Buchtipp: "Zhuangzi" übersetzt von Viktor Kalinke

Erstellt von Michael Ditsch | | Spiritualität & Lebenskunst

Das Buch der daoistischen Weisheit

Das Buch Zhuangzi, auch bekannt unter dem Ehrentitel "Das wahre Buch vom südlichen Blütenland", ist zusammen mit Laozi (Laotse) der wichtigste Text des chinesischen Daoismus. Zhuangzi (Dschuang Dsi) soll im 4. Jahrhundert v. Chr. gelebt, sich allen Ämtern verweigert und als Gärtner gearbeitet haben. Ihm geht es darum, zurückzulenken auf das Eigentliche, das Einfache: die Freiheit, nichts Besonderes zu tun, die Freiheit, sich selbst zu folgen, die Freiheit, mit der Natur zu leben. Zhuangzi ist der wilde Denker, der, der keine vorgegebene Ordnung akzeptiert und alles in Frage stellt. Sein Buch besteht aus 300 kurzen Texten: Anekdoten, Gleichnissen, Gedanken, Dialogen, die in 33 Kapitel geordnet sind. Viktor Kalinke hat 2017 nach 10-jähriger Arbeit mit einer vorbildlichen wissenschaftlichen Ausgabe die erste ernstzunehmende und vollständige Übersetzung des Zhuangzi aus dem Chinesischen ins Deutsche vorgelegt. Diese neue Übersetzung erscheint nun erstmals als ansprechende Leseausgabe. © Bild und Text Reclam. Zhuangzi - Das Buch der daoistischen Weisheit, Übers. Viktor Kalinke, Reclam, 2019.

Kommentar

# Der "Zhuangzi" ist eine Sammlung von meist philosophischen Texten, welche ca. 300-200 v. u. Z. im Gebiet des heutigen China geschrieben wurden. Es stellt sich natürlich die Frage, warum diese Texte heutzutage noch gelesen werden sollten?

# Der anatomisch moderne Mensch entstand vor über 250.000 Jahren. Der Beginn der menschlichen Zivilisation infolge der Landwirtschaft war vor ca. 20.000 Jahren. Auf der Zeitskala der biologischen Evolution sind dies nur sehr kurze Abschnitte. Bezüglich seiner technischen und kulturellen Fähigkeiten mag sich der Mensch zwar weiterentwickelt haben, aber seine biologische Herkunft bestimmt immer noch maßgeblich sein Denken und Handeln. Statt einem Faustkeil halten wir heute ein Smartphone in der Hand. Unsere äußere Lebenswelt hat sich dramatisch verändert, aber wie sieht es in unserem Inneren aus? Seit der Mensch ein Selbstbewusstsein entwickelt hat, muss er sich auch mit Fragen zu seiner eigenen Existenz auseinandersetzen. Wie soll ich leben, wie umgehen mit Leid und Tod, was ist der Sinn des/meines Lebens? Existentielle Fragen beschäftigen den Menschen damals wie heute. Die moderne Naturwissenschaft hat zwar viele Erkenntnisse über das Funktionieren unserer Welt zu Tage gefördert, aber zu Fragen der individuellen Lebensführung liefert sie keine Antworten. Es sind eher die Religion oder die Philosophie, die sich mit existentiellen Themen auseinandersetzen und nach Weisheit streben. Die Menschen des Altertums, ob in Europa, Asien oder Afrika, waren ebenso mit ihrem Dasein in dieser Welt konfrontiert, wie wir heute. Daher macht es für mich durchaus Sinn, dass ich mich auch mit den überlieferten religiösen, spirituellen oder philosophischen Texten beschäftige.

# Die Originalschriften kann ich nicht in ihrer ursprünglichen Sprache lesen und daher bin ich auf Übersetzungen und Sekundärliteratur angewiesen. Genau hier beginnen die Probleme. Oft ist ja nicht einmal die Quellenlage eindeutig geklärt. Viele Texte wurden zunächst nur mündlich überliefert und erst sehr viel später niedergeschrieben. Etliche Schriften gingen verloren, wurden umgeschrieben, ergänzt oder neu zusammengestellt. Auch wurde im Altertum nicht nach heutigen wissenschaftlichen Anforderungen zitiert. Es ist daher oft unklar, welche Texte von welchem Autor stammen. Übersetzungen sind immer kritisch zu hinterfragen. Eine Übersetzung kann nie von der Person des Übersetzers getrennt betrachtet werden, da subjektive Faktoren, wie z.B. persönliche  Wertvorstellungen, Überzeugungen und Absichten eine Rolle spielen.

# Bisher war für mich als Zhuangzi Lektüre die deutsche Übersetzung von Stephan Schuhmacher relevant. Allerdings hat Schuhmacher keine Originalschrift übersetzt, sondern die englische Zhuangzi Ausgabe von Victor H. Mair. Mit großem Interesse habe ich daher die vorliegende Übersetzung von Victor Kalinke gelesen. Das Buch wurde 2019 bei Reclam veröffentlicht und ist die Leseausgabe seiner, 2017 im Leipziger Literaturverlag erschienenen, Übersetzung des Originaltextes der altchinesischen Standardausgabe. Irritierend fand ich zunächst die Angaben zur Person des Autors. Studium der Psychologie und Mathematik. Promotion und Professur? Einen Professor oder Doktor Kalinke sucht man allerdings vergeblich im Web. Ein erster Hinweis findet sich auf dem Impressum der Website des Leipziger Literaturverlages: Geschäftsführer: Viktor Kalinke / Dr. Torsten Klemm. Bei Wikipedia gibt es einen Eintrag zu Viktor Kalinke, mit einem Hinweis auf den bürgerlichen Namen: Torsten Klemm. Es handelt sich also bei Viktor Kalinke um ein Pseudonym. Nun gut, der Mann wird seine Gründe habe.

# Nach Sichtung der vorhandenen deutschsprachigen Zhuangzi Ausgaben, hat Viktor Kalinke das Fehlen einer vollständigen deutschen Übersetzung des Zhuangzi aus dem Chinesischen festgestellt. Nach eigener Aussage wurde daher, durch ein umfangreiches siebenjähriges Editionsprojekt, die erste zuverlässige und überprüfbare Referenzausgabe für den deutschsprachigen Raum geschaffen. Natürlich kann ich als Laie diese Aussage nicht überprüfen oder beurteilen. Ich erinnere mich nur an eine Textstelle, die ich bei einer anderen Zhuangzi Übersetzung gelesen habe: "… wir übersetzen immer nur in die Sprache und den Geist der Zeit. Daher kann es nie eine 'richtige Übersetzung geben, sondern nur eine 'andere'." (Kubin, Wolfgang; Zhuang Zi; Herder; 2013; S. 13).

# Schon lange Jahre betreibe ich asiatische Kampf- und Gesundheitskünste und beschäftige mich seitdem auch mit den entsprechenden Schriften. Etliche Vertreter bestimmter Künste legen großen Wert darauf, dass ihre jeweiligen Stile z.B. daoistisch oder buddhistisch sind. Diese Zuordnungen haben mir nie eingeleuchtet, da ich auch ohne religiös-philosophische Kenntnisse die Prinzipien einer Kunst umsetzen kann. Für wichtiger halte ich eher einen kompetenten Lehrer und das eigene forschende Üben. Von Viktor Kalinke wird Zhuangzi als daoistischer Philosoph bezeichnet. Leider gibt es in beiden Zhuangzi Büchern keine Definition des Begriffes "Daoismus". Anscheinend wird vorausgesetzt, dass der Leser bereits Kenntnis über die verschiedenen Strömungen altchinesischer Lebenslehren besitzt. Kategorisierungen halte ich eher für hinderlich, da sie von der Einzigartigkeit der jeweiligen Schrift ablenken. Folgt man Jean François Billeter, wurde eine erste Kategorisierung altchinesischer Schriften von kaiserlichen Bibliothekaren zu Beginn der Reichszeit durchgeführt. Jean François Billeter würde Zhuangzi nicht als daoistischen Denker bezeichnen: "Seitdem Zhuangzi und Laozi in dieselbe bibliographische Rubrik eingeordnet wurden, hat man sie nach und nach für Vertreter ein und derselben Schule gehalten, was absurd ist, da eine solche Schule nie existiert hat und beide in wesentlichen Fragen diametral entgegengesetzte Auffassungen vertreten." Billeter, Jean François; Das Wirken in den Dingen; Matthes & Seitz Berlin; 2015; S. 132. Daoismus siehe Link unten

# Für mich ist der Zhuangzi ein beeindruckendes Zeugnis altchinesischen Denkens. Deshalb bin ich sehr dankbar, dass Viktor Kalinke dieses umfangreiche Werk veröffentlicht hat. Neben der Übersetzung gibt es zu jedem Kapitel und auch bei bestimmten Abschnitten einen Kommentar mit zusätzlichen Informationen. Im Nachwort versucht Viktor Kalinke eine zeitliche und kontextuelle Einordnung, die ich als sehr hilfreich empfunden habe. Für vertiefende Studien empfiehlt sich der 900 seitige Zhuangzi Gesamttext, der 2017 von Viktor Kalinke im Leipziger Literaturverlag herausgegeben wurde.

Dao bei michaelditsch.de
Daoismus bei michaelditsch.de
Zhuangzi bei michaelditsch.de

"Einst träumte Zhuang Zhou, ein Schmetterling zu sein, ein lebhaft flatternder Schmetterling, glücklich mit sich selbst, nur seinem Willen folgend. Er wusste nicht, dass er Zhuang Zhou war. Wie freute er sich, als er kurz darauf erwachte [und feststellte]: 'Da ist Zhuang Zhou!' Doch er wusste nicht, war er Zhuang Zhou, der geträumt hatte, ein Schmetterling zu sein, oder war er ein Schmetterling, der geträumt hatte, Zhuang Zhou zu sein? Zwischen Zhuang Zhou und dem Schmetterling muss es doch einen Unterschied geben! Das ist damit gemeint, dass sich die Lebewesen wandeln." Zhuangzi; Übers.: Kalinke, Viktor; Reclam; 2019; E-Book; Kap. 2.14

"Zhuangzi war ein Mann aus Meng (heutiges Anhui), sein Rufname war Zhou. Er bekleidete in Meng ein Amt im Lackgarten (Qiyuan) und war ein Zeitgenosse von König Hui von Liang (reg. 369–335) und König Xuan von Qi (reg. 369–301). Es gab kein Gebiet, auf dem er sich nicht auskannte, in der Hauptsache aber berief er sich auf die Sprüche von Laozi. So schrieb er ein Buch mit mehr als 100 000 Wörtern, die überwiegend Gleichnisse darstellen. Er war ein begnadeter Dichter und Wortkünstler, schilderte Tatsachen und entdeckte Zusammenhänge; all dies nutzte er, um die Konfuzianer und Mohisten bloßzustellen, selbst die größten Gelehrten seiner Zeit vermochten es nicht, ihn zu widerlegen. Die Worte flossen und sprudelten aus ihm hervor und trafen unvermittelt den Kern. Daher gelang es weder den Königen und Fürsten noch sonstigen großen Männern, ihn an sich zu binden. (Biographie des Zhuangzi von Sima Qian, Historiker am Hof der Westlichen Han-Dynastie, 2. Jahrhundert v. u. Z.)" Zhuangzi; Übers.: Kalinke, Viktor; Reclam; 2019; E-Book; Kap. "Über Zhuangzi"

Inhalt

Inhaltsverzeichnis

內篇 / Innere Kapitel
1 逍遙遊 (xiāo yáo yóu) Unbekümmertes Spazieren
2 齊物論 (qí wù lùn) Gespräch über das Angleichen der Dinge
3 養生主 (yǎng shēng zhǔ) Grundsätze der Sorge fürs Leben
4 人間世 (rén jiān shì) In der Menschenwelt
5 德充符 (dé chōng fú) Zeichen erfüllender Wirkkraft
6 大宗師 (dà zōng shī) Der große Lehrmeister
7 應帝王 (yìng dì wáng) Antworten für Herrscher und Könige

外篇 / Äußere Kapitel
8 駢拇 (pián mǔ) Miteinander verwachsene Zehen
9 馬蹄 (mǎ tí) Pferdehufe
10 胠篋 (qū qiè) Kisten aufbrechen
11 在宥 (zài yòu) Leben und geschehen lassen
12 天地 (tiān dì) Himmel und Erde
13 天道 (tiān dào) Das Dao der Natur
14 天運 (tiān yùn) Bewegungen des Himmels
15 刻意 (kè yì) Unbeirrbarkeit
16 繕性 (shàn xìng) Verbessern der Natur
17 秋水 (qiū shuǐ) Herbstflut
18 至樂 (zhì lè) Vollkommene Freude
19 達生 (dá shēng) Das Leben begreifen
20 山木 (shān mù) Der Bergbaum
21 田子方 (tián zǐ fāng) Tian Zifang (Meister Quadratfeld)
22 知北遊 (zhī běi yóu) Wissen streift durch den Norden

雜篇 / Vermischte Kapitel
23 庚桑楚 (gēng sāng chǔ) Gengsang Chu (Leidender alter Maulbeerbaum)
24 徐無鬼 (xú wú guǐ) Xu Wugui (Langsam Ohnegeist)
25 則陽 (zé yáng) Ze Yang (Mustergültig)
26 外物 (wài wù) Äußere Dinge
27 寓言 (yù yán) Gleichnisse
28 讓王 (ràng wáng) Thronübergabe
29 盜跖 (dào zhí) Dao Zhi, der große Räuber
30 說劍 (shuō jiàn) Wenn die Schwerter sprechen
31 漁父 (yú fù) Der alte Fischer
32 列禦寇 (liè yù kòu) Li Yukou (Liezi)
33 天下 (tiān xià) Unterm Himmel

Nachwort
Literaturverzeichnis
Über Zhuangzi

Buchumschlag Zhuangzi