Buchtipp: "Die Frau, die Töne sehen konnte" von V. S. Ramachandran

Erstellt von Michael Ditsch | | Körper & Psyche

Über den Zusammenhang von Geist und Gehirn

Gibt es ihn, den "freien" Willen? Was ist das Selbst? Was ist Erinnerung? Was unser Bewusstsein? Wie entstehen Gefühle? Wie interagieren wir mit unserer Umwelt? Warum haben wir Sprache entwickelt, das Vermögen zu Kreativität und moralischem Handeln, warum gibt es Kunst und Musik – für das Überleben gänzlich "unnütze" Fähigkeiten? Gehörte die Beantwortung dieser Fragen lange Zeit eher zur Domäne der Philosophen oder Psychologen, gibt mittlerweile auch die Gehirnforschung Hinweise auf die Verbindungen zwischen Geist, Körper und Gehirn. In diesem Buch destilliert der international renommierte Neurowissenschafter Vilayanur S. Ramachandran die wichtigsten Erkenntnisse seiner bisherigen Forschung zu einem packenden Kompendium über die Mysterien unseres Seins. Dazu stellt er Patienten mit außergewöhnlichen Störungen vor: Petra, die Töne sehen kann, Robert, der allen Menschen unfreiwillig eine bestimmte Farbe zuordnet, Ali, der glaubt, keinen Körper zu haben, den Komapatienten Jason, der immer dann aus dem Koma erwacht, wenn er angerufen wird, und am Telefon ganz normal kommunizieren kann, aber eben nur dann, oder auch Cindy, für die alle Personen um sie herum völlig identisch aussehen – wie ihre Tante. Ausgehend vom jeweiligen Defekt, zieht Ramachandran Rückschlüsse auf die Funktionsweise des Gehirns beim gesunden Menschen. Letztlich geht es ihm um nichts Geringeres als um die Frage, was den Menschen zum Menschen macht. "Ramachandran in Höchstform." Oliver Sacks "Als Marco Polo der heutigen Zeit reist er auf der Seidenstraße der Wissenschaft zu den geheimsten Regionen des Gehirns." Richard Dawkins. © Bild und Text Rowohlt. Die Frau, die Töne sehen konnte - Über den Zusammenhang von Geist und Gehirn, V. S. Ramachandran, Rowohlt, 2013

Kommentar

# Mit großer Begeisterung hatte ich schon das Buch "Die blinde Frau, die sehen kann" von V. S. Ramachandran gelesen. Nun hat V. S. Ramachandran ein weiteres Buch geschrieben, welches direkt an an die Inhalte und Themen von "Die blinde Frau, die sehen kann" anschließt und bekannte Fallgeschichten mit neuen Erkenntnissen erweitert. In "Die Frau, die Töne sehen konnte" präsentiert der Autor Erfahrungen und Ergebnisse seiner langjährigen klinischen Arbeit mit Patienten und entwickelt daraus Entwürfe und Vorschläge für die weitere Erforschung des menschlichen Geist-Körper Systems.

"Dieses Buch ist das konzentrierte Ergebnis eines großen Teils meines Lebenswerks, in dem es mir darum ging, die rätselhaften, schwer fassbaren Verbindungen zwischen Gehirn, Geist und Körper Strang um Strang zu entflechten." S. 9

# Der deutsche Titel scheint dem Marketing geschuldet zu sein, der Verlag will anscheinend an den Erfolg des ersten Buches anknüpfen. Der englische Originaltitel lautet "The Tell-Tale Brain" und kann mit "Das verräterische Gehirn" übersetzt werden. Der Titel bezieht sich auf die Arbeitsweise des Neurowissenschaftlers V. S. Ramachandran, der sich dem derzeitigen technologiebasierten Neuro-Hype entzieht und lieber mit einfachen Methoden Patienten mit außergewöhnlichen neurologischen Störungen behandelt und erforscht, um dadurch Aufschluss über normale Funktionen des menschlichen Geist-Körper Systems zu erhalten. Seine Experimente und Behandlungsmethoden sind einfach aufgebaut, leicht durchführbar, von verblüffender Wirksamkeit und führen letztlich zu viel tiefgreifenderen Fragestellungen.

"Ich mag technophob sein, bin aber kein Maschinenstürmer. Nach meiner Auffassung sollten Fragen die treibende Kraft wissenschaftlicher Forschung sein und keine methodologischen Erwägungen." S. 25

"So funktioniert Wissenschaft: Fang mit einfachen, eindeutig formulierten und überschaubaren Fragen an, die am Ende den Weg bahnen für die großen Fragen wie 'Was sind Qualia?', 'Was ist das Selbst?' und sogar 'Was ist Bewusstsein?'" S. 183

# Obwohl die Zusammenstellung der Inhalte teilweise etwas verwirrend wirkt, durchziehen zwei Thesen das Buch, an denen V. S. Ramachandran seine Argumentation orientiert. Erstens behauptet er, dass der Mensch nicht nur eine andere Primatenart ist, sondern dass der Mensch tatsächlich ein einzigartiges und besonderes Geschöpf ist. Zweitens ist für ihn die Evolution das Maß aller Dinge. Vehement wehrt sich V. S. Ramachandran gegen andere Interpretationen, wie z.B. das Intelligent Design. Mir gefällt diese Positionierung auf dem Boden sachlicher westlicher Wissenschaft und damit verbunden auch die Anerkennung wissenschaftlicher Grenzen.

"Ein zweiter roter Faden ist eine durchgängige evolutionäre Perspektive. Das Gehirn können wir nur verstehen, wenn wir uns vor Augen halten, wie es sich im Zuge der Evolution entwickelt hat. In diesem Zusammenhang schrieb der namhafte Biologe Theodosius Dobzhansky: 'In der Biologie ergibt nichts einen Sinn, wenn es nicht im Licht der Evolution betrachtet wird.'" S. 14

"Als Naturwissenschaftler ist mein Platz selbstverständlich an der Seite von Darwin, Gould, Pinker und Dawkins. Ich habe nicht das geringste Verständnis für die Vertreter des Intelligent Design, jedenfalls nicht in dem Sinn, in dem die die meisten Menschen diesen Ausdruck verwenden. Niemand, der jemals eine Frau in den Wehen oder ein sterbendes Kind auf einer Leukämiestation gesehen hat, kann ernsthaft glauben, die Welt sei für unsere Wünsche und Bedürfnisse maßgeschneidert worden. Doch als Menschen müssen wir - mit aller Demut - akzeptieren, dass die Frage nach den letzten Ursprüngen wohl nie zu beantworten sein wird, gleich, wie tief wir in die Geheimnisse des Gehirns und des von ihm geschaffenen Kosmos eindringen."  S. 437

# Das Buch von V. S. Ramachandran wirkt auf mich nicht wie ein wissenschaftliches oder populärwissenschaftliches Werk, sondern eher wie ein Notizbuch, in dem ein Meister seines Faches seine Gedanken niedergeschrieben hat. Neben schwer verständlichen fachwissenschaftlichen Beiträgen zu klinischen Untersuchungen und Therapien, Anekdoten und ironischen Anspielungen aus der Lebenspraxis, Spekulationen zu Kunst oder Kreativität, finden sich auch tiefgehende philosophische Überlegungen über den Mensch und seine Umwelt. Sehr gut gefällt mir die Bescheidenheit, Demut und Ehrfurcht, welche V. S. Ramachandran, meiner Meinung nach, auszeichnet und die sich durch das ganze Werk hindurch erkennen lässt.

"Besondere Ehrfurcht gebietet der Umstand, dass jedes einzelne Gehirn, auch das ihre, aus Atomen besteht, die vor Milliarden Jahren im Kern zahlloser, weit verstreuter Sterne gebrannt wurden." S. 29

# In mehreren Kapiteln behandelt der Autor menschliche Besonderheiten wie z.B. Phantomglieder, Synästhesie oder Autismus. Anhand dieser Kapitel mit Fallgeschichten, klinischen Daten und Experimenten, sowie weiteren Kapiteln über anatomischen Grundlagen oder über die Verarbeitung von Sinnesdaten, wird die Funktionsweise des menschlichen Geist-Körper Systems aufgezeigt und damit die Basis für weitere Gedankenexperimente gelegt, wie z.B. der Einfluss der Spiegelneuronen auf die kulturelle Entwicklung des Menschen.

# Körper-Geist und Umwelt
Wir sind keine getrennt existierenden Gehirnwesen. Weder gibt es eine Trennung von Körper und Geist, noch sind wir von unserer Umwelt oder anderen Menschen getrennt. Alles ist mit allem verbunden. Heutzutage hat die Neurowissenschaft das Gehirn in den Mittelpunkt der Betrachtung gestellt und vermittelt so den Eindruck, als ob wir ein isoliertes Gehirn wären, an das Körper und Umwelt nur angeschlossen sind.  Anhand der Spiegelneuronen zeigt V. S. Ramachandran wie sehr wir soziale Wesen sind, die sich wechselseitig beeinflussen. Menschen lassen sich auch nicht als monokausal verursachte Zustände beschreiben, sondern müssen eher als komplexe dynamische Prozesse verstanden werden.

"Natürlich bestehen Gehirne aus Modulen, aber die sind keine ein für alle Mal festgelegten Gebilde; sie werden ständig durch die Wechselbeziehungen aktualisiert, die sie miteinander, mit dem Körper, mit der Umgebung und sogar mit anderen Gehirnen unterhalten." S. 198

"Die sogenannte verkörperte Kognition, ein Sondergebiet der Kognitionswissenschaft, geht von der Annahme aus, das menschliche Denken werde nachhaltig von seinen Wechselbeziehungen zum Körper und der in diesem verankerten Struktur der sensorischen und motorischen Prozesse geprägt." S. 222

"Unser Empfinden, ein integriertes, verkörpertes Selbst zu sein, beruht entscheidend auf einem echoartigen Hin und Her von wechselseitigen Aktivierungen (Reverberations) zwischen Gehirn und dem Rest des Körpers - und auch, dank der Empathie, zwischen dem Selbst und anderen." S. 235

"Das Selbst hat eine übertriebene Vorstellungen von der eigenen Privatheit und Autonomie, die verkennt, wie eng es mit anderen Gehirnen verflochten ist. Kann es Zufall sein, dass fast alle unsere Emotionen erst in Beziehung zu anderen einen Sinn ergeben. Stolz, Arroganz, Eitelkeit, Ehrgeiz, Liebe, Barmherzigkeit, Eifersucht, Ärger, Hochmut, Demut, Mitleid, sogar Selbstmitleid - keine hätte irgendeine Bedeutung in einem sozialen Vakuum." S. 378

"Im normalen Gehirn ist also eine dynamische Wechselbeziehung zwischen drei Signalströmen (Spiegelneuronen, Frontallappen und Sinnesrezeptoren) verantwortlich für die Erhaltung der Individualität Ihres Geistes und Körpers und gleichzeitig für die Reziprozität Ihres Geistes mit anderen - eine paradoxe Situation, die es nur beim Menschen gibt." S. 391

"Das Gehirn eines Menschen erzeugt ein einheitliches, in sich konsistentes Bild seiner soziales Welt - eine Bühne, auf der verschiedene Selbst wie sie und ich agieren. Hört sich wie eine triviale Feststellung an, doch wenn das Selbst gestört ist, wird Ihnen klar, dass ganz bestimmte Gehirnmechanismen damit beschäftigt sind, das Selbst mit einem Körper und einer Identität auszustatten." S. 411

# Plastizität und Konstruktion der Welt.
Immer noch wird fälschlicherweise die Mechanik- und die Computer-Metapher des 20. Jahrhunderts benutzt, um menschliches Leben zu beschreiben. Wir glauben immer noch, dass der Mensch, nach einem genetischen Bauplan, wie eine Maschine zusammengebaut wird, wie eine Maschine lebenslang funktioniert und wie eine Maschine repariert werden kann. Ebenso glauben wir, dass Wahrnehmung und Erinnerung wie bei einem Computer funktionieren, der über eine Kamera Bilder einer äußeren Realität erhält, diese auf einer Festplatte speichert und bei Bedarf unverändert wieder abruft. V. S. Ramachandran erläutert dagegen sehr gut, wie Wahrnehmung und Informationsverarbeitung beim Menschen funktionieren und wie wir unsere Realität konstruieren. Erstaunlich ist dabei auch, wie anpassungsfähig und vernetzt das menschliche Geist-Körper System ist.

"Die Verdrahtung des Gehirns erfolgt nicht nach rigiden, genetischen Plänen, sondern ist in hohem Maße formbar - und das nicht nur bei Säuglingen und Kleinkindern, sondern auch das ganze Erwachsenenleben hindurch." S. 73

"Wir können jetzt mit Gewissheit sagen, dass das Gehirn ein außerordentlich plastisches biologisches System ist, das sich in einem dynamischen Gleichgewicht mit der Außenwelt befindet." S. 73

"..., dass die lebenslange Plastizität (und nicht nur die Gene) eine entscheidende Rolle bei der Evolution der menschlichen Einzigartigkeit gespielt hat." S. 73

"Der Umstand, dass Ihre Wahrnehmung eines unveränderlichen Bildes sich verändern und völlig umkippen kann, beweist, dass zur Wahrnehmung offensichtlich mehr gehört, als einfach ein Bild im Gehirn vorzuführen. Selbst der einfachste Wahrnehmungsakt beinhaltet Urteile und Interpretationen. Wahrnehmung ist eine aktiv gebildete Meinung über die Welt und keine passive Reaktion auf sensorischen Input." S. 90

"Wenn Sie eine einfache visuelle Szene betrachten, löst Ihr Gehirn ständig Uneindeutigkeiten auf, überprüft Hypothesen, sucht nach Mustern und vergleicht aktuelle Informationen mit Erinnerungen und Erwartungen." S. 344

"Tatsächlich ist die Grenze zwischen Wahrnehmen und Halluzinieren nicht so deutlich, wie wir gerne annehmen. In gewissem Sinne halluzinieren wir ständig, wenn wir die Welt betrachten. Überspitzt könnte man sagen, Wahrnehmung ist die Auswahl der Halluzination die den oft fragmentarischen und flüchtigen Inputdaten am besten entspricht. Sowohl Halluzinationen als auch echte Wahrnehmungen erwachsen aus den gleichen Prozessen. Der entscheidende Unterschied liegt darin, dass uns, wenn wir wahrnehmen, die Stabilität der äußeren Objekte und Abläufe hilft, sie zu verankern. Wenn wir halluzinieren, träumen oder in einem Floating-Tank liegen, treiben die Objekte und Ereignisse in alle Richtungen davon." S. 344

# Selbst und freier Wille.
Die reduktionistische westliche Denkweise hat zu der Vorstellung geführt, dass es ein selbstständiges und unabhängiges Ich gibt, welches mit seinem eigenen und freien Willen Entscheidungen trifft und damit die Geschicke seines Lebens steuert. Die Illusion des Selbst ist dagegen in vielen asiatischen Philosophien und spirituellen Systemen ein zentrales Thema. Nach einer monistischen oder holistischen Weltsicht kann es kein isoliertes und unabhängiges Ich geben, sondern alles ist mit allem verbunden. In seinem Buch zeigt V. S. Ramachandran anhand vieler Beispiele, wie das Selbst als Prozess des Geist-Körper Systems in der Interaktion mit der Umwelt und mit anderen Menschen konstruiert wird.

"Die Vorstellung, dass die Notwendigkeit, unerwünscht oder impulsive Handlungen zu unterdrücken, ein Hauptgrund für die Evolution des freien Willens gewesen sein könnte, ist ein hübsches Paradox. Ihr linker inferiorer Parietallappen ruft ständig lebhafte Vorstellungen von vielfältigen, in einem gegebenen Kontext verfügbaren Handlungsoptionen auf, und ihr frontaler Kortex unterdrückt sie alle bis auf einen. Deshalb hat man vorgeschlagen, dass 'freies Nichtwollen' die Sache möglicherweise besser treffe als freier Wille." S. 195

"Der Gedanke ist seltsam, dass das menschliche Leben auf solchen trügerischen Sand gebaut ist und beherrscht wird von den Unwägbarkeiten und zufälligen Begegnungen der Vergangenheit, obwohl wir doch so große Stücke auf unser Schönheitsempfinden und unsere Willensfreiheit halten. Da stimme ich mit Freud vollkommen überein." S. 322

"..., zeigen uns eine Vielzahl neurologischer Erkrankungen, dass das Selbst nicht die monolithische Einheit ist, für die es sich selbst hält. Diese Schlussfolgerung befindet sich in herbem Widerspruch zu einigen unserer tief verwurzelten Intuitionen über uns - aber Daten sind Daten. Die Neurologie lehrt uns, dass das Selbst aus vielen Komponenten besteht, und die Vorstellung vom dem einen einheitlichen Selbst könnte sehr gut eine Illusion sein." S. 372

"Obwohl Freud gegenwärtig nicht sehr populär ist (um es vorsichtig auszudrücken), zeigen die Ergebnisse der modernen Neurowissenschaften, dass er insofern recht hatte, als nur ein begrenzter Teil des Gehirns bewusst ist. Das bewusste Selbst ist weder eine Art 'Kern' oder Essenz, die auf einem gesonderten Thron im Mittelpunkt des neuronalen Labyrinths sitzt, noch eine Eigenschaft des ganzen Gehirns. Stattdessen scheint das Selbst aus einer relativ kleinen Gruppe von Hirnarealen zu erwachsen, die offenbar zu einem erstaunlich leistungsfähigen Netz geknüpft sind." S. 375

"Was, wenn das Selbst nicht durch eine einzelne Instanz hervorgebracht wurde, sondern durch das Hin und Her vielfältiger Kräfte, die uns großenteils nicht bewusst sind? S. 399

"... - dass 'Überzeugung' kein monolithisches Phänomen ist. Sie hat viele Schichten, die sich nacheinander abziehen lassen, bis das 'wahre' Selbst nur noch eine leere Abstraktion ist. Wie der Philosoph Daniel Dennett einmal sagte, ähnelt das Selbst begrifflich dem 'Schwerpunkt' eines komplexen Objekts, dessen viele Vektoren sich in einem einzigen imaginären Punkt schneiden." S. 406

# V. S. Ramachandran fasziniert mich besonders, weil er ein west-östlicher Gelehrter ist, der durch seine Forschung in der westlichen Wissenschaft verankert ist und dort auch hohes Ansehen genießt, gleichzeitig aber den ganzheitlichen Ansatz östlicher Denksysteme und Philosophien nicht aus den Augen verliert.

"Indische und buddhistische Mystiker behaupten, dass es keinen wesentlichen Unterschied zwischen dem Selbst und dem Anderen gebe und dass wahre Erleuchtung von dem Mitgefühl komme, das die Schranke zwischen beiden aufhebe." S. 31

"Es ist die Illusion, unter der unsere ganze Zunft leidet: der Glaube der Naturwissenschaftler, dass das Universum nicht mehr sei als das seelenlose Kreisen von Atomen und Molekülen, dass es keine tiefere Wirklichkeit hinter den Erscheinungen gebe. Es ist auch der Wahn einiger Religionen, jeder von uns habe eine private Seele, die die Erscheinungen des Lebens von ihrem besonderen Standpunkt verfolge. Es ist die daraus logisch resultierende Illusion, dass es nach dem Tod nichts als eine zeitlose Leere gebe. Shiva lehrt uns, dass wir, wenn wir uns aus dieser Verblendung befreien und Trost unter seinem linken Fuß suchen (auf den er mit einer seiner linken Hände zeigt), erkennen werden, dass sich hinter den äußeren Erscheinungen (Maya) eine tiefere Wahrheit verbirgt. Sobald wir das verstanden haben, wird uns auch klar sein, dass wir - weit entfernt davon, das Geschehen hier von außen zu betrachten, um dann zu sterben - in Wahrheit Teil der kosmischen Gezeiten, Teil des göttlichen Tanzes sind. Mit dieser Erkenntnis kommt die Unsterblichkeit oder Moksha: Befreiung vom Fluch der Täuschung und Vereinigung mit der höchsten Wahrheit Shivas. Für mich gibt es kein überzeugenderes Beispiel für den abstrakten Gottesbegriff - im Gegensatz zu dem des persönlichen Gottes - als Shiva/Nataraja." S. 360

"Das ist übrigens einer der wichtigsten Ursprünge der Religion: Wir statten die Natur mit vermenschlichten Motiven, Wünschen und Absichten aus und fühlen uns veranlasst, zu flehen, zu beten, zu verhandeln und nach Gründen zu suchen, warum Gott, das Karma oder welche Macht auch immer uns (individuell oder kollektiv) mit Naturkatastrophen oder anderen Plagen bestraft. Dieser ständige Trieb offenbart, wie groß das Bedürfnis des Selbst ist, sich als Teil einer sozialen Umwelt zu fühlen, die es verstehen und mit der es auf seine Art interagieren kann." S. 379

"Würden Sie eine Erhebung durchführen und Neurowissenschaftler oder östliche Mystiker fragen, was der wichtigste und rätselhafteste Aspekt des Selbst sei, würde die häufigste Antwort lauten: die Tatsache, dass das Selbst sich wahrnimmt; es kann die eigene Existenz und (leider auch) Sterblichkeit vor Augen halten. Kein nicht menschliches Lebewesen ist dazu in der Lage." S. 416

"Ali schien verwirrt zu sein, er hatte Tränen in den Augen. 'Na ja, ich bin tot und unsterblich zur gleichen Zeit.' In Alis Denken - wie in dem vieler ansonsten 'normaler' Mystiker - war kein Widerspruch in dieser Aussage. Manchmal frage ich mich, ob diese Patienten mit Schläfenlappenepilepsie möglicherweise Zugang zu einer anderen Dimension der Wirklichkeit haben, eine Art Wurmloch in ein Paralleluniversum. Aber das behalte ich für mich, damit meine Kollegen nicht an meinem Verstand zweifeln." S. 418

"Wie ich in meinem Buch Eine kurze Reise durch Geist und Gehirn sagte: Die Wissenschaft lehrt, dass wir 'nur hoch entwickelte Affen [sind]. Allerdings fühlen wir uns ganz anders: Wir fühlen uns wie Engel, die im Körper wilder Tiere gefangen sind, [und] verzehren uns nach Transzendenz.' Das ist das Dilemma des Menschen auf einen knappen Nenner gebracht." S. 434

Buchtipp: "Die Frau, die Töne sehen konnte" von V. S. Ramachandran