Buchtipp: "Klick" von Gerd Gigerenzer

Erstellt von Michael Ditsch | | Web & More

Wie wir in einer digitalen Welt die Kontrolle behalten und die richtigen Entscheidungen treffen

Risiken erkennen und richtig entscheiden in der digitalen Welt. Was genau zeichnen die smarten Geräte bei uns zu Hause auf? Gehört dem autonomen Fahren die Zukunft? Wo entscheiden Algorithmen besser als der Mensch, wo aber nicht? Und wie groß ist die Chance wirklich, beim Online-Dating den Partner fürs Leben zu finden? In seinem neuen Buch beschreibt der weltweit renommierte Psychologe und Risikoforscher Gerd Gigerenzer anhand vieler konkreter Beispiele, wie wir die Chancen und Risiken der digitalen Welt für unser Leben richtig einschätzen und uns vor den Verlockungen sozialer Medien schützen können. Kurz: wie wir digitale Kompetenz erwerben und auch online kluge Entscheidungen treffen. © Bild und Text Bertelsmann. Gigerenzer, Gerd (2021): Klick - Wie wir in einer digitalen Welt die Kontrolle behalten und die richtigen Entscheidungen treffen, München: Bertelsmann E-Book

Kommentar

# Erst kürzlich habe ich ein interessantes Interview mit Harald Lesch gelesen, bei dem es unter anderem auch um die sogenannte "Digitalisierung" ging. Ein Satz hat mich dabei sehr beeindruckt: "Zunächst mal wäre meine These, dass all diejenigen, die für die Digitalisierung schwärmen, meistens keine Ahnung haben, worum es eigentlich geht." (Geo.de 2021). Die Pandemie hat den Hype um die "Digitalisierung" extrem verstärkt und auch bei der Bundestagswahl durfte der Begriff in keinem Parteiprogramm fehlen. Mein Eindruck ist, dass die "Digitalisierung" mittlerweile zu einer Art Ersatzreligion geworden ist, deren Vertreter Heilsversprechungen verkünden und die baldige Erlösung von all unseren menschlichen Problemen in Aussicht stellen. Besonders der Einsatz der sogenannten "Künstlichen Intelligenz (KI)" wird immer stärker propagiert, da anscheinend der Mensch ein Mängelwesen ist, dessen Verhalten und Entscheidungen unbedingt verbessert werden müssen.

# Seit über 30 Jahren habe ich mit der "Digitalisierung" zu tun, die früher schlicht EDV (Elektronische Datenverarbeitung) genannt wurde. Allerdings habe ich die digitalen Techniken immer nur als Hilfsmittel und Werkzeuge zur Unterstützung meiner privaten und beruflichen Tätigkeiten gesehen. Die zunehmende Durchdringung aller Lebensbereiche und die massenhafte Erzeugung und Verarbeitung von Daten aller Art, führen bei mir allerdings zu einer tiefgreifenden Skepsis gegenüber den Versprechungen der Digitalisierungseuphoriker, weil ich persönlich eher die Tendenz zu Manipulation, Überwachung und Kontrolle sehe. Unbegründet ist diese Skepsis nicht, da es mittlerweile etliche wissenschaftliche Veröffentlichungen gibt, welche die Gefahren einer zunehmenden Algorithmisierung für die freiheitlichen, demokratischen Gesellschaften zum Thema haben. Für sehr lesenswert halte ich in diesem Zusammenhang das gerade erschienene Buch "Klick - Wie wir in einer digitalen Welt die Kontrolle behalten und die richtigen Entscheidungen treffen" von Gerd Gigerenzer.

# Der deutsche Psychologe Prof. Dr. Gerd Gigerenzer ist Direktor emeritus des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung und derzeitiger Direktor des Harding-Zentrums für Risikokompetenz an der Universität Potsdam, Fakultät für Gesundheitswissenschaften Brandenburg sowie Gründer und Gesellschafter von Simply Rational - Das Institut für Entscheidung. Seine Forschungsinteressen sind: Begrenzte Rationalität und soziale Intelligenz, Entscheidungen unter Unsicherheit und begrenzter Zeit, Risikokompetenz und Risikokommunikation, Entscheidungsverhalten von Managern, Richtern und Ärzten (MPIB 2021). Schon sein 2007 erschienenes Buch "Bauchentscheidungen - Die Intelligenz des Unbewussten und die Macht der Intuition" hat mich sehr fasziniert. Auch bei seinem neuen Buch geht es um Entscheidungen, aber diesmal stellt sich die Frage, wer in Zukunft die Entscheidungen für unser soziales und individuelles Leben treffen wird.

# Bei Diskussionen und Veröffentlichungen über "Digitalisierung", "Soziale Medien" oder "Künstliche Intelligenz" fällt mir auf, dass die Begriffe meist sehr unreflektiert und undifferenziert verwendet werden. Da ich auch seit über 20 Jahren im Bereich E-Learning (Elektronisch unterstütztes Lernen) tätig bin, konnte ich besonders während der Pandemie gut verfolgen, wie z.B. die "Digitalisierung der Schulen" oftmals auf das simple Verteilen von Tabletcomputern eines bestimmten Herstellers reduziert wurde. Sehr gut finde ich daher, wie Gerd Gigerenzer wesentliche Mythen, Begriffe und Verfahren erläutert und auch anhand von Beispielen für den Laien verständlich erklärt, wie z.B. "…, dass die baldige Ankunft von selbstfahrenden Autos wohl ein kommerzielles Märchen ist." (Gigerenzer 2021).

# Trotz kritischer Auseinandersetzung mit der "Digitalisierung" ist Gerd Gigerenzer dabei aber nicht technikfeindlich und auch kein moderner "Maschinenstürmer", vielmehr geht es in seinem Buch um eine Art Technikfolgenabschätzung, bei der Chancen und Risiken des Einsatzes digitaler Technologie geprüft und abgewogen werden. Das Buch ist keine akademisch-technische Einführung in maschinelles Lernen oder Big-Data-Analytik, sondern der Versuch einer breiten Leserschaft ein grundsätzliches Verständnis darüber zu vermitteln, auf welchen Methoden und Prinzipien die algorithmische Datenauswertung basiert und wie sich die "Digitalisierung" auf gesellschaftlicher und individueller Ebene auswirkt.

# War es aus meiner persönlichen Sicht früher nur notwendig Entscheidungen zur Nutzung von IT-Systemen rein auf Grundlage einer fachlich-wirtschaftlichen Evaluierung zu treffen, stellt sich mir heutzutage auch die Frage, welche gesellschaftspolitischen Konsequenzen damit verbunden sind. Sehr gut gefällt mir daher, dass Gerd Gigerenzer von Anfang an seine persönliche Meinung deutlich darlegt und auch seine Motivation zum Schreiben des Buches erläutert. Sein erklärtes Ziel ist es, dass auch bei einer weiter fortschreitenden "Digitalisierung" unseres Lebens, die Demokratie sowie die Freiheit und Würde des Menschen gewahrt bleiben. Hier kann ich nur ausdrücklich zustimmen.

"Die Gefahr, dass wir auf das negative Narrativ Maschine-über-Mensch hereinfallen und es staatlichen Autoritäten oder Tech-Unternehmen überlassen, unser Leben nach ihren Bedingungen zu »optimieren«, wächst mit jedem Tag – was mich besonders motiviert hat, dieses Buch zu schreiben. Wie in meinen früheren Büchern Bauchentscheidungen und Risiko ist auch Klick letztlich ein leidenschaftlicher Appell, hart erkämpfte Errungenschaften wie persönliche Freiheit und Demokratie am Leben zu erhalten." (Gigerenzer 2021)

# Gerd Gigerenzer verliert sich in seiner Auseinandersetzung mit der "Digitalisierung" nicht in technischen Details, speziellen Funktionen oder smarten "Gadgets", wie ich es leider oft im Bildungsbereich sehe und als "Tool-itis" und "Feature-itis" bezeichne, wo personelle und finanzielle Ressourcen beansprucht werden, um die Spezialinteressen einzelner Akteure zu bedienen. Stattdessen erläutert er grundsätzliche Fragen, Mechanismen und Probleme anhand vieler realer Beispiele wie z.B. Partnersuche, elektronische Patientenakten, selbstfahrende Autos, Sprachübersetzung, Objekt- und Gesichtserkennung, Big Nudging, Predictive Policing, Smart Homes, Sozialkredit-Systeme, Social-Media oder Fake News.

# Immer wieder bin ich erstaunt, wenn ich in meinem beruflichen und privaten Umfeld feststelle, wie unreflektiert z.B. sogenannte "Soziale Medien" genutzt werden. Als ob die globalen Tech-Konzerne tatsächlich das Wohl und die Interessen ihrer Nutzer im Sinn hätten. Börsennotierte Digitalkonzerne erzielen ihre Milliardengewinne durch ihre Werbekunden und sind nur ihren Aktionären verpflichtet. Das Produkt, welches den Werbekunden verkauft wird, ist die Aufmerksamkeit der Nutzer. Die Aufmerksamkeitsökonomie, auf die Gerd Gigerenzer sehr ausführlich eingeht, ist auch ein zentrales Thema in dem Buch "Nichts tun - Die Kunst, sich der Aufmerksamkeitsökonomie zu entziehen" von Jenny Odell (Link siehe unten). Die Tech-Konzerne investieren permanent riesige Summen in Forschung und Technik, um massiv Nutzerdaten zu generieren und auszuwerten, damit sie die Aufmerksamkeit der Nutzer dauerhaft an ihre Plattformen binden können. Sowohl Gerd Gigerenzer als auch Jenny Odell sehen in der Monetarisierung von Aufmerksamkeit eine große Gefahr, weil dadurch enorme kognitive Ressourcen gebunden werden und das Geschäftsmodell der Überwachung immer weiter vorangetrieben wird.

# Sehr gut und besonders wichtig finde ich, wie Gerd Gigerenzer die wesentlichen Unterschiede zwischen menschlicher und maschineller Entscheidungsfindung herausarbeitet. Basierend auf seiner eigenen Forschungsarbeit und der Analyse einer Vielzahl von konkreten Anwendungen in der realen Welt, die alle auf komplexen Algorithmen oder tiefen neuronalen Netzen basieren, kommt er zu der Feststellung, dass nur in sehr genau definierten, stabilen Situationen (Prinzip der stabilen Welt) und bei Vorhandensein von großen, zuverlässigen Datenmengen, KI-Systeme aufgrund ihrer massiven Rechenleistung einen Vorteil bieten. Menschliche Intelligenz und Kognition wurden dagegen über Jahrmillionen von der Evolution geformt, um bei ungewissen Umweltbedingungen lebenswichtige Entscheidungen zu treffen. Als wichtige menschlichen Fähigkeiten nennt Gigerenzer z.B. Kausales Denken, Intuitive Psychologie, Intuitive Physik und Intuitives Sozialverhalten. Gemeinsam bilden diese Fähigkeiten den "gesunden Menschenverstand": "Gesunder Menschenverstand ist gemeinsames, durch das biologische Gehirn ermöglichtes Wissen über Menschen und die physische Welt und bedarf nur begrenzter Erfahrung." (Gigerenzer 2021). Bereits bei der Lektüre des Buches "Das neue Lernen - heißt Verstehen" von Henning Beck (Link siehe unten) ist mir klar geworden, dass der Mensch in der Evolution so erfolgreich war, gerade weil das menschliche Gehirn Informationen anders verarbeitet als eine Rechenmaschine.

"Menschliche Intelligenz hat die Aufgabe, die Welt zu repräsentieren, kausale Modelle zu konstruieren und anderen Lebewesen Absichten zuzuschreiben. Dazu müssen Menschen in der Lage sein, ein Bild vom Original zu unterscheiden, etwa zu wissen, dass das Bild einer Person nicht die Person ist, obwohl manchmal ähnliche Gefühle von beiden ausgelöst werden können. Im Gegensatz dazu lernen tiefe neuronale Netze Bilder mit Klassen oder Überschriften zu assoziieren, wissen aber nicht, dass ein Bild eine Person oder ein Objekt in der realen Welt bezeichnet. AlphaGo und seine Nachfolger spielen Go besser als menschliche Großmeister, ohne zu wissen, dass sie ein Spiel spielen, und digitale Assistenten wie Siri und Alexa haben keine Ahnung, was ein Restaurant ist." (Gigerenzer 2021)

# Beim Thema "Digitalisierung" zeigt sich wieder deutlich, dass nicht die Technik das eigentliche Problem ist, sondern der Umgang mit ihr. Erkenntnisse, Erfindungen oder Entwicklungen aus Wissenschaft und Technik sind zunächst nur Ergebnisse unseres menschlichen Forschergeistes. Aber schon die ersten Faustkeile konnten als Werkzeuge oder als Waffen verwendet werden und daher ist es sehr sinnvoll sich anzuschauen, wer den modernen Faustkeil, sprich die "Digitalisierung", so euphorisch propagiert und so vehement vorantreiben will, denn der Einsatz technischer Errungenschaften ist meist interessen- und ideologiegetrieben. Gerd Gigerenzer nennt Begriffe wie "technologischen Solutionismus" und "technologischen Paternalismus", deren Vertreter in Staat und in der Wirtschaft davon ausgehen, dass sich mit Technologie alle menschlichen Probleme lösen lassen, dies aber nur möglich sei, wenn die gesellschaftspolitische Steuerung ihnen und ihren komplexen Algorithmen übertragen wird. Problematisch ist bei dieser Gesellschaftsvision die Intransparenz der Entscheidungsverfahren von "Blackbox-Algorithmen" und die Konzentration von Daten, Wissen und damit Macht in den Händen einer digitalen Elite.

# In seinem Buch zeigt Gerd Gigerenzer aber nicht nur wichtige Fragestellungen auf, sondern er bietet auch Lösungen und Antworten an. Sicherlich ist es wichtig, dass der einzelne Bürger sich informiert, indem er z.B. das Buch "Klick" liest, und sein Verhalten dementsprechend ändert. Obwohl ich mich in der IT-Systemadministration einigermaßen auskenne, sehe ich allerdings in meinem eigenen Alltag wie schwierig es ist "digitale Selbstverteidigung" zu betreiben, wie sie z.B. von Digitalcourage e.V. empfohlen wird (Link siehe unten). In meinem Umfeld sehe ich außerdem, dass Überwachung und Kontrolle im Austausch für Bequemlichkeit und "kostenlose" Dienstleistungen nur zu gern in Kauf genommen werden. Ein Umstand, den auch Gerd Gigerenzer mehrfach anspricht. Der einzelne Nutzer steht milliardenschweren Tech-Konzernen gegenüber, die Heerscharen von Anwälten, Lobbyisten, Wissenschaftlern und Ingenieuren beschäftigen können, um ihre Interessen und Geschäftsziele durchzusetzen. Hier kann nur der demokratische Staat helfen, falls er dazu gewillt ist und nicht selbst von den Errungenschaften des Überwachungskapitalismus profitieren möchte.

"Die Demokratien müssen eine Entscheidung treffen, wenn sie überleben wollen. Die eine Option wäre, die ursprüngliche Idee vom Internet als Ort der freien Information aufzugeben und stattdessen, wie in anderen Ländern, das Sozialkredit-System und die Große Firewall zu übernehmen, bis die Demokratie der Vergangenheit angehört. Die andere wäre, an dem Ideal festzuhalten und sich der Tatsache zu stellen, dass Demokratien das Wachstum der Tech-Monopole geduldet haben, die das Ideal zugunsten von Riesenprofiten missbraucht und aufs Spiel gesetzt haben. Dazu müssten die demokratischen Staaten den Mut haben, den Tech-Unternehmen wirklich Paroli zu bieten und das Internet von Grund auf so zu erneuern, dass es die demokratischen Ideale verteidigt, statt sie zu verwässern. Mit anderen Worten: auf den ursprünglichen Entwurf eines Internets zurückzugehen, das auf der freien Entfaltung von Wissen basiert statt auf Überwachungskapitalismus." (Gigerenzer 2021)

Hinweis
Das Buch von Gerd Gigerenzer habe ich im EPUB-Format erworben, bei dem die Textdarstellung variabel ist und sich der jeweiligen Bildschirmgröße automatisch anpasst. Bei den Zitaten habe ich deshalb keine Seitenzahlen angegeben und auch auf die Angabe der Kapitel verzichtet.

Quellen

  • Gigerenzer, Gerd (2021): Klick - Wie wir in einer digitalen Welt die Kontrolle behalten und die richtigen Entscheidungen treffen, München: Bertelsmann E-Book
  • Max-Planck-Institut für Bildungsforschung MPIB (2021): Gerd Gigerenzer, [online] www.mpib-berlin.mpg.de/mitarbeiter/gerd-gigerenzer [05.10.2021]
  • GEO.de (2021): Interview mit Prof. Dr. Harald Lesch über Bildung, [online] www.geo.de/natur/nachhaltigkeit/harald-lesch-erklaert--was-in-der-bildung-wichtig-ist-30781968.html [03.10.2021]

Links

Inhalt

Einleitung

Teil 1 DER MENSCH UND DIE KI
1 Ist wahre Liebe nur einen Klick entfernt?
2 Was KI am besten kann: Das Prinzip der stabilen Welt
3 Maschinen beeinflussen unsere Vorstellung von Intelligenz
4 Sind selbstfahrende Autos zum Greifen nah?
5 Gesunder Menschenverstand und KI
6 Ein Datenpunkt kann Big Data schlagen

Teil 2 ES STEHT VIEL AUF DEM SPIEL
7 Transparenz
8 Schlafwandelnd in die Überwachung
9 Wie man Nutzer abhängig macht
10 Sicherheit und Selbstkontrolle
11 Fakt oder Fake?

Dank
Anmerkungen
Literatur
Bildteil

Buchumschlag Klick