Buchtipp: "Hormone - ihr Einfluss auf mein Leben" von Harald J. Schneider, Nicola Jacobi, Joscha Thyen

Erstellt von Michael Ditsch | | Gesundheit & Ernährung

Wie kleine Moleküle Liebe, Gewicht, Stimmung und vieles mehr steuern

Ob Schwangerschaft, Wechseljahre, Verliebtsein oder Pubertät: Oft heißt es, die Hormone spielen verrückt. Doch weit gefehlt: Hormone, die Boten unseres Körpers, beeinflussen unser Leben von der ersten Sekunde an. Nur wenn sie tun, was sie tun sollen, funktioniert unser Körper, wie er soll. Zu wissen, wie das menschliche Hormonsystem arbeitet, ist nicht nur spannend, sondern hilft auch dabei, den eigenen Körper und die eigenen Gefühle und Handlungsweisen besser zu verstehen. Dieses Buch bietet gut verständliches Fachwissen, ausführlich erklärt und kompakt zusammengefasst. Es liefert Informationen zu hormonellen Störungen und beantwortet Fragen, die sich viele von uns schon einmal gestellt haben: Warum bin ich zu dick? Warum bin ich zu dünn? Warum fallen mir hier die Haare aus und habe ich dort zu viele? Warum schwitze ich so viel? Warum bleibt meine Periode aus? Warum bin ich dauernd müde? Sind's vielleicht die Hormone? Ganz nebenbei erfährt man auch, warum unser Hormonsystem aus der Steinzeit stammt und wieso das heute ein Problem sein kann, was Goliath mit einer Hormonstörung zu tun hatte oder warum "Mann" nicht immer kann. © Bild und Text Springer Verlag. Schneider, Harald J. / Jacobi, Nicola / Thyen, Joscha (2020): Hormone - ihr Einfluss auf mein Leben. Wie kleine Moleküle Liebe, Gewicht, Stimmung und vieles mehr steuern, Berlin Heidelberg: Springer-Verlag

Kommentar

# Zu Themen, die mich besonders interessieren, bin ich ständig auf der Suche nach neuen Veröffentlichungen. Allerdings ist mittlerweile die Anzahl von Neuerscheinungen nicht mehr überschaubar. Meine Lektüre setzt sich daher zusammen aus Zufallstreffern beim Stöbern im Web und in Buchhandlungen, oder beim Lesen von Fachzeitschriften. Oft sind es auch Empfehlungen von Freunden und Bekannten. Diesmal war es ein Hinweis in meiner Twitter Timeline, der mich auf das Buch "Hormone - ihr Einfluss auf mein Leben" aufmerksam gemacht hat. Schon beim ersten Durchblättern fällt die klare Strukturierung und Übersichtlichkeit auf. Das Buch ist als Handbuch und Nachschlagewerk konzipiert. Gleich zu Beginn gibt es eine Tabelle mit einer Übersicht über die wichtigsten Hormone und ihre Wirkung. Ein Stichwortverzeichnis und das sehr umfangreiche Inhaltsverzeichnis erleichtern die Suche nach bestimmten Themen. Die einzelnen Kapitel sind klar gegliedert und haben meist am Ende eine kurze Zusammenfassung der wichtigsten Inhalte. Kleine, farblich abgehobene Infokästen werden für ergänzende Informationen verwendet. Sehr gut gefallen haben mir die jeweiligen Illustrationen. Ich hatte mich schon gewundert, dass die Grafikdesignerin Joscha Thyen bei den Autoren gelistet wird. Allerdings ist dies mehr als gerechtfertigt. Es ist schon eine Kunst, durch grafische Darstellungen dem Leser schwierige Sachverhalte, anschaulich und verständlich, nahezubringen. Wahrscheinlich lag auch die sehr gelungene Gestaltung des Buches in ihrer Hand. Für die fachliche Expertise ist der renommierte Endokrinologe Prof. Dr. med. Harald J. Schneider verantwortlich. Unterstützt wird er von der Journalistin Nicola Jacobi. Gemeinsam ist es den Autoren gelungen, ein medizinisch fundiertes Buch zum Thema Hormone zu schreiben, ohne dabei den Laien zu überfordern.

# Unser Welt- und Menschenbild bestimmt unser Denken und Handeln. In den westlichen Zivilisationen scheint die Überzeugung verbreitet zu sein, dass sich der vernunftbegabte Mensch, bedingt durch seine technischen und kulturellen Errungenschaften, von seiner biologischen Herkunft entkoppelt hat. Sehr gut gefällt mir daher, wie die Autoren im Kapitel "Wo Hormone entstehen und wie sie wirken - Organe und Wirkweisen des Hormonsystems" aufzeigen, wie und warum im Laufe der Evolution das Hormonsystem entstanden ist. Bemerkenswert ist der Blick auf die evolutionäre Zeitachse. 4000 Jahre menschlicher Zivilisation stehen dabei im Verhältnis zu 3,8 Milliarden Jahren biologischer Evolution. Der Homo sapiens existiert in dieser Zeitachse erst seit einem Wimpernschlag und wurde in seiner Entwicklung an das Leben als Sammler und Jäger angepasst.

"Unser Körper und seine Funktionsweisen sind seit über 200.000 Jahren die gleichen, angepasst an ganz andere Bedingungen als unsere heutigen Lebensumstände. Dass das überhaupt funktioniert, ist fast ein Wunder. Manchmal aber zeigt sich diese Diskrepanz doch deutlich und der Steinzeitmensch in uns rebelliert gegen die Welt, in der wir leben …" (Schneider et al. 2020, S. 9)

# Das Buch von Schneider, Jacobi und Thyen finde ich sehr beeindruckend, da es nicht nur Wissen vermittelt, sondern auch Staunen gegenüber dem Wunder des Lebens. Bei den Autoren habe ich das Gefühl, dass sie Medizin nicht als Reparaturbetrieb sehen, sondern als respektvolle Möglichkeit mit diesem Wunder umzugehen. Es finden sich daher immer wieder Hinweise zur Lebensführung und zur Ernährung, die ich für sehr wichtig halte. Im Kapitel "Unser Körpergewicht - warum abnehmen so schwierig ist und wie es doch gelingen kann" gehen die Autoren intensiver auf Ernährungsfragen ein. Sehr gefreut hat mich, dass sich die Autoren auch mit dem Intervallfasten auseinandergesetzt haben. Seit Lektüre des Buches "Gesundheit zwischen Fasten und Fülle, Ulrike Gebhardt, Springer, 2019" (Link siehe unten) praktiziere ich das sogenannte "Übernachtfasten" und bin sehr zufrieden damit.

# Es spricht sehr für die Autoren, wenn sie bei einigen Kapiteln auch die Grenzen des medizinischen Wissens und den Bedarf für weitere Forschung erwähnen. Trotz großer Erfolge von Medizin und Wissenschaft, sind viele komplexe Zusammenhänge innerhalb des menschlichen Organismus noch unverstanden oder gänzlich unbekannt. Leider herrscht auch in medizinisch-wissenschaftlichen Kreisen vielfach noch die Vorstellung, dass der Mensch wie eine Maschine funktioniert und deshalb auch ganz einfach wie eine Maschine repariert werden kann. In diese Vorstellung passt auch die Aussage, der Mensch sei ein "Mängelwesen" und müsste deshalb verbessert werden. Der Glaube an die Allmacht von Medizin und Wissenschaft nimmt dabei teilweise religiöse Züge an. Urban Wiesing beschreibt in seinem gerade erschienen Buch "Heilswissenschaft - Über Verheißungen der modernen Medizin, S. Fischer, Frankfurt, 2020" zahlreiche nicht eingelöste Versprechungen und vermeintliche medizinische Sensationsmeldungen. Neue Erlösungsphantasien erweckt zur Zeit der Begriff "Digitalisierung". Persönlich erlebe ich das gerade im Bereich der Hochschullehre, aber auch in der Medizin werden z.B. durch die Verwendung von sogenannten "KI" Systemen neue Erwartungen geweckt. Wir werden sehen. Über zukünftige Entwicklungen machen sich auch die Autoren im Kapitel "Blick in die Zukunft" ihre Gedanken.

"Und wie geht es weiter? Welche Auswirkungen werden kommende Veränderungen auf unser Hormonsystem haben? Wagen wir einen Blick in die Zukunft. Eines ist sicher, dazu brauchen wir keine Glaskugel: Unser hormonelles System wird sich nicht ändern, zumindest nicht innerhalb der nächsten 100.000 Jahre." (Schneider et al. 2020, S. 295)

# Das Buch sehe ich auch im Zusammenhang mit Veröffentlichungen anderer Autoren, die ich in letzter Zeit gelesen haben. Ob Donald D. Hoffman, Michael Tomasello, Anil Seth, Lisa Feldman Barrett oder Julia Shaw (Links siehe unten), bei der Lektüre wird deutlich, dass der Mensch keine Sonderstellung in der Geschichte des Lebens hat. Trotz seiner Fähigkeit zu Rationalität und Vernunft ist der Mensch, wie jedes andere Lebewesen auch, ein Teil der biologischen Evolution, eingewoben in das Wunder des Lebens. Unser sogenanntes "Bewusstsein" ist nicht vom Körper losgelöst, sondern wir Menschen sind nur als Ganzes denkbar. Schneider, Jacobi und Thyen zeigen sehr deutlich, wie Hormone unser tägliches Leben, unser Denken, Fühlen und Handeln, beeinflussen und das die Abstimmung unserer 100 Billionen Körperzellen nur durch das Zusammenspiel von Nerven und Hormonen funktioniert. Obwohl, oder gerade weil ich ein spiritueller Mensch bin, beschäftige ich mich mit den Erkenntnissen der modernen Naturwissenschaften. Die Beschäftigung mit dem Wunder des Lebens führt mich immer wieder zur Grundlage jeder spirituellen Entwicklung: Demut.

Quellen

  • Schneider, Harald J. / Jacobi, Nicola / Thyen, Joscha (2020): Hormone - ihr Einfluss auf mein Leben. Wie kleine Moleküle Liebe, Gewicht, Stimmung und vieles mehr steuern, Berlin Heidelberg: Springer-Verlag

Links

Inhalt

Einleitung  1-3

I Wo Hormone entstehen und wie sie wirken - Organe und Wirkweisen des Hormonsystems

2 Der erste Mensch und die Hormone 7-13

3 Die Boten des Körpers - wie Hormone funktionieren und wie wir durch Hormone funktionieren 15-18

4 Die Hypophyse - Dirigent im Orchester der Hormone 19-22

5 Die Schilddrüse - der Motor unserer Körpers 23-26

6 Die Nebenschilddrüse und das Sonnenhormon Vitamin D - für starke Knochen und ein starkes Immunsystem 27-34

7 Die Bauchspeicheldrüse - die Blutzucker-Zentrale 35-40

8 Die Nebennieren - die Wiege der Kampf- und Fluchthormone 41-48

9 Der kleine große Unterschied - Eierstöcke und Hoden 49-53

10 Die Zirbeldrüse - Melatonin für einen gesunden Schlaf 55-57

II Wie Hormone unser Leben beeinflussen - Die wichtigsten Phasen des Lebens und ihre Hormone

11 Schwangerschaft - in anderen Umständen 61-66

12 Neues Leben entsteht - vom Embryo zum Kind 67-69

13 Die Pubertät - Körper und Psyche in Aufruhr 71-76

14 Hormone und die Liebe 77-83

15 Hormone und die Psyche 85-90

16 Die Pille - und andere hormonelle Verhütungsmethoden 91-94

17 Unser Körpergewicht - warum abnehmen so schwierig ist und wie es doch gelingen kann 95-108

18 Hormone im Alter 109-112

19 Die Wechseljahre - der weibliche Körper im Wandel 113-117

20 Männer im Wechsel? 119-121

III Wenn ein Fehler im Hormonsystem krank macht - Hormonstörungen und ihre Behandlungsmöglichkeiten

21 Schilddrüsenunterfunktion: Hashimoto-Thyreoiditis - wenn unser Körper sich selbst behindert 125-132

22 Schilddrüsenüberfunktion 133-138

23 Störungen der Nebenschilddrüsen 139-142

24 PCO-Syndrom und Co.: zu viel Testosteron bei der Frau 143-146

25 Geschlechtshormonmangel bei der Frau 147-149

26 Testosteronmangel beim Mann 151-155

27 Diabetes mellitus - Zucker im Überfluss 157-164

28 Im Unterzucker - wenn dem Körper Zucker fehlt 165-168

29 Osteoporose - wenn Knochen zu leicht brechen 169-175

30 Hypophyseninsuffizienz 177-181

31 Hypophysentumore 183-185

32 Prolaktinom und Prolaktinüberschuss 187-189

33 Im falschen Geschlecht: Transsexualität 191-195

34 Akromegalie - Riesen gibt es wirklich 197-202

35 Cushing-Syndrom - die Stresshormone spielen verrückt 203-210

36 Das Conn-Syndrom 211-215

37 Das Phäochromozytom 217-220

38 Morbus Addison - wenn die Nebenniere schlapp macht 221-226

IV Was Patientinnen und Patienten fragen- Häufige Themen aus der Praxis

39 Ich habe Pickel und Akne - ungeliebte Mitesser 229-233

40 Die Tage vor den Tagen - das Prämenstruelle Syndrom 235-237

41 Meine Periode bleibt aus 239-242

42 Ich habe Probleme beim Sex - sexuelle Funktionsstörungen 243-246

43 Ich habe einen Männerbusen - Gynäkomastie 247-249

44 Mein Blutdruck stimmt nicht 251-255

45 Mein Herz rast 257-258

46 Ich habe zu wenige Haare, ich habe zu viele Haare 259-262

47 Ich schwitze zu viel, bin ich krank? 263-265

48 Ich bin dauernd müde 267-270

49 Ich nehme ständig zu 271-275

50 Ich nehme ungewollt ab 277-279

51 Mein Kind ist zu klein - mein Kind ist zu groß 281-288

52 Ich habe immer Durst 289-291

53 Blick in die Zukunft 293-296

Serviceteil

Weiterführende Literatur 298

Stichwörterverzeichnis 305

Buchumschlag Hormone - ihr Einfluss auf mein Leben