Buchtipp: "Mach mich locker!" von Bärbel Oftring

Erstellt von Michael Ditsch | | Erde & Mensch

Wer den Boden versteht, gärtnert erfolgreich & nachhaltig

Der Boden ist der artenreichste Lebensraum der Erde und die Basis für nachhaltiges Gärtnern. Bärbel Oftring stellt diese wundersame Welt vor. Wir erfahren, wie wir die fruchtbare Erde schützen und verbessern können, und lernen den kostengünstigsten Ökoingenieur, den Regenwurm, kennen. Seiner unermüdlichen Tätigkeit verdanken wir zu einem Großteil die Fruchtbarkeit des Bodens. Das Buch bietet spannende Bodenexperimente, Projekte und praktische Tipps, die ganz einfach im eigenen Garten umgesetzt werden können – der nachhaltigste Weg, den Boden besser zu verstehen. © Bild und Text Kosmos. Oftring, Bärbel (2021): Mach mich locker! - Wer den Boden versteht, gärtnert erfolgreich & nachhaltig, Stuttgart: Kosmos E-Book

Kommentar

# Wenn ich mir die zahlreichen, jährlichen Neuveröffentlichungen zum Thema Gartenpflanzen und Gartengestaltung anschaue, müssten in Deutschland überall wunderbare, lebendige Gärten zu bestaunen sein. Beim Gang durch die Wohnviertel von Ortschaften zeigt sich oftmals ein anderes Bild. Besonders ernüchternd ist der Trend zu sogenannten "Schottergärten", bei denen ganze Vorgartenbereiche mit Folien, Kies oder Schotter abgedeckt werden, um jegliches Leben darunter zu ersticken. Sehr interessant sind dazu die aktuellen Beiträge des Biologen Ulf Soltau über die "Gärten des Grauens", die er in verschiedenen digitalen Medien und in seinen Büchern veröffentlicht und mit sehr eindrucksvollem Bildmaterial versieht. Neu ist diese Kritik an der Gartengestaltung in Deutschland allerdings nicht. Die Ausstellung "Grün kaputt – Landschaft und Gärten der Deutschen" von 1983 konnte ich zwar nicht besuchen, aber das gleichnamige Begleitbuch, welches ich immer noch sehr beeindruckend finde, habe ich später erworben. Der Dokumentarfilmer und Autor Dieter Wieland war maßgeblich an der Konzeption der Ausstellung und des Begleitbuchs beteiligt. Schon damals mahnte Dieter Wieland in eindrücklichen Worten und Bildern, dass die ökologische Vielfalt von Landschaften und Gärten zunehmend zerstört wird. In ihrem Buch "Mach mich locker!" geht auch Bärbel Oftring auf diese Thematik ein und schreibt in ihrem Vorwort:

"Wenn man sich umschaut in den Monokulturen, die sich in Feld, Wald und Flur und auch in den Gärten ausbreiten, wird einem angst und bange. Die Vielfalt des Bodenlebens ist bedroht – und zwar nicht nur dort, wo Landwirtschaft betrieben und Straßen über Straßen gebaut werden, wo sich Siedlungen und Industriegebiete immer mehr ins Land hineinfressen, sondern auch im Garten: Auch bei Ihnen!" (Oftring 2021, S 4)

# Bärbel Oftring studierte Biologie mit den Schwerpunkten Zoologie, Paläontologie und Botanik. Nach dem Studium war sie einige Jahre im Garten- und Naturlektorat des Kosmos-Verlags tätig. Auch als freie Autorin, Redakteurin und Herausgeberin von Sachbüchern für Erwachsene und Kinder, hat sie ihren Schwerpunkt im Bereich von Flora und Fauna beibehalten. Ihr aktuelles Buch "Mach mich locker!" beschäftigt sich mit dem Boden, einer der wichtigsten Grundlage für nachhaltiges Gärtnern. Im Gegensatz zu Fachliteratur wie z.B. dem "Scheffer / Schachtschabel", ein Standardwerk der Bodenkunde, welcher 2018 in der 17. , überarbeiteten und ergänzten Auflage erschienen ist, und der während meines Landespflege / Landschaftsarchitektur Studiums ein wichtiges Hilfsmittel für die Auseinandersetzung mit Böden und Substraten war, ist das Buch von Bärbel Oftring ein praxisorientierter Ratgeber für Einsteiger in die Gartengestaltung. Den Buchtitel "Mach mich locker!" finde ich sehr gelungen, da er zum einen den Bezug zum Gartenboden herstellt, zum anderen auch eine wichtige, mentale Voraussetzung des Gärtners für die Arbeit im Garten anspricht.

# Das Buch halte ich für sehr geeignet, um auch gärtnerischen Laien die ökologischen Zusammenhänge und die Bedeutung des Bodens für die erfolgreiche Anlage und Pflege von Zier- und Nutzgarten nahezubringen. Dies war für mich auch ein wesentlicher Grund für den Erwerb des Buches, weil ich interessierte Freunde und Bekannte damit informieren möchte. Bärbel Oftring besitzt nicht nur das fachliche Wissen, sondern auch die didaktische Erfahrung und Kompetenz für die Wissensvermittlung, wie Aufbau, Gliederung und Gestaltung des Buches sehr deutlich zeigen. Alle wichtigen Aspekte des Lebensraums Boden und der gärtnerischen Bodenpflege werden von der Autorin verständlich dargelegt. Neben den aussagekräftigen Bildern und Grafiken, sind es besonders die praxisnahen Anleitungen, die beim "Begreifen" der verschiedenen Themen rund um den Boden helfen. Ergänzende Informationen werden kurz und verständlich in Infoboxen oder Tabellen zusammengefasst. Weitere Möglichkeiten zur Information, wie Literaturhinweise und hilfreiche Adressen, finden sich am Ende des Buches. Besonders erwähnenswert ist, dass Bärbel Oftring sehr deutlich auf den Klimawandel und das Artensterben eingeht und z.B. die Hintergründe zur Torfverwendung erläutert, aber auch Alternativen aufzeigt, wie im eigenen Garten Biodiversität und Klimaneutralität umgesetzt werden können.

# Ökologisches Wissen ist also zur Genüge vorhanden. Es gibt unzählige, wissenschaftliche und populärwissenschaftliche Veröffentlichungen und Informationen in Büchern und im Web. Aber warum wird dieses Wissen nicht umgesetzt? Eine mögliche Ursache beschreibt das Buch "Nichts tun - Die Kunst, sich der Aufmerksamkeitsökonomie zu entziehen" von Jenny Odell (Link siehe unten), welches ich erst kürzlich gelesen habe. Besonders die Geschäftsmodelle vieler US-amerikanischer Digitalkonzerne basieren auf der ständigen Aufmerksamkeitserregung, wodurch sie die kognitiven Ressourcen und die Zeit ihrer Nutzer beanspruchen, um damit Werbeeinnahmen zu generieren. Meiner Meinung nach findet auch eine "Amazonifizierung" des Alltags statt, die eine Erwartungshaltung erzeugt, bei der alles, billig, schnell, sofort und bequem zur Verfügung stehen muss. Geduld ist keine Tugend mehr und auch die Muße hat heutzutage einen schweren Stand. Doch im Sinne einer nachhaltigen Gartennutzung sind Aufmerksamkeit, Geduld, Muße und Zeit wichtige Voraussetzungen, um Boden, Flora, Fauna und den ökologischen Kontext in seiner Einzigartigkeit und Verbundenheit überhaupt wahrzunehmen. Interessant ist auch, dass beide Autorinnen, Jenny Odell und Bärbel Oftring, in ihren Büchern die Permakultur (Link siehe unten) erwähnen.

"Ein ökologisches Verständnis braucht Zeit. Kontext ist das, was zum Vorschein kommt, wenn man seine Aufmerksamkeit lange genug auf etwas richtet; je länger man sie aufrechterhält, desto mehr Kontext tritt zutage." (Odell 2021)

"Hinter Permakultur steht eine lebensbejahende Einstellung zu allem, was lebt. Pflanzen, Tiere und Mensch sind partnerschaftlich auf Augenhöhe und teilen sich gemeinsam zum Wohle aller einen Lebensraum. Der Garten gehört nicht dem Besitzer und Gärtner allein, sondern auch den Pflanzen und Tieren." (Oftring 2021, S. 114)

# Eine andere mögliche Ursache für das "unökologische" Verhalten vieler Menschen könnte vielleicht die Tatsache sein, dass der Homo sapiens ein Ergebnis biologisch-evolutionärer Prozesse ist. Angeblich soll der Mensch ein vernunftbegabtes Wesen sein, dessen Entscheidungen und Handlungen auf der Grundlage rationalen Denkens entstehen. Allerdings zeigen die Erkenntnisse der modernen Lebenswissenschaften, wie z.B. Evolutionsbiologie und Neurowissenschaft, dass die Evolution (Link siehe unten) den Homo sapiens, wie alle anderen Arten auch, nach dem Fortpflanzungserfolg selektiert hat, welcher vom täglichen Überleben und der Reaktion auf unmittelbare Bedrohungen abhängt, aber nicht nach der Fähigkeit komplexe, ökologische Zusammenhänge und deren zukünftige Entwicklung zu erkennen. Psychisch und physisch geprägt wurde der Mensch in seiner ca. 300.000 jährigen Existenz wesentlich in der Zeit, während der er als Jäger und Sammler in Kleingruppen auf der Suche nach Nahrung umherstreifte. Für das soziale Wesen Mensch ist Konformität sehr wichtig und die Ansichten von Familie, Nachbarn und Freunden sind daher wahrscheinlich entscheidender, auch hinsichtlich der Gartengestaltung, als die, teils sehr abstrakten, Forschungsergebnisse der Wissenschaften. Sehr empfehlenswert ist in diesem Zusammenhang das Buch "Relativ real" (Link siehe unten) von Donald D. Hoffman, in dem er erläutert, wie sich die Kognition des Menschen im evolutionären Prozess entwickelt hat.

# Was also tun? In Bebauungs- und Grünordnungsplänen können Gemeinden neben Vorgaben für den Gebäudebau, auch die Gestaltung von Freiflächen regeln. Obwohl ich die Notwendigkeit sehe, bin ich selbst kein Freund von ordnungsrechtlichen Maßnahmen und würde mir eher wünschen, dass ein Umdenken, ein Bewusstseinswandel stattfindet und sich damit ein Verständnis für die ökologischen Prozesse in unserer Lebenswelt entwickelt.

"In Ihrem Garten haben Sie es in der Hand, wie Sie mit dem Boden – und damit mit dem Leben an sich – umgehen: Verfolgen Sie dort eine Haltung von Ordnung und Kontrolle, bei der alles, was Sie stört, von der Laus bis zum Unkraut mit Maschineneinsatz und Chemie beseitigt wird, tragen Sie mit zu der Spirale nach unten bei. Gehen Sie hingegen wertschätzend und achtungsvoll mit dem Boden und allem, was lebt, um und holen Sie sich dazu das verloren gegangene Wissen über die Zusammenhänge in der Natur zurück, besteht Hoffnung. Darauf setze ich. Deshalb halten Sie nun dieses Buch über den Boden in Ihren Händen: Machen Sie sich locker!" (Oftring 2021, S. 4)

Quellen

  • Oftring, Bärbel (2021): Mach mich locker! - Wer den Boden versteht, gärtnert erfolgreich & nachhaltig, Stuttgart: Kosmos E-Book
  • Amelung, W. u. a. (2018): Scheffer / Schachtschabel Lehrbuch der Bodenkunde 17. Aufl., Berlin, Heidelberg: Springer Spektrum
  • Odell, Jenny (2021): Nichts tun - Die Kunst, sich der Aufmerksamkeitsökonomie zu entziehen, München: C.H.Beck E-Book

Links

Inhalt

Unsere Erde 4

Was ist Boden? 6
Mutterboden 8
So entsteht Boden 12
Was ist sonst noch drin im Boden? 18
Den eigenen Boden kennenlernen 22
Eigenschaften von Böden 26
Fruchtbarer Boden 32
Erosion: Was passiert, wenn … 36
Erden und Substrate für den Garten 40

Boden: Lebensraum & Netzwerk 44
Eine Handvoll Boden 46
Der Regenwurm – das bekannteste Tier im Boden 48
Weitere Bodentiere 52
Bodenorganismen: Algen und Mikrofauna 58
Pilze im Boden 60
Bodenbakterien 64
Netzwerk Boden 66

Bodenpraxis im Garten 68
Kreisläufe im Garten 70
Den Boden bearbeiten 72
Wie Wurzeln arbeiten 78
Gute Düngepraxis 80
Kompost – das schwarze Gold des Gärtners 90
Gründüngung 96
Effektive Mikroorganismen 100
Den Boden pflegen 102
Mischkultur und Fruchtfolge 108
Gärtnern nach den Prinzipien der Permakultur 112

Ausblick in die Zukunft 116
Die Zukunft des Bodens 118
Der Boden im Klimawandel 120

Service 124

Buchumschlag Mach mich locker!