Buchtipp: "Öfter mal die Sau rauslassen" von Markus Keller und Annette Sabersky

Erstellt von Michael Ditsch | | Gesundheit & Ernährung

Wie wir mit pflanzenbasierter Ernährung ganz entspannt gesünder leben und das Klima retten

Unsere Ernährung hat einen bedeutenden Einfluss auf das Risiko für Zivilisationskrankheiten und den rasant fortschreitenden Klimawandel. Experten wissen: Eine gesunde und klimafreundliche Ernährung ist pflanzenbasiert. Vegan-Professor Dr. Markus Keller und Ernährungsexpertin Annette Sabersky zeigen auf undogmatische Art und Weise, wie der Weg zu viel mehr veggie und viel weniger Tier gelingt. Das Autorenteam fasst leicht verständlich den aktuellen Stand der Forschung zusammen und liefert endlich Klartext im Dschungel der Ernährungs- und Umweltstudien. Für alle, die JETZT endlich handeln und auf plant-based umsteigen wollen – für die eigene Gesundheit und für die unseres Planeten. © Bild und Text Ulmer. Keller, Markus und Sabersky, Annette (2022): Öfter mal die Sau rauslassen - Wie wir mit pflanzenbasierter Ernährung ganz entspannt gesünder leben und das Klima retten, Stuttgart: Verlag Eugen Ulmer E-Book

Kommentar

# Eigentlich hatte ich mir vorgenommen keine Bücher mehr über Ernährung zu lesen, da ich mich mittlerweile ausreichend informiert fühle und auch der Meinung bin, dass ich einen alltagstauglichen, praktikablen Weg gefunden habe, um meine Überzeugungen und meine Lebensweise hinsichtlich der Ernährung in Einklang zu bringen. Die Auseinandersetzung mit Ernährungssystemen und Diäten hat mir gezeigt, dass die Orientierung an komplizierten Lebensmittel- und Nährstofftabellen oder an exotischen Ernährungstrends zu aufwendig ist und auch zu viel Stress erzeugt. Sinnvoll ist vielmehr eine Ernährung, die sich an der individuellen Lebenssituation ausrichtet, wie es bei einer Folge der 3sat Sendung scobel sehr gut formuliert wurde:

"Gesunde Ernährung heißt für jeden Menschen etwas anderes. So individuell wie wir Menschen rein äußerlich sind, so individuell sollte auch unser Essensplan sein. Es gibt nicht die eine gute Ernährungsweise, die für alle gleich wirkt. Wer sich richtig ernähren will, muss gut in seinen Körper hineinhören und seine Ernährung individuell anpassen." (scobel 2022)

# Trotzdem schaue ich mir bei meiner Literaturrecherche auch neue Veröffentlichungen zum Thema Ernährung an. Das Buch "Öfter mal die Sau rauslassen" von Markus Keller und Annette Sabersky, welches am 07.04.2022 beim Ulmer Verlag veröffentlicht wurde, hat meine Aufmerksamkeit erregt, da ich Markus Keller bereits als Autor vieler Veröffentlichungen zur vegetarisch-veganen Ernährung kenne. Gekauft habe ich mir das Buch schließlich wegen des Vorworts "Die Zeit ist reif " von Prof. Dr. med. Andreas Michalsen (sein Buch "Mit Ernährung heilen" halte ich für sehr lesenswert), in dem er den Begriff "One Health" erwähnt:

"Vor wenigen Jahren hat die renommierte Forschergruppe um Walter Willett von der Harvard Universität in den USA zum ersten Mal den Begriff "One Health", eine Gesundheit, geprägt. Es geht dabei um nicht weniger als das fundamentale Verständnis, dass alles miteinander zusammenhängt. Dies umfasst wiederum die Tatsache, dass, wenn wir als Menschen gesund bleiben wollen, wir selbst auch dafür sorgen müssen, dass unser Planet gesund bleibt. "Planetare Gesundheit" ist also nicht nur ein schicker Modebegriff, sondern bringt Problem und Lösung auf den Punkt." (Keller und Sabersky 2022, S. 9)

# Diese ganzheitliche Betrachtung von Gesundheit und Ernährung zeichnet auch das Buch von Markus Keller und Annette Sabersky aus, welches meiner Meinung nach alle wesentlichen Aspekte beinhaltet, die hinsichtlich einer zeitgemäßen Ernährung beachtet werden müssen. Eine moderne Ernährung umfasst nämlich mehr als nur Genuss oder Nährstoffzufuhr und es geht auch nicht mehr nur um die Verantwortung für das eigene, körperliche Wohlbefinden. Vielmehr hat das individuelle Konsum- und Ernährungsverhalten letztlich auch globale Auswirkungen. Am 4. April 2022 wurde der dritte Teil des sechsten IPCC Sachstandsberichts (Intergovernmental Panel on Climate Change - "Weltklimarat") mit dem Beitrag von Arbeitsgruppe III "Minderung des Klimawandels" vorgestellt. Neben vielen anderen Maßnahmen zur Begrenzung der globalen Erwärmung, geht der Bericht auch auf die menschliche Ernährung und die Nahrungsmittelproduktion ein (GHG = Greenhouse Gas):

"Diets high in plant protein and low in meat and dairy are associated with lower GHG emissions (high confidence). [...] Where appropriate, a shift to diets with a higher share of plant protein, moderate intake of animal-source foods and reduced intake of saturated fats could lead to substantial decreases in GHG emissions. Benefits would also include reduced land occupation and nutrient losses to the surrounding environment, while at the same time providing health benefits and reducing mortality from diet-related non-communicable diseases." (IPCC 2022, TS. 5.6.2 Food systems)

"Was wir essen und trinken, kann heute nicht mehr losgelöst von den Auswirkungen auf unsere Umwelt gesehen werden. Das Klima aufheizende Treibhausgase durch Massentierhaltung und Lebensmitteltransporte, belastete Böden durch Dünger und Pestizide, Wasserknappheit durch intensiven Gemüseanbau: Die Liste der Umweltprobleme, die mit unserem Lebensmittelkonsum einhergehen, ist lang und wird täglich länger. Was bis vor Kurzem bei uns nicht direkt sicht- und spürbar war, wird nun auch in Europa immer greifbarer: tagelange Starkregen, extratrockene Sommer und heimische Insekten, die nicht mehr da sind, dafür andere, die früher nur in südlichen Gefilden lebten. Es wird höchste Zeit, umzuschwenken – hin zu einer nachhaltigen Ernährung, die unsere Umwelt schont und unseren Planeten erhält." (Keller und Sabersky 2022, S. 153)

# Im Buch wird sehr gut dargelegt, was eine vegetarisch-vegane bzw. pflanzenbasierte Ernährung ausmacht, welche gesundheitlichen Aspekte damit verbunden sind, und wie sie praktisch umgesetzt werden kann. Darüber hinaus beschäftigen sich die Autoren mit der Bedeutung dieser Ernährungsweise für den Klimawandel und die Umwelt, für Wirtschaft und Soziales und für das Tierwohl. Durch die Beschäftigung mit der Fleischproduktion und dem Tierwohl hat sich anscheinend der Titel des Buches ergeben. Um bei der Fülle an Veröffentlichungen zum Thema Ernährung aufzufallen, ist ein ausgefallener Buchtitel sicher vorteilhaft:

"Ich empfehle ebenfalls, viel öfter mal die Sau rauszulassen aus den täglichen Gerichten – oder sie gleich ganz draußen zu lassen und eine vollwertige und abwechslungsreiche, rein pflanzliche Ernährung zu genießen." (Keller und Sabersky 2022, S. 254)

# Das 400 Seiten umfassende Werk enthält eine Fülle an hilfreichen Fakten und Informationen zur pflanzenbasierten Ernährung, die erst einmal "verdaut" werden müssen. Besonders in den Medien und Sozialen Netzwerken erscheinen ständig Meldungen über Studien, die angebliche Vor- oder Nachteile einer Ernährungsform oder eines Nahrungsmittels belegen sollen. Sehr gut finde ich daher, dass im Kapitel 2 "The power of plants – pflanzlich ist besser" zunächst auf die verschiedenen Arten und die Qualität von wissenschaftlichen Studien eingegangen wird. Deutlich wird dabei auch, wie sich moderne Wissenschaft von dogmatischen Heilslehren unterscheidet.

"Abgesehen davon ist eine der grundlegenden und wichtigsten Eigenschaften von Wissenschaft, dass vermeintliche Wahrheiten immer wieder kritisch hinterfragt werden! Das gilt übrigens auch – und vielleicht ganz besonders – für eigene Forschungsergebnisse." (Keller und Sabersky 2022, S. 41)

"Mir ist es wichtig, die Theorie hinter den Studien zu erklären, weil man erst dadurch besser einschätzen kann, welche Daten in Bezug auf Essen und Gesundheit gesichert sind und welche (noch) nicht." (Keller und Sabersky 2022, S. 44)

# Das Buch von Markus Keller und Annette Sabersky ist nicht nur ein inhaltsreicher Ratgeber für eine gesunde und zeitgemäße Ernährung, sondern auch ein Plädoyer für einen verantwortungsvollen Umgang mit unseren Lebensgrundlagen im Sinne von "One Health". Allerdings stellt sich die Frage, warum trotz der überwältigenden Faktenlage Menschen ihr Verhalten nicht ändern. Für die aktuellen, globalen Probleme gibt es mittlerweile viele Lösungsansätze und einige werden auch im Buch genannt wie z.B. die Planetary Health Diet oder die Agenda 2030 der Vereinten Nationen (UN). Auch Markus Keller und Annette Sabersky suchen Antworten auf das merkwürdige Verhalten der Konsumenten, welches zu unfassbaren Folgen führt, wie z.B. die Tatsache "…,  dass jedes Jahr allein in Deutschland 100 Millionen (!) Tiere sterben, ohne dass ihr Fleisch gegessen wird." (Keller und Sabersky 2022, S. 241)

"Wenn wir anders handeln, als wir es in Befragungen bekunden, spricht man im Fachjargon auch von Konsumenten-Bürger-Lücke (abgeleitet von englisch: Consumer-Citizen-Gap). Dafür gibt es verschiedene Gründe. Vor allem der höhere Preis für Biofleisch ist für viele Menschen ein Grund, doch zum billigen Massenfleisch zu greifen. Der Wunsch zu sparen siegt also über das Wissen, mit ein paar Euro mehr unseren Nutztieren ein besseres Leben zu ermöglichen." (Keller und Sabersky 2022, S. 252)

# Der Mensch, der Homo sapiens, wird gerne als ein vernünftiges, rational handelndes Wesen betrachtet, aber aus Sicht der Evolutionsbiologie ist er das Ergebnis von ca. 300.000 Jahren Entwicklung als Jäger und Sammler, der in kleinen Gruppen seinen begrenzten Lebensraum durchstreift hat. Für die Fähigkeit das Zusammenwirken von komplexen, globalen Systemen zu erkennen, gab es bei dieser Lebensweise keine evolutionsbiologische Notwendigkeit (Sehr lesenswert dazu das Buch "Relativ real" von Donald D. Hoffman. Link siehe unten). Daher wird unser Handeln immer noch sehr stark von kognitiven Verzerrungen und irrationalen Mythen gesteuert wie z.B. das Kapitel 1 "Ernährungsmythen im Reality-Check" ab S. 17 sehr gut aufzeigt.

# Was also ist zu tun? Markus Keller und Annette Sabersky setzen auf die internationale Zusammenarbeit von Staaten, Wissenschaftlern und Nichtregierungsorganisationen (NGO) und verweisen auf diverse Abkommen, die bereits getroffen wurden. Ihr Buch wurde allerdings vor dem Ukraine Krieg geschrieben, welcher unbestritten eine "Zeitenwende" eingeläutet hat. Können die globalen Probleme der Menschheit eigentlich nur durch gemeinsame Anstrengungen einer geeinten Weltgemeinschaft gelöst werden, erstarken stattdessen nationalistische, totalitäre Egoismen und imperiale Machtfantasien. Hoffnung besteht meiner Meinung nach allein in der Weiterentwicklung einer modernen Spiritualität, die auf vorhandenen Fähigkeiten des Homo sapiens wie Empathie, Hilfsbereitschaft und Verbundenheit basiert, und die sämtliches Leben innerhalb der Biosphäre, dieser dünnen Hülle voller Leben um den Planeten Erde, einbezieht.

Quellen

  • Keller, Markus und Sabersky, Annette (2022): Öfter mal die Sau rauslassen - Wie wir mit pflanzenbasierter Ernährung ganz entspannt gesünder leben und das Klima retten, Stuttgart: Verlag Eugen Ulmer E-Book
  • scobel (2022): Ernährung: Trends und Mythen. Sendung vom 21.04.2022, [online] www.3sat.de/wissen/scobel/scobel---ernaehrung-trends-und-mythen-100.html [15.05.2022]
  • IPCC (2022): Climate Change 2022: Mitigation of Climate Change. Contribution of Working Group III to the Sixth Assessment Report of the Intergovernmental Panel on Climate Change [P.R. Shukla, J. Skea, R. Slade, A. Al Khourdajie, R. van Diemen, D. McCollum, M. Pathak, S. Some, P. Vyas, R. Fradera, M. Belkacemi, A. Hasija, G. Lisboa, S. Luz, J. Malley, (eds.)]. Cambridge University Press, Cambridge, UK and New York, NY, USA. Doi: 10.1017/9781009157926

Links

Inhalt

Die Zeit ist reif 9
Für die Zukunft unserer Kinder und unseres Planeten 13

KAPITEL 1:
ERNÄHRUNGSMYTHEN im Reality-Check 17

KAPITEL 2:
THE POWER OF PLANTS Pflanzlich ist besser! 39
„Fleischlose“ Wissenschaft ohne Ansehen 40
Vegane Ernährung ist Teil des Ernährungsberichts der DGE 42
Die gesundheitlichen Vorteile überwiegen 51
Was genau heißt pflanzenbasiert? 54
Umwelt- und Tierschutz mit Messer und Gabel 56

KAPITEL 3:
GESÜNDER LEBEN mit Pflanzenkost 60
Alles, was krank macht 62
Was zu kurz kommen kann, aber nicht muss 65
Plant-based schützt rundherum 78
Übergewicht: Pflanzenkost hält schlank 79
Pflanzenkost und Diabetes: Mit Grünzeug den Blutzucker in der Balance halten 85
Pflanzenkost und Bluthochdruck: Plant-based senkt den Druck 91
Pflanzenkost und Fettstoffwechselstörungen: Muss man sein Fett wegbekommen? 102
Pflanzenkost und Herz-Kreislauf-Erkrankungen: Essen gegen den Herzinfarkt 111
Plant-based und Krebs: Was ist gesichert? 130
Veggiekost hält den Darm gesund – und der den Menschen 142
Pflanzenkost und Osteoporose: Brechen die Knochen schneller? 144

KAPITEL 4:
DIE UMWELT SCHONEN, den Planeten erhalten 153
Wir essen viel zu viel Fleisch 154
Fleischgenuss mit Umweltfolgen 164
Ist Fisch öko-korrekter als Fleisch? 176
Klimawandel – auch Folge unserer Ernährung 178
Klimafaktor Landwirtschaft 183
Sind Biolebensmittel besser für das Klima? 188
Essen für den Planeten 191
Lebensmittelverschwendung stoppen 195
Pflanzenessen ist Klimaschutz 197
Pflanzenkost muss normal werden 201
Auch pflanzenbasierte Ernährungsstile sind klimagerecht(er) 207
Geht Fleischerzeugung auch umweltfreundlich? 213
Pflanzliche Bioernährung muss nicht teurer sein 217
Die Zukunft heißt plant-based! 220
Industrie mischt massiv mit bei Pflanzenfood 224
Kann Bio die Welt ernähren? 234

KAPITEL 5:
TIERSCHUTZ: Öfter mal die Sau rauslassen! 238
Produziert für den Müll 241
700 Millionen Tiere leben in Massentierhaltung 243
Weniger ist mehr: Den Konsum reduzieren! 254

KAPITEL 6:
HUNGER BEKÄMPFEN, Fairness fördern 261
Fleischkonsum mit Folgen 263
Kinderarbeit weltweit an der Tagesordnung 270
Auch in Deutschland gibt es menschenunwürdige Arbeitsbedingungen 275

KAPITEL 7:
PFLANZENPOWER auf dem Teller 278
Auf einen Blick: Lebensmittelpyramiden 280

KAPITEL 8:
PFLANZLICH ESSEN – So geht es! 293
Gemüse und Obst: Fünf am Tag 293
Vollkorngetreide und Kartoffeln: Bitte zugreifen 297
Hülsenfrüchte, Tofu & Co.: Möglichst jeden Tag 298
Milch: Nur in Maßen – oder gleich zu Pflanzendrinks greifen 300
Nüsse, Samen, Mus: Ein Muss 300
Pflanzenöle: Her damit! 301
Süßigkeiten und Snacks: Klein, aber fein 302
Wasser – unser Lebenselixier 302

KAPITEL 9:
PLANETENGERECHT und gesund einkaufen 305

Nachlese 359
Literatur 361
Zum Weiterlesen 391
Bildquellen 392
Register 393
Danke! 398

Buchumschlag Öfter mal die Sau rauslassen