Buchtipp: "Nichts tun" von Jenny Odell

Erstellt von Michael Ditsch | | Spiritualität & Lebenskunst

Die Kunst, sich der Aufmerksamkeitsökonomie zu entziehen

Wir leben inmitten einer kapitalistischen Aufmerksamkeitsökonomie, die unsere Sinne und unser politisches Bewusstsein verkümmern lässt. «Nichts tun» ist der wohlüberlegte Aufruf, unser Leben fernab von Effizienzdenken und Selbstoptimierung zurückzuerobern. Ein provokatives, zeitgemäßes und glänzend geschriebenes Buch, das die Leser*innen aufrütteln wird. Unsere Aufmerksamkeit stellt die wertvollste Ressource dar, über die wir verfügen. Im Effektgewitter kommerzieller Internetplattformen wie Facebook, Twitter, Instagram oder TikTok wird sie jedoch permanent überspannt. Jenny Odell plädiert in ihrem Buch auf eindrückliche Weise für ein radikales Innehalten, statt unsere kostbare Freizeit weiter an die kurzfristigen Verlockungen der Aufmerksamkeitsökonomie zu verschwenden. Nur über bewusste Formen des Nichtstuns finden wir heute noch zu uns selbst: etwa wenn wir uns phasenweise wieder in unsere natürliche Umgebung zurückzuziehen lernen, die Kunst der Naturbeobachtung kultivieren und authentische Begegnungen mit anderen zulassen. Odell versteht ihre Anleitung zum Nichtstun gleichsam als Akt des politischen Widerstands, um der notorischen Selbst- und Naturzerstörung im Kapitalismus etwas entgegensetzen und die Forderung nach demokratischer Partizipation und Solidarität mit Leben zu erfüllen. © Text und Bild C.H.Beck. Odell, Jenny (2021): Nichts tun - Die Kunst, sich der Aufmerksamkeitsökonomie zu entziehen, München: C.H.Beck E-Book

Kommentar

# Bei der riesigen Menge an Literaturveröffentlichungen fällt mir der Entschluss zum Erwerb eines Buches oft nicht leicht. Die Zeit zum Lesen ist begrenzt und daher muss ich aus den vielen interessanten Bücher einige wenige auswählen. Schon der Titel des Buches "Nichts tun" von Jenny Odell hat mein Interesse geweckt, auch das Stichwort "Aufmerksamkeitsökonomie" im Untertitel machte mich neugierig, und nachdem ich schließlich beim Durchblättern eine Textstelle über "Zhuangzi" gefunden hatte, war die Kaufentscheidung gefallen. Sehr gespannt war ich darauf, wie Jenny Odell einen Bezug zwischen klassischen chinesischen Weisheitslehren und moderner Ökonomie herstellen würde.

# Mir ist bewusst, dass ich beim Erwerb von Büchern häufig einem Bestätigungsfehler (Confirmation Bias) aufsitze und daher Literatur lese, die meinem persönlichen Welt- und Menschenbild entspricht. Aus der Kognitionspsychologie sind viele kognitive Verzerrungen bekannt, die beim menschlichen Wahrnehmen, Erinnern, Denken und Urteilen eine Rolle spielen. Neben dem Bestätigungsfehler werden Entscheidungen oft durch kognitive Dissonanz und selektive Wahrnehmung beeinflusst. Bei der Wahl von Sachbüchern zu wissenschaftlichen Themen ist dies meist nicht relevant, weil in der Regel wissenschaftliche Autoren die vorgestellten Erkenntnisse und Thesen in ihren Veröffentlichungen kritisch diskutieren und weiteren Forschungsbedarf direkt ansprechen. Geht es allerdings um Themen aus den Bereichen Kultur, Wirtschaft oder Politik, kann es durchaus sinnvoll sein, Motivation, Hintergründe und Interessen der jeweiligen Autoren zu betrachten.

# Jenny Odell ist eine US-amerikanische Künstlerin und Schriftstellerin. Sie stammt aus Oakland, Kalifornien. Wesentliche Interessen ihres künstlerischen Schaffens sind Wahrnehmung und Aufmerksamkeit: "I am compelled by the ways in which attention (or lack thereof) leads to consequential shifts in perception at the level of the everyday." (Odell 2021). Als Dozentin ist sie am Stanford Department of Art & Art History tätig. Nach den dortigen Profilangaben hat sie am San Francisco Art Institute und an der UC Berkeley studiert. Odell arbeitet an der Schnittstelle von Forschung und Ästhetik: "Her work attempts to bring into focus the specific, fragile, and physically determined characteristics of human existence by cataloguing its infrastructure." (Stanford 2021). Im Jahr 2019 erschien ihr Buch "How to Do Nothing: Resisting the Attention Economy", dessen deutsche Übersetzung nun vom C.H.Beck Verlag mit dem Titel "Nichts tun - Die Kunst, sich der Aufmerksamkeitsökonomie zu entziehen" veröffentlicht wurde.

# Das Motiv für die Veröffentlichung scheint, nach meinem Verständnis, dass Jenny Odell, Künstlerin mit asiatischen Wurzeln und einer eher liberal-demokratischen Weltanschauung, zum einen die gesellschaftspolitischen Entwicklungen in den USA beunruhigen, deren sichtbarster Ausdruck die Präsidentschaftswahl von 2016 war, zum anderen die sozioökonomischen und ökologischen Veränderungen beschäftigen, die als Folge einer digitalen Konsumökonomie, welche immer weitere Lebensbereiche durchdringt und kommerzialisiert, entstanden sind. In dem Buch werden viele verschiedene Themen beschrieben, angerissen, angedacht und zu jedem dieser Themen könnte ich einen eigenen Kommentar schreiben. Es geht kreuz und quer durch die menschliche Kultur- und Wissenschaftsgeschichte von Ökologie, Zhuangzi, Hippies, Francisco Varela bis zu Twitter oder Diogenes. Es handelt sich nicht um ein klar strukturiertes und thematisch ausgerichtetes Sachbuch, sondern eher um eine Zusammenstellung von Gedanken über die Welt und das Leben.

"Die Argumente und Beobachtungen, die ich hier anführe, sind keine akkurat ineinandergreifenden Teile eines logischen Ganzen. Vielmehr sah und erlebte ich viele Dinge im Laufe des Schreibens – Dinge, durch die ich meine Meinung änderte und dann wieder änderte, und die ich auf dem Weg mit einflocht. Ich ging in dieses Buch hinein und kam als eine andere heraus. Betrachten Sie es also nicht als abgeschlossene Informationsübermittlung, sondern stattdessen als offenen und ausgedehnten Essay im eigentlichen Sinne des Wortes (eine Reise, einen Versuch vorwärtszukommen). Es ist weniger ein Vortrag als die Einladung zu einem Spaziergang" (Odell 2021)

# Beim Lesen ist mir bewusst geworden, dass es sich um ein sehr US-amerikanisches Buch, oder vielleicht genauer, um ein Buch der Kultur der US-amerikanischen Pazifikküste handelt. Viele Namen und Orte waren mir unbekannt, aber wie im Leben der Autorin, spielt auch im Buch die "Bay Area", die Metropolregion rund um die Bucht von San Francisco, eine große Rolle. Dieser Teil der USA ist geprägt von einem liberalen Lebensstil, ausgehend von der Gegenkultur der Hippiebewegung in den 1960er Jahren, welcher unter anderem auch die Entwicklung des Silicon Valley beeinflusst hat. Aus dem Silicon Valley stammen etliche Digitalkonzerne, deren Geschäftsmodelle auf der sogenannten Aufmerksamkeitsökonomie basieren. Die Folgen der digitalen Aufmerksamkeitsökonomie für unser menschliches Leben und Zusammenleben ist ein zentrales Thema des Buches von Jenny Odell.

# Sehr gut gefallen hat mir, wie die Autorin das Thema Aufmerksamkeit unter den verschiedensten Aspekten analysiert und erläutert. Die Forschungen der Kognitionswissenschaft interessieren mich sehr und ihre Erkenntnisse verblüffen mich immer wieder. Wie Aufmerksamkeit und Unaufmerksamkeitsblindheit unsere Wahrnehmung beeinflussen, fand ich schon beim berühmten Gorilla-Experiment von Christopher Chabris und Daniel Simons (Link siehe unten) sehr beeindruckend. Im digitalen Zeitalter ist die menschliche Aufmerksamkeit zu einem kostbaren Gut geworden, die besonders durch die intensive Nutzung digitaler "Social Media" und smarter "Gadgets" beansprucht wird, welche von gewinnorientierten, globalen Konzernen entwickelt und betrieben werden. Es ist ja ein großes Missverständnis, dass die Interessen der Nutzer im Fokus digitaler Plattformen stehen würden. Tatsächlich sind börsennotierte Digitalkonzerne nur ihren Werbekunden und ihren Aktionären verpflichtet. Deshalb versuchen die Konzerne die Aufmerksamkeit der Nutzer ständig an ihre Plattformen zu binden, um Werbeeinnahmen zu generieren. In der Monetarisierung von Aufmerksamkeit sieht Jenny Odell eine große Gefahr, weil dadurch kognitive Ressourcen gebunden und viele Informationen aus ihrem Kontext gerissen werden.

"Wenn es die Aufmerksamkeit ist (die Entscheidung, auf was man sich fokussieren möchte), die unsere Realität erschafft, dann bedeutet das Wiedererlangen der Kontrolle über sie womöglich auch die Entdeckung neuer Welten und neuer Wege, diese zu durchwandern" (Odell 2021)

"Sowohl räumlicher als auch zeitlicher Kontext basieren auf den benachbarten Entitäten von etwas, die helfen, dieses Etwas zu erklären. Kontext hilft außerdem dabei, die Reihenfolge von Ereignissen herzuleiten. Ganz offensichtlich fehlen den Informationsfetzen, die auf Twitter und Facebook auf uns abgefeuert werden, diese beiden Arten von Kontext." (Odell 2021)

# Mit der sogenannten "Digitalisierung" im eigentlichen Sinne, habe ich schon seit über 30 Jahren zu tun, nur hieß es damals EDV (Elektronische Datenverarbeitung). Waren es zunächst digitale Planungswerkzeuge im Bereich der Landschaftsarchitektur wie Computer-aided Design (CAD), Geographische Informationssysteme (GIS), digitale Bildbearbeitung oder digitale Geländemodelle, inklusive des Datenaustausches mit Planungsbeteiligten, kamen später Webtechnologien wie z.B. Webkonferenz-, Content-Management- oder Learning-Management-Systeme hinzu. Die digitalen Techniken habe ich allerdings immer nur als Hilfsmittel zur Unterstützung meiner beruflichen Tätigkeiten gesehen. Die zunehmende Durchdringung aller Lebensbereiche und die massenhafte Erzeugung und Verarbeitung von Daten aller Art, führen bei mir allerdings zu einer tiefgreifenden Skepsis gegenüber den, fast schon religiösen, Heilsversprechungen des derzeitigen Hypes um die Digitalisierung, da ich immer öfter die Tendenz zu Manipulation, Überwachung und Kontrolle sehe. Besonders bei der schulischen Bildung erscheint mir die Fokussierung auf die Digitalisierung, bei gleichzeitiger Abwertung von sportlichen und musischen Angeboten, sehr bedenklich.

# Die Suche nach alternativen Lebenswegen und -formen findet verstärkt während Krisen- und Umbruchszeiten statt. Jenny Odell diskutiert in ihrem Buch einige dieser alternativen Lebensmodelle wie z.B. die Kommunen der 60er Jahre. Das Zhuangzi (莊子 Zhuāngzǐ - Link siehe unten) oder das Daodejing (道德经 Dàodéjīng - Link siehe unten), wie auch andere klassische chinesische Schriften, entstanden als Reaktion auf die Zeit der "Kämpfenden Staaten" (Zhanguo, 453-221 v.Chr.). Ständige Konflikte und der Zerfall der bestehenden Gesellschaftsstruktur erforderten Lösungen zur Wiederherstellung der sozialen und staatlichen Ordnung. In ihrem Buch bezieht sich Jenny Odell auf eine Textstelle des Zhuangzi in Kapitel 4 (Die Menschenwelt - 人間世 Rén Jiān Shì), bei der es um einen alten Baum geht, der von einem Zimmermannsmeister nicht gefällt wird, weil sein Holz für ihn nutzlos ist. Der Nutzen der Nutzlosigkeit (無用之用 wu yong zhi yong) ist ein wichtiges und wiederkehrendes Thema im Zhuangzi. Bezogen auf Social Media könnte der Text so interpretiert werden, dass ein Nutzer, der seine Aufmerksamkeit einer Social Media Plattform entzieht, für den Plattformbetreiber nutzlos wird, für sich selbst aber gewinnt der Nutzer wieder mehr Autonomie und inneren Frieden, um neue Zukunftsperspektiven für sein Leben zu entwickeln. Im alten China konnten sich die Ideen von Zhuang Zhou und Laotse letztendlich nicht durchsetzen. Für die Verwaltung des Reiches von Kaiser Qin Shi Huang Di haben sich Konfuzianismus und Legalismus als nützlicher erwiesen.

# Eine Zeit der Veränderung und des Umbruchs erleben auch wir gerade. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges hatte die Globalisierung in vielen Teilen der Welt wirtschaftliches Wachstum und materiellen Wohlstand geschaffen. Doch nun zeigen sich zunehmend beunruhigende Entwicklungen, wie z.B. Klimawandel, Artensterben, Digitalisierung, Migration, Rivalität zwischen China und USA, Pandemie oder der Anstieg sozialer Ungleichheit, die zu neuen sozioökonomischen und gesellschaftspolitischen Fragestellungen führen. Die Tendenz zu autoritären Gesellschaftsformen bedrängt die liberalen Demokratien und zwingt sie zu einem Systemwettbewerb. An der Suche nach Lösungen und Ideen für unser menschliches Zusammenleben im 21. Jahrhundert beteiligt sich auch Jenny Odell. Aus ihrer Analyse der Aufmerksamkeitsökonomie und der ökologischen Situation ihres Lebensumfeldes gelangt sie zum Konzept der manifesten Rückinstandsetzung (im englischen Original: "manifest dismantling", eine Anspielung auf den Begriff "manifest destiny", welcher die teleologische Mission des US-amerikanischen Exzeptionalismus beschreibt). Die manifeste Rückinstandsetzung, für die Jenny Odell konkrete Beispiele wie z.B. den Bioregionalismus nennt, erfordert aber eine andere Wahrnehmung, die den Kontext von Mensch und Umwelt wieder bewusster macht.

"Mich interessiert die manifeste Rückinstandsetzung als eine Art Zielgerichtetheit, die mit Wiederherstellung verbunden ist, als etwas, was uns dazu bringt, die Ansicht aufzugeben, Fortschritt könne sich nur blindlings nach vorne wenden. Sie bietet unserer Arbeitsethik eine neue Richtung." (Odell 2021)

"Der Bioregionalismus lehrt uns einiges über Emergenz, Interdependenz und die Unmöglichkeit absoluter Grenzen. Als körperliche Wesen sind wir im wahrsten Sinne offen für die Welt, jede Sekunde von der Luft eines anderen Ortes durchdrungen; als soziale Wesen werden wir gleichermaßen durch unseren Kontext geprägt." (Odell 2021)

"Ein ökologisches Verständnis braucht Zeit. Kontext ist das, was zum Vorschein kommt, wenn man seine Aufmerksamkeit lange genug auf etwas richtet; je länger man sie aufrechterhält, desto mehr Kontext tritt zutage." (Odell 2021)

# Der Begriff Wu Wei (無爲 Wú Wéi - Link siehe unten) hat seinen Ursprung in den altchinesischen Weisheitslehren und kann mit Nichthandeln, Nichteingreifen oder Nichtstun übersetzt werden. Wie die meisten, eigentlich unübersetzbaren, Begriffe aus dem traditionellen chinesischen Sprachraum wird auch Wu Wei oft missverstanden und mit Faulheit oder Bequemlichkeit gleichgesetzt. Bei Wu Wei handelt es sich aber eher um ein Geschehenlassen, bei dem Handlungen spontan und im Einssein mit dem Dao (道 Dào - Link siehe unten) entstehen. Jenseits philosophisch-spiritueller Überlegungen könnte ein praktisches Beispiel für Wu Wei die "Nichts-Tun-Landwirtschaft" von Masanobu Fukuoka sein, der von Jenny Odell in ihrem Buch erwähnt wird, und dessen Lehren eine große Inspiration für die Permakultur (Link siehe unten) sind. Allerdings ist Wu Wei letztlich ein Paradox, da sich ja die Frage stellt, durch welche Aktivität ein Ego-Bewusstsein zu absichtslosem, selbstvergessenem und spontanem Handeln gelangen kann?

"Und genau hier, glaube ich, kann uns die Idee «nichts zu tun» am meisten helfen. Für mich bedeutet nichts zu tun, mich von einem Bezugssystem (die Aufmerksamkeitsökonomie) zu lösen, nicht nur damit ich Zeit habe nachzudenken, sondern auch um etwas Neues in einem anderen Rahmen zu tun." (Odell 2021)

# Der Mensch als Macher und Gestalter der Welt nach seinen Vorstellungen. Auch in ihrem Buch verwendet Jenny Odell eine anthropozentrische Sichtweise und eine romantische Vorstellung eines Naturzustandes, der hauptsächlich menschliche Bedürfnisse befriedigt und zusätzlich noch den Anforderungen menschlicher Ästhetik genügt. Aus evolutionsbiologischer Sicht (Link siehe unten) ist die Betrachtung sehr ernüchternd. Ob eine biologische Art sich verbreitet oder ausstirbt, ist vollkommen irrelevant, da der evolutionäre Prozess weder einen Sinn noch ein Ziel hat. Es findet auch keine Bewertung oder Unterscheidung statt, bei der Arten nach gut oder schlecht, schädlich oder nützlich, höher- bzw. weiterentwickelt beurteilt werden. Dies sind ausschließlich anthropozentrische Bewertungskriterien, welche vom Menschen als Maß der Dinge ausgehen und ihn als "Krone der Schöpfung" sehen. Wird die evolutionäre Zeitachse des Lebens betrachtet, mit Beginn vor über 4 Milliarden Jahren, entstand vor 3 bis 2 Millionen Jahren die Gattung Homo, deren einziger noch lebender Vertreter Homo sapiens ist, der sich vor 300.000 bis 200.000 Jahren entwickelte. Nur als Vergleich: Die Nichtvogeldinosaurier existierten ca. 170 Millionen Jahre. Letztlich zeigt auch das Beispiel der Dinosaurier, welche große Rolle der Zufall spielt. Wäre nicht vor vor 66 Millionen Jahren Jahren ein Meteorit auf der Erde eingeschlagen, gäbe es heute keinen Homo sapiens und wahrscheinlich wären immer noch Nichtvogeldinosaurier auf einem Großteil der Erde verbreitet. Die ganzheitliche Betrachtung der Welt und des Lebens kann helfen, um zu einer gewissen Demut zu gelangen, der Grundlage jedes spirituellen Weges.

# Das Buch von Jenny Odell habe ich mit großer Freude gelesen. Der Landschaftsarchitekt in mir war begeistert von der Zusammenführung von Gesellschaft, Kunst, Freiraumgestaltung (Rosengarten) und Ökologie. Was ihre gesellschaftspolitischen Analysen und Schlussfolgerungen betrifft, wird der weitere Verlauf der Geschichte zeigen, ob die großen Menschheitsprobleme durch friedliche, humane und demokratische Prozesse gelöst werden können. Auch der konstruktivistische Ansatz der Weltwahrnehmung und die Betonung der menschlichen Leiblichkeit haben mir sehr gut gefallen. Im Zuge der sogenannten "Digitalisierung" wird deutlich, welche Menschen- und Weltbilder von manchen Protagonisten und Avantgardisten digitaler Lebensstile vertreten werden. Im Rahmen der Maschinen- und Computermetapher wird der Mensch als softwaregesteuerte Maschine gesehen, die nur aktualisiert (Upgrade) und programmiert werden muss, um den Anforderungen der modernen Konsum- und Leistungsgesellschaft zu genügen. Obwohl viele Gedanken und Ideen von Jenny Odell eine anthropozentrische Ausrichtung haben, ist auch immer wieder zu spüren, dass es eigentlich um Transzendenz und Einssein geht, um die Verbundenheit und Einheit allen Seins. Eine spirituelle Sehnsucht, die vielleicht nur Menschen aus Fleisch und Blut so empfinden können.

"Ich bin auch real. Ich bin kein Avatar, keine Reihe von Einstellungen oder irgendeine reibungslos funktionierende kognitive Kraft; ich bin klumpig und porös, ich bin ein Tier, ich verletze manchmal, und ich verändere mich von einem Tag auf den anderen. Ich höre, sehe und rieche Dinge in einer Welt, in der andere auch mich hören, sehen und riechen. Und es bedarf einer Pause, um sich das in Erinnerung zu rufen: einer Pause, um nichts zu tun, um einfach zuzuhören, sich auf tiefster Ebene daran zu erinnern, was, wann und wo wir sind." (Odell 2021)

"Das ist so etwas wie ein Ziel ohne Telos, ein Ausblick in die Zukunft, der nicht auf einen Punkt zuläuft, sondern in einer fortwährenden Neuverhandlung zu sich selbst zurückführt. Die Idee der absichtslosen Absicht oder eines Projekts ohne Ziel mag Ihnen bekannt vorkommen. Sie klingt wirklich ein wenig nach unserem alten Freund, dem nutzlosen Baum – der nichts «leistet» außer Zeugenschaft, Schutz und unwahrscheinlichem Durchhaltevermögen." (Odell 2021)

"Zimmermann Shi sagte: »Schluss damit. Sag so was nicht. Das ist ein hinfälliger Baum. Macht man daraus Boote, dann werden sie sinken. Macht man daraus Särge, dann werden sie bald vermodern. Macht man daraus Gefäße, dann werden sie bald zerbrechen. Macht man daraus Türen, dann werden sie harzen. Macht man daraus Pfeiler, dann werden sie wurmstichig. Dieser Baum ist kein Baumaterial. Er ist zu nichts zu gebrauchen. Deshalb konnte er so alt werden.«" (Zhuangzi 2019)

Hinweis
Das Buch von Jenny Odell habe ich im EPUB-Format erworben, bei dem die Textdarstellung variabel ist und sich der jeweiligen Bildschirmgröße automatisch anpasst. Bei den Zitaten habe ich deshalb keine Seitenzahlen angegeben und auch auf die Angabe der Kapitel verzichtet.

Quellen

  • Odell, Jenny (2021): Nichts tun - Die Kunst, sich der Aufmerksamkeitsökonomie zu entziehen, München: C.H.Beck E-Book
  • Odell, Jenny (2021): about, [online] https://www.jennyodell.com/about-news.html [16.06.2021]
  • Stanford Department of Art & Art History (2021): Jenny Odell - About, [online] https://art.stanford.edu/people/jenny-odell-0  [16.06.2021]
  • Das Buch Zhuangzi - Die Inneren Kapitel (eBook PDF), Oliver Aumann (Herausgeber und Übersetzer), Verlag Karl Alber, 2019, 人間世 - rén jiān shì - Kapitel 4 - Die Welt der Menschen, S. 67

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Inhalt

EINLEITUNG: DAS NÜTZLICHSEIN ÜBERLEBEN
KAPITEL 1: PLÄDOYER FÜR DAS NICHTS
KAPITEL 2: DIE UNMÖGLICHKEIT
DES RÜCKZUGS
KAPITEL 3: ANATOMIE
EINER VERWEIGERUNG
KAPITEL 4: ÜBUNGEN IN AUFMERKSAMKEIT
KAPITEL 5: DIE ÖKOLOGIE DER FREMDEN
KAPITEL 6: DEM DENKEN
WIEDER DEN BODEN BEREITEN
CONCLUSIO: «MANIFESTE RÜCKINSTANDSETZUNG»
DANK
ANHANG
ANMERKUNGEN
PERSONENREGISTER

Buchumschlag Nichts tun