Buchtipp: "Selbst ist der Mensch" von Antonio Damasio

Erstellt von Michael Ditsch | | Körper & Psyche

Körper, Geist und die Entstehung des menschlichen Bewusstseins

Vom Sein zum Bewusstsein. Eine atemberaubende Reise in die Tiefen des menschlichen Geistes.

Antonio Damasio ist einer der bedeutendsten Neurowissenschaftler unserer Zeit, seine Bücher sind internationale Bestseller. In seinem neuesten Werk widmet er sich einer Frage, die Neurologen, Philosophen und Psychologen seit Jahrhunderten rätseln lässt: Wie entsteht Bewusstsein? Mit seiner Antwort erklärt Damasio, wie der Mensch zum selbstbewussten Wesen wurde und dabei Fähigkeiten wie Sprache, Kreativität und Moral entwickelte.

Seit dreißig Jahren erforscht Antonio Damasio, wie der menschliche Geist arbeitet. Aufgrund überraschender wissenschaftlicher Ergebnisse kann er zeigen, dass das menschliche Bewusstsein ein biologischer Prozess ist, der im Gehirn entsteht. Damit widerlegt Damasio die hartnäckige Vorstellung vom menschlichen Geist als etwas Eigenständiges, das vom Körper getrennt betrachtet werden müsse. In seiner Arbeit geht Damasio über die klassischen Wege, den menschlichen Geist zu untersuchen, hinaus: Neben der Verhaltensforschung und den Neurowissenschaften führt er erstmals eine evolutionäre Perspektive ein. Dadurch gelingt es ihm, unser Verständnis von der Entwicklung des menschlichen Geistes entscheidend zu erweitern. Selbst ist der Mensch - Körper, Geist und die Entstehung des menschlichen Bewusstseins, Antonio Damasio, Siedler, 2011

© Text und Bild Siedler

Kommentar

Schon "Descartes Irrtum", eines der ersten populärwissenschaftlichen Bücher des renommierten Neurowissenschaftlers António Damásio, habe ich mit Begeisterung gelesen. In "Descartes Irrtum" konnte Damásio anhand empirischer Belege und Fallbeispielen zeigen, dass die Vorstellung eines eigenständigen, vom Körper getrennten Geistes ein Irrtum ist. Vielmehr geht Damásio davon aus, das Bewusstsein ein biologischer Prozess des Gehirns ist und das Körper und Geist untrennbar verbunden sind.

In seinem neuen Werk "Selbst ist der Mensch" fasst er seine jahrelange Forschung zusammen. Ein besonderer Aspekt ist die evolutionäre Perspektive seiner neueren Forschung: "Betrachtet man den bewussten Geist unter dem Gesichtspunkt der Evolution von einfachen Lebensformen zu komplexen Organismen wie uns selbst, so fällt es leichter, in ihm etwas Natürliches zu sehen: Man erkennt, dass er das Ergebnis einer stufenweise zunehmenden Komplexität innerhalb des biologischen Rahmens ist." S. 39

Gleich zu Beginn nennt Damásio seine Ziele und eine sympatische Selbsteinschätzung seiner Arbeit: "Dieses Buch beschäftigt sich mit zwei Fragen. Erstens. Wie baut das Gehirn einen Geist auf? Und zweitens: Wie sorgt das Gehirn in diesem Geist für Bewusstsein? Mir ist klar, dass die Beschäftigung mit diesen Fragen nicht das Gleiche ist wie ihre Beantwortung. In Fragen des bewussten Geistes so zu tun, als habe man eindeutige Antworten, wäre töricht." S. 17

Trotzdem wagt sich Damásio an eine Darlegung seiner Vorstellung von Bewusstsein und Selbst: "Seit Jahrmillionen hatten unzählige Lebewesen einen aktiven Geist, der sich in ihrem Gehirn abspielte, aber erst nachdem sich in diesem Gehirn ein Protagonist entwickelt hatte, der Zeugnis ablegen konnte, setzte das Bewusstsein im strengen Sinne ein, und erst nachdem sich in den Gehirnen eine Sprache entwickelt hatte, wurde allgemein bekannt, dass ein Geist existiert. Der Zeuge ist das Extra, das die Gegenwart unausgesprochener, im Gehirn ablaufender, von uns als mental bezeichneter Vorgänge offenlegt. Zu verstehen, wie das Gehirn dieses Extra erzeugt, den Protagonisten, den wir mit uns herumtragen und als Selbst oder Ich bezeichnen, ist ein wichtiges Ziel der neurobiologischen Bewusstseinsforschung." S. 29

Damásio baut seine evolutionsbiologische Bewusstseinsentwicklung auf zwei zentralen Begriffen auf: "Homöostase" und "biologischer Wert":

"Finden von Energiequellen, Aufnahme und Umsatz energiereicher Produkte und so weiter - zielen darauf ab, die chemischen Parameter des Körperinneren (sein inneres Milieu) innerhalb jener magischen Spanne zu halten, die mit dem Leben vereinbar ist. Diese magische Spanne wird als homöostatischer Bereich bezeichnet, und den Prozess, durch den der Gleichgwichtszustand erreicht wird, nennt man Homöostase." S. 54

Bezüglich des Menschen weitet Damásio den Homöostasebegriff erheblich aus und bezieht auch soziokulturelle Ungleichgewichte mit ein. Aus dem Versuch der Beibehaltung des homöostatischen Bereiches definiert sich für den Organismus der biologischen Wert.

"Grob gesagt, besteht der entscheidende Wert für ganze Organismen darin, im gesunden Zustand bis zu einem Alter zu überleben, das den Fortpflanzungserfolg möglich macht. Die natürliche Selektion hat den Homöostaseapparat so perfektioniert, dass er genau dies erlaubt. Demnach ist der physiologische Zustand der Gewebe eines Lebewesens innerhalb eines optimalen Homöostasebereichs letztlich der Ursprung von biologischen Wert und Bewertungen." S. 59

Ursache für die Ausbildung von Bewusstsein ist nach Damásio letzlich die evolutionäre Verbesserung der Homöostasesteuerung komplexer Lebewesen in komplexen Umwelten:

"Ideale Homöostasezustände sind der wertvollste Besitz eines Lebewesens; eine weitere Folgerung aus dieser Tatsache lautet: Der grundlegende Vorteil des Bewußstseins ergibt sich - auf allen Ebenen dieses Phänomens - daraus, dass sich die Lebenssteuerung unter immer komplexeren Umweltverhältnissen verbessert." S. 69

Ausgehend von den zentralen Begriffen und einer Vorschau seiner wichtigsten Gedanken schildert Damásio dann im weiteren Verlauf seines Buches, sehr umfassend und fundiert, die Entwicklung von Bewusstsein und autobiografischem Selbst.

Obwohl sich Damásio hauptsächlich auf die neurobiologischen Grundlagen konzentriert, erlaubt er sich Exkurse in kulturelle und philosophische Bereiche:

"Die derzeitige digitale Revolution, die Globalisierung kultureller Informationen und das bevorstehende Zeitalter des Mitgefühls sind Einflüsse, die vermutlich zu strukturellen Veränderungen von Geist und Selbst führen werden; damit meine ich Modifikationen gerade jener Gehirnprozesse, die Geist und dem Selbst ihre Form geben." S. 195

Bei der Diskussion der Qualia Probleme ab S. 267 finde ich bemerkenswert, dass Damásio in den Anmerkungen (S. 353) die Veröffentlichung "Being No One" von Thomas Metzinger als besonders bedeutsam für seine Arbeit erwähnt.

Bemerkenswert halte ich auch das Kapitel "Eine Anmerkung zum genomischen Unbewussten": "In der Psychologie weiß man schon lange, dass das Verhalten unbewusste Grundlagen hat ... Neu ist aber in jüngster Zeit die Erkenntnis, dass die frühzeitige Ausprägung solcher Dispositionen im menschlichen Gehirn beträchtlichen genetischen Einflüssen unterliegt und dass sie trotz aller Prägung und Umgestaltung, die wir als bewusste Individuen erleben, einen weiten Geltungsbereich haben und erstaunlich umfassend sind. Besonders bemerkenswert ist das im Hinblick auf Dispositionen, auf denen kulturelle Strukturen aufgebaut wurden." S. 292

"Selbst ist der Mensch" von António Damásio ist ein unbedingt lesenswertes Buch für alle, die sich mit Körper-Geist Themen auseinandersetzen. Besonders gefällt mir an Damásio, dass er immer auf dem Boden der klinischen neurobiologischen Tatsachen bleibt und, anders als manche seiner wissenschaftlichen Kollegen, keine Dogmen verkündet.

Die Einheit von Körper und Geist ist für Praktizierende ostasiatischer Künste keine neue Erkenntnis. Faszinierend finde ich, dass die westliche Wissenschaft diese Erkenntnis immer stärker fundiert.

Buchtipp: "Selbst ist der Mensch" von Antonio Damasio