Buchtipp: "Stell dir vor …" von Rob Hopkins

Erstellt von Michael Ditsch | | Erde & Mensch

mit Mut und Fantasie die Welt verändern

Wir leben in einer Welt, die es uns nicht gerade einfach macht, der Zukunft voller Hoffnung entgegenzublicken: düstere Nachrichten zu Klimakrise, Artensterben, Ernährungsunsicherheit, dem Zerbrechen von Ökosystemen und radikalen politischen Bewegungen stehen an der Tagesordnung. Vertrauen in der Bevölkerung, dass sich alles zum Besseren wenden kann? Fehlanzeige. Aber warum scheint es eigentlich so schwierig, Lösungen für diese Probleme zu finden? Rob Hopkins gibt uns die Antwort: Weil wir verlernt haben, unsere wichtigste Fähigkeit einzusetzen: unsere Vorstellungskraft. Die einfache Frage zu stellen: Was wäre, wenn? Um eine neue Welt zu kreieren, müssen wir sie uns zuerst vorstellen können. Wir müssen unsere Fantasie einsetzen. Und wenn wir das vollbringen, dann sehen wir sie plötzlich ganz klar, entdecken die Kraft unserer Gedanken, die uns zuflüstern, dass wir es – doch noch! – schaffen können. Hast du den Mut, dich darauf einzulassen? © Bild und Text Löwenzahn Verlag. Hopkins, Rob (2021): Stell dir vor … - mit Mut und Fantasie die Welt verändern, Innsbruck: Löwenzahn Verlag E-Book

Kommentar

# Ob Nachrichtensendungen, Zeitschriften, Soziale Medien oder Gespräche mit Menschen aus dem näheren Umfeld, die vorherrschenden Themen sind zur Zeit meist nicht sehr erfreulich: Klimawandel, Pandemie, Artensterben, Migration, globale Konflikte oder extremistische Entwicklungen in der Gesellschaft. Besonders der permanente Alarmismus der Medien lässt den Eindruck entstehen, dass es um die Welt nicht gut bestellt zu sein scheint, es wenig Hoffnung gibt, und die Zukunft sehr düster wird. Stimmt dieser Eindruck, oder gibt es auch eine andere Sichtweise?

# Durch mein Interesse für die Permakultur (Link siehe unten) bin ich bei meinen Recherchen auch auf den Namen Rob Hopkins gestoßen. Oft wird die Permakultur auf ihre Anwendung in den Bereichen Gartenbau und Landwirtschaft reduziert, aber mittlerweile hat sie sich, hauptsächlich beeinflusst von David Holmgren, zu einem Gestaltungssystem für eine resiliente, nachhaltige Lebensweise und Landnutzung entwickelt. Die Ideen, Konzepte und Prinzipien der Permakultur haben auch den britischen Umweltaktivist und Autor Rob Hopkins wesentlich beeinflusst.

"My background has been in the teaching of practical approaches to sustainability such as permaculture for the last 10 years, and in the creation of a number of sustainability projects. Around the end of 2004 I became aware of peak oil which led to a profound re-evaluation of my life and of my work." (Hopkins 2006)

# Sein Interesse für Nachhaltigkeit führte Rob Hopkins nicht nur zur Umsetzung von kommunalen Projekten, sondern auch zu einer akademischen Auseinandersetzung mit dem Thema, welches er in seiner Masterarbeit "Energy Descent Pathways" (Hopkins 2006) und in seiner Doktorarbeit "Localisation and resilience at the local level: the case of Transition Town Totnes" (University of Plymouth 2021) erörterte. Aus seinen Aktivitäten in der englischen Stadt Totnes entwickelte sich die Transition-Town-Bewegung, die eine postfossile, nachhaltige, relokalisierte Wirtschaft anstrebt und mittlerweile weltweit in vielen Kommunen aktiv ist. Rob Hopkins hat auch einige Bücher über die Energiewende und die Transition-Town-Bewegung geschrieben. Ende September 2021 ist sein neues Buch "Stell dir vor … - mit Mut und Fantasie die Welt verändern" beim Löwenzahn Verlag erschienen. Die englische Originalausgabe mit dem Titel "From What Is to What If - Unleashing the Power of Imagination to Create the Future We Want" publizierte Chelsea Green Publishing im Juli 2020. In der deutschen Ausgabe wird 2019 als Datum für das Copyright von Rob Hopkins angegeben. Das Buch wurde also vor der Pandemie geschrieben.

# In seinem Buch beschäftigt sich Rob Hopkins mit verschiedenen Lebensbereichen wie z.B. Erziehung, Bildung, Politik, Wirtschaft, Umwelt oder Gesundheit, spricht jeweils die aktuellen Probleme an, um dann Lösungsmöglichkeiten anhand konkreter Projekte aufzuzeigen. Basierend auf vielen Interviews mit Projektbeteiligten und seiner eigenen Erfahrung und Tätigkeit, beschreibt er Ansätze wie z.B. freies Spielen, Transition-Bewegung, deliberative Demokratie, universelles Grundvermögen, Guerilla-Lokalismus, Open Space Technology, Nationalparkstadt oder digitaler Minimalismus.

# Beim Lesen musste ich ständig gegen ein reflexhaftes "Ja, aber …" ankämpfen. Alle Lösungsvorschläge von Rob Hopkins könnte ich kritisieren, Argumente dagegen aufzählen und begründen, warum es nicht funktionieren wird. Aber genau diese Mentalität (engl. Mindset) ist es ja, wogegen er in seinem Buch anschreibt und für die er eine Alternative aufzeigen will. Das zentrale Element, die Essenz des Buches, sind daher nicht soziotechnische Konzepte, gesellschaftspolitische Maßnahmen oder technologische Innovationen, die in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft etabliert und umgesetzt werden müssten. Es ist vielmehr die Veränderung der inneren Einstellung, der Bewusstseinswandel, welcher erforderlich ist, um die Herausforderungen der Zukunft zu bewältigen.

"Durch das, was die Transition-Bewegung alles in Gang gesetzt hat, wurde mir klar, dass wir oft an den falschen Stellen nach Lösungen für unsere größten Probleme suchen. [...] Vielleicht ist es an der Zeit zu erkennen, dass im Zentrum unserer Arbeit das Bedürfnis unserer Mitmenschen steht, sich eine bessere Welt vorstellen, Geschichten darüber erzählen und ihre Verwirklichung herbeisehnen zu können. Wenn wir uns eine bessere Welt vorstellen, herbeiwünschen und erträumen können, ist es viel wahrscheinlicher, dass wir unsere Energie und Entschlossenheit daransetzen, sie auch Wirklichkeit werden zu lassen." (Hopkins 2021)

# In einer Zeit des technologischen Solutionismus und Paternalismus, in der "Digitalisierung" und "Künstliche Intelligenz" als Allheilmittel für alle menschlichen Probleme propagiert und gepredigt werden, ist es schon sehr irritierend, wenn Rob Hopkins dagegen auf Aufmerksamkeit, Vorstellungskraft und Fantasie setzt. Allerdings ist er damit nicht allein, denn in einigen Büchern, die ich in der letzten Zeit gelesen habe, wird gerade die Förderung und Entwicklung dessen, was uns als Menschen ausmacht und uns von Rechenmaschinen unterscheidet, als eigentliche Grundlage für die Gestaltung einer lebenswerte Zukunft gesehen. In ihrem Buch "Nichts tun" erläutert Jenny Odell "Die Kunst, sich der Aufmerksamkeitsökonomie zu entziehen", in seiner neuen Veröffentlichung "Klick" erklärt Gerd Gigerenzer "Wie wir in einer digitalen Welt die Kontrolle behalten und die richtigen Entscheidungen treffen" und Henning Beck macht deutlich: "Das neue Lernen - heißt Verstehen" (Links siehe unten).

# Da ich an einer Hochschule und damit im Bildungsbereich mit Digitalisierung zu tun habe, verfolge ich mit großer Sorge, wie die Effizienz- und Kontrollmechanismen des Überwachungskapitalismus und der Aufmerksamkeitsökonomie immer tiefer in unser Leben eindringen. Besonders schockierend finde ich, wie schon Kinder der Digitaltechnik ausgesetzt werden, weil sie angeblich nur so für die Zukunft fit gemacht werden können. Auf der Strecke bleiben dann ausgerechnet die spielerischen, musisch-künstlerischen oder sportlichen Betätigungen, welche wichtige menschliche Eigenschaften fördern wie z.B. Kreativität, Fantasie und Empathie.

"Freies, unstrukturiertes, freches, lautes, nachdenkliches, spontanes, verrücktes, andächtiges und wildes Spiel ist für die Gesundheit unserer Kinder entscheidend und ebenso für unsere Fähigkeit, uns die Welt in anderen Farben auszumalen. Ohne es sind wir ärmer, unsere Straßen verstummen und unsere Fantasie trocknet aus." (Hopkins 2021)

"Im 21. Jahrhundert ist Spielen komplett zu einer Sache des Spielzeugs geworden. Das Angebot an Spielzeug lässt immer weniger Platz für die Fantasie übrig, hat häufig nur eine spezielle Funktion, die kein freies Spielen ermöglicht und ist immer mehr an den Unternehmensbedürfnissen als an denen der Kinder ausgerichtet." (Hopkins 2021)

"Ich behaupte aber, dass unsere einzige Hoffnung, die Klimakrise und viele andere Probleme wirklich zu bewältigen, davon abhängt, zu einem Bildungssystem überzugehen, das die Fantasie in den Mittelpunkt stellt, das junge Menschen darin fördert, ihre Vorstellungskraft einzusetzen, Probleme zu lösen und zusammenzuarbeiten." (Hopkins 2021)

# Ebenso wie Jenny Odell identifiziert auch Rob Hopkins den Konsumismus und die damit verbundene digitale Aufmerksamkeitsökonomie als wichtige Ursache für die Einschränkung von Fantasie und Vorstellungskraft. Sehr interessant fand ich, dass beide auf Erkenntnisse der Kognitions- und Neurowissenschaft zurückgreifen und darlegen, welche Auswirkungen die Dauerbeanspruchung und -ablenkung durch digitale "Persuasive Tech" (Hopkins 2021) auf unsere mentale Gesundheit haben. Sehr treffend fand ich den Begriff "Fantasieverhinderungsmaschinen" (Hopkins 2021) für die mächtigen Werkzeuge des modernen Konsumkapitalismus.

"Als Erstes müssen wir einsehen, dass unsere Ablenkung kein persönliches Versagen ist. Es ist auch kein Unfall. Unsere Aufmerksamkeit wird von riesigen Tech-Unternehmen gekapert und von zahlreichen weiteren Unternehmen in einer Weise ausgenutzt, gegen die wir evolutionär nicht gewappnet sind. Diese Unternehmen (die übrigens Namen und Adressen und Aktionäre haben) setzen aggressive Strategien ein und definieren klare Ziele dafür, wie man seine Zeit verbringen soll – Ziele, die wahrscheinlich massiv im Widerspruch zu den jeweils eigenen stehen, einschließlich jener Ziele, die man in seinem Leben erreichen will." (Hopkins 2021)

"Da wir unsere Zeit des gedankenverlorenen Denkens mehr und mehr an Bildschirmen, mit sozialen Medien und ziellosen Beschäftigungen verbringen, müssen wir uns fragen: Wie wirkt sich dies auf unser Vermögen aus, fantasievoll zu denken?" (Hopkins 2021)

"Aufmerksamkeit und Vorstellungskraft sind untrennbar miteinander verbunden. Das eine kann ohne das andere nicht existieren. Zusammen stellen sie möglicherweise das wertvollste uns zur Verfügung stehende Instrumentarium dar, um sich eine positive Zukunft vorzustellen und für sie zu kämpfen. Aber das Online-Leben versetzt uns in einen Zustand des „always-on“, immer auf der Jagd, die Gegenwart einzuholen, unseren bodenlosen Facebook-Feeds auf den Grund zu gehen, mit unseren E-Mails mitzuhalten, aber wir schaffen es nie." (Hopkins 2021)

# Zentralität und Monopolisierung sind für uns so selbstverständlich geworden, dass wir uns dezentrale Lösungen nicht mehr vorstellen können. Die angestrebte Renaissance der Atomkraft und die unabwendbare Dominanz US-amerikanischer Tech-Konzerne bei der Digitalisierung scheinen vorstellbarer als Erneuerbare Energien und Open Source Software. Mit Dezentralität wird nicht das große Geld an den Aktienmärkten verdient und die quasireligiöse Verehrung für Multimilliardäre, die als Touristen ins All fliegen, oder die Popularität autoritärer Politik, zeigen die Sehnsucht nach Heilsbringern, die uns das mühsame Geschäft demokratischer Entscheidungsfindung abnehmen. Für Jenny Odell ist daher Bioregionalismus ein wesentlicher Bestandteil ihres Konzepts der manifesten Rückinstandsetzung, welches sich gegen blindlings nach vorne gerichteten Fortschritt ausspricht. Es erstaunt auch nicht, dass Rob Hopkins in seinem Buch deliberative Demokratie und die Relokalisierung von Wirtschaftsleistungen als wichtige Bausteine für eine menschenwürdige Zukunft empfiehlt.

"Jeder Schritt, den wir in Richtung einer Demokratie gehen, die wirklich inklusiv ist, mehr von unten nach oben agiert und eher die lokalen Gemeinschaften stärkt, ist ein Schritt weiter in Richtung fantasievollen Denkens und Handelns und eines explosiven Anwachsens der Möglichkeiten." (Hopkins 2021)

"Eine extraktive Ökonomie, bei der der Einzelhandel und Unternehmen weitgehend darauf angelegt sind, der örtlichen Wirtschaft Reichtum zu entziehen und ihn umzuleiten, entzieht ihr damit gleichzeitig auch Vorstellungskraft – das Möglichkeitsgefühl einer Gemeinschaft, das Gefühl, die Zukunft selbst bestimmen zu können." (Hopkins 2021)

# Dystopische Szenarien unserer planetaren Zukunft scheinen angesichts aktueller Entwicklungen wahrscheinlicher denn je. Dem Schrecken und Grusel, der von Krisen und Katastrophen ausgeht, können sich Menschen kaum entziehen und daher gilt in der Medienbranche immer noch der Spruch: "Only bad news are good news". Ich muss zugegeben, dass sich mein Medienkonsum auch manchmal ungut auf mein Gemüt auswirkt und mir bei vielen Nachrichten der Optimismus verloren geht. Das Buch von Rob Hopkins hätte ich auch anders lesen und als naive Illusion eines Träumers abtun können. Vielleicht ist es tatsächlich Zeit ein Apfelbäumchen zu pflanzen, aber ich habe immer noch die Hoffnung, dass die dem Menschen innewohnenden Fähigkeiten, wie Empathie, Hilfsbereitschaft und Verbundenheit, zu einer planetaren, ökosozialen Lebensgemeinschaft führen werden.

"Technologien, Wirtschaftsmodelle und das Knowhow für die Gestaltung einer Zukunft, in der wir alle gedeihen können, sind zwar in großer Zahl vorhanden, aber es mangelt uns an Sehnsucht. Vorstellungskraft ist deshalb so wichtig, weil sie uns hilft, Sehnsucht zu generieren, und wenn wir das richtig hinbekommen, dann folgt alles andere von selbst." (Hopkins 2021)

"Was, wenn der hier skizzierte Ansatz, die große Wiederbelebung der kollektiven Vorstellungskraft, tatsächlich eintritt? Was, wenn? Und warum nicht?" (Hopkins 2021)

Hinweis
Das Buch von Rob Hopkins habe ich im EPUB-Format erworben, bei dem die Textdarstellung variabel ist und sich der jeweiligen Bildschirmgröße automatisch anpasst. Bei den Zitaten habe ich deshalb keine Seitenzahlen angegeben und auch auf die Angabe der Kapitel verzichtet.

Quellen

  • Hopkins, Rob (2021): Stell dir vor … - mit Mut und Fantasie die Welt verändern, Innsbruck: Löwenzahn Verlag E-Book
  • Hopkins, Rob (2006): Energy Descent Pathways - evaluating potential responses to Peak Oil - An MSc. Dissertation for the University of Plymouth, Published by: www.TransitionCulture.org
  • University of Plymouth - Staff (2021): Professor Geoff Wilson - Research degrees awarded to supervised students - Rob Hopkins (PhD awarded 2010, University of Plymouth): Localisation and resilience at the local level: the case of Transition Town Totnes (Devon, UK) (Funding: ESRC 1+3), [online] www.plymouth.ac.uk/staff/geoff-wilson [06.12.2021]

Links

Inhalt

EINLEITUNG

Was, wenn sich alles zum Guten wendet?

EINS

Was, wenn wir das Spielen ernst nehmen?

ZWEI

Was, wenn wir die Fantasie als grundlegend für unsere Gesundheit erachten?

DREI

Was, wenn wir dem Beispiel der Natur folgen?

VIER

Was, wenn wir darum kämpfen, unsere Aufmerksamkeit wiederzugewinnen?

FÜNF

Was, wenn die Schule die Vorstellungskraft junger Menschen fördert?

SECHS

Was, wenn wir bessere Geschichtenerzähler*innen werden?

SIEBEN

Was, wenn wir bessere Fragen stellen?

ACHT

Was, wenn unsere Anfüh-rer*innen auf eine Kultur der Fantasie setzen?

NEUN

Was, wenn all dies eintrifft?

Nachwort

Danksagungen

Anmerkungen

Über den Autor

Impressum

Buchumschlag Stell dir vor …