Buchtipp: "Mensch werden" von Michael Tomasello

Erstellt von Michael Ditsch | | Körper & Psyche

Eine Theorie der Ontogenese

Fast alle Theorien darüber, wie der Mensch zu einer so einzigartigen Spezies geworden ist, konzentrieren sich auf die Evolution. Michael Tomasello legt mit seinem faszinierenden Buch eine komplementäre Theorie vor, die sich auf die kindliche Entwicklung konzentriert. Aufbauend auf den bahnbrechenden Ideen von Lev Vygotskij, erklärt sein empiriegesättigtes Modell, wie sich das, was uns menschlich macht, in den ersten Lebensjahren herausbildet. Tomasello bietet drei Jahrzehnte experimenteller Arbeit mit Schimpansen, Bonobos und Menschenkindern auf, um einen neuen theoretischen Rahmen für das psychologische Wachstum zwischen Geburt und siebtem Lebensjahr vorzuschlagen. Er identifiziert acht Merkmale, die den Menschen von seinen engsten Verwandten unterscheiden: soziale Kognition, Kommunikation, kulturelles Lernen, kooperatives Denken, Zusammenarbeit, Prosozialität, soziale Normen und moralische Identität. Auch Menschenaffen besitzen diesbezüglich rudimentäre Fähigkeiten. Aber erst die Anlage des Menschen zu geteilter Intentionalität verwandelt diese Fähigkeiten in die einzigartige menschliche Kognition und Sozialität. Mit seiner radikalen Neubewertung der Ontogenese zeigt Tomasello, wie die Biologie die Bedingungen schafft, unter denen die Kultur ihre Arbeit verrichtet. © Bild und Text Suhrkamp. Tomasello, Michael (2020): Mensch werden - Eine Theorie der Ontogenese, Berlin: Suhrkamp eBook

Kommentar

# Was ist der Mensch? Die Antwort auf diese Frage hängt von der jeweiligen Weltanschauung ab. Bei einer anthropozentrischen Betrachtung wird der Mensch gerne als "Krone der Schöpfung" und im Gegensatz zur "Natur" gesehen. Seine Einzigartigkeit erhebt ihn sogar über die "Natur" und daher kann er sie beherrschen und nach seinem Willen gestalten. Aus naturwissenschaftlicher Sicht ist der Mensch Teil der biologischen Evolution. In der Systematik der Biologie wird der moderne Mensch nach der klassischen evolutionären Klassifikation wie folgt beschrieben: Art: Homo sapiens, Gattung: Homo, Familie: Menschenaffen, Unterordnung: Trockennasenaffen, Ordnung: Primaten, Unterklasse: Höhere Säugetiere, Klasse: Säugetiere. Dies sind nur zwei Beispiele, die zeigen, wie unterschiedlich der Mensch und seine Stellung in dieser Welt betrachtet werden können. Fragen zu seiner Existenz haben den Menschen wahrscheinlich schon immer beschäftigt. In Bibliotheken und im World Wide Web finden sich dazu unzählige Veröffentlichungen. Über all das kann ich mir meine Gedanken machen, weil ich anscheinend über ein sogenanntes Bewusstsein verfüge und mir darüber auch selbst bewusst bin. Die Fähigkeit des Menschen seine eigene Existenz bewusst wahrzunehmen und zu reflektieren, ist Segen und Fluch zugleich. Wahrscheinlich ist der Mensch das einzige Lebewesen, welches mit dem Wissen um die eigene Sterblichkeit konfrontiert ist. Was dieses Bewusstsein ist und ob es nur in meinem Kopf existiert, ist bis heute nicht geklärt. In der abendländischen Philosophiegeschichte wird die Vernunft oder die Rationalität des Menschen sehr in den Vordergrund gestellt und teilweise sogar als Gegensatz zum materiellen Körper verstanden (Dualismus, Leib/Seele, Körper/Geist). Manche ostasiatische Weisheitslehren negieren dagegen die Existenz getrennter Substanzen (Monismus). Alles scheint möglich.

# Es gibt verschiedene Ansätze, wie die Wissenschaften sich der Frage "Was ist der Mensch?" annähern. Die klassischen Naturwissenschaften haben sich lange Zeit nicht mit dieser Frage beschäftigt, weil das Innenleben des Menschen nicht objektiv untersucht, gemessen und analysiert werden konnte. Moderne Wissenschaftler arbeiten heutzutage vermehrt interdisziplinär und können dadurch neue Herangehensweisen und Methoden entwickeln. Sehr gespannt war ich daher auf das Buch "Mensch werden" von Michael Tomasello. Am Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie leitete Tomasello von 1998 bis 2017 die Abteilung für vergleichende und Entwicklungspsychologie. Seine wesentlichen Forschungsgebiete waren die Entstehung von Sprache und die kulturelle Evolution beim Menschen. Ausgangspunkt für seine Arbeit war die Frage, wie die einzigartigen kognitiven und gesellschaftlichen Fähigkeiten des Menschen entstanden sind. Im Unterschied zu den hoch entwickelten Menschenaffen, machen diese Fähigkeiten eine Beteiligung an kultureller Koordination und Weitergabe erst möglich. In seinem neuen Buch fasst Tomasello die Ergebnisse zahlreicher empirischer Studien zusammen und schlägt einen theoretischen Rahmen zur Ordnung und Klärung seiner Forschung vor.

# Nach Tomasello können die psychologische Entwicklung des Menschen und seine soziokulturellen Tätigkeiten nicht unabhängig von der biologischen Evolution verstanden werden. Allerdings bezieht er sich dabei nicht auf die genozentrische Auslegung der Evolutionstheorie, bei der allein das Genom für die Entwicklung von Organismen verantwortlich ist, sondern er verfolgt den Ansatz der evolutionären Entwicklungsbiologie (Evo-Devo), bei der untersucht wird, welche Rolle die Steuerung der Individualentwicklung (Ontogenese) bei der Evolution spielt.

"Aber die natürliche Selektion erzeugt nichts. Sie ist nur ein Sieb, das im Nachhinein lebensfähige von nichtlebensfähigen Organismen trennt. Evolutionäre Neuheiten entspringen nicht der natürlichen Selektion, sondern stammen vielmehr aus der anderen Hauptdimension des Evolutionsprozesses: der erblichen Variation. Klassischerweise geht die erbliche Variation in der Evolution aus der genetischen Mutation oder der Rekombination hervor, die durch ontogenetische Prozesse neue Merkmale hervorbringen. Aber jüngere Fortschritte in der evolutionären Entwicklungsbiologie (der so genannten Evo-Devo) deuten darauf hin, dass die konstruktive Rolle dieser ontogenetischen Prozesse nicht vollständig erkannt wurde. Es ist nicht nur so, dass neue Merkmale immer durch ontogenetische Prozesse entstehen - die die Expression von Genen steuern und einschränken -, sondern die bei weitem häufigste Quelle neuer Merkmale besteht in Änderungen der zeitlichen Abstimmung und der Art und Weise, wie bereits existierende Gene exprimiert werden und mit der Umgebung interagieren. Somit können auch relativ geringe Veränderungen der Art und Weise, wie Regulatorgene das ontogenetische Timing und die Plastizität arrangieren, gewaltige, hintereinandergeschaltete phänotypische Effekte haben – die nicht direkt in den Genen kodiert sind -, während die sich entwickelnden Systeme miteinander und mit der Umgebung auf unerwartete Weisen interagieren." (Tomasello, 2020, S. 16-17)

# Um sich in dem weiten Feld von Evolution und Ontogenese nicht zu verlieren, grenzt Tomasello sein Forschungsgebiet ein. Er beschränkt sich auf die Entwicklung von Kindern bis zum siebten Lebensjahr, er vergleicht diese ausschließlich mit der Entwicklung von höheren Menschenaffen, und er reduziert den Vergleich auf bestimmte Entwicklungspfade aus den Bereichen der menschlichen Kognition (Soziale Kognition, Kommunikation, Kulturelles Lernen, Kooperatives Denken) und der menschlichen Sozialität (Zusammenarbeit, Prosozialität, Soziale Normen, Moralische Identität), die er als einzigartig hinsichtlich der menschlichen Ontogenese identifiziert hat. Das Buch ist nach diesen Vorgaben strukturiert. Nach einer Einführung in die Thematik, bilden die Kapitel über die Ontogenese von Kognition und Sozialität den Hauptteil. Die Unterkapitel zu den Entwicklungspfaden folgen einer einheitlichen Gliederung, bei der zuerst die Ontogenese der Menschenaffen, dann die typischen ontogenetischen Entwicklungspfade der Menschen und schließlich die Ontogenese der vernunftbasierten Rationalität und Moral von Kindern betrachtet werden. Durch sogenannte Entwicklungsdiagramme wird das Verständnis der Aussagen mittels einer graphischen Darstellung erleichtert. Sehr gut finde ich, dass auch interkulturelle Vergleiche berücksichtigt werden. Gerade bei Studien, die nur in bestimmten Bevölkerungsgruppen westlicher Industrienationen durchgeführt werden, kann es zu einem Verzerrungseffekt (Bias) bei den Ergebnissen kommen. Im abschließenden Kapitel werden die Erkenntnisse zusammengefasst und es wird ein Vorschlag für eine Theorie der menschlichen Ontogenese formuliert. Durch die klare und nachvollziehbare Struktur bleibt das Buch, trotz der Fülle an Information, gut lesbar. Im Buch verzichtet Tomasello auf die ausführliche Erläuterung der durchgeführten Experimente. Auf der Website www.becoming-human.org (Zugangsdaten im Buch) zeigen die jeweiligen Videos, wie viel Arbeit, Geduld und Zeit in die Experimente investiert wurde. Meiner Meinung nach macht die schiere Menge empirischer Evidenz die Forschungsergebnisse von Tomasello sehr glaubwürdig.

# Sehr gut gefällt mir, wie der Autor, im besten wissenschaftlichen Sinne, Hypothesen formuliert, Diskussionsvorschläge macht, und seine ganze Arbeit unter wissenschaftlichen Vorbehalt stellt. Er weist auch ausdrücklich daraufhin, wenn eine Aussage seine persönliche Meinung darstellt. Immer wieder wird deutlich, dass Tomasello keine absoluten Wahrheiten verkünden will, sondern einen Zwischenstand seiner Forschung präsentiert. Unklarheiten, offene Fragen oder die Notwendigkeit zu weiteren Forschungen werden direkt angesprochen. Im Kapitel "Probleme und Aussichten" geht er sogar auf die bisherigen Kritiken zu seiner Arbeit ein und macht Vorschläge, wie die Forschung verbessert werden könnte.

# Für mich persönlich war besonders interessant, dass auch Tomasello einen konstruktivistischen Ansatz verfolgt, wie ich ihn schon bei Anil Seth, Lisa Feldman Barrett, Vilaynur S. Ramachandran oder Julia Shaw (Links siehe unten) kennengelernt habe. Diskussionen um die kognitiven und kulturellen Fähigkeiten des Menschen drehen sich oft um die Frage, ob diese Fähigkeiten vorgegeben sind (Nativismus, Essentialismus), oder durch das Gehirn fortlaufend konstruiert werden (Konstruktivismus). Besonders neue Erkenntnisse der Neurowissenschaften, wie z.B. Prädiktive Codierung und Prädiktive Verarbeitung, unterstützen die These, dass die wahrgenommene Realität durch eine Art kontrollierte Halluzination im Gehirn konstruiert wird. Ähnlich wie Tomasello geht auch z.B. Lisa Feldman Barrett davon aus, dass soziale und kulturelle Realität eigentlich mentale Konzepte sind, die durch soziale Interaktion und kollektive Intentionalität innerhalb menschlicher Gruppen konstruiert werden. Meiner Meinung nach hat diese Sichtweise erhebliche Konsequenzen. Sind nämlich Elemente der psychischen, sozialen und kulturellen Realität nicht vorgegeben, sondern Ergebnisse konstruktivistischer Prozesse, dann können diese Elemente auch wieder dekonstruiert werden. Ein Ansatz, welcher von einigen spirituellen Traditionen, wie z.B. dem Buddhismus, verwendet wird, um Leid durch die Wahl alternativer Deutungs- und Handlungsmöglichkeit zu verringern.

"Diese Darstellung der frühen Ontogenese der sozialen Kognition des Menschen ist somit nicht nativistisch - obwohl sie sich auf die Reifung als einen wesentlichen Bestandteil des Prozesses beruft -, aber sie bildet sich auch nicht ein, dass Kinder diese elementaren Fähigkeiten durch Unterricht von Erwachsenen lernen. Vielmehr ist die Darstellung konstruktivistisch, indem sie sowohl die Reifung einzigartig menschlicher Fähigkeiten als auch die einzigartigen Arten von Erfahrung erfordert, die diese neuen Fähigkeiten ermöglichen. Ebenfalls erforderlich ist eine exekutive Ebene, auf der unterschiedliche subjektive Perspektiven miteinander und mit einer objektiven Perspektive koordiniert und neue Begriffe konstruiert werden. Die vorliegende Darstellung ist auch keine Theorie »dualer Systeme« (»Modularität lite«), sondern vielmehr eine Theorie echter Entwicklungsveränderung oder transformation [...]." (Tomasello, 2020, S. 134-135).

# Was ist der Mensch? Diese Frage wird die Menschheit wohl noch lange beschäftigen. Trotz der enormen Fortschritte in der Wissenschaft, bleibt das Leben immer noch ein großes Rätsel. Die "Krone der Schöpfung" scheint der Mensch allerdings nicht zu sein. Vielmehr ist der Mensch, wie alle Lebewesen, in das Netz der Evolution verwoben. Abschließen möchte ich mit einem Zitat von Vilayanur S. Ramachandran, einem Neurowissenschaftler, der in der westlichen Wissenschaft verankert ist, aber den ganzheitlichen Ansatz östlicher Denksysteme und Philosophien nicht aus den Augen verloren hat.

"Die Naturwissenschaften - Kosmologie, Evolutionstheorie und vor allem die Neurowissenschaften - teilen uns mit, dass wir keine Sonderstellung im Universum innehaben und dass unser Gefühl, wir hätten eine private, nichtstoffliche Seele, die die 'Welt beobachtet', in Wirklichkeit eine Illusion ist (wie es die mystischen Traditionen des Ostens, etwa der Hinduismus und der Zen-Buddhismus, schon lange lehren). Sobald Ihnen klar geworden ist, dass Sie keineswegs Zuschauer sind, sondern vielmehr Teil des ewigen Gezeitenstroms der kosmischen Ereignisse, wirkt diese Erkenntnis sehr befreiend. Letztlich verhilft sie Ihnen auch zu einer gewissen Demut - dem Kern jeder echten religiösen Erfahrung." (Ramachandran, Blakeslee, 2002, S.409)

Quellen

  • Tomasello, Michael (2020): Mensch werden - Eine Theorie der Ontogenese, Berlin: Suhrkamp eBook
  • Ramachandran, Vilayanur S. / Blakeslee, Sandra (2002): Die blinde Frau, die sehen kann - Rätselhafte Phänomene unseres Bewusstseins, Hamburg: Rowohlt TB

Links

Inhalt

Vorwort

I Hintergrund

1 Auf der Suche nach der Einzigartigkeit des Menschen

2 Evolutionäre Grundlagen
Die Evolution des Menschen
Die Ontogenese des Menschen
Erklärungen in der Entwicklungspsychologie

II Die Ontogenese der einzigartig menschlichen Kognition

3 Soziale Kognition
Im Ausgang von Menschenaffen: Sich vorstellen, was andere wahrnehmen
Gemeinsame Aufmerksamkeit
Die Koordination von Perspektiven
"Objektiv" werden

4 Kommunikation
Im Ausgang von Menschenaffen: Intentionale Kommunikation
Kooperative Kommunikation
Kommunikation anhand von Konventionen
Symbolisch werden

5 Kulturelles Lernen
Im Ausgang von Menschenaffen: Soziales Lernen
Imitation und Konformität
Lernen durch Anweisung
Sachkundig werden

6 Kooperatives Denken
Im Ausgang von Menschenaffen: Individuelles Denken
Gemeinsames Denken
Koordinierte Entscheidungsprozesse
Vernünftig werden

III Die Ontogenese der einzigartig menschlichen Sozialität

7 Zusammenarbeit
Im Ausgang von Menschenaffen: Parallel zu anderen handeln
Zusammenarbeit auf zwei Ebenen
Gemeinsame Verpflichtungen
Zweitpersonal werden

8 Prosozialität
Im Ausgang von Menschenaffen: Elementares Mitgefühl
Smithsches Helfen und Teilen
Fairness
Kooperativ werden

9 Soziale Normen
Im Ausgang von Menschenaffen: Leben in Gruppen
Soziale Normen
Gerechtigkeit
Einen Gruppengeist entwickeln

10 Moralische Identität
Im Ausgang von Menschenaffen: Soziale Bewertung
Selbstpräsentation und Befangenheitsgefühle
Moralische Rechtfertigung und Identität
Verantwortlich werden

IV Schluss

11 Eine neovygotskijsche Theorie
Globale Theorien der menschlichen Ontogenese
Die Theorie der geteilten Intentionalität
Probleme und Aussichten

12 Die Macht gemeinsamen Handelns

Literatur
Register
Fußnoten
Information zum Buch
Impressum
Hinweise zum eBook

Buchumschlag Mensch werden