Buchtipp: "Seven and a Half Lessons About the Brain" von Lisa Feldman Barrett

Erstellt von Michael Ditsch | | Körper & Psyche

A captivating collection of short essays about your brain

Have you ever wondered why you have a brain? Let renowned neuroscientist Lisa Feldman Barrett demystify that big gray blob between your ears. In seven short essays (plus a bite-sized story about how brains evolved), this slim, entertaining, and accessible collection reveals mind-expanding lessons from the front lines of neuroscience research. You’ll learn where brains came from, how they’re structured (and why it matters), and how yours works in tandem with other brains to create everything you experience. Along the way, you’ll also learn to dismiss popular myths such as the idea of a “lizard brain” and the alleged battle between thoughts and emotions, or even between nature and nurture, to determine your behavior. Sure to intrigue casual readers and scientific veterans alike, Seven and a Half Lessons About the Brain is full of surprises, humor, and important implications for human nature-a gift of a book that you will want to savor again and again. © Bild und Text HMH Books. Barrett, Lisa Feldman (2020): Seven and a Half Lessons About the Brain, Boston: HMH Books

Kommentar

# Mythen, Metaphern, Welt- und Menschenbilder prägen unsere Sicht auf die Welt und auf den Menschen. Sie bestimmen unser Denken und Handeln und können daher weitreichende Folgen haben. Maßnahmen im Bildungsbereich können z.B. davon abhängen, ob an eine Vorbestimmung durch die Gene oder durch ein höheres Wesen, oder eher an den Einfluss der Umwelt geglaubt wird. Auch Wissenschaftler sind teilweise voreingenommen und interpretieren daher Forschungsergebnisse aufgrund ihrer persönlichen Überzeugungen. Diese Interpretationen breiten sich dann in andere Wissenschafts- und Gesellschaftsbereiche aus und führen dort zur Entstehung von Mythen. Die US-amerikanische Serie MythBusters habe ich immer sehr gerne geschaut. Die Art und Weise, wie Jamie Hyneman und Adam Savage urbane Mythen "kaputtgemacht" haben (to bust: kaputtmachen, auffliegen lassen, sprengen, zerplatzen), hat mich immer sehr begeistert. Der Cambridge Dictionary definiert den Begriff myth-buster wie folgt: "a person, book, etc. that shows that something generally thought to be true is not, in fact, true, or is different from how it is usually described" (Cambridge Dictionary 2020).

# Lisa Feldman Barrett ist ein Mythbuster der Neurowissenschaften. Schon ihr Buch "How Emotions are made" (Link siehe unten) hat viele meiner Annahmen über mein Menschsein regelrecht gesprengt (mind-blowing). Handelt es sich bei "How Emotions are made" um ein umfangreiches, populärwissenschaftliches Sachbuch, ist "Seven and a Half Lessons About the Brain" eine Sammlung von Essays, wie Lisa Feldman Barrett ihre Texte selbst bezeichnet. Die Form des Essays gibt einem wissenschaftlichen Autor mehr Freiheiten zur Äußerung von persönlichen Meinungen und Standpunkten. Allerdings sollte ein Essay auch ein präziser, kurzer Text über ein klar abgegrenztes Thema sein. Es ist eine große Kunst, Forschungsergebnisse so aufzubereiten, dass sie von einem Laienpublikum verstanden werden können, ohne dabei die wissenschaftlichen Aussagen zu verwässern, oder missverstanden zu werden. Lisa Feldman Barrett schreibt selbst in ihrem Buch, dass es die größte Herausforderung beim Schreiben war, zu entscheiden, was sie weglassen sollte. Wer bereits "How Emotions are made" gelesen hat, wird zunächst nicht sehr viel Neues erfahren. Wie ich bereits in meinem Kommentar zum Buch (Link siehe unten) geschrieben habe, geht das Buch weit über das Thema Emotionen hinaus und beschäftigt sich auch damit, wie unser Gehirn funktioniert und wie wir überhaupt in einer sich ständig verändernden Welt überleben können. In ihrem neuen Buch werden wesentliche Erkenntnisse noch einmal erläutert und durch weitere Aussagen ergänzt. Das gewählte Buchformat und der Buchtitel sprechen allerdings eine erweiterte Leserschaft an, die sich eher in Kürze (in a nutshell) mit wissenschaftlichen Themen auseinandersetzen möchte. Meiner Meinung nach ist es, gerade heutzutage, sehr wichtig, dass Wissenschaftler ihre Erkenntnisse einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machen. Die Bedeutung einer umfangreichen Wissenschaftskommunikation zeigen die derzeitigen gesellschaftlichen Auseinandersetzungen zu Themen wie Pandemie, Artensterben oder Klimawandel.

# Die aktuellen Diskussionen zeigen aber auch, wie stark ein anthropozentrisches Weltbild, selbst bei Wissenschaftlern, noch in den Köpfen verankert ist. Der Mensch als "Krone der Schöpfung", "Herrscher der Welt" oder "Höhepunkt und Ziel der Evolution" muss also "das Klima retten" und "die Natur schützen". Aus der Fähigkeit zu Rationalität und Vernunft, sowie aus seinen technischen und kulturellen Errungenschaften, leitet der Mensch eine Sonderstellung in der biologischen Evolution ab. Da wir heutigen, westlichen Menschen sehr viel Zeit mit Denken verbringen, gehen wir selbstverständlich davon aus, dass unser Gehirn genau zu diesem Zweck entwickelt wurde. Damit sind wir schon bei den neuzeitlichen Mythen über das Gehirn, die von Lisa Feldman Barrett in ihrem Buch "zerstört" werden. Im einleitenden Kapitel "Your Brain Is Not for Thinking" gibt sie eine kurze Einführung in die Grundlagen der evolutionären Entwicklung des Gehirns, sowie eine Erklärung, warum sich überhaupt ein Gehirn entwickelt hat. Im Kapitel "You Have One Brain" wird der Mythos des "Truine Brain" (dreieiniges Gehirn) auseinandergenommen. Kapitel "Your Brain Is a Network" zeigt, dass viele gängige Metaphern, wie z.B. die Aufteilung in eine linke, logische und rechte, kreative Gehirnhälfte, nicht dem tatsächlichen Aufbau und der Funktionsweise des Gehirns entsprechen. Das Kapitel "Little Brains Wire Themselves to Their World" behandelt die soziokulturellen Einflüsse bei der Hirnentwicklung. Ein Thema, welches Michael Tomasello in seinem Buch "Mensch werden - Eine Theorie der Ontogenese" (Link siehe unten) sehr ausführlich diskutiert hat. Kapitel "Your Brain Predicts (Almost) Everything You Do" beschäftigt sich damit, wie wir unsere äußere und innere Realität konstruieren. Eine Erkenntnis, die mich schon bei den Veröffentlichungen von Anil Seth (Link siehe unten) sehr fasziniert hat. Kapitel "Your Brain Secretly Works with Other Brains" zeigt sehr eindrucksvoll, wie psychosoziale Interaktionen zu physiologischen Veränderungen führen (Allostase). Kapitel "Brains Make More than One Kind of Mind" erklärt, warum Variation und Vielfalt die eigentliche "Normalität" darstellen und wie entscheidend sie für das Überleben des Menschen sind. Für ein sehr wichtiges Kapitel halte ich "Our Brains Can Create Reality". Realität bezieht sich hier auf den Begriff "soziale Realität". Eine menschliche Realität also, welche nach Ansicht von Lisa Feldman Barrett nicht vorgegeben ist, sondern von menschlichen Gemeinschaften konstruiert wird.

# Dies scheint mir eine wesentliche Essenz und Aussage des Buches zu sein. Wird unsere wahrgenommene, soziale, innere und äußere Realität nämlich konstruiert, dann kann sie auch wieder dekonstruiert werden. Unsere Lebensweise ist also nicht vorherbestimmt, weder durch unsere Gene noch durch ein übernatürliches Wesen. Eine Sichtweise, die auch von einigen spirituellen Traditionen vertreten wird. Basierend auf den Erkenntnissen der modernen Lebenswissenschaften, erläutert Lisa Feldman Barrett, welche Freiheit einzelne Menschen und menschliche Gemeinschaften besitzen um ihr Leben zu gestalten. Allerdings betont sie auch, dass mit dieser Freiheit eine große Verantwortung verbunden ist. Damit begibt sich Lisa Feldman Barrett auf gesellschaftspolitisches Terrain, worauf sie in ihrem Buch auch hinweist, und bezieht dabei eindeutig Stellung für eine liberale und demokratische Gesellschaft, weil nur so, durch den Schutz und die Entwicklung von Variation und Vielfalt, ein menschliches Leben in Würde möglich ist.

# Sehr wichtig finde ich auch, wie es Lisa Feldman Barrett in ihrem Buch gelingt, ein erweitertes Bild der biologischen Evolution zu vermitteln. Leider haften auch dem Evolutionsbegriff immer noch unzählige Mythen an, die von der wissenschaftlichen Forschung längst widerlegt wurden. Der Mensch besitzt keine Sonderstellung auf diesem Planeten. Er ist nicht die einzigartige, auserwählte, überlegene Spezies, die auf dem Thron der Evolution sitzt. Wie unsere Mitlebewesen, sind auch wir Teil eines großen Ganzen, untrennbar verwoben in das Netz des Lebens. Eine Botschaft, die den Kern vieler spirituellen Traditionen bildet. Wissenschaft ist sicher kein Ersatz für Spiritualität (Link siehe unten), aber für mich persönlich ist Wissenschaft ein Weg zur Spiritualität. Es braucht keine besonderen, "übernatürlichen" Wunder, Zeichen oder Fähigkeiten. Das Wunder des Lebens selbst, welches die Wissenschaft aufzeigt, genügt, aber leider scheint es so alltäglich zu sein, dass es nicht mehr wahrgenommen wird. Das Staunen über dieses Wunder und die Erkenntnis, dass ich ein Teil davon bin, führt mich zur Grundvoraussetzung spiritueller Entwicklung: Demut.

# Mit "Seven and a Half Lessons About the Brain" gelingt es Lisa Feldman Barrett, mit unterhaltsamen, wissenschaftlichen Essays, wichtige Erkenntnisse der Hirnforschung darzulegen und ihre möglichen Auswirkungen auf Gesellschaft und Politik aufzuzeigen. Ausgewählte wissenschaftliche Details finden sich im Anhang. Wie schon bei "How Emotions are made" wird das Buch von einer Website begleitet, welche die vollständigen wissenschaftlichen Referenzen und weitere Informationen enthält. Ein unbedingt lesenswertes Buch. Hoffentlich findet sich ein Verlag für eine deutsche Ausgabe.

Quellen

  • Barrett, Lisa Feldman (2020): Seven and a Half Lessons About the Brain, Boston: HMH Books
  • Barrett, Lisa Feldman (2018): How Emotions Are Made - The Secret Life of the Brain, London: Pan Books, E-Book
  • Cambridge Dictionary (2020): myth-buster [online] https://dictionary.cambridge.org/de/worterbuch/englisch/myth-buster [07. November 2020]

Links

Inhaltsverzeichnis

Author's Note ix
The Half-Lesson - Your Brain Is Not for Thinking 1
Lesson No. 1 - You Have One Brain (Not Three) 13
Lesson No. 2 - Your Brain Is a Network 29
Lesson No. 3 - Little Brains Wire Themselves to Their World 47
Lesson No. 4 - Your Brain Predicts (Almost) Everything You Do 64
Lesson No. 5 - Your Brain Secretly Works with Other Brains 83
Lesson No. 6 - Brains Make More than One Kind of Mind 98
Lesson No. 7 - Our Brains Can Create Reality 110
Epilogue 124
Acknowledgments 126
Appendix: The Science Behind the Science 131
Index 167

Buchumschlag Seven and a Half Lessons About the Brain