Buchtipp: "Zhuangzi" translated by Richard John Lynn

Erstellt von Michael Ditsch | | Spiritualität & Lebenskunst

A New Translation of the Sayings of Master Zhuang As Interpreted by Guo Xiang

The Zhuangzi (Sayings of Master Zhuang) is one of the foundational texts of the Chinese philosophical tradition and the cornerstone of Daoist thought. The earliest and most influential commentary on the Zhuangzi is that of Guo Xiang (265–312), who also edited the text into the thirty-three-chapter version known ever since. Guo’s commentary enriches readings of the Zhuangzi, offering keen insights into the meaning and significance of its pithy but often ambiguous aphorisms, narratives, and parables. Richard John Lynn’s new translation of the Zhuangzi is the first to follow Guo’s commentary in its interpretive choices. Unlike any previous translation into any language, its guiding principle is how Guo read the text; Lynn renders the Zhuangzi in terms of Guo’s understanding. This approach allows for the full integration of the text of the Zhuangzi with Guo’s commentary. The book also features a translation of Guo’s complete interlinear commentary and is annotated throughout. © Bild und Text Columbia University Press. Zhuangzi (2022): A New Translation of the Sayings of Master Zhuang As Interpreted by Guo Xiang. Translated and Introduction by Richard John Lynn, New York: Columbia University Press E-Book

Kommentar

# Die meiste Zeit unseres Lebens hat uns der Alltag fest im Griff und fordert unsere ganze Aufmerksamkeit. Der Beruf, die Familie, ein Ehrenamt, der Sportverein, vielfältige Freizeitaktivitäten und natürlich die vielen, wiederkehrenden Tätigkeiten wie Einkaufen, Putzen oder den Müll wegbringen. Wir funktionieren und spielen unsere jeweiligen Rollen entsprechend unserer verinnerlichten Muster und Konzepte, die wir in den verschiedenen sozialen Kontexten unseres Lebens erlernt haben. Innehalten, in sich gehen, über sich und das Leben nachdenken, dafür fehlt Zeit und Muße. So sind es oftmals erst die großen Krisen in unserem Leben, die uns zum Stillstand zwingen, uns ermöglichen den Blick zu weiten und die Perspektive zu wechseln.

# In diesen besonderen Lebensphasen kommen uns manchmal Sätze in Erinnerung, die wir vielleicht zuvor als Sprüche auf einem Kalenderblatt oder in einem Buch gelesen haben. Durch mein Interesse für ostasiatische Kampfkünste bin ich auch mit traditionellen, spirituellen und philosophischen Lehren aus China und Japan in Berührung gekommen. Eine rein intellektuelle Beschäftigung, von der, außer ein paar Zitaten aus dem Daodejing, zunächst nicht viel übrig blieb. Später jedoch, krisengeschüttelt und aus dem Lebensalltag geworfen, erwachte ein fast schon körperliches Bedürfnis nach einer tiefer gehenden Auseinandersetzung mit transzendenten Weisheitslehren.

# Warum allerdings sollten im 21. Jahrhundert, nach dem Zeitalter der Aufklärung und dem Siegeszug der modernen Naturwissenschaft, jahrhundertealte Schriften und Lehren noch von Interesse sein? Vielleicht weil sich der Mensch an sich, der Homo sapiens als biologische Spezies, trotz wissenschaftlicher Erkenntnisse und technischer Errungenschaften, kaum verändert hat. Er ist immer noch dieses verletzliche, sterbliche Lebewesen, welches sich seiner selbst und seines begrenzten Daseins bewusst ist, und für dessen große, existentielle Fragen zu Leben und Tod es scheinbar immer noch keine Antworten gibt. Auch Menschen in früheren Zeitaltern haben nach Antworten gesucht und daher macht es durchaus Sinn, sich mit antiken ostasiatischen Lehren zu befassen.

# Das Zhuangzi (莊子 Zhuāngzǐ – Link siehe unten) ist eine chinesische Textsammlung, die ursprünglich aus dem 4. Jahrhundert v. Chr. stammt, deren weitere Zusammenstellung und Bearbeitung aber wahrscheinlich über mindestens zwei Jahrhunderte hinweg gedauert hat. Das Buch beschäftigt sich mit den grundlegendsten Menschheitsfragen und setzt sich mit den damaligen Strömungen chinesischen Denkens auseinander. Wer beginnt sich mit dem Zhuangzi zu befassen, die traditionellen Texte aber nicht im Original lesen und verstehen kann, wird feststellen, dass es mittlerweile etliche deutsch- und englischsprachige Übersetzungen und Kommentare gibt. Im Juli 2022 wurde bei  Columbia University Press eine weitere Übersetzung des Zhuangzi veröffentlicht mit dem Titel: "Zhuangzi - A New Translation of the Daoist Classic as Interpreted by Guo Xiang". Übersetzer ist der emeritierte Professor Richard John Lynn, der in der Einführung zum Buch auch erläutert, was denn genau so neu an seiner Übersetzung ist.

"Professor Lynn has held positions at universities in New Zealand, Australia, U.S.A. and Canada. In 1999, he was appointed as a full-time Professor of Chinese Thought and Literature at the University of Toronto until retiring in 2005." (U of T 2022)

"The word 'new' here carries several meanings: (1) This translation of the Zhuangzi, 'Sayings of Master Zhuang,' is 'new' in that it differs significantly from previous translations; (2) this difference is due to a 'new' translation technique based on one particular traditional Chinese commentary, that of Guo Xiang (265–312). The reading of the Zhuangzi presented here is thus how Guo interpreted the text. To my knowledge, no previous translation of the Zhuangzi, into English or any other language, either in the modern East or West, has been based entirely on Guo’s commentary. (3) The translation technique used here is also 'new,' in that the text of the Zhuangzi and its commentary are fully integrated; that is, the meaning of the one is determined by that of the other. […] (4) 'New' does not necessarily mean 'better' (that is, supposedly closer to the 'original' meaning of the Zhuangzi). But what that original meaning might be has been a contentious issue throughout the centuries up to now, complicated, of course, by what role Guo Xiang played in the recension of its text." (Zhuangzi 2022, Introduction by Richard John Lynn)

# Das Buch von Richard John Lynn halte ich für sehr lesenswert, da sehr deutlich aufzeigt wird, welche Schwierigkeiten die Übersetzung historischer Texte bereitet, die dazu noch aus anderen Denk- und Kulturräumen stammen. Besonders in der Einführung wird vom Autor sehr verständlich dargelegt, dass auch eher spirituell-philosophische Texte nicht ohne den historischen Kontext ihrer Entstehungszeit verstanden werden können. Sehr hilfreich für die eigene Beschäftigung mit den antiken Schriften ist die Kenntnis der damaligen sozialen, macht- und gesellschaftspolitischen Gegebenheiten sowie der persönlichen Lebenssituation von Autoren und Kommentatoren.

# Der ursprüngliche, 52 Kapitel umfassende Text des Zhuangzi wurde von Guo Xiang in eine Version mit 33 Kapiteln umgeschrieben, kommentiert, neu gegliedert in "Innere Kapitel" (1-7), "Äußere Kapitel" (8-22) und "Verschiedene Kapitel" (23-33), welche die Grundlage für die heute bekannten Überlieferungen und Übersetzungen bildet. In seiner Einführung beschreibt Richard John Lynn die Entwicklung von Guo Xiang, seine Grundannahmen und Ziele, die wesentlichen Merkmale seines Denkens im Kontext seiner Zeit, die Gründe für seinen politischen Aufstieg und die große Kontroverse um die Urheberschaft seines Kommentars. Besonders interessant ist auch, dass Guo Xiang als ein bedeutender Vertreter des Xuanxue (玄學 Xuánxué) gilt, welches von Richard John Lynn als "arcane learning" übersetzt wird.

"Guo’s commentary surely must be counted among the most important in this regard, for it significantly advanced the tenets of arcane learning [xuanxue], the dominant discourse of the third to the sixth century CE, which not only linked essential features of Daoist metaphysics with Confucian morality and political philosophy to create a new worldview of its own, but also served as the basis for how concepts of Buddhism were received and developed in China. Later, such concepts and terminology made their way, either directly or via Buddhism, into the formulation of Neo-Confucianism during the Song era (the tenth to the thirteenth century)." (Zhuangzi 2022, Introduction by Richard John Lynn)

# Wie viele Praktizierende chinesischer innerer Künste (Neigong 內功 nèigōng) hatte ich anfangs eine sehr unkritische Haltung gegenüber den klassischen chinesischen Schriften und eine romantisch verklärte Sicht auf die exotisch anmutenden chinesischen Traditionen. Mittlerweile ist mir bewusst geworden, dass in einem kollektivistischen Gesellschaftssystem wie in China, damals wie heute, Denk- und Weisheitslehren auf mehreren Ebenen verstanden werden können. Meiner Meinung nach ist es daher für sinologische Laien erforderlich, sich mit verschiedenen Übersetzungen und Kommentaren, aber auch mit den historischen Gegebenheiten auseinanderzusetzen, um ein differenziertes Verständnis für die Aussagen antiker Texte zu entwickeln.

"Thus, Sima Qian, Guo Xiang, and now the modern historian and critic of Chinese philosophy Tang Yijie all come to the same conclusion: although the Zhuangzi contains much wisdom for the cultivation of the enlightened individual self, it still fails to serve as a means to create the ideal society through sagely rulership (i.e., it may lead to sageliness but not kingliness). Therefore, Guo Xiang composed his commentary as a corrective and supplement to the Zhuangzi—he did not merely explain what he thought Master Zhuang is supposed to have 'said.' Guo rendered for the Zhuangzi what Wang Bi provided for the Daode jing: he composed a commentary that turned the Zhuangzi into a treatise on statecraft, to serve as 'advice for the prince.' However, such an interpretation does not preclude the reader from delving into it for wisdom to enhance personal thought and behavior, for it was commonplace throughout the ages to read Confucian and Daoist works of philosophy, including the Zhuangzi, on more than one level. As the traditional Chinese view had it that the state was the family writ large, so the sage ruler of 'all under Heaven' was regarded as a model for the aspiring individual sage in his private life. The Zhuangzi thus can be read this way, just like many other early texts." (Zhuangzi 2022, Introduction by Richard John Lynn)

Hinweis
Das Buch von Richard John Lynn habe ich als E-Book erworben, bei dem die Textdarstellung variabel ist und sich der jeweiligen Bildschirmgröße automatisch anpasst. Bei den Zitaten habe ich deshalb keine Seitenzahlen angegeben und auch auf die Angabe der Kapitel verzichtet.

Quellen

  • Zhuangzi (2022): A New Translation of the Sayings of Master Zhuang As Interpreted by Guo Xiang. Translated and Introduction by Richard John Lynn, New York: Columbia University Press E-Book
  • U of T (2022): University of Toronto (U of T) - Faculty of Arts & Science - Department of East Asian Studies – People - Richard John Lynn, [online] www.eas.utoronto.ca/people/directories/all-faculty/richard-john-lynn [22.08.2022]

Links

Inhalt

Acknowledgments
Translator’s Note
Introduction

Part I: The Sayings of Master Zhuang, the Inner Chapters
1. Xiaoyao you [Spontaneous Free Play]
2. Qi wu lun [On Regarding All Things Equal]
3. Yangsheng zhu [The Mastery of Nurturing Life]
4. Renjian shi [The Ways of the World]
5. Dechong fu [Tally of Virtue Replete]
6. Da Zongshi [The Great Exemplary Teacher]
7. Ying Diwang [Fit to Be Sovereigns]

Part II: The Sayings of Master Zhuang, the Outer Chapters
8. Pianmu [Webbed Toes]
9. Mati [Horses’ Hooves]
10. Quque [Ransack Chests]
11. Zaiyou [Let Things Freely Be]
12. Tiandi [Heaven and Earth]
13. Tiandao [The Dao of Heaven]
14. Tianyun [The Revolving of Heaven]
15. Keyi [Honing the Will]
16. Shanxing [Mending One’s Original Nature]
17. Qiushui [Autumn Floods]
18. Zhile [Perfect Joy]
19. Dasheng [Understand Life]
20. Shanmu [The Mountain Tree]
21. Tian Zifang
22. Zhi beiyou [Knowledge Wanders North]

Part III: The Sayings of Master Zhuang, the Miscellaneous Chapters
23. Gengsang Chu
24. Xu Wugui [Easygoing the Fearless]
25. Zeyang
26. Waiwu [External Things]
27. Yuyan [Words Attributed to Others]
28. Rangwang [Refusing Rulership]
29. Dao Zhi [Robber Zhi]
30. Shuojian [Discourse on Swords]
31. Yufu [The Old Fisherman]
32. Lie Yukou
33. Tianxia [All Under Heaven]

Appendix A: Prefaces and Postface
Appendix B: Lost Works Attributed to Guo Xiang
Appendix C: Xiang Xiu and Guo Xiang Comments Compared
Appendix D: Sima Qian, “Biography of Master Zhuang”
Glossary of Terms
Glossary of Proper Nouns
Bibliography
Index

Buchumschlag Zhuangzi