Buchtipp: "Das trügerische Gedächtnis" von Julia Shaw

Erstellt von Michael Ditsch | | Körper & Psyche

Wie das Gehirn Erinnerungen fälscht

Wir sind die Summe unserer Erinnerungen. Stimmen diese aber auch? Haben prägende Ereignisse unserer Kindheit überhaupt so stattgefunden? Identität ist ein kunstvoll gewebter Teppich aus Erinnerungsfragmenten. Die Verhaltenspsychologin Julia Shaw erklärt, warum dem Gehirn dabei ständig Fehler unterlaufen. Und das Tappen in die Erinnerungsfalle hat Konsequenzen: Wir können uns auf unser Gedächtnis nicht verlassen. Auf der Grundlage neuester Erkenntnisse von Neurowissenschaft und Psychologie sowie ihrer eigenen bahnbrechenden Forschung zeigt Shaw, welchem Teil unserer Erinnerung wir trauen können und welchem nicht. Ein verblüffender Einblick in die wahnwitzigen Mechanismen des menschlichen Gehirns. © Bild und Text Hanser. Das trügerische Gedächtnis - Wie das Gehirn Erinnerungen fälscht, Julia Shaw, Hanser, 2016

Kommentar

# Wahrscheinlich kennen viele die Situation, wenn sich Jugendfreunde nach langer Zeit wieder begegnen und über die "alten Zeiten" sprechen. Kürzlich hatte ich auch wieder Besuch von einem Freund aus meiner Jugend und schon bald fiel der Satz: "Weißt Du noch damals, als wir …". Bei etlichen dieser Gespräche ist mir schon aufgefallen, dass ich mich teilweise an gewisse Begebenheiten gar nicht erinnern konnte, oder dass ich ein bestimmtes Ereignis ganz anders im Gedächtnis hatte. Auch zur zeitlichen Reihenfolge von Ereignissen gab es oft unterschiedliche Meinungen.

# Während einer meiner Lebensphasen habe ich mich auch sehr intensiv mit Psychologie und Psychotherapie auseinandergesetzt. Bei den psychologischen Ansätzen, welche mir damals begegnet sind, ging es hauptsächlich um Erfahrungen aus der Kindheit. Durch Bewusstwerdung dieser Erfahrungen und deren Bearbeitung, sollten dann aktuelle Probleme oder Blockaden gelöst werden. Mittels bestimmter Befragungstechniken wurde das bewusste Denken angeblich umgangen, um dadurch sogenannte unbewusste Erinnerungen freizulegen. Im Nachhinein bin ich mir nicht mehr sicher, ob manche dieser Erinnerungen nicht auch aufgrund suggestiver Fragestellungen entstanden sind.

# Während der o.g. Lebensphase las ich auch sehr viel psychologische Literatur. Beeindruckt haben mich damals z.B. die Forschungen von John Kotre über autobiografische Erinnerungen. In der Öffentlichkeit ist er durch sein Buch "Weiße Handschuhe - Wie das Gedächtnis Lebensgeschichten schreibt" bekannt geworden. Die Begriffe "Archivar" und "Mythenmacher" haben damals meine Vorstellung von der Arbeitsweise des Gedächtnisses geprägt. John Kotre postulierte, dass Erinnerungen (Archivar) durch nachträgliche Interpretationen verfälscht werden können, um dadurch unseren eigenen Lebensmythos zu konstruieren (Mythenmacher).

# Mittlerweile sehe ich die ganze Psychologie/Psychotherapie sehr kritisch. Etliche Therapeuten orientieren sich nach wie vor an den Lehren von Sigmud Freud, obwohl seine Theorien mittlerweile widerlegt wurden. Gerade in den letzten Jahren wurde die psychologische Forschung teilweise sehr in Frage gestellt. Durch das Reproducibility Project von Brian Nosek konnte z.B. festgestellt werden, dass sich viele Ergebnisse aus psychologischen Studien nicht replizieren ließen. In der modernen Wissenschaft besteht ein enormer Druck zum ständigen Publizieren neuer Forschungsergebnisse. Dies führt auch zu dem sogenannten "Publication Bias", einer Verzerrung der gesamten Studienlage, weil hauptsächlich Studien mit angeblich positiven bzw. signifikanten Ergebnissen bevorzugt veröffentlicht werden.

# In Ihrem Buch "Das trügerische Gedächtnis" erläutert Julia Shaw nicht nur die Ergebnisse ihrer eigenen Forschung. Um den Stand der modernen Gedächtnisforschung darzulegen und um die fundamentalen Prinzipien des Gedächtnisse zu erklären, bezieht sie sich auf zahlreiche Studien und Erkenntnisse anderer Wissenschaftler. Zunächst vertraue ich Frau Shaw, dass sie für ihr Buch ausschließlich seriöse Quellen verwendet hat. Sehr gut hat mir bei der Lektüre gefallen, dass sie auch daraufhin weist, wenn Vermutungen angestellt werden, oder wenn es andere Meinungen zu einem Sachverhalt gibt. Sehr gut fand ich auch die Art wie Julia Shaw die Medien nutzt, um ihre Arbeit einer breiteren Öffentlichkeit nahe zu bringen. Besonders in einer Zeit, die als "postfaktisch" tituliert wird, finde ich es wichtig, dass Wissenschaftler ihre Ergebnisse wieder näher an die Menschen herantragen. Man mag manche Verfehlungen des wissenschaftliches Systems kritisieren, aber immerhin ist es die wissenschaftliche Methode selbst, die immer wieder wissenschaftliche Erkenntnisse kritisch hinterfragt.

# Eine wesentliche Erkenntnis aus der Lektüre des Buches ist, dass wir es beim Gedächtnis mit einem dynamischen neuronalen Netzwerk zu tun haben, welches über das ganze Gehirn verteilt ist. Erinnerungen werden nicht statisch und unveränderlich an einem Ort abgelegt, wie Fotos in einem Fotoalbum oder Einträge in einem Tagebuch. Bei Bildung und Abruf von Erinnerungen finden Assoziationen zu anderen, im Netzwerk verteilten, Erinnerungen und Informationen statt, welche wiederum den Gedächtnisprozess beeinflussen. Durch die vielfältigen Einflüsse, die auf den Prozess des Erinnerns einwirken, ist das Vergessen, die Veränderung von Erinnerungsfragmenten sowie das Entstehen von Fehlern potentiell immer möglich. Diese Funktionsweise des Gedächtnisses ermöglicht Julia Shaw das sogenannte "Gedächtnis-Hacking". Damit beschreibt sie die Fähigkeit falsche Erinnerungen bei Menschen zu erzeugen.

"Erinnerungen von Menschen sind beeinflussbar, und zwar durch sozialen Druck und bestimmte Abruftechniken, die dazu führen, dass sie sich Dinge vorstellen und diese imaginierten Dinge fälschlicherweise für echte Erfahrungen halten." S. 196

# Selbst im 21. Jahrhundert wird unser Verständnis der Welt noch immer von der Maschinenmetapher beeinflusst, also der Vorstellung, dass der Mensch wie eine Maschine funktioniert. So werden z.B. das Herz als Pumpe, die Muskeln als Motoren oder das Auge als Fotoapparat betrachtet. Das Gedächtnis wird oft mit einer Computerfestplatte verglichen, auf der unsere Erinnerungen, wie Grafik- oder Textdateien, abgespeichert werden und jederzeit wieder exakt aufgerufen werden können. Ein Computer basiert allerdings auf der unveränderbaren Verschaltung seiner elektronischen Computerchips. Dagegen funktioniert das Gehirn nach dem Prinzip der neuronalen Plastizität, bei der die neuronalen Verbindungen ständigen Veränderungen unterliegen.

# Wir haben eine Vorstellung von uns selbst als einem real existierenden und unveränderlichen Subjekt, welches mit einer objektiv wahrnehmbaren realen Welt interagiert. Wir definieren unser "Ich" zum Großteil durch Erinnerungen an unsere Vergangenheit. Die modernen Körper<->Geist Wissenschaften postulieren aber, dass ein unveränderliches "Ich" als dauerhafte Entität oder Substanz nicht existiert, sondern dass dieses "Ich" eher als Prozess zu verstehen ist. Julia Shaw ist sich daher der Bedeutung ihrer Forschungsergebnisse durchaus bewusst.

"Allgemeiner gesagt bilden die Erinnerungen die Grundlage unseres Lebens und unserer Identität. Sie formen das, was wir erlebt zu haben und wozu wir uns daher auch in Zukunft befähigt glauben. Aus diesen Gründen können wir unser Gedächtnis nicht infrage stellen, ohne zugleich zwangsläufig die Fundamente unserer Identität infrage zu stellen." S. 11

"Zu guter Letzt erlaubt uns ein Verständnis all der Schwächen, die unserem Gedächtnissystem anhaften, zu einem ganz neuen Ethos zu gelangen. Unsere Vergangenheit ist eine fiktionale Repräsentation, und das Einzige, dessen wir uns einigermaßen sicher sein können, ist das, was in der Gegenwart geschieht. Das ermutigt uns dazu, in der Gegenwart zu leben und unserer Vergangenheit nicht allzu viel Bedeutung beizumessen. Es zwingt uns, zu akzeptieren, dass die beste Zeit unseres Lebens und auch unserer Erinnerungen genau jetzt ist." S. 280

# Wie so oft bei populärwissenschaftlichen Bücher über das Körper<->Geist System wird der Leser ratlos zurückgelassen. Die Wissenschaften zerstören immer mehr Gewissheiten über unser Dasein als Mensch, ohne die Konsequenzen für das einzelne Individuum zu bedenken. Schon die Erkenntnisse der Physik oder der Biologie haben den Menschen aus seiner traditionellen Verankerung in Glaube und Religion gerissen, ohne alternative Antworten für die existentiellen menschlichen Fragen zu Leben und Tod geben zu können. Nun beginnen die Neurowissenschaften und die moderne Psychologie die Illusion unseres "Ich" einzureißen.

# In vielen spirituellen Traditionen dieser Welt wurde schon immer behauptet, dass eine objektive Realität nicht existiert. Die klassischen Naturwissenschaften hatten sich lange gegen die Einbeziehung des Subjektiven gesträubt und ihre Forschungen auf objektiv messbare materielle Phänomene begrenzt. Mittlerweile hat in der modernen Wissenschaft ein Umschwung eingesetzt. Die Erkenntnisse der Quantenmechanik führten in der Physik zu einem Paradigmenwechsel. In den Neurowissenschaften und der Psychologie rücken Bewusstsein und subjektives Erleben immer stärker in den Fokus der Forschung. Die Frage "Wer bin ich?" beschäftigt den Menschen wahrscheinlich schon seit dem Zeitpunkt seiner Selbstbewusstwerdung und besonders in den östlichen Kulturen wurden sehr viele Versuche unternommen, um dieser Frage auf den Grund zu gehen.

# In den säkularisierten und aufgeklärten Gesellschaften des Westens besteht ein großes Bedürfnis nach einer spirituellen Lebenspraxis und nach Antworten auf die Sinn- und Wertfragen des eigenen Daseins. Die Wissenschaft und die kapitalistische Konsumwelt bieten keine Lösungen für die innere Leere und die gefühlte Verlorenheit des Individuums in der modernen globalisierten Welt. Die traditionellen Religionen haben viel Vertrauen verloren und können die Menschen oft nicht mehr erreichen. Der reflexartige Rückzug zu fundamentalistischen und dogmatischen Heilslehren kann kein gangbarer Weg für die menschliche Zukunft zu sein. Meiner Meinung nach könnte die Frage des Philosophen Thomas Metzinger, ob so etwas wie eine "säkularisierte Spiritualität" denkbar ist, ein guter Ansatz für eine zukünftige Entwicklung sein (siehe Link unten Spiritualität).

# Julia Shaw hat ein sehr beeindruckendes und lesenswertes Werk über unser Gedächtnis geschrieben. Der Leser erhält einen gut verständlichen Überblick über den aktuellen Stand der Forschung und über die Konsequenzen in unserem Lebensalltag, wie z.B. in der Kriminalistik oder der Justiz. Besonders interessant sind natürlich die Forschungsergebnisse der "Gedächtnis-Hackerin" selbst. Die Möglichkeit, Menschen davon zu überzeugen, dass sie tatsächlich Straftaten begangen haben, ist erschütternd. Wir definieren unsere Identität über unserer Erinnerungen. Sie helfen uns zu verstehen, wer wir sind. Wenn ich aber meinem Gedächtnis nicht mehr trauen kann, stellt sich dann nicht die Frage: Wer bin ich?

"Give up all questions except one: 'Who am I?' After all, the only fact you are sure of is that you are. The 'I am' is certain. The 'I am this' is not. Struggle to find out what you are in reality. To know what you are, you must first investigate and know what you are not. Discover all that you are not - body, feelings, thoughts, time, space, this or that - nothing, concrete or abstract, which you perceive can be you. The very act of perceiving shows that you are not what you perceive. The clearer you understand that on the level of mind you can be described in negative terms only, the quicker will you come to the end of your search and realize that you are the limitless being." I Am That - Talks with Sri Nisargadatta Maharaj, Sri Nisargadatta Maharaj, Chetana, 2009, S. VI

Das trügerische Gedächtnis - Wie das Gehirn Erinnerungen fälscht
Julia Shaw, Hanser, 2016

INHALT

EINLEITUNG 9

  1. ICH ERINNERE MICH AN MEINE GEBURT 17
    Mobiles für Babys, Tee mit Prinz Charles und eine Begegnung mit Bugs Bunny in Disneyland
    Warum manche Kindheitserinnerungen unmöglich sind
  2. DIRT Y MEMORIES 45
    #thedress, Zeitreisen und die gute alte Zeit
    Warum Sein Wahrgenommenwerden ist
  3. HUMMELN IM KOPF 73
    Plastizität, Benzos und Laserstrahlen
    Warum die Physiologie des Gehirns unser Gedächtnis in die Irre führen kann
  4. GEDÄCHTNISGENIES 105
    HSAMs, Braincams und Inselbegabungen
    Warum niemand ein untrügliches Gedächtnis hat
  5. LERNEN IM SCHLAF ? 129
    Baby Einstein, Hypnose und Gehirnwäsche
    Warum wir aufmerksam sein müssen, um Erinnerungen zu bilden
  6. DAS GEHIRN – EIN DE TEKTIV MIT SCHWÄCHEN 157
    Größenwahn, Gesichtserkennung und Monster-Erschaffung
    Warum wir unser Gedächtnis überschätzen
  7. HOCHEMOTIONAL 181
    Blitzlichterinnerungen, Erinnerungs-Hacking und traumatische Ereignisse
    Warum unsere Erinnerung an emotionsgeladene Ereignisse fehlerhaft ist
  8. DAS DIGITALE GEDÄCHTNIS 211
    Medien-Multitasking, sozialer Bewusstseinsstrom und digitale Amnesie
    Warum Medien unsere Erinnerung formen
  9. ERINNERUNGSKRIEG 241
    Satan, Sex und Science
    Warum wir falsche Erinnerungen an traumatische Ereignisse haben können
  10. MIND GAMES 265
    Geheimagenten, Gedankenpaläste und magischer Realismus
    Warum wir unser fehlerhaftes Gedächtnis annehmen sollten und wie wir das Beste daraus machen

DANKSAGUNG 281

ANMERKUNGEN 283

REGISTER 297

Das trügerische Gedächtnis - Wie das Gehirn Erinnerungen fälscht, Julia Shaw, Hanser, 2016