Buchtipp: "How Emotions Are Made" von Lisa Feldman Barrett

Erstellt von Michael Ditsch | | Körper & Psyche

The Secret Life of the Brain

When you feel anxious, angry, happy, or surprised, what's really going on inside of you? Many scientists believe that emotions come from a specific part of the brain, triggered by the world around us. The thrill of seeing an old friend, the fear of losing someone we love - each of these sensations seems to arise automatically and uncontrollably from within us, finding expression on our faces and in our behaviour, carrying us away with the experience. This understanding of emotion has been around since Plato. But what if it is wrong? In How Emotions Are Made, pioneering psychologist and neuroscientist Lisa Feldman Barrett draws on the latest scientific evidence to reveal that our common-sense ideas about emotions are dramatically, even dangerously, out of date - and that we have been paying the price. Emotions aren't universally pre-programmed in our brains and bodies; rather they are psychological experiences that each of us constructs based on our unique personal history, physiology and environment. This new view of emotions has serious implications: when judges issue lesser sentences for crimes of passion, when police officers fire at threatening suspects, or when doctors choose between one diagnosis and another, they're all, in some way, relying on the ancient assumption that emotions are hardwired into our brains and bodies. Revising that conception of emotion isn't just good science, Barrett shows; it's vital to our well-being and the health of society itself. © Bild und Text Pan Books. How Emotions Are Made - The Secret Life of the Brain, Lisa Feldman Barrett, Pan Books, E-Book, 2018

Kommentar

# Durch ein Interview in dem Heft "Psychologie Heute Compact 59" bin ich auf Lisa Feldman Barrett aufmerksam geworden. Von der kanadischen Psychologieprofessorin hatte ich bis dahin noch nie gehört, aber ihre Erläuterungen zu ihrer Theorie der konstruierten Emotionen und der Hinweis auf ihr Buch, haben mich sehr neugierig gemacht. Leider ist das Buch "How Emotions Are Made" bisher noch nicht auf deutsch erschienen und deshalb habe ich mir die 2018 veröffentlichte, englische E-Book Ausgabe besorgt. Der englische Ausdruck "mind-blowing" beschreibt eine Erfahrung, bei der vorhandene Grenzen des Wissens gesprengt werden und die als unfassbar und überwältigend erlebt wird. Mind-blowing war für mich die Lektüre des Buches und die Auseinandersetzung mit der Theorie der konstruierten Emotionen. Seit etlichen Jahren beschäftigt mich der Vergleich von klassischer, fernöstlicher Weisheit mit den Erkenntnissen der modernen Neurowissenschaften. Die Weisheitssucher früherer Zeitalter hatten zwar nicht unsere heutigen technischen Möglichkeiten, aber sie waren sicher ebenso intelligent und neugierig wie die Forscher unserer Zeit. Menschliche Wahrnehmung, das Entstehen von Emotionen und die Erfahrung von Realität, waren auch Themen, die Gelehrte des Hinduismus oder des Buddhismus sehr interessiert haben.

# Ein Teil unserer physikalischen Umwelt besteht aus Schall- und Lichtwellen, welche von physikalischen Objekten ausgesendet oder reflektiert wurden. Außerhalb unseres Gehirns gibt es keine Töne oder Farben. Eine Symphonie von Beethoven oder eine rote Rose existieren nicht in der physikalischen Realität. Es erscheinen immer mehr wissenschaftliche Veröffentlichungen, die sich mit menschlicher Wahrnehmung und der Funktionsweise unseres Gehirns beschäftigen, und die bestätigen, dass die wahrgenommene Realität kein unmittelbares Abbild der objektiven Außenwelt ist. Sehr empfehlenswert ist z.B. der Artikel "Unsere inneren Universen" von Anil K. Seth in Spektrum der Wissenschaft 2/2020 (siehe Link unten). Aber auch unsere innere Welt, wie z.B. Schmerzen, Erinnerungen oder Emotionen, scheint nicht wirklich zu existieren. In ihrem Buch diskutiert Lisa Feldman Barrett die vorhandenen, essentialistischen und konstruktionistischen Theorien, welche erklären sollen, wie das Gehirn unsere erlebte Realität erzeugt. Nach ihrer Meinung ist die essentialistische Vorstellung, dass es z.B. für bestimmte Emotionen unterschiedliche biologische Ursachen gibt (Essenzen), überholt. Moderne wissenschaftliche Erkenntnisse deuten eher daraufhin, dass Erfahrungen und Wahrnehmungen vom Gehirn konstruiert werden. Basierend auf ihrer eigene Forschung hat Lisa Feldman Barrett die Theorie der konstruierten Emotionen entwickelt.

"In every waking moment, your brain uses past experience, organized as concepts, to guide your actions and give your sensations meaning. When the concepts involved are emotion concepts, your brain constructs instances of emotion." Theory of constructed emotion. Barrett, Lisa Feldman; How Emotions Are Made; Pan Books; E-Book; 2018; Chpt. Emotions are constracted

# Es geht dabei in dem Buch nicht nur um Emotionen, sondern eigentlich um die grundsätzliche Frage, wie unser Gehirn funktioniert und wie wir überhaupt in einer sich ständig verändernden Welt überleben können. Über seine physikalische Innen- (Körper) und Außenwelt erhält das Gehirn pausenlos sensorische Signale, welche den Stoffwechsel und die Verteilung der Energieressourcen beeinflussen, und daher für das Gehirn von lebenswichtiger Bedeutung sind (Allostase). Würde das Gehirn erst die Signale verarbeiten und dann darauf reagieren, wären wir z.B. nicht in der Lage einer Gefahr auszuweichen, da zwischen Reiz und Reaktion zu viel Zeit vergehen würde. Das Gehirn funktioniert daher eher wie eine Vorhersagemaschine (siehe dazu den Artikel von Anil K. Seth). Unser Gehirn erzeugt ständig Simulationen, um damit Sinneseindrücke vorhersagen zu können. Jede Simulation kann als ein mentales Konzept verstanden werden, in dem alle Bedeutungs- und Handlungsmöglichkeiten integriert sind. Jede erzeugte Simulation wird über verschiedene Prozesse mit der aktuellen Situation abgeglichen. Die naheliegendste Simulation wird schließlich zu einer neuen Erfahrung. Ist dies z.B. eine Instanz eines Emotionskonzepts, dann wird eine Emotion erlebt. Veränderungen des Schalldrucks können durch Konzepte eine Bedeutung erhalten und werden als Worte und Musik statt als Geräusch gehört. Mentale Konzepte beschränken sich nicht nur auf die individuelle Realität, sondern können innerhalb einer Gruppe von Menschen eine gemeinsame soziale Realität erzeugen. Der konstruktionistische Erklärungsansatz ist nicht intuitiv, da wir unser Wahrnehmen und Handeln als spontan und real erleben. Ich musste das Buch nicht nur lesen, sondern auch wirklich durcharbeiten, bis ich die Theorie einigermaßen verstanden hatte.

# In ihrem Buch beschreibt Lisa Feldman Barrett auch mögliche gesellschaftliche Konsequenzen ihrer Theorie. Wenn die erfahrbare Realität in jedem Moment neu konstruiert wird, kann es auch keine eindeutigen und wiedererkennbaren Muster geben. Es existieren daher z.B. keine ausgeprägten, körperlichen Veränderungen (Gesicht, Körper, Stimme und/oder Gehirn), welche ausreichen würden, um zu bestimmen, welche Emotion jemand gerade erlebt. Mit dieser Unbestimmtheit und Mehrdeutigkeit scheint es fraglich, ob digitale Überwachungs- und Kontrollsysteme, die z.B. Gefährder über Gang- oder Gesichtserkennung identifizieren sollen, überhaupt eingesetzt werden können. Die Theorie der konstruierten Emotionen stellt auch viele Methoden der polizeilichen Ermittlung und der Rechtsprechung in Frage. Wie zuverlässig sind noch Zeugenaussagen oder Videobeweise?

# Sehr gefreut hat mich natürlich, dass Lisa Feldman Barrett auch auf klassische, fernöstliche Lehren eingeht. In Kapitel 9 "Mastering your Emotions" erwähnt sie einige Aussagen und Praktiken des Buddhismus. Wenn nach der konstruktionistischen Theorie mentale Konzepte konstruiert werden, dann sollte es auch möglich sein, diese Konzepte wieder zu dekonstruieren. Eine aktuelle Emotion muss also nicht der Filter für unsere Weltsicht und unser Handeln sein. Ist eine körperliche Empfindungen, z.B. schneller Herzschlag, als Angst zu verstehen, oder kann sie vielleicht eher als Vorfreude oder Aufregung interpretiert werden? Mit einiger Übung lassen sich Konzepte / Emotionen auf die physische Empfindung dekonstruieren. Dadurch ergibt sich die Chance, eine andere Deutungs- und Handlungsmöglichkeit zu wählen. Mit dem Ziel Leiden zu verringern, werden im Buddhismus verschiedene Achtsamkeits- und Meditationsübungen gelehrt, um damit mentale Konzepte zu dekonstruieren. Sehr interessant ist, dass Lisa Feldman Barrett auch unser Selbst als ein mentales Konzept versteht und dabei auf ähnliche Aussagen der buddhistischen Lehre verweist. Im Kapitel 4 "The Origin of Feeling" wird der Mechanismus des affektiven Realismus, körperliche Empfindungen beeinflussen die Wahrnehmung der äußeren Welt, beispielhaft anhand der Begegnung mit einer Schlange erklärt. Dies erinnert mich an eine bekannte Analogie im Advaita Vedanta, bei der ein Betrachter im Zwielicht der Dämmerung ein Seil für eine gefährliche Schlange hält. Bei dieser Analogie aus dem "Viveka Chudamani" von Shankara geht es um die Unterscheidung zwischen Illusion und Realität.

# Das Buch "How Emotions Are Made" von Lisa Feldman Barrett ist sehr empfehlenswert. Der sehr reichhaltige und informative Text wird durch Anhang, Fußnoten und Literaturverzeichnis ergänzt. Zur weiteren Vertiefung gibt es die begleitende Website how-emotions-are-made.com mit erweiterten Fußnoten, Glossar der Begriffe, Errata, Links zu Videos und weiteren Informationsquellen.

# Lisa Feldman Barrett hat bereits ein weiteres Buch angekündigt, auf das ich mich sehr freue. "Seven and a Half Lessons About the Brain" published by Houghton Mifflin Harcourt.

Links

Seth, Anil K.: "Wahrnehmung - Unsere inneren Universen", in Spektrum der Wissenschaft 2.20, 2020, S. 18-24. Info und Link siehe: Individuelle Realität bei michaelditsch.de

Theory of constructed emotion, Barrett, Lisa Feldman, How Emotions Are Made. Info und Links siehe: Gefühl, Emotion, Affekt bei michaelditsch.de

Inhalt E-Book

Contents

Introduction: The Two-Thousand-Year-Old Assumption

1. The Search for Emotion’s "Fingerprints"

2. Emotions Are Constructed

3. The Myth of Universal Emotions

4. The Origin of Feeling

5. Concepts, Goals, and Words

6. How the Brain Makes Emotions

7. Emotions as Social Reality

8. A New View of Human Nature

9. Mastering Your Emotions

10. Emotion and Illness

11. Emotion and the Law

12. Is a Growling Dog Angry?

13. From Brain to Mind: The New Frontier

Acknowledgments

Appendix A: Brain Basics

Appendix B: Supplement for Chapter 2

Appendix C: Supplement for Chapter 3

Appendix D: Evidence for the Concept Cascade

Bibliography

Notes

Illustration Credits

Index

Buchumschlag How Emotions Are Made