Buchtipp: "Der Mensch lebt nicht vom Hirn allein" von Patrick Spät

Erstellt von Michael Ditsch | | Körper & Psyche

Wie der Geist in den Körper kommt

Das Leib-Seele-Problem ist vertrackt: Wie kommt der Geist in den Körper? Und andersherum gefragt: Auf welche Weise kann unser Körper ein bewusstes Erleben hervorbringen? Dass die Neurowissenschaften uns diese Fragen nicht zufriedenstellend beantworten können, zeigt dieses Buch auf anschauliche Weise und präsentiert eine eigene, originelle Antwort. Zur Auflösung das "Weltknotens" zwischen Geist und Körper vertritt der Autor eine Position, die er auf den Namen "Gradueller Panpsychismus" getauft hat: Die gesamte physische Wirklichkeit birgt geistige Eigenschaften. Geist in der Natur statt naturalisierter Geist. Und: Je komplexer ein Ding in physischer Hinsicht ist, desto komplexer ist es in geistiger Hinsicht. Die Lösungsvorschläge führen zu verblüffenden Einsichten. © Bild und Text Parodos. Der Mensch lebt nicht vom Hirn allein - Wie der Geist in den Körper kommt, Patrick Spät, Parodos, 2012

Kommentar

Seit René Descartes (1596-1650) hat sich im westlichen Denken die Trennung von Körper und Geist etabliert. Einen Höhepunkt erlebt das dualistische Denken zur Zeit durch die Neurowissenschaften. Die moderne Hirnforschung versucht das geistige Erleben des Menschen aus den Funktionen des Gehirns abzuleiten. Unsere subjektiven und qualitativen Wahrnehmungen, Empfindungen, Gedanken oder Gefühle sollen sich, nach materialistischer Sichtweise, allein durch elektrochemische Vorgänge in den Gehirnzellen erklären lassen. Der aktuellen Deutungshoheit der Biowissenschaften über Körper und Geist versucht Patrick Spät mit seiner, allgemeinverständlich aufbereiteten und als Buch veröffentlichten, Promotionsarbeit eine philosophische Alternative entgegen zuhalten.

"Wir müsse den Neurowahn hinter uns lassen und neue Gedankenwege beschreiten: Die moderne Physik, aber auch philosophische Überlegungen führen zu einem neuen Verständnis der Materie: Die fundamentale Trennung von geistigen und materiellen Eigenschaften ist ein Teil des Problems, nicht aber ein Teil seiner Lösung." S. 13

Nach einer kurzen Einleitung beschäftigt sich der Autor im zweiten Kapitel "Warum wir kein Haufen Neuronen sind ..." mit den gängigen Theorien des Materialismus, wie z.B. den eliminativen Materialismus, den reduktiven Materialismus, oder die materialistische Emergenztheorie. In guter philosophischer Tradition macht er sich an die Klärung der Begriffe. Sehr erstaunt hat mich dabei, dass die, in der Diskussion des Körper-Geist-Problems, verwendeten Begriffe eigentlich nicht definiert werden können.

"Denn der Materialist kann uns nicht sagen, was ein Hormon ist, was ein Neuron ist und was schließlich Materie ist. Über das Wesen der Dinge muss die Naturwissenschaft schweigen: sie kann nur mit Formeln arbeiten." S. 11

"Exakte, nicht anzweifelbare Definitionen sind einzig in der Mathematik und in Teilen der Naturwissenschaften möglich. Dass man 'Bewusstsein' nicht exakt definieren kann, deutet schon an, dass dieser Begriff Eigenschaften herausgreift, die sich in der naturwissenschaftlichen Sprache weder beschreiben noch erklären lassen." S. 23

"Das Problem ist also keineswegs nebensächlich, sondern ein von den Materialisten meist unbeachtetes Dilemma: Wir können das Leib-Seele-Problem nur dann sauber formulieren, wenn wir genau sagen können, was der materielle Körper ist und was der Geist ist." S. 35

"Die derzeitige Physik ist unvollständig, und daher bleibt unklar, was das Materielle ist." S. 36

"Über die objektivierenden Naturwissenschaften erlangen wir demnach keinen Zugang zum Wesen der materiellen Dinge." S. 41

"Es ist weder klar, was der Begriff 'das Materielle' bedeutet, noch, wie sich der Geist auf die Materie reduzieren lässt. Genau hier liegt die Achillesferse des Materialismus." S. 112

Das Problem liegt anscheinend darin, dass versucht wird ein einheitliches Ganzes durch Unterscheidung und der Abstraktion sprachlicher Begriffe zu beschreiben. Schon dem daoistischen Philosophen Laozi war klar, dass dies kaum möglich ist: "Der Wissende redet nicht. Der Redende weiß nicht." Laozi Kapitel 56. Oder wie es Patrick Spät formuliert: "Die konkrete Fülle der Wirklichkeit lässt sich durch das abstrakte Fischernetz der Begriffe nicht lückenlos einfangen." S. 221

Im zweiten Teil seines Buch entwickelt Patrick Spät ab S. 114 seine Theorie des graduellen Panpsychismus. Patrick Spät verliert sich dabei nicht in metaphysischen Spekulationen, sondern er bewegt sich meist im Rahmen wissenschaftlicher Erkenntnisse. Sehr sympathisch finde ich, dass er eigene Wissenslücken einräumt und sich nicht in der Falle eines dogmatischen Absolutheitsanspruchs verfängt. Allerdings zeigt er auch die Grenzen der Naturwissenschaft auf, welche bei manchen skeptischen Zeitgenossen fast schon einen quasireligösen Status erlangt hat.

"Die Erkenntnisse der Naturwissenschaften sind natürlich nicht falsch: Die Naturgesetze, die sie formulieren, haben wir in der bisherigen Diskussion auf keinerlei Weise infrage gestellt. Nicht die Naturwissenschaften sind problematisch, sondern die (philosophischen) Schlußfolgerungen, die manche aus ihren Erkenntnissen ziehen: Wenn diese Erkenntnisse erhellen, dass die Wirklichkeit hier und da mechanische oder mathematische Aspekte aufweist, dann sind das naturwissenschaftliche Tatsachen. Wenn diese Erkenntnisse aber angeblich zeigen sollen, dass es in der Wirklichkeit einzig und allein mechanische und mathematische Eigenschaften gibt, und sonst nichts, dann ist das hanebüchen." S. 114

"Wir müssen also deutlich unterscheiden zwischen den Erkenntnismöglichkeiten und den Erkenntnisgrenzen der Naturwissenschaften. Die naturwissenschaftliche Methodik nimmt eine meist korrekte und jederzeit überprüfbare Beschreibung der Wirklichkeit in der Sprache der Mathematik vor. Doch alles, was über diese Zahlenspiele hinausgeht, fällt außerhalb ihres begrenzten Gültigkeitsbereichs. Wir müssen dieses graue Zahlenspiel dahingehend erweitern, dass es die bunte Welt der Gedanken und Gefühle mit einbezieht." S. 115

Zum Panpsychismus schreibt er:

"Der Begriff 'Panpsychismus' setzt sich aus den griechischen Worten 'pan' (alles, überall) und 'psyche' (Geist, Seele) zusammen und wurde im 16. Jahrhundert durch den italienischen Philosophen Francesco Patrizi eingeführt. Den beiden griechischen Worten zufolge geht der Panpsychismus davon aus, dass alle Dinge einen Geist oder geistähnliche Eigenschaften haben. Diese Definition ist zwar noch etwas vage, sie zeigt aber die Kernidee des Panpsychismus: Materie besteht nicht nur aus den Zahlen, Formeln und Relationen, die die Naturwissenschaften beschreiben und erklären können, sondern sie besitzt darüber hinaus subjektive und qualitative Merkmale: Die Eigenschaften des Geistigen sind schon 'in der Wurzel' der Materie vorhanden. Der Geist ist die Innenseite der Materie." S. 115

Patrick Spät ergänzt die klassische Definition des Panpsychismus um eine graduelle Komponente. Die Entwicklung eines Bewusstseins steht im Verhältnis zur Komplexität materieller Eigenschaften lebender Organismen. Damit entkräftet er die oft erhobene Kritik, dass im Sinne des Panpsychismus auch Steine ein Bewusstsein haben müssten.

"Doch der Graduelle Panpsychismus nimmt keine horizontale Ordnung des Bewusstseins an, bei der das Bewusstsein auf allen Ebenen der Wirklichkeit anzutreffen ist, sondern vielmehr eine vertikale Ordnung. Und nach dieser vertikalen Ordnung ist unser bewusstes Erleben eine Verstärkung der simplen geistigen Informationen bei den Atomen und Zellen. Das Bewusstsein ist unmittelbar an die materielle Beschaffenheit desjenigen Organismus gebunden, der dieses Bewusstsein erlebt." S. 161

Patrick Spät legt viel Wert auf die Feststellung, dass es in der Natur keine qualitativen Sprünge gibt und daher auch geistige Eigenschaften nicht plötzlich aus dem Nichts auftauchen können. Sehr gut gefällt mir seine Betonung des prozesshaften und sich wandelnden Wesens der Wirklichkeit, welche mich sehr an daoistisches Gedankengut erinnert. Und natürlich darf auch Heraklit nicht fehlen.

"Zu jeder Sekunde befindet sich die gesamte Wirklichkeit in einem Strom des Werdens und des Wandels. 'Alles fließt', so der berühmte Ausspruch des antiken Philosophen Heraklit. Die Erkenntnisse der modernen Physik bestätigen die Prozesshaftigkeit der Welt ... Die Kernaussage von Einstein besteht darin, dass Masse und Energie ontologisch 'äquivalent' sind. Das heißt, dass sie ihrem Wesen nach identisch sind." S. 133

"Diesem cartesischen Bild, das die moderne Geisteshaltung zutiefst geprägt hat und noch immer prägt, widerspricht der Panpsychismus: Es gibt keine qualitätslose Wirklichkeit, die geistlos, nichtssagend und leer ist. Vielmehr ist die gesamte Materie dynamisch, aktiv und schließlich von geistigen Eigenschaften durchdrungen: Die Elementarteilchen 'erfassen' sich gegenseitig, sie kommunizieren und tauschen Informationen aus. Die Wirklichkeit ist ein Prozess, so dass alles mit allem zusammenhängt." S. 138

"Von den Atomen über die Zellen und Lebewesen bis hin zur globalisierten Gesellschaft und Kultur unterliegt alles einem Prozess des Wandels und Fortschreitens." S. 151

Eigentlich sehe ich es immer kritisch, wenn die Quantenmechanik bei philosophischen-spirituellen Themen einbezogen wird. Quantenmechanische Phänomene müssen mittlerweile für alles mögliche Unerklärliche herhalten. Mit der Quantenmechanik kann alles und nichts erklärt werden, da eigentlich kaum jemand die mathematischen Grundlagen der Quantenmechanik versteht. Auch Patrick Spät bemüht die gern zitierte Fernwirkung, räumt aber selbst ein, dass es sich um spekulative Überlegungen handelt.

Das die Beschäftigung mit dem Panpsychismus nicht nur müßiges Philosophieren ist, zeigt sich spätestens dann, wenn sich Patrick Spät mit Fragestellungen zur Lebenswirklichkeit befasst. Dazu gehört die Bewertung der Evolution, der Umgang mit unserer Umwelt, oder ethische Überlegungen. Die Anfangs erwähnte Deutungshoheit über biologische Erkenntnisse kann Konsequenzen bis zur eigenen Gesundheitsversorgung haben. Gerade in der Auseinandersetzung mit Neurowahn, Kreationismus oder Intelligent Design zeigt Patrick Spät die Wichtigkeit philosophischer Methoden des vernünftigen, rationalen und kritischen Denkens.

Seine Gedanken zur Evolution gefallen mir sehr gut:

"Die Evolution ist demnach nicht abgeschlossen. Doch die vormals rein biologische Evolution wird langsamer und durch die Evolution des Denkens überholt." S. 198

"Die zentrale These lautet: Das Geistige will sich überall entfalten. Es ist kein Zufall, dass das Leben dort ist, wo es sein kann. Wir müssen hierbei betonen, dass diese Tendenz nicht von außen vorgegeben oder gar durch einen zuvor erstellten (göttlichen) Plan festgelegt ist. Denn die Evolution hat kein endgültiges, festgelegtes Ziel. Aber in allen Irrungen und Wirrungen hat sie eine Richtung." S. 208

"Die Aufwärtsbewegung hin zu komplexeren Formen des Geistigen zeigt eine 'Technik des Tastens'. Das Geistige versucht allerorts, zur Entfaltung zu kommen. Dabei ist es dem Spiel des Zufalls und der natürlichen Auslese überlassen." S. 211

Der Panpsychismus liefert auch Argumente für unser ethisches Verhalten. Im Sinne von Andreas Weber (Alles fühlt s. u.), welcher von Patrick Spät zitiert wird, kann eine rein materialistische Sichtweise zu einer falschen Wahrnehmung der Natur führen.

"Da der Natur Zwecke innewohnen, setzt sie auch Werte, denn das Nichterreichen eines (wünschenswerten) Zweckes stellt ein Übel dar. Indem Organismen überhaupt Ziele und Zwecke verfolgen bejahen sie das Sein, genauer: ihr Sein. Organismen streben nach Selbsterhaltung, sie wollen um jeden Preis leben. Doch wie lässt sich daraus ein moralisches Sollen ableiten? Am Beispiel eines Neugeborenen, das sich in akuter Gefahr befindet, wird deutlich, dass das Sein uns gebietet, sich seiner anzunehmen." S. 229

Sehr gefreut habe ich mich über den folgende Absatz:

"Es soll nicht unerwähnt bleiben, dass dabei auch die östliche Philosophie ein guter zukünftiger Gesprächspartner sein kann. Denn viele Schulen der östlichen Philosophie haben eine panpsychistische Tendenz. Auch wenn ihre Konzepte teilweise schwer auf die abendländische Tradition übertragbar sind, ist es umso interessanter, dass sie unabhängig von dieser Tradition zu ähnlichen Ergebnissen gelangt sind: Hierzu lassen sich unter anderem der Hinduismus, der Buddhismus, der Taoismus und der Neo-Konfuzianismus zählen." S. 227

Immer noch scheint die westliche Wissenschaft den z.T jahrtausendealte Fundus empirischer Bewusstseinsforschung und -erfahrung östlicher Weisheitslehren zu ignorieren. Besonders im östlichen Denken finden sich Alternativen zu unserer dualistischen Weltsicht. Hoffentlich beschränkt sich der zukünftige west-östliche Dialog nicht nur auf das Messen von Hirnströmen tibetischer Mönche.

Der Mensch lebt nicht vom Hirn allein - Wie der Geist in den Körper kommt, Patrick Spät, Parodos, 2012