Buchtipp: "Die Zerbrechlichkeit der Welt" von Stefan Thurner

Erstellt von Michael Ditsch | | Erde & Mensch

Kollaps oder Wende. Wir haben es in der Hand.

Der Klimawandel schreitet voran, die Gesellschaft ist tief gespalten und der Wirtschaft droht ein Kollaps verheerenden Ausmaßes. Der Komplexitätsforscher Stefan Thurner, Berater der österreichischen Bundesregierung bei der Bekämpfung der Corona-Krise, zeigt anhand der Wissenschaft Komplexer Systeme, wie zerbrechlich die Welt geworden ist und wie wir sie mit Hilfe von Wissenschaft und Big Data doch noch zur besten aller Zeiten machen können. Prof. Dr. Stefan Thurner, geboren 1969 in Innsbruck, ist ein Physiker und Komplexitätsforscher. Seit 2009 ist er Professor für die Wissenschaft Komplexer Systeme an der Medizinischen Universität Wien. Seit 2015 leitet er den Complexity Science Hub Vienna (CSH). Vom Klub der Bildungs- und Wissenschaftsjournalisten wurde er als österreichischer Wissenschaftler des Jahres 2017 ausgezeichnet. © Bild und Text edition-a. Thurner, Stefan (2020): Die Zerbrechlichkeit der Welt - Kollaps oder Wende. Wir haben es in der Hand, Wien: edition-a E-Book

Kommentar

# Komplex oder kompliziert – gibt es da einen Unterschied? Früher habe ich beide Adjektive synonym verwendet, aber inzwischen achte ich auf den jeweiligen Kontext. Auf Anhieb könnte ich z.B. nicht den Motor eines modernen Kraftfahrzeuges (Kfz) zerlegen und wieder zusammenbauen. Für einen Experten, in diesem Fall ein Kfz-Mechatroniker, wäre die Aufgabe zu bewältigen, da der Experte die "komplizierte" Bau- und Funktionsweise des Motors verstanden hat. Ein Experte kann auch die zu erwartende Leistung des Motors berechnen. Die Regeln eines Fußballspieles sind eigentlich recht einfach. Trotzdem könnte auch ein Fußballexperte den Verlauf und das Ergebnis eines Spieles nicht vorhersagen, weil sich die "komplexe" Spielsituation, in gegenseitiger Abhängigkeit von den Spielern, ständig dynamisch verändert.

# Unsere Biosphäre, die Gesamtheit aller Lebensräume des Planeten Erde, ist ein Beispiel für ein sehr komplexes System. Mit Biologie, Ökologie, Natur- und Umweltschutz habe ich mich schon sehr früh auseinandergesetzt und auch viele Veröffentlichungen dazu gelesen. Das Buch "Das Quark und der Jaguar" von Murray Gell-Mann, welches 1994 auf deutsch erschienen ist, und sich mit komplexen Systemen und der Komplexitätstheorie beschäftigt, hat mein Denken wesentlich beeinflusst. Faszinierend fand ich auch das Spannungsfeld von Mensch, Natur, Kultur und Technik und daher wollte ich beruflich in diesem Bereich tätig werden. Die Auseinandersetzung mit komplexen Systemen, wie z.B. Ökosystemen oder sozialen Systemen, ist ein wesentliches Element der Landschaftsarchitektur. Umfangreiche Planungsprozesse, besonders im Bereich der Regional-, Landschafts- oder Stadtplanung, verlangen fundierte gestalterische, ökologische und technische Kenntnisse sowie die Fähigkeit zum vernetzten Denken. In den letzten Jahren wurde auch der Klimawandel immer stärker zu einem bestimmenden Thema im Bereich der Landschaftsarchitektur.

# Im Bewusstsein der deutschen Nachkriegsgenerationen waren Krisen oder Katastrophen meist Ereignisse, die räumlich und zeitlich begrenzt waren, nachvollziehbare Ursachen hatten, und die mit den vorhandenen Mitteln beherrscht werden konnten. Die Globalisierung wurde im Industrieland Deutschland eher positiv gesehen, oft im Zusammenhang mit Begriffen wie Exportweltmeister, Fußballweltmeister oder Reiseweltmeister. Weltfinanzkrise, Klimawandel, Migration und besonders die derzeitige Pandemie haben mittlerweile bei vielen Menschen die Sicht auf die Globalisierung verändert und das Interesse dafür geweckt, welche Möglichkeiten die Wissenschaft hat, um mit diesen weltumspannenden, komplexen Problemen umzugehen.

# Stefan Thurner ist Professor für die Wissenschaft Komplexer Systeme an der Medizinischen Universität Wien und Leiter des Complexity Science Hub Vienna. Für die österreichische Bundesregierung ist er als Berater bei der Bekämpfung der Corona-Krise tätig. Haben sich Komplexitätsforscher, wie z.B. Murray Gell-Mann, bisher eher theoretisch mit komplexen Systemen auseinandergesetzt, postuliert Stefan Thurner, dass es nun auch Wege der empirischen Forschung gibt, die es ermöglichen, komplexe Systeme zu verstehen sowie für komplexe Probleme konkrete Handlungsoptionen zu entwickeln. Ausgangspunkt ist dabei seine These, dass es möglich ist, eine "digitale Kopie" eines Landes oder gar des ganzen Planeten zu erstellen. Machbar wird dies, nach seiner Ansicht, durch die zunehmende Digitalisierung.

"Wir als Gesellschaft im digitalen Umbruch sammeln nicht nur Informationen über uns Menschen. Überall platzieren wir Sensoren, die Daten erheben und mitschreiben. Wir vermessen schon fast alles, was auf dem Planeten und in seiner Nachbarschaft vor sich geht. Wir erstellen dadurch eine digitale Kopie unseres Planeten, in der wir alles speichern, was geschieht. Das Wetter, den Verkehr, wer was wo anbaut, produziert und transportiert, Meeresströme, die Abholzung, die Klimaerwärmung, die Kontinentalverschiebung, Erdbeben, Gravitationswellen und sogar wie sich Berge heben und senken. Sind wir auf dem Weg zur Allwissenheit? Das vermutlich nicht, aber wir sind definitiv auf dem Weg zu vollständiger Information über mehr und mehr Systeme. Alles, was man über sie wissen kann, wird als Information gespeichert. Information an sich ist noch nicht viel wert, egal wie viel davon vorhanden ist. Wir müssen sie erst »verstehen« und in nutzbares Wissen verwandeln, bevor sie wirksam wird. Wir müssen Wissen erst aus Information destillieren. Das ist seit jeher die zentrale Rolle und Aufgabe der Wissenschaft, auf die ich noch detailliert zu sprechen kommen werde. Es lässt sich jedenfalls sagen, dass die früher oder später komplette Erfassung aller Vorgänge auf dieser Welt uns unfassbare Möglichkeiten eröffnet. Möglichkeiten, die wichtig werden könnten." (Thurner 2020)

# Die Beschäftigung mit komplexen Systemen wird nach Meinung von Stefan Thurner immer wichtiger, weil die Lebensweise von fast acht Milliarden Menschen auf diesem Planeten zu einer sehr kritischen Situation geführt hat. Dies ist auch die zentrale Aussage seines Buches "Die Zerbrechlichkeit der Welt". Der Titel bezieht sich auf eine Eigenschaft komplexer, dynamischer Systeme, die zwar lange Zeit sehr stabil sein können, dann aber plötzlich kollabieren. Dieser Kollaps eines Systems ereignet sich, wenn ein sogenannter Kipp-Punkt (Übergangs-Punkt oder Tipping Point) erreicht wird, der zu einem radikalen Wechsel des Systemzustandes führt. Ein klassisches Beispiel aus der Landschaftsarchitektur ist das Umkippen von stehenden Gewässern (Teich), wenn durch eine übermäßige Eutrophierung (Nährstoffzufuhr) das Algenwachstum stark angeregt wird. Ab einem gewissen Punkt fällt der Sauerstoffgehalt im Wasser extrem ab und führt zu einem Absterben aller sauerstoffabhängigen Lebewesen.

# Den Aufbau des Buches finde ich sehr gelungen. Im einführenden Kapitel erläutert Stefan Thurner zunächst die Analyse komplexen Sozialverhaltens anhand eines Massive Multiplayer-Online-Computerspiels, um dann auf die Verarbeitung von Daten aus der realen Welt überzuleiten. Wie wichtig die Auswertung weltweiter Datenbestände durch die Wissenschaft ist, macht der Autor dadurch deutlich, dass er die "großen Probleme" (Thurner 2020) der Menschheit, Klimakrise und Gefährdung der Zivilgesellschaft, identifiziert, erläutert und dann aufzeigt, wie die Forschung mit der heutigen Digitaltechnik machbare Lösungen erarbeiten kann. Kapitel 2 beschäftigt sich mit den Grundlagen der Wissenschaft Komplexer Systeme und der wichtigsten Begriffe wie z.B. Netzwerk, Emergenz oder Resilienz. In den folgenden Kapiteln wird das Wissen über komplexe Systeme vertieft und anhand der Beschreibung von Finanzsystem, Klima und Zivilgesellschaft der konkrete Bezug zu unserer Lebensrealität hergestellt. Sehr hilfreich finde ich die kurze Zusammenfassung am Ende eines Kapitels. Im letzten Kapitel gibt Stefan Thurner einen Ausblick auf mögliche Lösungsansätze und Szenarien für die weitere Entwicklung der Menschheit.

# Das Buch halte ich für sehr lesenswert, weil es für den interessierten Laien einen aktuellen, realistischen und umfassenden Überblick über das Wesen komplexer Systeme und den Zustand unserer Welt vermittelt. Bei der Lektüre wird ersichtlich, dass Stefan Thurner ein idealistisches, humanistisches Welt- und Menschenbild vertritt, bei dem die moderne Wissenschaft und die liberale Demokratie wesentliche Erfolgsfaktoren für die weitere Entwicklung der Menschheit sind. Das Programm zur Umsetzung seiner Vorschläge nennt er daher Aufklärung 2.0, für welche rationales Denken und ein Bewusstseinswandel, hin zu einem sogenannten digitalen Humanismus, erforderlich sind. Sehr gut finde ich, dass der Autor auch auf die Gefahren der Digitalisierung hinweist und erwähnt, wie Daten für kriminelle Zwecke oder zur Kontrolle durch einen totalitären Überwachungsstaat verwendet werden können.

# Sicherlich fehlt mir das tiefere Verständnis im Bereich der Komplexitätsforschung, aber ich frage mich, ob einige Grundannahmen überhaupt zutreffen. Meiner Meinung nach zeigt sich in dem Buch von Stefan Thurner ein anthropozentrisches, technokratisches oder technologistisches Weltverständnis, bei dem der Mensch in der Lage ist, mit Hilfe seiner wissenschaftlichen und technischen Fähigkeiten, die Entwicklungen innerhalb der planetaren Biosphäre nach seinen Vorstellungen zu steuern und zu kontrollieren. Dieses Denkmuster findet sich oft in den Medien, wenn z.B. geschrieben wird, dass der Mensch das Klima, die Natur, andere Arten oder gar den ganzen Planeten schützen und retten müsse. Der Mensch steht also im Gegensatz, außerhalb oder gar über der Natur und kann daher als Gestalter und Macher in natürliche Systeme eingreifen und sie bei Bedarf reparieren. Falls ich das Konzept komplexer Systeme richtig verstanden habe, ist aber die Menschheit als Teilsystem mit dem Gesamtsystem Biosphäre verwoben und es erfolgt eine dynamische, gegenseitige Beeinflussung. Wie kann aber ein Teilsystem dann das Gesamtsystem steuern und kontrollieren? Oder bezogen auf mein Beispiel zu Beginn meines Kommentars: Kann das Teilsystem Spieler das Gesamtsystem Fußballspiel so steuern und kontrollieren wie die Schiedsrichter, die das Spiel leiten und den regelgerechten Spielverlauf überwachen?

# Wissenschaftliche Erkenntnis und Forschung sind wesentliche Elemente menschlichen Lebens, aber es sind nicht Wissenschaftler, die politische Entscheidungen treffen oder gesellschaftliche Veränderungen vorantreiben. Gerade die Krisen der letzten Jahre, wie z.B. die Finanzkrise, die Migration oder der Verlauf der Pandemie, zeigen doch sehr deutlich, welche politischen Kräfte und gesellschaftlichen Interessensgruppen ihr jeweiliges Verständnis einer Gesellschaftsordnung durchsetzen wollen. Als bestes Beispiel für die Rolle der Wissenschaft fällt mir immer die Entdeckung der Kernspaltung ein, die zur zivilen Nutzung durch Atomkraftwerke, aber auch zur Entwicklung und zum Einsatz von Atombomben geführt hat. Wer entscheidet darüber, wie Forschungsergebnisse verwendet werden? Daten und wissenschaftliche Erkenntnisse stehen schon länger zur Verfügung. Schon 1972 wurde der Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit "Die Grenzen des Wachstums" veröffentlicht. Abstrakte Bedrohungen, besonders wenn sie in der Zukunft liegen, berühren den Menschen aber nicht und veranlassen ihn daher nicht zum Handeln. Der Hinweis auf Vernunft und Aufklärung sieht darüber hinweg, dass der Homo sapiens ein Ergebnis der biologischen Evolution ist, die weder zielgerichtet noch vernünftig abläuft. In seinem Buch "Relativ real" (Link siehe unten) beschreibt Donald D. Hoffman sehr gut, wie sich die Kognition des Menschen im evolutionären Prozess entwickelt hat:

"Unsere Wahrnehmung von Raum, Zeit und Objekten wurde von der natürlichen Auslese nicht dahin gehend geprägt, dass sie realitätsgerecht ist - sie soll die objektive Realität weder offenbaren noch rekonstruieren -, sondern ist so geformt worden, dass wir lange genug leben, um Nachwuchs großzuziehen." (Hoffman 2020)

# Stefan Thurner versucht in seinem Buch Optimismus zu verbreiten und ich hoffe sehr, dass er damit Recht behalten wird und die Probleme der Menschheit durch friedliche, humane und demokratische Prozesse gelöst werden können. Kritisch sehe ich die Ausrichtung auf Technologien wie Big Data, Künstliche Intelligenz oder Digitalisierung, die meiner Meinung nach sehr von Tech-Konzernen dominiert werden. Die Tech-Konzerne werben immer damit, dass sie "die Welt verbessern wollen". Besser für wen? Die Konzerne sind ja gewinnorientiert und nur bei ihren Aktionären und ihren Kunden in der Pflicht. Interessant finde ich in diesem Zusammenhang die Ambitionen einiger Tech-Milliardäre für Raumfahrt und Marskolonisation, die mich an den Science-Fiction-Film Elysium (Neill Blomkamp, 2013) erinnern. Auf der Raumstation Elysium führt eine kleine Elite von Privilegierten und Superreichen ein luxuriöses Leben, während der Rest der Menschheit auf der ausgeplünderten, überbevölkerten Erde haust und Waren für die Raumstation produzieren muss. Erstaunlich finde ich auch, dass viele Science-Fiction Dystopien die Macht von Konzernen thematisieren wie z.B.: Cyberdyne Systems Corporation (Terminator), Umbrella Corporation (Resident Evil), Tyrell Corporation (Blade Runner), Weyland-Yutani (Alien), Omni Consumer Products (Robocop), Soylent Corporation (Soylent Green) oder RDA Corporation (Avatar).

# Mehr Daten, mehr Technik, mehr Wissenschaft, auch die Lösungsvorschläge von Stefan Thurner beruhen auf diesem "Immer mehr", welches vielleicht die eigentliche Ursache der genannten Probleme ist. Mit noch mehr Technologie sollen die Probleme gelöst werden, die durch Technologie erst entstanden sind. Von Lars Fischer habe ich kürzlich einen interessanten Beitrag auf Spektrum.de (Link siehe unten) gelesen, bei dem es um subtraktive Lösungen ging, um die Möglichkeit also, Systeme zu vereinfachen. Leider scheint es eine unbewusste Tendenz im Menschen zu sein, alles nur noch komplizierter zu machen. Aus spiritueller Sicht wäre "Weniger ist mehr" eine mögliche Alternative. Die Geschichte der menschlichen Zivilisation hat aber bisher gezeigt, dass spirituelle Prinzipien zwar oft verkündet, aber selten umgesetzt wurden. Die Zukunft ist offen.

Hinweis
Das Buch von Stefan Thurner habe ich im EPUB-Format erworben, bei dem die Textdarstellung variabel ist und sich der jeweiligen Bildschirmgröße automatisch anpasst. Bei den Zitaten habe ich deshalb keine Seitenzahlen angegeben und auch auf die Angabe der Kapitel verzichtet.

Quellen

  • Thurner, Stefan (2020): Die Zerbrechlichkeit der Welt - Kollaps oder Wende. Wir haben es in der Hand, Wien: edition-a E-Book
  • Gell-Mann, Murray (1994): Das Quark und der Jaguar - Vom Einfachen zum Komplexen - Die Suche nach einer neuen Erklärung der Welt, München: Piper
  • Meadows u. a. (1972): Die Grenzen des Wachstums, Übersetzung von Hans-Dieter Heck, Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt
  • Hoffman, Donald D. (2020): Relativ real - Warum wir die Wirklichkeit nicht erfassen können und wie die Evolution unsere Wahrnehmung geformt hat, München: dtv E-Book

Links

Inhalt

KAPITEL 1: EINE FANTASTISCHE CHANCE
KAPITEL 2: DIE FASZINIERENDE WELT DER KOMPLEXEN SYSTEME
KAPITEL 3: DIE ZERBRECHLICHKEIT VON KOMPLEXEN SYSTEMEN
KAPITEL 4: DIE ZERBRECHLICHKEIT DES FINANZSYSTEMS
KAPITEL 5: DIE ZERBRECHLICHKEIT DES PLANETEN
KAPITEL 6: DIE ZERBRECHLICHKEIT DER ZIVILGESELLSCHAFT
KAPITEL 7: GEFANGEN IM DILEMMA ODER SCHRITTE NACH VORNE?
DANKSAGUNG
ENDNOTEN

Buchumschlag Die Zerbrechlichkeit der Welt