Buchtipp: "Das Wunder der Entspannungshocke" von Gerd Schnack

Erstellt von Michael Ditsch | | BewegtSein & Balance

Befreiter Rücken und ein gutes Bauchgefühl

Leben ist Bewegung, Bewegung Leben. Und gerade in unseren Bewegungen machen wir vieles falsch. Der renommierte Präventivmediziner Prof. Dr. Gerd Schnack weist nach, wie wir durch falsches Sitzen Opfer von Zivilisationskrankheiten werden - von der einfachen Verstopfung über Rückenschmerzen bis zum Dickdarmkrebs. Und er zeigt, wie wir durch richtiges Hocken dieser Abwärtsspirale entkommen können. Gerd Schnack, Prof. Dr. med., Präventiv- und Sportmediziner, Facharzt für Chirurgie / Unfallchirurgie, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Präventivmedizin und Präventionsmanagement e.V., ist am Allensbacher Präventionszentrum tätig. © Bild und Text Herder. Das Wunder der Entspannungshocke - Befreiter Rücken und ein gutes Bauchgefühl, Gerd Schnack, Herder Verlag, 2016

Kommentar

# Wer schon einmal in Ostasien unterwegs war, hat sicher beobachtet, wie Menschen dort in der Hocke auf Märkten oder vor ihren Häusern saßen, sich dabei ausruhten, sich mit anderen unterhielten, oder arbeiteten. Von meinen ersten Reisen nach China kenne ich auch noch die gemeinschaftlichen Hocktoiletten in den ländlichen Regionen des Landes. Das Sitzen in der Hocke ist in vielen ostasiatischen Ländern selbstverständlich und bereitet den Menschen dort keine Probleme. Anders schaut es bei uns aus. Kaum jemand ist noch in der Lage, längere Zeit in der Hocke zu verweilen. Wir haben uns an das Sitzen auf Stühlen und Sitztoiletten gewöhnt. Auch das Tragen von Absatzschuhen, und die damit verbundene Verkürzung der Wadenmuskulatur, hat wesentlich dazu beigetragen, dass viele eine tiefe Hockstellung gar nicht mehr ausführen können.

# Bei meiner ständigen Literaturrecherche bin ich auf ein Buch mit dem Titel "Das Wunder der Entspannungshocke" gestoßen. Allein wegen des Titels musste ich das Buch erwerben. Allerdings ist der Titel nicht ganz korrekt, da sich der Autor nicht nur mit der Entspannungshocke, sondern auch sehr intensiv mit dem Fersengang und mit Entspannungsmethoden beschäftigt. Das Lesen fand ich allerdings etwas mühsam. Das Fehlen einer klaren Struktur und die ständigen Wiederholungen machen das Buch schwer lesbar. "Eine Botschaft wird durch die Wiederholung erst wahr." schreibt der Autor zwar auf Seite 124, trotzdem bin ich der Meinung, dass weniger Seiten, dafür aber mit einer sinnvollen Gliederung, der Lektüre guttun würden. Wegen des interessantes Inhaltes halte ich das Buch allerdings für sehr lesenswert. Der Autor Prof. Dr. med. Gerd Schnack bringt durch seine Tätigkeiten als Präventiv- und Sportmediziner sowie als Facharzt für Chirurgie / Unfallchirurgie die nötigen Kompetenzen mit, um die medizinischen Folgen von körperlichen Fehlhaltungen zu thematisieren. Hilfreich wäre ein Stichwortverzeichnis gewesen. Sehr lobenswert finde ich die vielen anschaulichen Grafiken, das umfangreiche Literaturverzeichnis und die Auflistung der verwendeten Studien.

# Obwohl sich in der Literaturliste bereits Bücher von Thomas W. Myers und Dr. Robert Schleip finden, verwendet der Autor noch oft klassische Begriffe und Analogien der Mechanik. Auf Seite 116 werden Rundbögen romanischer Kathedralen zur Erläuterung der Funktion des Fußgewölbes verwendet und auch der Vergleich des Herzens mit einem Turboaggregat auf Seite 48 zeigt, wie stark der Autor noch der Maschinenmetapher des Menschen verhaftet ist. Die Beschäftigung mit der Biotensegrität (Link s.u.) wäre hier sicher sinnvoll.

# Die Ursachen für unsere modernen Zivilisationskrankheiten werden von Prof. Dr. med. Schnack an verschiedenen Stellen des Buches dargelegt:

"Bei unserem Umgang mit dem Stress der Gegenwart haben wir das Maß völlig verloren, indem wir uns ständig den wechselnden Reizen der Online-Gesellschaft aussetzen. Wir sind permanent im Kampf oder auf der Flucht, und der Antreiber unter den Nerven, der Sympathikus, bestimmt unser Leben. In dieser prägenden Dysbalance des vegetativen Nervensystems hat der Entspannungsnerv, der Parasympathikus oder Vagus, das Nachsehen." S. 55

"In früheren Jahren lag die Durchschnittsbewegung des Menschen bei ca. 20 Kilometer täglich, diese Distanz ist inzwischen auf bedenkliche 600 bis 800 Meter geschrumpft. Damit sind wir die erste Generation in der Menschheitsgeschichte, die die Grundforderung für einen gesunden Stoffwechsel nicht mehr erfüllt." S. 80

"Die Anpassung an die moderne Sitzgesellschaft ist so total, dass keine Körperregion verschont bleibt, im Vordergrund steht allerdings das Tödliche Quartett: - Bewegungsmangel durch vorherrschende Sitzarbeit. - Herz-Kreislauf-Störungen durch Bewegungsmangel in Verbindung mit Valsalva-Pressing. - Adipositas durch Bewegungsmangel und Verdauungsstörungen bei chronischer Verstopfung. - Hohe Sympathikuserregung durch Stress bei mangelnder Vagus-Präsenz und weitere Zunahme der Verdauungsstörungen." S. 145

"In dieser zukunftsorientierten und auf Gewinnmaximierung ausgerichteten Online-Gesellschaft ist das Gehirn ständig einer hohen Dichte zentral zu verarbeitender Sinnesreize ausgesetzt, es kommt kaum noch zur Ruhe. Gegenwärtig erleben wir einen geradezu rasanten Anstieg psychosomatischer Störungen." S. 196

"Bereits mehr als 50 Prozent der arbeitenden Bevölkerung leiden unter Schlafstörungen, weil das Leben inzwischen zu schnell, zu laut und zu hell geworden ist. Diese Lichtverschmutzung hat auch die Schlafzimmer erreicht, gibt es doch kaum noch die notwendige Dunkelheit (nicht mehr als 7 Lux), die es braucht, um das Schlafhormon Melatonin zu aktivieren." S. 197

# In der Analyse der Ursachen kann ich dem Autor sehr gut folgen. Schwierig wird es für mich, wenn er versucht Lösungen aufzuzeigen. Die vorgestellten Übungen und Anleitungen, von der Entspannungshocke bis zur Vagus-Meditation, sind zweifelsohne sehr nützlich und effektiv. Allerdings handelt es sich im beschriebenen Kontext nur um Rezepte zur Symptombehandlung, da die tatsächlichen Ursachen der Probleme nicht angegangen werden. Der "normale Stressalltag" wird auch von Prof. Dr. med. Schnack anscheinend nicht in Frage gestellt. Wie bei vielen Ratgeberbüchern sieht auch der Autor dieses Buches die Verantwortung hauptsächlich beim einzelnen Menschen. Das Individuum ist verpflichtet seine Körpermaschine für den ökonomischen Wettbewerb fit zu halten und bei Bedarf zu reparieren. Nur manchmal erwähnt er, dass Ursache und Verantwortung auch bei übergeordneten Strukturen liegen könnten z.B. bei den Betrieben (betriebliche Prävention S. 189) und den Akteuren des Gesundheitssystems (Ärzteschaft S. 159). Viele Menschen sind eben nicht so frei und unabhängig, dass sie Eigenverantwortung auch leben könnten.

"Im Sinne der natürlichen Selbstorganisation ist zunächst jeder von uns gefragt, seines Glückes Schmied zu sein. Das ist die Aussage dieses Buches auf jeder Seite, sodass der Leser auch in unserer Gegenwart des ewigen Zeitmangels für sich Episoden pragmatischer Zeitfenster finden kann, die schnell und hochwirksam gegen den ewigen Sitzstress verwendet werden sollten." S. 85

# Die obige Aussage sehe ich persönlich sehr kritisch. Für das Individuum sind gesellschaftliche und ökonomische Bedingungen sehr entscheidend. Die Entsolidarisierung der Gesellschaft und die Individualisierung der Existenzfürsorge können nicht alle Menschen unbeschadet verkraften. Das Individuum hat auch wenig Möglichkeiten, um sich gegenüber kapitalstarken Marktakteuren und gesellschaftspolitischen Entwicklungen zu behaupten. Z.B. wird Programmieren von IT-Konzernen als Schulfach gefordert, gleichzeitig werden musische Fächer und der Sportunterricht immer weiter reduziert. Aber der Markt generiert auch aus den marktbedingten Schäden wieder Profite. Fitness-, Wellness- und die Gesundheitsbranche entwickeln immer neue Angebote für das kranke und erschöpfte Individuum.

# Vielleicht wäre ich in diesem Punkt nicht so kritisch, würde der Autor nicht andeuten, dass es zu dem kapitalistisch-mechanistischen Ansatz auch eine Alternative geben könnte. Prof. Dr. med. Schnack macht nämlich an einigen Stellen Anleihen bei der Spiritualität. Achtsamkeit ist durch Jon Kabat-Zinn im Westen populär geworden und hat zu einem regelrechten "Achtsamkeitsboom" bei Manager- und Gesundheitsratgebern geführt. Ähnlich wie bei anderen spirituellen Praktiken wurde bei der Achtsamkeitsmeditation der spirituelle Kontext (Buddhismus) entfernt und Achtsamkeit als "wissenschaftliche" Methode neu etikettiert und kommerzialisiert. Meiner Meinung nach ist aber der spirituelle Kontext das Entscheidende und die Methode ohne diesen Kontext sinnlos. Prof. Dr. med. Schnack versucht zwar das "heiße Eisen" Spiritualität nicht in Vordergrund zu bringen, aber seine philosophisch-spirituellen Andeutungen weisen daraufhin, dass er die Bedeutung der Transzendierung und Einbindung des Individuums durchaus anerkennt.

"Damit gerät die Lebensspirale in eine bedenkliche Schieflage, in der nicht die ausgleichende Balance den Takt bestimmt. Die Zielrichtung der Lebensspirale wird praktisch mit der Grundorientierung unserer Existenz klar ausgewiesen: Gesundheit, Balance, Harmonie, Glück, Werte, Sinn, Glauben." S. 55

"Neben der rein körperlichen Entspannung beeindruckt die Meditation durch ihre Wirkung auf das Gehirn, in der Vagus-Meditation aber nicht im Sinne der Bewusstseinserweiterung, sondern zunächst durch die Verlangsamung der Gehirnwellen vom Betazustand zwischen 15 bis 30 Hertz auf 7 bis 15 Hertz im Alphazustand. Hiermit ist verbunden: - Die Beruhigung aller geistigen Aktivitäten. - Die Verbesserung der Konzentration durch die Fokussierung auf ein Geschehen im Sinne der Achtsamkeit. - Die Ausblendung negativer Gedanken durch Distanz zur ständigen Bewertung. In dieser Wolke des Nichtwissens lassen wir alle negativen Gedanken wie Wolken am Himmel an uns vorbeiziehen. - Angestrebt wird das transpersonale Bewusstsein, die bewusste Distanz zum beherrschenden Ich-Bewusstsein, in dem die Welt immer aus der Sicht der ersten Person beurteilt wird." S. 201

# Sehr beeindruckend sind die Ausführungen von Prof. Dr. med. Schnack, wenn es um die medizinisch-physiologischen Abläufe im Organismus geht. Hier zeigt sich das profunde Wissen und die lange praktische Erfahrung des Mediziners. Die Erklärungen sind klar verständlich und nachvollziehbar. Sehr gut finde ich den ständigen Bezug zu den Übungen und die Erläuterung der jeweiligen Auswirkungen. Dem Hinweis auf die Bedeutung und den Erinnerungswert von Ritualen kann ich nur beipflichten. Auch mein tägliches Praktizieren funktioniert nur, weil mir dafür entsprechende Zeiten und Rituale zur Verfügung stehen. Die Empfehlung des Autors bezügl. der MBT Schuhe kann ich nicht nachvollziehen, da ich verschiedene MBT Schuhe selbst ausprobiert habe. Gerade im Zehenbereich haben mich die Schuhe sehr eingeengt. Persönlich bevorzuge ich daher Barfußlaufen und Barfußschuhe (siehe Link unten). Einige der Übungen konnte ich nur schwer umsetzen. Die Hocke auf einem ergonomischen Bürostuhl mit Rollen, vor dem Bildschirmarbeitsplatz, halte ich für nicht praktikabel. Und die Hocke auf der Sitztoilette ist nur möglich, wenn die Hosen ganz ausgezogen werden. Zu dem oft erwähnten und kritisierten "Valsalva-Manöver" wäre ich für mehr Hintergrundinformationen dankbar gewesen.

"Das interne Valsalva-Pressing ist die einzige Alternative: in Inspiration mit angehaltenem Atem innerer Druckaufbau durch maximale Anspannung der Expirationsmuskeln mit Betätigung der Bauchpresse (Zwerchfell und Bauchmuskulatur), und das bei geschlossenem Kehlkopf. Über die angespannte Muskulatur und über das tiefstehende Zwerchfell wird der innere Druck direkt an den Darminhalt weitergegeben, die Passage kommt in Gang." S. 140

# Insgesamt ein lesenswertes Buch. Wer seinen Alltag einigermaßen selbst gestalten kann und die Möglichkeit hat, die Übungen in den täglichen Ablauf zu integrieren, findet in dem Buch von Prof. Dr. med. Schnack viele nützliche Informationen und Anleitungen. Anschließend drei Zitate bezüglich der Vorteile der Entspannungshocke:

"In der natur-richtigen Hocke läuft im Rücken und in den Beinen ein optimaler Energietransfer, sodass alle Körperzellen wieder neue Reserven tanken können: - Der Rücken ist gleichmäßig gerundet, damit wird der gesamte Raum des Spinalkanals erweitert. - Die Nacken- und Rückenmuskulatur sind erweitert und geraten so aus ihrer Stressstarre. - Optimale Dehnung der Gesäßmuskulatur und des Beckenbodens. - Lokaler Stressabbau der Oberschenkel in Höhe der Kniescheibensehne, der Waden und der Achillessehnen einschließlich der Fußsohlenfaszie und der Zehenbeuger. - Kompression des Dickdarms durch die Oberschenkel mit Beschleunigung der Magen-Darmpassage. - Wenn wir aus der Hocke heraus dynamisch vor- und zurückschwingen, erreichen wir auch die Nacken- und Lumbalfaszien sowie die Achillessehne!" S. 18

"Die natürliche Hocke ist die perfekte Energiespeicherposition, die schnell und hochwirksam im Stressalltag jederzeit praktiziert werden kann: - Rückenentspannung mit Erweiterung des Spinalkanals. - Komplexe Dehnung der wichtigsten Rücken- und Beckenmuskeln sowie der Muskeln der unteren Extremitäten. - Entspannung des puborektalen Schließmuskels bei Verschluss der Ileocoecalklappe. - Entspannung des Beckenbodens mit Regeneration eines druckgeschädigten Schamnervs. - Förderung der Magen-Darm-Passage. - Vermeidung des blutdrucksteigernden Valsalva-Manövers und damit gleichzeitig Herz-Kreislauf-Prävention." S. 160

"Superentspannung in der Naturhocke. Die komplexe Dehnung wichtiger Muskelgruppen erfolgt in der natürlichen Hocke, es gibt keine Position mit derart vielen Entspannungspunkten: - Nacken und Rückenmuskulatur, - Die Waden mit den Achillessehnen, - Die Fußsohlen-Sehnenplatte mit allen Zehenbeugern mit spezieller Wirkung gegen das Tarsaltunnelsyndrom und gegen den Fersensporn, - Der muskuläre Beckenboden einschließlich des puborektalen Schließmuskels, - Entlastung eines komprimierten Schamnerven, der allein durch das tägliche Valsalva-Manöver unter Stress gesetzt wird." S. 194

Inhalte

1. Natur-richtig oder natur-unrichtig – wir haben die Wahl 7
2. Die Bipolarität der Welt 45
3. Vom Absatzschuh auf den Sitzthron 89
4. Die natur-richtige Hocke, unsere Energiespeicherposition 107
5. Vom Absatzschuh zur hohen Sitztoilette 131
6. Hoffnungssignale trotz Sitzstress 165
Anhang 211

Das Wunder der Entspannungshocke - Befreiter Rücken und ein gutes Bauchgefühl, Gerd Schnack, Herder Verlag, 2016