Buchtipp: "Relativ real" von Donald D. Hoffman

Erstellt von Michael Ditsch | | Körper & Psyche

Warum wir die Wirklichkeit nicht erfassen können und wie die Evolution unsere Wahrnehmung geformt hat

"Was ist Wirklichkeit?": mit dieser Frage beschäftigt sich die Philosophie, auch Religionen wie der Buddhismus und die Naturwissenschaft im Bereich der Quantenphysik nähern sich ihr. Mit 'Relativ real' liefert Donald D. Hoffman einen kognitionswissenschaftlichen Zugang zu der alten Frage: "Was können wir wissen?". Basierend auf seiner Forschung erläutert Donald Hoffman, wie sich die Wahrnehmung des Menschen entwickelt hat und inwieweit dieser die Realität mit seinen Möglichkeiten überhaupt erfassen kann. In seinem Big-Idea-Buch erforscht Hoffman, welche Bereiche "hinter der Wirklichkeit liegen, die wir bisher wahrnehmen können". © Bild und Text dtv. Hoffman, Donald D. (2020): Relativ real - Warum wir die Wirklichkeit nicht erfassen können und wie die Evolution unsere Wahrnehmung geformt hat, München: dtv E-Book

Kommentar

# Wann haben Menschen wohl begonnen, ihre Wahrnehmung und die Realität an sich, in Frage zu stellen? Was hat sie dazu bewogen? War es der tägliche Wechsel von Tiefschlaf, Traum und Wachheit? Waren es Erfahrungen mit psychotropen Substanzen oder mit psychischen Störungen? Waren es die alltäglichen Phänomene der Sinnestäuschung, die Zweifel an der wahrgenommenen Realität entstehen ließen? Seit Beginn der menschlichen Zivilisationsgeschichte werden immer wieder Schriften verfasst, die sich mit Wahrnehmung und Realität auseinandersetzen. Das "Viveka Chudamani" zum Beispiel, stammt aus dem 8. Jahrhundert und wird dem hinduistischen Philosophen Adi Shankara zugeschrieben. Darin enthalten ist eine bekannte Analogie des Advaita Vedanta (siehe Link unten), bei der ein Betrachter im Zwielicht der Dämmerung ein Seil für eine gefährliche Schlange hält. Shankara veranschaulicht mit diesem Beispiel die Unterscheidung zwischen Illusion und Realität. Auch Begriffe wie "Lila", das Spiel der Götter, oder "Maya", die Täuschung, aus den ostasiatischen, spirituell-philosophischen Traditionen zeigen, wie die Menschen versucht haben, Erklärungen für die Mehrdeutigkeit der weltlichen Erscheinungen zu finden. Aber auch in westlichen Traditionen gibt es viele Debatten, die sich mit der Frage beschäftigen, ob eine objektiv wahrnehmbare Realität existiert. Diese Debatten wurden nun ergänzt durch die Veröffentlichungen von Donald D. Hoffmann. Bis zu seiner Emeritierung war Donald D. Hoffmann Professor für Kognitionspsychologie an der University of California, Irvine, und forschte in den Bereichen Bewusstsein, visuelle Wahrnehmung und evolutionäre Psychologie.

# In seinem neuen Buch "Relativ real" (englischer Originaltitel:  The Case Against Reality) beschäftigt er sich mit den Konsequenzen, welche seine aktuellen Forschungsergebnisse zu Wahrnehmung, Koginition und Evolution, für unser Selbst- und Weltverständnis haben. Die grundlegenden Erkenntnisse von Donald D. Hoffmann sind nicht neu. Die Neurowissenschaften haben bereits hinreichend gezeigt, dass die wahrgenommene Realität vom Gehirn konstruiert wird. Interessante Veröffentlichungen gibt es dazu z.B. von Vilaynur S. Ramachandran, Anil Seth oder Lisa Feldman Barrett (siehe Links unten). Im Buch werden auch einige Experimente zur visuellen Wahrnehmungen präsentiert. Sehr gut finde ich dazu den farbigen Bildteil am Ende des E-Books. Faszinierend ist allerdings, welche Schlussfolgerungen Hoffman aus seiner Arbeit zieht. Laut Hoffman können wir die Realität nicht objektiv wahrnehmen, weil für die Evolution nur Fitness entscheidend ist und deshalb unsere kognitiven Systeme ausschließlich zum Erkennen von Fitness entwickelt und optimiert wurden. Mit Fitness ist, im darwinschen Sinne, die Eignung und Anpassung an die evolutionäre Nische einer biologischen Art gemeint.

"Unsere Wahrnehmung von Raum, Zeit und Objekten wurde von der natürlichen Auslese nicht dahin gehend geprägt, dass sie realitätsgerecht ist - sie soll die objektive Realität weder offenbaren noch rekonstruieren -, sondern ist so geformt worden, dass wir lange genug leben, um Nachwuchs großzuziehen." (Hoffman 2020)

# Doch Hoffman geht über das Thema Wahrnehmung hinaus und entwickelt einen neuen Ansatz, um die grundlegenden Fragen zu Realität und Bewusstsein zu beantworten. Er beteiligt sich damit an der Diskussion um das "harte Problem des Bewusstseins", also um die Frage, wie bewusste Erfahrungen in einer physikalischen Welt entstehen können. Trotz großer Fortschritte in der  naturwissenschaftlichen Forschung gibt es für die Beziehung von Bewusstsein und physikalischer Realität noch keine schlüssige Theorie. Hoffman lehnt vorhandene Vorschläge wie z.B. Panpsychismus, Dualismus oder physikalischen Monismus ab. Nach Aussage von Hoffman scheitern alle bisherigen Ansätze, weil sie von falschen Annahmen ausgehen. Nach seiner Interface-Theorie der Wahrnehmung (interface theory of perception, ITP) sind physikalische Objekte und die Raumzeit nicht real, sondern sie bilden nur eine Art Oberfläche für unsere Wahrnehmung. Eine objektive Realität existiert, aber wir haben keinen direkten Zugang dazu.

"Ein Löffel ist ein Icon auf einem Interface, keine Wahrheit, die bestehen bleibt, wenn niemand hinschaut. Mein Löffel ist mein Icon, das mögliche Fitness-Erfolge beschreibt und den Weg, sie zu erlangen. Ich öffne meine Augen und konstruiere einen Löffel; dieses Icon existiert nun, und ich kann es nutzen, um Fitness-Verbesserungen einzustreichen. Ich schließe meine Augen. Für diesen Augenblick hört mein Löffel auf zu existieren, denn ich habe aufgehört, ihn zu konstruieren. Irgendetwas existiert weiterhin, wenn ich wegschaue, aber was immer es auch ist, es ist kein Löffel und überhaupt kein Objekt in der Raumzeit. Was Löffel, Quarks und Sterne angeht, so stimmt das ITP völlig mit dem Philosophen George Berkeley überein, der im 18. Jahrhundert feststellte: esse est percipi - Sein ist Wahrnehmen." (Hoffman 2020)

# Im weiteren Verlauf des Buches unternimmt Hoffman nun den Versuch seine radikale These zu beweisen und begibt sich daher auf das Feld der Physik, genauer der Quantentheorie. Hoffman behauptet, dass die Theorie der Raumzeit in der modernen Physik aufgegeben wurde. Als Folge würden auch keine physischen Objekte, einschließlich deren angeblicher Kausalität, existieren. Zur Untermauerung zitiert er Aussagen von Physikern wie z.B. Nima Arkani-Hamed. Hier kann ich nicht mehr folgen. Für Quantenphysik habe ich mich schon früh interessiert und etliche populärwissenschaftliche Veröffentlichungen dazu gelesen (siehe Link unten). Mittlerweile bin ich der Meinung, dass ohne Kenntnis der dazugehörigen Mathematik, eine Annäherung an die Quantenmechanik unmöglich ist. Die derzeitigen physikalistischen Bewusstseinstheorien hält Hoffmann alle für gescheitert. Er entwickelt in seinem Buch daher einen neuen monistischen Ansatz, den er "bewussten Realismus" nennt und der alle Aspekte des Bewusstseins und der bewussten Wahrnehmung erklären soll. Sehr gefreut hat mich, dass Hoffman, wie bereits auch andere moderne Wissenschaftler, Bezüge zu traditionellen, spirituellen Traditionen sieht.

"Der bewusste Realismus treibt eine Ontologie voran, die sich radikal vom Physikalismus unterscheidet, der die modernen Neurowissenschaften und die Wissenschaft insgesamt dominiert. Er ist radikal anders, aber nicht radikal neu. Viele der grundlegenden Ideen des bewussten Realismus und der Interface-Theorie der Wahrnehmung tauchen schon in uralten Quellen auf, etwa bei den antiken griechischen Philosophen Parmenides, Pythagoras und Platon, aber auch bei neueren deutschen Philosophen wie Leibniz, Kant und Hegel, in östlichen Religionen wie dem Buddhismus und dem Hinduismus sowie in den mystischen Strömungen des Islam, Judentums und Christentums." (Hoffman 2020)

# Der Film "Matrix" (L.+L. Wachowski 1999) scheint auch Donald D. Hoffman gefallen zu haben, da er den Film im Buch mehrmals erwähnt und zitiert. Er vergleicht sogar sein Buch mit der roten Pille und bezieht sich damit auf eine bekannte Szene, in welcher der Protagonist, Thomas A. Anderson / Neo, durch die Einnahme einer roten Pille sein Leben verändert. Meiner Meinung nach ist der Vergleich aber falsch. Neo wird durch die rote Pille von seiner Existenz in der Matrix befreit und er erwacht in einer anderen Wirklichkeit. Die Lektüre von "Relativ real" lässt den Leser eher verwirrt und ratlos in seinem alltäglichen Leben zurück. Die "objektive Realität" scheint weiter entfernt als je zuvor, da anscheinend ein Körper-Geist-System, welches auf ca. 4,6 Milliarden Jahren biologischer Evolution basiert, von einem Individuum nicht einfach so transzendiert werden kann. Ein mathematischer Beweis der Theorien von Donald D. Hoffman wäre, ähnlich der mathematischen Beweise der Quantenmechanik, ein reiner Erkenntnisgewinn (falls ich die Mathematik überhaupt verstehen würde) und hätte für mein subjektives Erleben keinerlei Bedeutung. Vielleicht sind Befreiung und Erwachen, oder das Erkennen der "objektiven Realität", auch gar nicht so erstrebenswert. Im Film "Matrix" bereut nämlich Cypher seine Entscheidung für die rote Pille. Er strebt eine Rückkehr in die Traumwelt der Matrix an und möchte seine Erinnerungen an die "objektive Realität" löschen lassen.

# Das Buch "Relativ real" von  Donald D. Hoffman fand ich sehr faszinierend. Ob durch die vorgestellten Theorien die Fragen zu Bewusstsein und Realität geklärt werden können, wird die Zukunft zeigen. Hoffman bleibt bei seinen Ausführungen auf dem Boden einer undogmatischen Wissenschaft und ruft zur Prüfung seiner Theorien auf. Sehr gut gefällt mir seine Aussage: "Wissenschaft ist keine Theorie der Wirklichkeit, sondern eine Untersuchungsmethode" (Hoffman 2020). Für mich war wichtig, dass auch Hoffman vom subjektiven Erleben einer konstruierten Realität ausgeht. Für die spirituelle Entwicklung ist dies eine entscheidende Aussage, weil dadurch z.B. leiderzeugende mentale Konzepte, die Resultate konstruktivistischer Prozesse sind, auch wieder dekonstruiert werden können. In etlichen spirituellen Tradition, wie z.B. dem Buddhismus, gibt es dazu Übungen und Methoden. Ist Befreiung und Erwachen vielleicht nicht erreichbar, so sollte, meiner Meinung nach, zumindest Leid durch eine spirituelle Lebensführung verringert werden.

Quellen

Hoffman, Donald D. (2020): Relativ real - Warum wir die Wirklichkeit nicht erfassen können und wie die Evolution unsere Wahrnehmung geformt hat, München: dtv E-Book

Da in meinen Regalen kaum noch Platz für Bücher ist, habe ich mich darauf verlegt E-Books zu lesen. So auch das o.g. Buch im EPUB-Format, bei dem die Textdarstellung variabel ist und sich der jeweiligen Bildschirmgröße automatisch anpasst. Bei den Zitaten habe ich deshalb keine Seitenzahlen angegeben und auch auf die Angabe der Kapitel verzichtet.

Links

Inhalt

Über das Buch
Haupttitel
Zitat
Vorwort
KAPITEL 1 Geheimnis.
KAPITEL 2 Schönheit.
KAPITEL 3 Realität.
KAPITEL 4 Sinne.
KAPITEL 5 Illusion.
KAPITEL 6 Gravitation.
KAPITEL 7 Virtualität.
KAPITEL 8 Polychromie.
KAPITEL 9 Überprüfung.
KAPITEL 10 Gemeinschaft.
Anhang
Danksagung
Anmerkungen
Register
Bildteil
Über Donald D. Hoffman
Impressum

Buchumschlag Relativ real