Buchtipp: "Du bist, was du schläfst" von Tobias Hürter

Erstellt von Michael Ditsch | | Körper & Psyche

Was zwischen Wachen und Träumen alles geschieht

Schlafen ist genial. Denn auch wenn es nicht so aussieht, arbeitet das Gehirn dann auf Hochtouren. Tobias Hürter führt uns in seinem Buch durch eine Nacht, die alles andere als verschlafen ist. Der passionierte Schläfer Tobias Hürter, der sich selbst ins Schlaflabor begeben hat, schreibt über mordende Schlafwandler, albtraumhaftes Schnarchen und über Träume, die schlau machen. Lange hat man geglaubt, dass Schlaf nur der Stand-by-Modus des Menschen sei – Stoffwechsel auf Sparflamme, Bewusstsein abgeschaltet. Doch die Forschung findet immer mehr Erstaunliches über das Phänomen Schlaf heraus: Im Land der Träume passiert jede Menge. Geist und Körper vollenden, was sie im Wachen begonnen haben: Unser Gehirn ist im Schlaf aktiver als im Wachen. Es sortiert und ordnet das tagsüber Erfahrene, fügt es zusammen und legt es im Gedächtnis ab. Im Traum spielt es sogar damit. Umso eigenartiger, dass Schlaf noch immer ein Imageproblem hat. Denn Schlafen ist keine Schwäche, sondern eine Fähigkeit! © Text und Bild Piper. Du bist, was du schläfst - Was zwischen Wachen und Träumen alles geschieht, Tobias Hürter, Piper Sachbuch, 2011

Kommentar

In unserer heutigen globalisierten Leistungsgesellschaft gilt vielen der Schlaf als reinste Zeitverschwendung. Viele "Top-Performer" aus dem "knallharten Business" brüsten sich mit ihrem geringen Schlafbedarf. Mit dem Schlaf verbundene Phänomene, wie z.B. das Träumen, sind auch nur eher etwas für "Psycho-Fritzen" oder "Esoterik-Tanten". Eine ähnliche Einstellung hatte auch der Autor des lesenswerten Buches "Du bist, was Du schläfst". Der Wissenschaftsjournalist Tobias Hürter, studierter Philosoph und Mathematiker, war sogar auf der Suche nach einem "Sleep Hack", also einem Trick, um mit möglichst wenig Schlaf auszukommen. Diese Suche lies ihn immer tiefer in die Thematik des Schlafes einsteigen. Das Ergebnis seiner umfassenden Recherche ist ein sehr spannendes Buch über den aktuellen Stand der Schlaf- und Bewusstseinsforschung.

Sehr gelungen finde ich die Idee, dass sich die Gliederung des Buches an einer "Dramaturgie der Nacht" orientiert. Die einzelnen Kapitel sind den jeweiligen zeitlichen Schlafphasen zugeordnet. Begeistert hat mich auch, dass er für das Motto seines Buches ein Zitat von Heraklit ausgewählt hat:

"Die Wachenden haben eine einzige und gemeinsame Welt, die Schlafenden aber wenden sich ihrer eigenen Welt zu." Loc. 39

Überhaupt habe ich mich gefreut, einige meiner Lieblingsautoren wie z.B. Zhuangzi, Thomas Metzinger oder V. S. Ramachandran in dem Buch zu entdecken.

Neben Phänomenen des Schlafes wie Gähnen, Schlafrhythmen, Schlaflosigkeit, Schlafwandeln oder Klarträume, beschäftigt sich der Autor auch mit der historischen Betrachtung des Schlafes. Besonders erstaunt hat mich die Veränderung des Schlafes durch den kulturellen Wandel.

"Dieser Fund setzt das Ideal des monolithischen Nachtschlafs in ein ganz neues Licht. Denn der ist offenbar nicht naturgegeben, sondern ein kulturelles Produkt. Tatsächlich zeigt ein Blick in andere Kulturen, dass die nahtlose, vom Rest des Lebens getrennte Nachtruhe eine Spezialität der neueren westlichen Zivilisation ist." Loc. 1848

"Hinweise aus verschiedenen Richtungen sprechen dafür, dass die Natur ursprünglich einen mehrphasigen Schlafrhythmus für uns vorgesehen hatte." Loc. 2050

Tobias Hürter gibt in seinem Buch einen fundierten und faktenreichen Einblick in die neuesten Erkenntnisse neurowissenschaftlicher Forschung. Seine bewegendsten Momente hat das Buch allerdings für mich, wenn philosophische Fragestellungen tangiert werden.

"'Bewusstsein ist das Erleben einer Welt', definiert Thomas Metzinger. Für die Frage, ob Bewusstsein oder nicht, ist es egal, ob diese Welt wirklich existiert. 'Bewusstheit kann man sich nicht einbilden', sagt Metzinger. Träume beweisen, dass das menschliche Gehirn keine Außenwelt braucht, um ein Hier und Jetzt zu erleben." Loc. 1540

"Wachen und Träumen sind deshalb nicht sicher zu unterscheiden, weil es keinen wesentlichen Unterschied zwischen ihnen gibt. Das Gehirn hat kein Traummodul. Wir träumen mit denselben Hirnarealen, verknüpft in denselben Netzwerken, mit denen wir tagsüber die Welt erleben. In etwas anderer Zusammensetzung zwar, in einem etwas anderen chemischen Hirnmilieu, aber darauf kommt es nicht an. Schlafbewusstsein und Traumbewusstsein beruhen auf den gleichen neuronalen Prozessen. 'Wir halluzinieren dauernd', sagt der indische Hirnforschern V.S. Ramachandran, 'und was wir Wahrnehmung nennen, sind einfach jene Halluzinationen, die am besten zu den aktuellen Sinnesdaten passen.'" Loc. 2942

"Was Sie dabei erleben, ist eine Art von Traum, sagt der amerikanische Psychologe Stephen LaBerge: 'Der einzige Unterschied ist, dass Ihr Traum jetzt von Sinnesdaten geprägt ist.' Diese Sinnesdaten setzen einen konstruktiven Prozess in Gang, in dem Sie nachvollziehen, was um Sie herum geschieht. Im Traum läuft der gleiche Prozess in Ihrem Gehirn, nur ohne Daten von außen. 'Träumen ist Wahrnehmen ohne die Beschränkung durch Sinnesdaten von außen', sagt LaBerge. 'Wahrnehmen ist Träumen, beschränkt durch Sinnesdaten von außen.' Die wirkliche Welt und die Traumwelt sind einander nicht deshalb so ähnlich, weil Träume so realistisch sind, sondern weil wir die Wirklichkeit so traumhaft erleben. Das Traumbewusstsein ist nicht anderes als das Bewusstsein, das uns die Welt erlebbar macht. Wir erträumen uns die Welt." Loc. 2986

"'Zu fragen, warum wir träumen, ist zu fragen, warum wir bewusst sind', sagt LaBerge, 'es gehört zur Funktion des Gehirns, dass es immer ein Modell der Wirklichkeit entwirft.' Im Wachen ist es die äußere Wirklichkeit, im Schlaf die innere. So bekommen wir unverfälscht zu sehen, was uns bewegt. Träume sind ganz und gar ehrlich zu uns. Das ganze Leben ist ein Traum - das klingt wie eine wilde Phantasie des Alt-Hippies LaBerge. Aber die harte Wissenschaft bestätigt ihn." Loc. 2991

"'Wach sein ist nichts anderes als ein traumartiger Zustand, angepasst an die Grenzen, die ihm bestimmte Reize von außen setzen', schreibt Llinás." Loc. 3006

"Das neue Bild des träumenden Gehirns zeigt, dass der Mensch sein eigenes Universum ist." Loc. 3012

Ganz besonders freut es mich natürlich, wenn sich modernste wissenschaftliche Erkenntnis und west-östliche Weisheitstraditionen einander nähern.

"In die östliche Denktradition fügt sich die Einheit des Bewusstseins über Schlafen und Wachen hinweg besser. Die jahrtausendealte Kunst des Traumyogas betrachtet Bewusstseins als etwas, das durch alle Zeiten des Tags und der Nacht besteht. Sie will ihre Schüler zu der Erkenntnis führen, dass jedes Erleben, ob wach oder schlafend, ein Traum ist. Der chinesische Philosoph Meister Zhuang schrieb im 4. Jahrhundert vor Christus: 'Ich weiß nicht, ob es Zhuang war, der geträumt hat, er sei ein Schmetterling, oder ob ich jetzt ein Schmetterling bin, der träumt, Zhuang zu sein." Loc. 2951

Du bist, was du schläfst - Was zwischen Wachen und Träumen alles geschieht, Tobias Hürter, Piper Sachbuch, 2011