Buchtipp "Grundwissen Vogelbestimmung" von Moning, Griesohn-Pflieger, Horn

Erstellt von Michael Ditsch | | Erde & Mensch

Vorbereitung, Planung und Strategie der erfolgreichen Vogelbeobachtung

Wie wird man zum Vogelbeobachter? Auf was muss man bei der Vogelbeobachtung achten? Welche Hilfsmittel, welches Equipment braucht man? Christoph Moning, Thomas Griesohn-Pflieger und Michael Horn haben die Antworten! Sie geben wertvolle Tipps, wie man systematisch vorgehen kann, um zu einem erfolgreichen 'Einstieg' zu gelangen. Auf einprägsame Weise erklären die Autoren dabei, auf welche Details man beim Bestimmen achten sollte und wie man sich die Vogelarten am besten merken kann. © Bild und Text Quelle & Meyer. Moning, Christoph / Thomas Griesohn-Pflieger / Michael Horn (2022): Grundwissen Vogelbestimmung - Vorbereitung, Planung und Strategie der erfolgreichen Vogelbeobachtung, Wiebelsheim, Hunsrück: Quelle & Meyer

Kommentar

# Der Wandel geht lautlos, fast unmerklich vonstatten. In den wenigen Momenten, wenn der menschengemachte Lärm für einige Zeit verstummt, herrscht teilweise eine unheimliche Stille in Gärten, Feldern, Wiesen und Wäldern. Kein Piepen, Zwitschern, Surren oder Summen ist zu hören, kein Laut der lebendigen Welt um uns herum, ertönt in dieser gespenstischen Leere. Unsere Welt verändert sich dramatisch, aber kaum jemand scheint es zu wahrzunehmen.

"Wir befinden uns heute im größten Artensterben seit dem Ende der Dinosaurierzeit vor 65 Millionen Jahren. Ein Viertel der Säugetierarten, jede achte Vogelart, mehr als 30 Prozent der Haie und Rochen sowie 40 Prozent der Amphibienarten sind bedroht. Dass Arten aussterben ist ein natürlicher Prozess, der jedoch heute unter dem Einfluss des Menschen beträchtlich beschleunigt ist." (WWF 2021)

# Was man nicht kennt, wird man auch nicht vermissen. Deshalb sind Veröffentlichungen wie das Buch "Grundwissen Vogelbestimmung" von Moning / Griesohn-Pflieger / Horn, welches im Februar 2022 bei Quelle & Meyer in der 3., vollständig bearbeiteten und erweiterten Auflage erschienen ist, so wertvoll. Im Buch werden sämtliche Aspekte der Vogelbeobachtung ausführlich, praxisnah und sehr kompetent dargelegt und vermittelt. Von der notwendigen Ausrüstung, erprobten Methoden und Techniken, nützlichen Tipps, geeigneten Hilfsmitteln, weiterführenden Quellen, bis zu einer Einführung in die mitteleuropäischen Vogelfamilien, enthält das Buch viele Informationen, die für Einsteiger und Fortgeschrittene wichtig sind. Auch die Gesamtaufmachung und Wertigkeit des Buches, welches nur als Festeinband erschienen ist, kann überzeugen. Besonders hervorzuheben sind das gute Bildmaterial und die aussagekräftigen Zeichnungen.

# Grundlage für die Qualität des Buches ist die Kompetenz, Erfahrung und das Engagement der drei Autoren im Bereich des Natur- und Artenschutzes. An dieser Stelle sollte ich vielleicht erwähnen, dass ich an der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf beschäftigt bin und einen der Autoren, Herrn Prof. Dr. Moning, persönlich kenne. Durch den Buchtipp habe ich keinerlei Vorteile. Meine Website ist rein privat und das Buch habe ich mir bei meinem lokalen Buchhändler selbst gekauft.

# Auf die fachlichen Inhalte will ich in meinem Kommentar gar nicht eingehen, da die Expertise der Autoren außer Frage steht und das Buch daher für Interessierte und Freunde der Vogelbeobachtung  sehr zu empfehlen ist. Allerdings werden in dem Buch auch gesellschaftspolitische Fragen angesprochen, die meiner Ansicht nach das eigentliche, tieferliegende Problem thematisieren, bei dem die Ergebnisse und Erkenntnisse der Vogelbeobachtung nur eines von vielen Symptomen sind.

# Das Kapitel 12 "Naturschutz in Deutschland – ein dramatisches Trauerspiel" hat es in sich. Schonungslos und sehr offen werden von den Autoren die Versäumnisse und Missstände angesprochen, die zu den dramatischen Entwicklungen in unserer Umwelt geführt haben. Es erstaunt mich immer wieder, wie einerseits in Politik und Medien die Bedeutung der Wissenschaft betont wird, tatsächlich beruht letztlich unser ganzes, heutiges Wohlstandsleben auf wissenschaftlicher Forschung, andererseits werden wissenschaftliche Erkenntnisse ignoriert oder sogar in Frage gestellt. Sei es Artensterben, Klimawandel oder die Pandemie, die Auseinandersetzungen und Debatten in Politik und Medien aller Art sind teilweise sehr verstörend und lassen Zweifel aufkommen, ob es jemals Aufklärung und Humanismus gegeben hat.

"Und es kommt noch hinzu – und das wäre zusätzlich zu 'dramatisch' ein weiteres Adjektiv – dass es deprimierend erscheinen muss, dass alle Vorhersagen und wissenschaftlichen Untersuchungen – auch die von Ornithologen und Bürgerwissenschaftlerinnen – es nicht vermocht haben, einen Richtungswechsel oder zumindest ein wesentliches Problembewusstsein zu schaffen, um wenigstens die Zunahme von Schädigungen des blauen Planeten bewusst zu machen. Das Gegenteil ist der Fall, die Schädigungen nehmen genauso zu wie die Aussterberate und die weltweite Klimaveränderung." (Moning et al. 2022: 190)

# Sehr mutig finde ich auch die Kritik an einem überholten Naturverständnis, wie es sogar in Verbänden oder Verwaltungen im Bereich des Naturschutzes immer noch vorherrscht. Die romantische und anthropozentrische Betrachtung ökosystemarer Prozesse entspricht nicht dem Stand moderner, naturwissenschaftlicher Forschung. Der Mensch steht nicht außerhalb oder über einer sogenannten "Natur", die er nach seinen Vorstellungen gestalten, beschützen oder retten kann. Zu Recht beklagen die Autoren, dass gerade manche gutgemeinten Naturschutzmaßnahmen eher zu einer weiteren Entfremdung und Verarmung menschlicher Eingebundenheit in die Gesamtheit der ökologischen Lebenswelt beitragen.

"Das Naturbild, dass uns Fernsehfilme präsentieren, ist meist kitschig. Nur selten werden Störungen, wie sie in der wirklichen Natur allenthalben vorkommen, ja, die die Evolution erst richtig befeuern, gezeigt und nicht ausgeblendet. Zu oft propagieren auch Naturschutzverbände eine Art 'heile Naturwelt', in der 'Wunden' wie Borkenkäferbefall, Windwürfe, Dürreschäden an Bäumen sofort verarztet werden müssen." (Moning et al. 2022: 195)

 "Die 'heile Natur', die in manchen Köpfen von Naturschützern in ihrer Gleichmäßigkeit noch eine Idealvorstellung zu sein scheint, gibt es so nicht. Genauso wenig wie irgendeine Form von 'Gleichgewicht', das es 'wiederherzustellen' gilt." (Moning et al. 2022: 196)

"Kein Wunder, dass Kinder keinen natürlichen Umgang mit der Natur finden können, wenn ihre Neugier durch das Verbot, Vogelfedern zu sammeln oder Frösche zu fangen, verkümmern muss. So wird Natur zur unberührbaren Außenwelt, mit der man besser nichts zu tun hat. Wie in anderen Lebensbereichen auch, bringt in manchen Fällen eine überbordende Bürokratie genau das Gegenteil von dem zustande, was eigentlich ihr Ziel sein sollte." (Moning et al. 2022: 196)

# Die Autoren benennen nicht nur die Ursachen der Entfremdung des Menschen von seiner Umwelt, sie bieten auch Lösungswege an, wenn sie feststellen, dass es neben wissenschaftlichen Fakten, auch einen erlebbaren, emotionalen Zugang zum Verständnis der Umweltprobleme braucht. Dass die Vogelbeobachtung und Vogelbegeisterung tatsächlich einen Bewusstseinswandel bewirken kann, zeigt sehr eindrücklich das Buch "Nichts tun - Die Kunst, sich der Aufmerksamkeitsökonomie zu entziehen" von Jenny Odell (Link siehe unten).

"Was mich bei der Vogelbeobachtung erstaunt und Demut gelehrt hat, war die Art und Weise, in der sie die Detailgenauigkeit meiner Wahrnehmung, die ziemlich «niedrigauflösend» war, verändert hat. Zuerst habe ich den Vogelgesang nur stärker bemerkt. Natürlich war er die ganze Zeit über dagewesen, aber nun, als ich auf ihn achtete, realisierte ich, dass er mich fast überall umgab, den ganzen Tag lang, immerfort. Und dann, nach und nach, lernte ich jeden Gesang kennen und zuzuordnen, so dass ich die verschiedenen Vögel heute, wenn ich im Rosengarten spazieren gehe, unbeabsichtigt in Gedanken begrüße, als wären sie Menschen: «Hi, Rabe, Rotkehlchen, Singammer, Meise, Goldzeisig, Rötelgrundammer, Falke, Spechtmeise …», und so weiter. Die Klänge sind mir so vertraut geworden, dass ich mich nicht mehr anstrengen muss, um sie zu erkennen; sie hören sich stattdessen an wie Sprache." (Odell 2021)

# Die Digitalisierung und die damit verbundene Aufmerksamkeitsökonomie, wie sie von Jenny Odell sehr gut beschrieben wird, dringen immer stärker in unseren Lebensalltag ein. Erschreckend finde ich es z.B., wenn schon Kinder mit Tabletcomputern sowie Lern- und Spielsoftware von Tech-Konzernen "angefixt" werden und deshalb immer weniger Zeit und Muße haben, um sich draußen zu bewegen und die Welt mit allen Sinnen zu erleben und wahrzunehmen. Natürlich ist es auch für die Verantwortlichen unseres Bildungssystems einfacher und billiger, Kinder vor einem Bildschirm zu "parken", als z.B. Naturpädagogen auszubilden und anzustellen. Die Auswirkungen der Digitalisierung werden auch von den Autoren kritisch gesehen.

"Sicher ist aber auch, dass die Digitalisierung der Vogelbeobachtung sie letztlich stark verändern wird. Schon heute ist festzustellen, dass das Basiswissen vieler Beobachtender und erst recht der Fotografierenden oft mehr als mangelhaft ist. Wenn die Computer-Intelligenz die grundlegende Beschäftigung mit dem 'Phänomen Vogel' ersetzt, drohen Faszination und Leidenschaft von der Bedienung der 'digitalen Maschinenwelt' ersetzt zu werden." (Moning et al. 2022: 43)

# Das Lebendige um uns herum geht immer mehr verloren. Allerdings muss auch festgestellt werden, dass viele Menschen dies nicht bedauern. Selbst in meinem Umfeld wird es von manchen Bekannten begrüßt, wenn Autoscheiben nach langen Fahrten "fliegenfrei" bleiben, das Kaffeetrinken auf der Terrasse nicht von Wespen gestört wird, oder ohne Bäume kein lästiges Herbstlaub mehr zusammengefegt werden muss. Der Trend zu leblosen "Schottergärten" drückt diese ablehnende Haltung anderem Leben gegenüber genauso aus, wie der Traum vom virtuellen Metaversum, oder das Bestreben auf dem Mars Habitate für Menschen zu errichten.

# Wir erleben eine Welt, die sich in einem dramatischen Wandel befindet. Der schreckliche Krieg in der Ukraine und die weltweiten Reaktionen darauf, rückten eine andere Meldung in den Hintergrund. Am 28. Februar wurde in Deutschland der sechste IPCC Sachstandsbericht (Intergovernmental Panel on Climate Change - "Weltklimarat") mit dem Beitrag der Arbeitsgruppe II "Folgen, Anpassung und Verwundbarkeit" vorgestellt. Neben dem dringlichen Hinweis, dass sich das Zeitfenster für Maßnahmen gegen den Klimawandel immer weiter schließt, ist die Feststellung, dass Artenschutz auch Klimaschutz bedeutet und der Erhalt der Biodiversität ebenso wichtig ist wie die Reduktion von Treibhausgasen, ein weiteres, drängendes Argument für die Intensivierung von Aktivitäten im Bereich des Naturschutzes.

"Der Schutz der biologischen Vielfalt und von Ökosystemen ist von grundlegender Bedeutung für eine klimaresiliente Entwicklung angesichts der Bedrohungen, die der Klimawandel für sie darstellt, und ihrer Rolle für Anpassung und Minderung (sehr hohes Vertrauen). Aktuelle Analysen, die sich auf Belege aus ganz unterschiedlichen Untersuchungsansätzen stützen, legen nahe, dass die Erhaltung der Resilienz von biologischer Vielfalt und Ökosystemleistungen auf globaler Ebene vom wirksamen und gerechten Schutz von etwa 30 % bis 50 % der Land-, Süßwasser- und Meeresflächen der Erde abhängt, einschließlich von derzeit naturnahen Ökosystemen (hohes Vertrauen)." (IPCC 2022)

# Christoph Moning, Thomas Griesohn-Pflieger und Michael Horn schreiben in ihrem Vorwort und in der Einführung zur 3. Auflage, dass es eine Zunahme von Interessierten und Bürgerwissenschaftlern gibt, die sich mit der Vogelbeobachtung beschäftigen. Diese Entwicklung ist zu begrüßen und hoffentlich führt dieses Engagement, über das reine Hobby hinaus, auch zu den notwendigen Veränderungen in unserer Gesellschaft. Das Buch "Grundwissen Vogelbestimmung" finde ich sehr gelungen, da beim Lesen nicht nur das umfangreiche, technisch-fachliche Wissen überzeugt, sondern auch die Begeisterung der Autoren für die Vogelbeobachtung spürbar wird.

Quellen

  • Moning, Christoph / Thomas Griesohn-Pflieger / Michael Horn (2022): Grundwissen Vogelbestimmung - Vorbereitung, Planung und Strategie der erfolgreichen Vogelbeobachtung, Wiebelsheim, Hunsrück: Quelle & Meyer
  • WWF (2021): Artensterben, [online] www.wwf.de/themen-projekte/artensterben [12.02.2022]
  • Odell, Jenny (2021): Nichts tun - Die Kunst, sich der Aufmerksamkeitsökonomie zu entziehen, München: C.H.Beck E-Book
  • IPCC (2022): Sechster IPCC-Sachstandsbericht (AR6). Beitrag von Arbeitsgruppe II: Folgen, Anpassung und Verwundbarkeit. Hauptaussagen aus der Zusammenfassung für die politische Entscheidungsfindung (SPM). Herausgeber und deutsche Übersetzung: Deutsche IPCC-Koordinierungsstelle und DLR Projektträger. Version vom 28. Februar 2022.

Links

Inhalt

Vorwort 8

1. Einführung 10

2. Ein Grundkurs: Was soll's 17

3. Was Vogelbeobachtern hilft 23
3.1 Näher ran mit Fernoptik 23
3.2 Literatur und Medien 35
3.3 Internet 43
3.4 Notizen, Skizzen, Listen, Kalender 47
3.5 Überleben am Stausee: Rucksack, Müsliriegel und Co. 53
3.6 Kleidung, Schuhe, Handy 55

4. Die Grundlagen der Vogelbestimmung 58

5. Wichtig: Vogelverhalten 85

6. Ordnung muss sein: Systematik und Taxonomie 105

7. Hören lernen: Vogelgesang und Vogelrufe 113

8. Vögel finden ... Stadt, Land, Fluss 125

9. Über den Tellerand: Der Vogelbeobachter auf Reisen 151

10. Wenn nicht hier, wo sonst: Wie findet man Orte, an denen es gute Chancen auf Vögel gibt? 162

11. Gefiederte Jahreszeiten - Das Vogeljahr und seine Chancen 171

12. Naturschutz in Deutschland - ein dramatisches Trauerspiel? 189

13. Einführung in die mitteleuropäischen Vogelfamilien und ihre Vertreter 208

Stichwortverzeichnis 562

Häufige Fachbegriffe kurz erklärt 565

Literaturverzeichnis 567

Artenregister 569

Bildquellennachweis 574

Wichtige Adressen 576

Autoren 590

Buchumschlag Grundwissen Vogelbestimmung