem Mutterbaum, München: btb Verlag E-Book

Kommentar

# Schon als Jugendlicher war ich sehr viel Draußen, in der sogenannten "Natur", unterwegs. Während langer Wanderungen war es nicht nur die körperlich-sinnliche Erfahrung, die mich "bewegt" hat, sondern auch ein stetes Gefühl der Lebendigkeit und Verbundenheit mit der Welt um mich herum. Wer selbst längere Wanderungen gemacht hat, kennt vielleicht diese Momente, wenn der Geist zur Ruhe gekommen ist, ein besonderer Aussichtspunkt oder der Gipfel eines Berges erreicht wurde, wie dann unmittelbar im Innehalten, eine innere Weite und Offenheit, intensive Empfindungen wie Ehrfurcht, Staunen und Demut zu spüren waren, sowie ein tiefes Gefühl von Frieden und Einssein.

# In der Schule war Biologie eines meiner Lieblingsfächer und auch später haben mich "grüne" Themen sehr fasziniert. Bedingt durch meine Interessen, und als eine Entscheidung zur Berufswahl anstand, entschloss ich mich eine Tätigkeit in der "grünen" Arbeitswelt anzustreben. Die Realität des Arbeitslebens war allerdings dann sehr ernüchternd, da die Betrachtung der "Natur" sich meist auf eine rein ökonomisch-technische Auseinandersetzung reduzierte. Bei den "grünen" Tätigkeiten spielt die Bewertung von "Natur" eine große Rolle, z.B. bei Baumkartierungen, Ausgleichsmaßnahmen bei Bauvorhaben oder Bestandsaufnahmen im Zuge von Grünordnungs- oder Landschaftsplanungen. In unserer technokratisch-materialistisch geprägten Gesellschaft bestimmen Tabellen, Listen, Analysen, Kosten-Nutzen-Kalkulationen, über das Sein und Nichtsein von Lebewesen.

# Andere Ansätze zum Umgang mit unserer Umwelt gibt es zur Genüge wie z.B. die Tiefenökologie (Link siehe unten) oder die Lebensweisheiten mancher indigener Völker. In einer Zeit aber, in der Technokratie und technologischer Solutionismus als Lösung aller Menschheitsprobleme verkündet werden, haben psychologisch-spirituelle Konzepte, welche die Ursache globaler Probleme beim menschlichen Individuum selbst verorten, einen schwierigen Stand. Wie wissenschaftliche Erkenntnis und Spiritualität vereint werden können, zeigt meiner Meinung nach das Buch "Die Weisheit der Wälder - Auf der Suche nach dem Mutterbaum" von Suzanne Simard, welches am 16. Mai 2022 vom btb Verlag veröffentlicht wurde. Die englischsprachige Originalausgabe erschien 2021 mit dem Titel "Finding the Mother Tree. Uncovering the Wisdom and Intelligence of the Forest" im Verlag Alfred A. Knopf. Suzanne Simard ist eine kanadische Forstwissenschaftlerin, die an der University of British Columbia tätig ist. Auf der Website der Universität findet sich auch eine gute Beschreibung ihrer Arbeit.

"Suzanne Simard, PhD, RPF, is Professor of Forest Ecology, Department of Forest and Conservation Sciences, Faculty of Forestry, University of British Columbia, Canada. At UBC, she has a vibrant research program, a teaching program focused on forest ecology and complexity science, and she is a strong contributor to the forestry profession in Canada. Her research is motivated by her desire for protecting our fundamental right to a clean and healthy environment. She contributes to this goal by conducting scientific research on the synergies and complexities of our natural world and the development of sustainable land stewardship practices that both conserve and protect the environment. Her research is centered on understanding the vital relationships between plants, microbes, soils, carbon, nutrients and water that underlie the adaptability, resilience and recovery of ecosystems. She works primarily in forests, but also grasslands, wetlands, tundra and alpine ecosystems. She is particularly known for her work on belowground networks that connect the creatures of the forest, and how these are fundamental to the complex adaptive nature of ecosystems." (UBC 2022)

# Ihr aktuelles Werk ist kein wissenschaftliches Fachbuch, sondern eher eine Art Autobiographie, in der Sie ihren persönlichen Werdegang beschreibt, mit teilweise sehr intimen Einblicken in das Leben ihrer Familie, parallel dazu aber erläutert, wie sie zu ihrem Forschungsschwerpunkt gekommen ist und welche Erkenntnisse sie bei ihrer Forschung gewonnen hat. Zentrales Thema und roter Faden ist dabei ein innerer Konflikt, der sich schon bei ihrer Tätigkeit als studentische Aushilfskraft in einer Holzfirma zeigte und ein wesentlicher Antrieb für ihre Wissenschaftslaufbahn war. Aufgewachsen in einer traditionellen Holzfällerfamilie in den Wäldern der kanadischen Provinz British Columbia, hatte sie schon früh ein Gespür für ökologische Zusammenhänge entwickelt. Dieses Gespür stand aber im Widerspruch zum damaligen Dogma der Holzindustrie und der Forstwissenschaft, die überzeugt waren, dass Evolution auf Konkurrenz basiert und daher profitable Baumarten nur durch Kahlschläge und radikale Ausmerzung der vorhandenen Vegetation gedeihen konnten.

"Durch das Fällen, Rücken und Flößen ohne Einsatz von Maschinen blieben die Wälder lebendig und wären imstande, sich zu erneuern. Offenkundig gab es gewaltige Unterschiede zwischen dem, was ich als Kind gelernt hatte, und dem, was die Forstindustrie und ich jetzt taten." (Simard 2022)

"Ich war Teil der Holzindustrie, dieses Geschäfts mit dem Abholzen von Bäumen, das darin bestand, Flächen zu roden, auf denen sie frei, natürlich und gesund herangewachsen waren. Meine Kollegen planten bereits die nächsten Kahlschläge, damit der Laden weiterlief und ihre Familien zu essen hatten, und ich verstand auch ihre Beweggründe. Aber die Sägen würden erst stillstehen, wenn ganze Täler verwüstet waren." (Simard 2022)

"Derweil tauchten überall in der Provinz die Kahlschläge auf wie Krebsgeschwüre, und die Forstwirtschaft vernichtete »Schädlinge«, als läge sie mit ihnen im Krieg. Erste Aktivisten regten sich, ketteten sich an Bäume. Im Clayoquot-Sund gab es gewaltige Proteste gegen die Abholzung, aber ich beteiligte mich nicht; ich kam zu dem Schluss, dass ich mehr tun konnte, wenn ich mich auf meine Forschungen konzentrierte." (Simard 2022)

# Sehr beeindruckend erzählt Suzanne Simard, wie sie trotz großer Widerstände, Anfeindungen und etlichen Schicksalsschlägen ihr Ziel nie aus den Augen verlor und letztlich nachweisen konnte, dass Kooperation ein wesentlicher Mechanismus der biologischen Evolution ist. Bahnbrechend sind ihre Forschungen über die Interaktion und Kommunikation von Bäumen über unterirdische Pilznetzwerke und die Rolle von großen, stark vernetzten Bäumen, so genannten "Hub Trees" oder "Mother Trees", für das Waldökosystem. Besonders wichtig ist ihre Forschung zu den komplexen Zusammenhängen der Waldökologie angesichts der Herausforderungen der Forstwirtschaft durch den Klimawandel.

# Bei Beiträgen in den Medien über die Wissenschaft, werden meist nur die Ergebnisse von Forschungsprojekten oder Studien präsentiert. Berichte über die eigentliche, oft langwierige und mühsame Forschungsarbeit finden sich eher selten. Sehr zu loben ist daher die Art und Weise, wie es Suzanne Simard gelingt, ihre aufwendigen Freilandexperimente detailliert zu beschreiben. Teilweise wird die Durchführung der Versuche so spannend erzählt, dass der Leser regelrecht den Atem anhält und mitfiebert, ob das jeweilige Experiment auch gelingt. Nebenbei wird auf diese Weise noch sehr viel forstwissenschaftliches, landeskundliches und ökologisches Wissen vermittelt.

# Durch die gewählte Erzählform, der Vermischung autobiographischer und wissenschaftlicher Inhalte, gelingt Suzanne Simard eine schwierige Gratwanderung, da sie einerseits mit den nüchternen, objektiven Ergebnissen ihrer Forschung argumentiert, andererseits eine zusätzliche subjektive, psychologisch-spirituelle Perspektive aufzeigt. Mit Beschreibungen ihrer tiefen Naturverbundenheit, mystischen Erlebnissen, Dialogen mit Pflanzen und Tieren, Weisheiten von ansässigen, indigenen Völkern wie den Nlaka’pamux, Secwepemc, Heiltsuk, Tsimshian oder Sinixt, und mit Analogien aus dem vertrauten, normalen, menschlichen Alltag, ermöglicht sie dem Leser einen emotionalen Zugang zu ihren persönlichen Motiven und ihrer wissenschaftlichen Arbeit.

"Ich wollte die Natur in Begriffen des menschlichen Lebens schildern, obwohl ich wusste, dass so etwas in der Wissenschaft auf Kritik stoßen würde, und sprach mit Absicht von »Müttern« und »Kindern«, damit die Zuhörer meinen Gedankengängen besser folgen konnten." (Simard 2022)

# Diese Vorgehensweise birgt natürlich die Gefahr, dass eine idealisierte Betrachtung der Natur (Romantisierung), die Übertragung menschlicher Eigenschaften auf Tiere und Pflanzen (Anthropomorphismus) und die Annahme einer Sonderstellung des Menschen (Anthropozentrismus), der Sache eher schadet. Daten und Fakten nützen allerdings auch nichts. Wer kennt schon die Berichte des IPBES zur Biodiversität (Link siehe unten) oder des IPCC zum Klimawandel (Link siehe unten)? Eher zeigt es sich, dass Emotionen bei Erzählungen, und damit auch in der Wissenschaftskommunikation, eine wichtige Rolle spielen, wie Fritz Breithaupt in seinem Buch "Das narrative Gehirn" sehr gut darlegt (Link siehe unten).

"Dies führte uns zu der These, dass ein entscheidendes Merkmal von Narrationen mit der Kommunikation von Emotionen verbunden ist: Emotionen bleiben im Gedächtnis besonders deutlich hängen und werden zum Anker, an dem Geschichten festgemacht werden können." (Breithaupt 2022, S. 135)

# Meiner Meinung nach können ökonomische, technische oder wissenschaftliche Argumente und Fakten allein keinen wirklichen Wandel im Umgang des Menschen mit seiner Umwelt bewirken. Nur eine Bewusstseinsveränderung hin zu einer eher spirituellen Sichtweise unseres Daseins auf dem Planeten Erde, könnte vielleicht zu einer Lösung der globalen Probleme beitragen. Selbst Wissenschaftsorganisationen wie der IPBES öffnen sich einer ganzheitlichen Betrachtung, die schon immer Grundlage indigenen Denkens war, und die auch Suzanne Simard als Resultat ihrer Arbeit sieht.

"Nature is understood by IPBES and by the values assessment in an inclusive way, encompassing multiple perspectives and understandings of the natural world, such as biodiversity and those perspectives of indigenous peoples and local communities who use and embody concepts like Mother Earth." (IPBES 2022)

"Der Blick, den ich auf diese Ideale hatte werfen können – es war ja kaum mehr als ein Glücksfall gewesen –, war ganz von der Sichtweise der westlichen Naturwissenschaften geprägt. Auf der Universität hatte ich gelernt, das Ökosystem zu analysieren, es auseinanderzunehmen, auf seine Bestandteile zu reduzieren, die Bäume und Pflanzen und Böden jeweils für sich zu studieren, damit ich den Wald objektiv betrachten konnte. Diese Art, die Dinge zu sezieren, sie zu kontrollieren, zu kategorisieren und zu kauterisieren, sollte angeblich Klarheit in unsere Ergebnisse bringen, Glaubwürdigkeit, Gültigkeit. Ich hatte mich an diese Methode gehalten, das Ganze zerpflückt und die Bestandteile betrachtet und hatte, was ich dabei herausfand, auch publizieren können; aber sehr schnell merkte ich, dass es so gut wie unmöglich war, eine Studie über die Vielfalt und Verbundenheit des Ökosystems als eines Ganzen zu veröffentlichen. Nicht verifizierbar!, riefen die Rezensenten meiner frühen Arbeiten. Aber irgendwie war ich mit meinen lateinischen Quadraten und vollständigen Versuchsplänen, mit meinen Isotopen und Massenspektrometern und Szintillationszählern, meiner Ausbildung, die mir eingeschärft hatte, ich müsse klare, untereinander vergleichbare Daten herausarbeiten, am Ende doch bei den Idealen der Ureinwohner gelandet: Auf die Vielfalt kommt es an. Und alles im Universum ist mit allem anderen verbunden – Beziehungen zwischen allem und jedem, zwischen Wald- und Grasland, Land und Wasser, zwischen Himmel und Erde, den Geistern und den Lebenden, den Menschen und allen anderen Geschöpfen." (Simard 2022)

"Wir haben es in der Hand, wir können das Steuer herumreißen. Es ist unser Mangel an Verbundenheit – und das verloren gegangene Verständnis für die erstaunlichen Fähigkeiten der Natur –, der für einen Großteil unserer Verzweiflung verantwortlich ist, und gerade gegenüber der Pflanzenwelt treten wir Menschen noch immer mit der größten Missachtung auf. Wenn wir sie als empfindsame Wesen begreifen, wird sich unsere Empathie, unsere Liebe zu Bäumen, Pflanzen und Wäldern auf natürliche Weise vertiefen, und dann werden wir auch neue Lösungen finden. Die Hinwendung zur Intelligenz der Natur selbst ist der Schlüssel." (Simard 2022)

Hinweis
Das Buch von Suzanne Simard habe ich im EPUB-Format erworben, bei dem die Textdarstellung variabel ist und sich der jeweiligen Bildschirmgröße automatisch anpasst. Bei den Zitaten habe ich deshalb keine Seitenzahlen angegeben und auch auf die Angabe der Kapitel verzichtet.

Quellen

  • Simard, Suzanne (2022): Die Weisheit der Wälder - Auf der Suche nach dem Mutterbaum, München: btb Verlag E-Book
  • UBC (2022): University of British Columbia (UBC) - Simard Lab - Faculty - Suzanne Simard, [online] simardlab.forestry.ubc.ca/people/ [06.08.2022]
  • Breithaupt, Fritz (2022): Das narrative Gehirn - Was unsere Neuronen erzählen, Berlin: Suhrkamp Verlag E-Book
  • IPBES (2022): Summary for policymakers of the methodological assessment of the diverse values and valuation of nature of the Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services. U. Pascual, P. Balvanera, M. Christie, B. Baptiste, D. González-Jiménez, C.B. Anderson, S. Athayde, R. Chaplin-Kramer, S. Jacobs, E. Kelemen, R. Kumar, E. Lazos, A. Martin, T.H. Mwampamba, B. Nakangu, P. O'Farrell, C.M. Raymond, S.M. Subramanian, M. Termansen, M. Van Noordwijk, A. Vatn (eds.). IPBES secretariat, Bonn, Germany. 37 pages. doi.org/10.5281/zenodo.6522392. Issued by the IPBES Secretariat on 11 July 2022

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Inhalt

Einige Anmerkungen der Autorin
Einleitung Verbindungen
1 Waldgespenster
2 Handarbeit
3 Durstig
4 Auf die Bäume!
5 Tödlicher Boden
6 Erlendickicht
7 Kneipenstreiterei
8 Radioaktiv
9 Quid pro quo
10 Steine bemalen
11 Miss Birch
12 Neun Stunden am Steuer
13 Bohrende Fragen
14 Geburtstage
15 Den Stab weitergeben
Epilog Das Mutterbaum-Projekt
Dank
Ausgewählte Quellen
Sach- und Personenregister
Bildnachweis
Bildteil
Endnoten

Buchumschlag Die Weisheit der Wälder