Buchtipp: "Woran wir wachsen" von Eva Asselmann und Martina Pahr

Erstellt von Michael Ditsch | | Körper & Psyche

Welche Lebensereignisse unsere Persönlichkeit prägen und was uns wirklich weiterbringt

Erfreulicherweise wird unsere Persönlichkeit nicht nur durch unsere Gene, sondern auch durch die Umwelt, in der wir leben geprägt. Persönliches Wachstum ist daher in jedem Lebensabschnitt und bis ins hohe Alter möglich. Doch was genau treibt diese Entwicklung an? Wie wirken sich wichtige Lebensereignisse in Ausbildung und Beruf, Partnerschaft und Familie, Krankheit und Gesundheit auf einzelne Facetten unserer Persönlichkeit aus? Und ist es möglich und ratsam, die Persönlichkeit gezielt zu verändern? Die Persönlichkeitspsychologin Prof. Dr. Eva Asselmann stellt anschaulich und humorvoll die neuesten Studien auf diesem Gebiet vor und liefert überraschenden Erkenntnisse: Beispielsweise lässt uns die Geburt eines Kindes weit weniger reifen, als unser erster richtiger Beruf. Derartige Erkenntnisse sind für uns alle nützlich: Welche Erfahrungen haben die meiste Schubkraft, und wie beeinflussen sie unser Wohlbefinden? Und wie hilft uns dieses Wissen, um an neuen Situationen und Herausforderungen zu wachsen? © Bild und Text Ariston. Asselmann, Eva und Pahr, Martina (2022): Woran wir wachsen - Welche Lebensereignisse unsere Persönlichkeit prägen und was uns wirklich weiterbringt, München: Ariston E-Book

Kommentar

# Tagtäglich begegnen uns Menschen: Familienangehörige, Freunde und Bekannte, Nachbarn, Kollegen und die vielen anderen, mit denen wir im Alltag zu tun haben. Und natürlich begegnen wir dabei immer auch uns selbst, denn jedes Zusammentreffen erzeugt bei uns bestimmte Verhaltensweisen und Empfindungen. Wer gelernt hat sich selbst und seine Umwelt zu beobachten, wird früher oder später einige Fragen stellen wie z.B.: Warum verhalte ich mich so und nicht anders, warum reagieren andere so auf mich, warum bin ich so wie ich bin?

# Fragen dieser Art stellen sich Menschen wahrscheinlich schon seit der Homo sapiens das erste Mal auf diesem Planeten aufgetaucht ist. In vielen Kulturen und Zeitaltern finden wir Hinweise auf die Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Ausprägungen der menschlichen Persönlichkeit. Auf der Säule der Vorhalle des Apollontempels in Delphi erinnert der Spruch "Gnothi seauton" (Erkenne dich selbst) an die menschliche Fähigkeit zur Selbsterkenntnis. Von den modernen Wissenschaften beschäftigt sich vor allem die Persönlichkeitspsychologie mit den individuellen Persönlichkeitseigenschaften.

"Wie unterscheiden sich Menschen in dem, was und wie sie denken, fühlen und handeln? Wie lassen sich diese Unterschiede systematisch beschreiben, erklären, vorhersagen und – das ist vor allem für uns »Normalsterbliche« spannend – beeinflussen? Mit diesen Kernfragen beschäftigt sich die Persönlichkeitspsychologie. Ihr Anliegen ist zum einen, den einzelnen Menschen in seiner komplexen Individualität zu verstehen und im Hinblick auf all seine Persönlichkeitsmerkmale zu beschreiben; und zum anderen, viele Menschen hinsichtlich dieser einzelnen Merkmale miteinander zu vergleichen: Wie unterscheiden sich Tausende von Personen beispielsweise in ihrer Extraversion, d. h.: Wie gesellig sind sie, wie aufgeschlossen gehen sie auf andere zu und wie kreativ sind sie verglichen mit Gleichaltrigen?" (Asselmann und Pahr 2022)

# Die promovierte und habilitierte Diplom-Psychologin Eva Asselmann ist Professorin für Differentielle und Persönlichkeitspsychologie an der HMU Health and Medical University in Potsdam. In ihrem Buch "Woran wir wachsen", welches am 24. August 2022 beim Ariston Verlag erschienen ist, beschäftigt sie sich im Wesentlichen mit einer Diskussion, die schon sehr lange existiert und als "Nature versus nurture debate" (Nature - Genetik / nurture - Umwelt) bezeichnet wird. Dabei geht es um die Frage, ob unsere Persönlichkeit durch unsere Gene maßgeblich und unveränderbar bestimmt wird, oder ob Umwelteinwirkungen, wie z.B. das soziokulturelle Umfeld, auf die Persönlichkeitsentwicklung einwirken. Daher ist eine der wesentlichsten Aussagen des Buches, dass Gene, Persönlichkeit und Umwelt sich wechselseitig beeinflussen. Diese Erkenntnis konnte von Eva Asselmann auch durch ihre eigene Forschung bestätigt werden.

"Es sind nicht nur die Gene, die beeinflussen, wie wir uns entwickeln (und ob wir in die Höhe, Breite oder – charakterliche – Tiefe wachsen). Auch unsere Umwelt trägt maßgeblich dazu bei, und sie lässt sich erfreulicherweise in einem gewissen Rahmen von uns mitgestalten. Unsere Persönlichkeit ist dementsprechend nicht statisch, sondern verändert sich ein Leben lang, wie die Wissenschaft schon vor einigen Jahren zeigen konnte." (Asselmann und Pahr 2022)

"Als grobe Daumenregel kann man sagen, dass unsere Persönlichkeit zu etwa einem Drittel von den Genen abhängt. Allerdings ist es schwierig, diesen Anteil in Zahlen zu beziffern, weil Gene und Umwelt eben auf komplexe Weise interagieren. (Ganz davon abgesehen, dass der genetische Anteil je nach Persönlichkeitsmerkmal variiert.) Dass sich die Persönlichkeit in den Jahren vor und nach einschneidenden Lebensereignissen verändert, impliziert, dass uns nicht nur unsere Gene, sondern auch unsere Erfahrungen prägen – und zwar nicht nur in der Kindheit, sondern ein Leben lang!" (Asselmann und Pahr 2022)

# Das Buch ist eine Mischung aus populärwissenschaftlichem Sachbuch und Ratgeber für den Lebensalltag. Zusätzlich zum Text gibt es thematische Vertiefungen wie "MEHR AUS DER WISSENSCHAFT" oder "#read more" sowie praktische Hinweise und Anleitungen wie "Denkanstöße", "Jetzt du!" oder "Personal Coaching". Durch die Du-Anrede wird der Leser immer direkt angesprochen und zur Beteiligung angeregt. Das ist für manche zwar gewöhnungsbedürftig, aber passt zum humorvollen und saloppen Schreibstil. Stammt dieser Schreibstil von Martina Pahr, deren Name nur vom Verlag genannt wird? Leider wird die Zusammenarbeit nur erwähnt, aber es werden keine Hinweise gegeben, worin diese genau bestanden hat. Vermisst habe ich auch die Literaturtipps beim Kapitel "Referenzen und Literaturtipps". Zur Vertiefung des Themas hätte ich Empfehlungen weiterer populärwissenschaftlicher Sachbücher für sehr nützlich gehalten. Ebenso wäre ein Epilog oder ein Fazit, mit einer Zusammenfassung oder Einordnung der behandelten Themen, für den Leser sicher hilfreich gewesen.

# Nach einer Erläuterung des Begriffs Persönlichkeit sowie einer Einführung in die Persönlichkeitspsychologie und die "Big Five" (Fünf-Faktoren- oder OCEAN-Modell der Persönlichkeit), wird der Einfluss von verschiedenen Lebenssituationen auf die Persönlichkeit untersucht wie z.B. Kindheit, Jugend, Ausbildung und Beruf, Ehe und Kinder sowie Stress durch Pandemie, Krankheit, Tod oder Trennung. Das Kapitel 9 "Wie wir eine resiliente Persönlichkeit entwickeln (können)" behandelt die wichtige Frage, warum manche Menschen unter stressigen Bedingungen gesund bleiben oder sich nach traumatischen Erlebnissen schnell wieder erholen.

# Sehr gut gefällt mir, dass die Autorin bei allen Themen immer wieder den Bezug zu wissenschaftlichen Erkenntnissen und ihrer eigenen Forschung herstellt. Besonders wichtig finde ich die Beschreibung der wissenschaftlichen Methodik und der Herangehensweise der Persönlichkeitspsychologie bei der Durchführung von Studien oder der Auswertung von Datensätzen wie z.B. dem Sozio-oekonomischen Panel. Sehr Interessant ist daher auch das Kapitel 12 "Aus der Forschungswerkstatt", in dem Fragebögen und Test vorgestellt und erklärt werden. Zu einigen Themen hätte ich mir mehr Informationen gewünscht wie z.B. zu anderen Persönlichkeitsmodellen (z.B. HEXACO-Modell) oder der Set-Point-Theorie.

# Den Bezug zur wissenschaftlichen Forschung halte ich deshalb für sehr wichtig, da gerade im Bereich Persönlichkeitsentwicklung mittlerweile ein großer, kommerzieller Markt für Selbstoptimierungen aller Art entstanden ist. Mit der bewussten Veränderung der Persönlichkeit beschäftigt sich Eva Asselmann, die selbst Coachings und Trainings anbietet, in Kapitel 11 "Big-Five-Stars – Können wir unsere Persönlichkeit »tunen«?".

# Gut finde ich, dass ausführlich diskutiert wird, warum eine Persönlichkeitsveränderung überhaupt erforderlich ist, oder ob nicht vielleicht die eigene Persönlichkeit und die derzeitige Lebenssituation gut zusammenpassen. Fakt ist nämlich, dass alle Anpassungen der Persönlichkeitsstruktur sowohl Vor- als auch Nachteile haben, da die sozialen Welten, in denen wir agieren, ständig wechseln. Allerdings steigt der Druck zur Selbstoptimierung, ob durch Werbung, Medien oder Anforderungen des Berufslebens, überall wird suggeriert, dass wir uns verändern und verbessern müssen. Davon lebt ein ganzer Wirtschaftszweig für körperliche und geistige Fitness, der immer wieder neue Methoden und Programme entwickelt und anbietet.

"Dabei sind Programme dieser Art wissenschaftlich kaum erforscht: Ob und wie sie wirken, ist demnach fraglich. Im besten Fall sind sie inspirierend, oft greifen sie uns schlicht in die Tasche, und im schlimmsten Fall können sie uns sogar schaden. Bei der Flut an kommerziellen Trainings überrascht es, dass die wissenschaftliche Forschung zu persönlichkeitspsychologischen Interventionen noch in den Kinderschuhen steckt. Aktuell wissen wir erstaunlich wenig über Methoden zur gezielten Persönlichkeitsentwicklung, die fundiert sind und nachweislich wirken." (Asselmann und Pahr 2022)

"In unserer Leistungsgesellschaft wird dem, womit wir unser Geld verdienen, enorme Bedeutung beigemessen, und unser Beruf nimmt sowohl zeitlich als auch sozial (und gesprächstechnisch) viel Raum ein. Wer sind wir wohl, wenn wir nicht arbeiten? Was macht uns dann noch aus? [...] Nur zu »sein«, das ist ganz offensichtlich nicht genug, um einen vollwertigen Platz als Mitglied in unserer ambitionierten Industrienation zu besetzen." (Asselmann und Pahr 2022)

# Das Buch von Eva Hasselmann und Martina Pahr halte ich für sehr lesenswert, weil es hilft, die eigene Persönlichkeit besser kennenzulernen und zu verstehen. Sehr hilfreich ist der Selbsttest mit dem Big-Five-Fragebogen am Ende des Buches. Bestimmte Verhaltensweisen, welche durch die eigene Persönlichkeit bedingt sind, aber nicht selbst erkannt werden, können zu Konflikten mit anderen Menschen führen. Ein klassischer Fall ist die Situation von Introvertierten am Arbeitsplatz, die ihre Leistungen nicht gut "verkaufen" können und daher oft übergangen werden. Gerade in Krisensituation hilft das, durch Selbsterkenntnis gewonnene Wissen, um die eigenen Grenzen einschätzen zu können. Für besonders wichtig halte ich einen Hinweis, der in Kapitel 8 "Was Stress, Krankheit und Verlust mit unserer Persönlichkeit machen" gegeben wird:

"Vergiss nie: In Krisenzeiten gibt es Hilfe, selbst wenn du dich zermürbend einsam und hundeelend fühlst. Bei Bedarf hole dir professionelle Unterstützung, zum Beispiel eine psychologische Beratung, Therapie oder Trauerbegleitung. Die Hausarztpraxis ist in diesem Fall eine gute erste Anlaufstelle, die dir weitere Hilfsangebote vermitteln kann. Scheue dich nicht, beizeiten dort anzuklopfen, denn das ist keine Schwäche, sondern Selbstfürsorge. Auch wenn du dir nicht sicher bist, ob du Hilfe von außen überhaupt nötig haben solltest, nimm sie im Zweifelsfall lieber einmal »zu viel« als zu wenig und besser »zu früh« als zu spät in Anspruch." (Asselmann und Pahr 2022)

Hinweis
Das Buch von Eva Asselmann und Martina Pahr habe ich als E-Book erworben, bei dem die Textdarstellung variabel ist und sich der jeweiligen Bildschirmgröße automatisch anpasst. Bei den Zitaten habe ich deshalb keine Seitenzahlen angegeben und auch auf die Angabe der Kapitel verzichtet.

Quellen

  • Asselmann, Eva und Pahr, Martina (2022): Woran wir wachsen - Welche Lebensereignisse unsere Persönlichkeit prägen und was uns wirklich weiterbringt, München: Ariston E-Book

Links

Inhalt

Einleitung: Wir sind, wer wir sind. Müssen es aber nicht bleiben

Du bist, was du erlebst. Und du erlebst, was du bist
Gibt es den Resilienzmuskel?

Kapitel 1: Was uns ausmacht – und von anderen unterscheidet

Persönlichkeit: Was ist das eigentlich?
Persönlichkeitspsychologie auf den Punkt gebracht
Kann man Persönlichkeit »messen«? Kann man!
Bunt is beautiful: Wie Persönlichkeit unser Leben bereichert

Kapitel 2: Die Big Five – das Who is Who der Persönlichkeitsmerkmale

Was bisher geschah
OCEAN’s Five: das Fundament
Was zu einer Persönlichkeit noch dazugehört

Kapitel 3: Wie Persönlichkeit unser Leben prägt

Mentale und körperliche Gesundheit
Soziale Beziehungen
Ausbildung und Beruf
The Good, the Bad and the Ugly: »gute« und »schlechte« Persönlichkeiten?
Begrüßenswerte Merkmale jenseits der Big Five: je höher, desto besser

Kapitel 4: Persönlichkeit wächst mit uns mit!

Die Wurzeln der Kindheit – und was daraus werden kann
Sturm und Drang: Wie viel passiert in der Jugend wirklich mit uns?
Von der Bar ans Babybett: Was uns als Erwachsene reifen lässt
Von wegen abgeklärt: hohes Alter

Kapitel 5: Was Persönlichkeit, Berufswahl und Jobglück miteinander zu tun haben

Rein in die Kartoffeln, raus aus den Kartoffeln: Berufseinstieg und Renteneintritt
Ticket for Success: Der passende Job macht’s
Für die Chefetage geboren?
Was Jobkrisen mit uns machen (können)

Kapitel 6: How sweet it is to be loved by you – Persönlichkeit und Liebe

Verliebt, verlobt, verheiratet, getrennt: Beziehungsereignisse und Persönlichkeit
Achterbahnfahrt der Gefühle: Beziehungsereignisse und Wohlbefinden

Kapitel 7: Kindersegen – Wie segensreich ist er für unsere Persönlichkeit?

Reifeprüfung: Lässt uns ein Baby »wachsen«?
Junge Eltern, ältere Eltern: Gibt’s hier Unterschiede?
Mutter oder Vater: Bei wem passiert was?
Wann werden wir endlich reifer?
Wellbeing-Faktor Kind: Macht ein Baby glücklich?

Kapitel 8: Was Stress, Krankheit und Verlust mit unserer Persönlichkeit machen

Die Dosis macht das Gift: Stress
Hauptsache gesund: Krankheit
Jenseits von Trauer: Wie wir mit dem Tod umgehen
Wieder allein: Verlust durch Tod und Trennung

Kapitel 9: Wie wir eine resiliente Persönlichkeit entwickeln (können)

Was uns nicht umbringt, macht uns stärker?
Wie alles begann: die Wurzeln der Resilienzforschung
Komplexes Konstrukt: Aspekte von Resilienz
Never surrender? Resilienz nach stressreichen Ereignissen
Können wir Resilienz trainieren?

Kapitel 10: Ausnahmezustand – Pandemie

Corona: als Bier top, als Virus Flop
Resigniert bis rebellisch: Persönlichkeit und Pandemie
Ängstlich und einsam: psychische Gesundheit und Pandemie
Kontaktlos glücklich?
Warnung: Doomscrolling gefährdet deine Gesundheit!

Kapitel 11: Big-Five-Stars – Können wir unsere Persönlichkeit »tunen«?

Profis am Start: psychologisch fundiert
Warum überhaupt: die Frage nach der Notwendigkeit
Deine Entscheidung für Veränderung ist gefallen

Kapitel 12: Aus der Forschungswerkstatt

Bastelstunde: Wie man psychologische Fragebögen konstruiert
Rätselraten: Wie man Test-Scores interpretiert
Methodisch geschickt: Persönlichkeitsentwicklung messen
Mach den Test: Hier kommt dein Big-Five-Fragebogen

Referenzen und Literaturtipps

Buchumschlag Woran wir wachsen