Buchtipp: "Faszien in Bewegung" von Gunda Slomka

Erstellt von Michael Ditsch | | BewegtSein & Balance

Bedeutung der Faszien in Training und Alltag

Faszien haben vielfältige Aufgaben im Körper und sind eine seit langem vernachlässigte Struktur, die im Trainingsprozess weit mehr Aufmerksamkeit verdient. Dieses Buch füllt die Wissenslücken bezüglich Faszien im trainingswissenschaftlichen Bereich mit Inhalt und Wissen: Welche Funktionen haben Faszien und wie können wir durch Training Einfluss nehmen auf die Qualität der bindegeweblichen Strukturen in unserem Köper? Das Buch gibt zunächst einen Einblick in die Entstehung, Physiologie und Anatomie des Bindegewebes und anschließend folgt ein Konzept für die Trainingspraxis. Zahlreiche Übungen für den Fitness-, Gesundheits- und Leistungssport werden vorgestellt und bieten Trainern und Therapeuten konkrete Hilfestellung für das Training. © Bild und Text Meyer & Meyer. Faszien in Bewegung - Bedeutung der Faszien in Training und Alltag, Gunda Slomka, Meyer & Meyer Verlag, 2014

Kommentar

# Die Sporttherapeutin und Fitnesstrainerin Gunda Slomka hat ein lesenswertes Buch über die Bedeutung der Faszien in Training und Alltag veröffentlicht.

# Faszien haben in der medizinischen und sportwissenschaftlichen Forschung lange Zeit kaum eine Rolle gespielt. Auch in der praktischen Anwendung in Training oder Therapie waren Faszien so gut wie unbekannt. Im Oktober 2007 fand in Boston, USA, der erste International Fascia Research Congress statt, bei dem sich zum ersten Mal führende Faszienforscher und klinisch Praktizierende mit allen Formen und Funktionen der Faszien befasst haben.

# Ein Pionier der deutschen Faszienforschung ist Dr. Robert Schleip, Direktor Fascia Research Group Universität Ulm, welcher auch das Vorwort zu dem vorliegenden Buch geschrieben hat. Dr. Schleip befasst sich nicht nur als Wissenschaftler mit Faszien, sondern ist als Forschungsdirektor der European Rolfing Association und aktiver Rolfer auch mit der praktisch-therapeutischen Anwendung befasst.

# Bei der Suche nach den Ursprüngen westlicher Körpertherapien werden oft östliche Wurzeln freigelegt. Ida Rolf, die Begründerin des Rolfing, war Yoga Lehrerin. Moshé Feldenkrais praktizierte Judo bevor er die nach ihm benannte Körpertherapie entwickelte. Meiner Meinung nach förderte die Jenseitsorientierung und der Leib-Seele Dualismus der christlich geprägten Kultur eine Körperfeindlichkeit in den westlichen Zivilisationen, welche die Ausbildung ganzheitlicher Körper-Geist Systeme zunächst erschwerte oder verhinderte.

# Die Praktiker aus dem Osten haben es also schon immer gewusst und versucht ihre Erfahrungen mit den damals bekannten östlichen naturphilosophischen Welt- und Körpermodellen zu erklären. Modelle oder Metaphern zur Beschreibung und Erklärung von Körperfunktionen und -phänomenen werden auch im Westen verwendet: z.B. der Körper als Maschine oder das Gehirn als Computer. Ähnlich wie bei der Verwendung des chinesischen Begriffs Qi 氣 wird damit nur versucht, auf Grundlage des aktuellen Wissensstandes oder des Zeitgeistes, eine begriffliche Darstellung subjektiv erfahrbarer Phänomene zu ermöglichen.

# Die reduktionistisch-analytische Herangehensweise westlicher Wissenschaft führte bei der Untersuchung des Menschen zu einer Zerlegung des Körpers in einzelne Bestandteile. Der Begriff Anatomie stammt aus dem Griechischen und bedeutet "das Zerschneiden, das Zergliedern". Der menschliche Körper, bereits von Geist und Seele getrennt, wurde nach dem Maschinenmodell in einzelne Elemente mit bestimmten Funktionen aufgeteilt. Das Herz als Pumpe, das Skelett als Gerüst und die Muskeln als Motoren. Die Bedeutung der Faszien wurde nicht erkannt. Ihnen wurde nur eine passive Funktion als Verpackungs- und Füllmaterial zugesprochen.

# Durch neue Forschungserkenntnisse nähert sich mittlerweile die westliche Wissenschaft den oft belächelten und als "esoterisch" verspotteten ganzheitlichen Körper-Geist Vorstellungen asiatischer Kampf- und Gesundheitssysteme. Bemerkenswert finde ich bei dem Buch von Gunda Slomka, dass sie explizit auf die östlichen Traditionen eingeht und einen Zusammenhang zu den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen herstellt.

"Die asiatischen Bewegungslehren hingegen basieren auf den mehrere hundert Jahre alten Lehren großer Meister. Über das Spüren und Erleben von Bewegung entstanden Bewegungskonzepte, wie sie heute z.B. als verschiedene Stile des Yoga praktiziert werden. Es war und ist auch heute nicht nötig, 'zu zerlegen', um die kleinste Einheit des Körpers zu kennen. Der Mensch als Ganzes steht im Mittelpunkt der Bewegung: der Körper und der Geist." S. 23

"Asiatisch geprägte Bewegungslehren funktionieren nur im 'Ganzen'. Isoliertes Muskeltraining gibt es nicht. Das muskuläre System arbeitet im Zusammenspiel aller Muskeln, im Zusammenspiel mit den Nerven, im Zusammenspiel aller faszialen Systeme." S. 23

"Von den Meistern des Yoga, des Tai-Chi, des Qi Gong lernen wir, Körper und Geist als Einheit zu betrachten. Die Sensibilität für das Zusammenspiel von Körper, Geist und Umwelt zu schulen. Die westlich-analytische Herangehensweise liefert uns hingegen die primär naturwissenschaftliche Erklärung über physiologische Prozesse. Das ganzheitlich-energetische Denken des Ostens findet über das Netzwerk der faszialen Strukturen eine Verbindung zur anatomisch-physiologischen Lehre des Westens. Zwei Lehren, die in ihren Ansätzen nicht unterschiedlicher sein können, finden eine Schnittmenge, profitieren voneinander und liefern gegenseitige Erklärungswege." S. 23

# Die Erkenntnisse der Forschung zeigen wie sehr die Faszien bisher unterschätzt wurden. Die Aufgaben des Bindegewebes umfassen: Verbindende Funktion, schützende Funktion, Abwehrfunktion aus immunologischer Sicht, Informationssystem und Transport- und Ernährungsfunktion. Um diese Aufgaben zu erfüllen bilden die Faszien eine durchgehende Netzstruktur, die über ganzen Körper verteilt ist und ihn durchdringt. Dieses Netzwerk dient auch als Sinnesorgan. Gunda Slomka betont daher zu Recht die Bedeutung der Körperwahrnehmung für Haltung und Bewegung und weist auch auf Einsatzmöglichkeiten in der Körperpsychotherapie hin.

"Intaktes Bindegewebe ist reich mit Rezeptoren versorgt und in der Lage, permanent Rückmeldung über alle Bewegungen, Haltungen und koordinativen Abläufe zu geben. Personen mit einer guten Körperwahrnehmung stehen aufrecht, verfallen nicht so schnell in Fehlhaltungen, z.B. einen runden Rücken, wie Menschen mit schlechten propriozeptiven Fähigkeiten." S. 49

"Im Bereich körperlicher Intelligenz können wir durch gezielte Einflussnahme und Training viel bewirken. Es geht uns also nicht rein um die Bewegung, sondern um das Erleben der Bewegung, die Wahrnehmung. Das Netzwerk der Faszien ist das größte und reichhaltigste Sinnesorgan unseres Körpers." S. 50

"In der Körpertherapie ist der direkte Zusammenhang von somatischer Reaktion im Gewebe und psychischer Ursache bekannt. Das ist erklärbar durch die hohe Nervendichte im Bindegewebe, die die Fähigkeit besitzen, wie eine Art Erinnerungsspeicher zu fungieren. Erlebnisse, die sich in der eigenen Biografie wiederfinden lassen, haben oft ihre Spuren in den Nervenzellen des Bindegewebes und Gehirns hinterlassen und sind so z.B. in der Lage, auf alte 'Schmerz'-Muster zurückzugreifen. Unsere Aufgabe kann es sein, Muster zu durchbrechen und neue Wege der Informationsweiterleitung anzulegen." S. 65

# Ab Seite 83 beschäftigt sich Gunda Slomka mit dem Begriff Tensegrity. Das Prinzip der Tensegrität, bei dem sich Tragwerksstrukturen durch Druck und Spannung selbst stabilisieren, wurde von dem Architekten Richard Buckminster Fuller und dem Künstler Kenneth Snelson entdeckt. Mittlerweile wird in der Faszienforschung auch der Körper als Spannungssystem verstanden. Der amerikanische Orthopäde Stephen Levin erfand daher den Begriff Biotensegrity, um die Tensegrität organischer Strukturen zu beschreiben. Zusammen mit der Physikerin und Bewegungsforscherin Danièle-Claude Martin erforscht Stephen Levin Grundlagen und praktische Anwendungen der Biotensegrität (siehe Link unten). Ihre Erfahrungen mit den chinesischen inneren Künsten Taijiquan, Qigong und Yiquan veranlassten Danièle-Claude Martin auch die Wirkung mentaler Vorstellungen und Bilder auf das Körperspannungssystem (Ideokinese siehe Link unten) zu untersuchen. Gunda Slomka geht in ihrem Buch leider nicht auf die Biotensegrität und die Möglichkeiten des mentalen Trainings ein. Allerdings ist dies verständlich, da sie mit dem vorliegenden Buch für ihr eigenes Übungssystem werben möchte.

# Sehr bemerkenswert finde ich, dass viele Aussagen des Buches sich direkt auf chinesische innere Künste, wie Taijiquan oder Qigong, übertragen lassen. Die Effekte und Wirkungen der inneren Künste lassen sich mit den gängigen mechanischen Körpertheorien und -modellen nicht beschreiben. So kann z.B. Fajin (发 fā senden, schicken; 劲 jìn Kraft, Stärke;  innere Energie abgeben oder Explosivkraft), meiner Meinung nach, nicht mit Muskelkontraktionen allein erklärt werden. Auch für die gesundheitsfördernden Wirkungen des Qigong finden sich keine brauchbaren Theorien in der westlichen Medizin. Unbefriedigend finde ich für Praktizierende aus dem westlichen Kulturkreis allerdings auch die Erläuterungen der chinesischen Lehrer, da mit dem Begriff Qi 氣 keine moderne wissenschaftliche Körper-Geist Theorie verbunden ist, sondern nur ein historisches Konzept zur Beschreibung äußerlich beobachtbarer Phänomene. In der modernen Faszien- und Biotensegritätsforschung finden sich, meines Erachtens, dagegen viele Ansätze, welche die Effekte der inneren chinesische Künste und die oft genannte Einheit von Körper und Geist erklären können. Taijiquan Praktizierende werden in den folgenden Zitaten viele Elemente des angestrebten Taijiquan Könnens (功夫 gōngfū) wiederfinden.

"Im gesunden, entzündungsfreien und schmerzfreien Zustand sind die Faszien aktiv und können die Kraftentwicklung des Muskels durch freies Gleiten der Strukturen gegeneinander, guten Nährstofftransport und zusätzliche Spannkraft erheblich unterstützen und damit die Bewegung ökonomisieren." S. 67

"Verändert sich an einer Stelle etwas, wird ein Gelenk bewegt, wirkt sich diese kleine Bewegung auf den gesamten Körper und auf das gesamte Spannungsnetz aus." S. 84

"Bewegungsarmut lehrt den Körper, dass die Fähigkeit der Bewegung und das Gleiten der bindegewebigen Einheiten gegeneinander nicht erwünscht ist. Diese Person braucht, ihrer täglichen Anforderung entsprechend, unbewegliche Bindegewebsstrukturen, die sie in ihrer 'Bewegungsstarre' unterstützen. Entsprechend der geringen Bewegungsanforderung reagiert das Bindegewebe mit Querbrückenbildung (Crosslinks). Das Gewebe vernetzt sich, verfilzt, wird unbeweglich und entlastet damit die Muskulatur, die andernfalls ein frei bewegliches Bindegewebe immer wieder in die Statik, in die Ruhe führen müsste." S. 87

"Fließt die Grundmatrix ungehemmt, wirkt sich dies auf die Bewegung in jedem Segment des Körpers aus." S. 91

"Ohne die sich frei bewegende Flüssigkeit der Matrix, die für die 'innere Bewegung' des Körpers zuständig ist, würde es keine Fortbewegung geben." S. 91

"Der 'innere Ozean' ist immer im Fluss, das ist die Voraussetzung für ein gesundes, energiegeladenes Leben." S. 91

"Bewegungen ohne Anfang und Ende, im Bewegungsfluss, nach dem Prinzip Continuous Movement, unterstützt das Bewegen der Flüssigkeiten und sorgen für Stoffaustausch." S. 94

"Bewegungsformen, die zwar zyklisch, aber nicht monoton sind, die von Variantenreichtum und Belastungswechseln leben, fördern das 'Durchsaften' des Gewebes in hervorragender Art und Weise und führen nicht zum Flüssigkeitsverlust eines überstrapazierten Bereichs." S. 97

"Sinnvoll und empfehlenswert ist also ein Wechselspiel zwischen Be- und Entlastung, um das stetige Austauschen der Flüssigkeiten zu gewährleisten, zu unterstützen und für das Fließen, den 'inneren Flow', zu sorgen." S. 99

"Be- und Entlastung stehen im dynamischen Wechselspiel zueinander. Vielfältige Bewegungsmuster ergeben eine kleine Bewegungsfolge. Zunächst belastete Gewebe können sich in der Folgebewegung erholen und wieder 'durchsaften'." S. 100

"Je mehr Elastizität wir unserem Bindegewebe abverlangen können, desto kräftesparender wird unser Alltag sein, da nicht jede Bewegung allein durch die Muskelfasern, mit hohem Energieverbrauch, initiiert werden muss." S. 125

"Das Bindegewebe besitzt die Fähigkeit, Bewegungsenergie zu speichern und diese katapultartig wieder freizusetzen." S. 127

"Bei trainierten Personen nimmt der Anteil der aktiven Muskelarbeit ab, während der Anteil der kollagenen Federung deutlich zunimmt. Muskelmasse ist also in vielen Bereichen nicht der entscheidende Indikator. Ein elastisches, reißfestes Bindegewebe und ein optimales Timing zur Wirkung des Katapulteffekts hat mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit einen viel höheren Stellenwert für den Faktor Leistungssteigerung. Im Alltag übernimmt ein gesundes Fasziennetz den Großteil der Bewegungsenergie bei alltäglichen Bewegungsmustern." S. 128

"Ein intaktes Bindegewebe ist fest und elastisch zugleich. Diese Eigenschaften des Bindegewebes unterstützen und entlasten die Muskulatur im Alltag und beim Training. Über die Möglichkeit zur Speicherung von Bewegungsenergie durch Vorspannung der Gewebe sind wir zu Leistungen fähig, die ohne die Unterstützung des Bindegewebes nicht möglich wären." S. 131

"Wünschen wir uns ein multidirektionales, bewegungsfreudiges, elastisches und spannkräftiges Gewebe, müssen wir unseren Körper durch multidirektionale Bewegungen herausfordern." S. 155

"Wir wissen heute, dass 80 % unserer gesamten Nerven in den faszialen Strukturen liegen." S. 161

"Entgegen früheren Annahmen wird die Kraft der Muskulatur nicht nur über Sehnen auf die knöchernen Strukturen übertragen, sondern zu großen Teilen über das fasziale Bindegewebe u. a. direkt auf benachbarte Muskeln und knöcherne Systeme." S. 236

"Nicht der 'Muskelmensch' muss trainiert werden, sondern der 'Handlungsmensch'. Die Kräfteübertragung verläuft multidirektional nach dem Tensegrity-Modell." S. 240

"Ein spannungsvolles, effizientes, ergonomisches 'Spannungsnetzwerk Körper' entsteht." S. 247

"Neben der variantenreichen Reizgestaltung steht an erster Stelle die Wahrnehmung der Bewegung. Jede Bewegung braucht die volle Aufmerksamkeit. Die Qualität der Bewegung verändert sich und der Trainingserfolg steigt, wenn das Erleben und das Spüren mit ganzer Aufmerksamkeit im 'Hier und Jetzt' stattfindet." S. 257

"Das Nervensystem steuert im Bewegungsalltag keine einzelnen Muskeln an. In der Regel herrscht im zentralen Nervensystem ein Bild einer Zielbewegung vor, die durch das Ansteuern von Muskelschlingen, Muskelketten und komplexen Bewegungsketten ausgeführt wird. Je besser die Wahrnehmung des gesamten Bewegungssystems ist, desto feinmotorischer ist das Ergebnis." S. 258

"Alle Übungen des sensorischen Verfeinerns fordern und fördern die Rezeptorenaktivität, schulen die Feineinstellung und können schwer spürbare Bereiche wieder in das gesamte Körperbild integrieren." S. 258

# Das Buch über Faszien in Bewegung von Gunda Slomka hat mir gut gefallen. Besonders gelungen ist ihr die Verbindung von aktuellen Erkenntnissen der Faszienforschung mit nachvollziehbaren Anleitungen für praktische Übungen. Auch für Praktizierende chinesischer innerer Künste finden sich viele interessante Hinweise und Anregungen. Das Thema Faszien wird in den kommenden Jahren noch zu vielen weiteren Publikationen führen.

Buchtipp: "Faszien in Bewegung" von Gunda Slomka