Buchtipp: "Gelassenheit" von Thomas Strässle

Erstellt von Michael Ditsch | | Spiritualität & Lebenskunst

Über eine andere Haltung zur Welt

Viele suchen nach ihr, die wenigsten besitzen sie: Gelassenheit. Immer wieder ist von ihr die Rede, wenn der gestresste Mensch der Gegenwart von seinen Sehnsüchten spricht. Doch worin besteht die Gelassenheit und wie erlangt man sie? Ist sie ein Zustand, in dem die Seele zur Ruhe gekommen ist? Ist sie überhaupt ein Zustand oder nicht vielmehr eine Fähigkeit, eine Haltung, eine Handlung? Wovon lassen wir, was lässt uns, wenn wir gelassen sind? Der aus der Schweiz stammende Germanist Thomas Strässle geht diesen Fragen auf den Grund. Anhand der Verwandlungen des Begriffs und der Geschichten, die sich um ihn ranken, diskutiert sein scharfsinniger Essay die Gelassenheit in all ihren Aspekten und Problemen. © Bild und Text Hanser. Gelassenheit, Thomas Strässle, Hanser, 2013

Kommentar

# Die esoterische Globalisierung ist in der westlichen Marktwirtschaft angekommen. In deutschen Vorgärten ersetzt die Buddha Statue den Gartenzwerg und schamanisch-religiöse Symbole befüllen als modische Accessoires die Ikea Regale der postmodernen Mittelschicht. Die Adaption alter Geist-Körper Systeme in die westlichen Gesellschaften des 21. Jahrhunderts treibt seltsame Blüten. Die traditionelle chinesische Kampfkunst Taijiquan entwickelt sich zu einer, von Krankenkassen anerkannten, Entspannungsmethode, Übungen der Yoga Lehre werden als Fitnessworkout zur Körperstraffung eingesetzt und das Training von Achtsamkeit und Gelassenheit gibt dem gestressten Manager die nötige innere Ruhe für das nächste Businessmeeting. Traditionelle Begriffe alter Weisheitslehren werden kunterbunt durcheinander gewürfelt und für das Wellness-Marketing neu definiert.

# Wie wohltuend liest sich da das kleine Büchlein von Thomas Strässle über die Gelassenheit. Thomas Strässle ist habilitierter Literaturwissenschaftler und Musiker. Mit akademischer Gründlichkeit und literarischem Können diskutiert der Autor in seinem beeindruckenden Essay die verschiedenen Facetten der Gelassenheit und versucht "... sie mit Blick auf die Tradition für die Gegenwart zu konturieren." S. 17

# Gerade die Beschäftigung mit dem chinesischen Daoismus hat mir gezeigt, wie wichtig eine Auseinandersetzung mit Herkunft und Bedeutung von Begriffen für das Verständnis der traditionellen Texte ist. Wer die altchinesischen klassischen Schriften nicht im Original lesen kann, ist auf Übersetzungen und Sekundärliteratur angewiesen. Jede Übersetzung ist aber eine Interpretation und Auslegung durch den Übersetzer und auch Sekundärliteratur ist immer unter dem Aspekt des subjektiven Verständnisses des jeweiligen Autors zu lesen. Ähnlich verhält es sich mit Begriffen des eigenen Kultur- und Sprachraumes.

# Wohltuend ist auch, dass Thomas Strässle keinen Ratgeber mit Tipps und Entspannungstechniken zur  Erreichung von Gelassenheit im Job geschrieben hat. Bücher dieser Art gibt es bereits genug auf dem Markt. Stattdessen bleibt der Autor seiner Profession treu und untersucht Ursprung und Verwendung des Begriffes der Gelassenheit in Alltag, Philosophie und Kultur der westeuropäischen Zivilisation.

"Wenn heute von Gelassenheit die Rede ist - und es ist viel davon die Rede: in der Alltagssprache, in den Medien, in Yoga-Seminaren, auf Grußkarten usw. -, so geschieht dies meist in dreierlei Sprachgebrauch: 1. Gelassen wäre man gern. 2. Gelassen nimmt man etwas. 3. Gelassen gibt man sich." S. 13

"Die Gelassenheit ist ein Sehnsuchtsbegriff der Gegenwart - so sehr, dass sich um sie eine ganze Ratgeberindustrie herausgebildet hat." S. 13

# Das, in 13 Kapitel gegliederte, Buch setzt sich für mich aus drei Teilen zusammen. Der erste Teil analysiert den Begriff der Gelassenheit nach linguistischen Kriterien und setzt ihn in Beziehung zu Antonymen, Synonymen und vergleichbaren Begriffen in anderen Sprachen. Im zweiten Teil wird der Entstehung und Bedeutung des Begriffes in der deutschen Mystik nachgegangen. Der dritte Teil befasst sich schließlich mit der weiteren Verwendung des Begriffes bis zur Gegenwart.

# In Kapitel III "Familienangelegenheiten - Innen- und Außenleben eines Wortes" gelingt es dem Autor anhand einer Wortanalyse bereits die, in späteren Kapiteln genauer untersuchte, Mehrdeutigkeit des Begriffes herauszuarbeiten.

"Es handelt sich um ein Nomen, das ein Verb (lassen) in einer flektierten Form (gelassen) enthält. Der nominale Charakter wir angezeigt durch das Suffix -heit, das der Bildung von Abstrakta dient und auf das mittelhochdeutsche heit, 'Art und Weise', 'Eigenschaft', zurückgeht, während das Präfix Ge- ein Partizip Perfekt anzeigt, das sich unter Neutralisierung seiner zeitlichen Komponente zugleich als Adjektiv (ein gelassener Mensch) und als Adverb (sie reagierte gelassen) verwenden lässt. Das Schöne daran ist, dass gelassen als Partizip beides sein kann, aktiv und passiv: Man kann gelassen haben und gelassen werden - eine grammatikalische Ambivalenz, die für die Gelassenheit auch auf konzeptueller Ebene höchst bedeutsam ist." S. 19

# Thomas Strässle bezieht sich auch auf die Arbeit von Wilhelm Weischedel (Autor des Buches "Die Philosophische Hintertreppe"), der in seinem Werk "Philosophische Grenzgänge" die Dreiteilung des Begriffes beschrieben hat. Den Wortkern bildet dabei das Verb lassen.

  1. verstärktes Lassen. Loslassen, fahren lassen, verlassen. Zur Gelassenheit gehört also Verzicht S.19
  2. gewähren lassen, sein lassen, einem anderen das Seine lassen; und darin liegt dem, was ist und geschieht, seinen Raum und seine Zeit lassen S. 20
  3. sich auf jemanden verlassen, sich ihm hingeben, ihm vertrauen S. 21

"Drei Aspekte von lassen, die auch mit ablassen, zulassen und überlassen umschrieben werden können." S. 21

# Sehr interessant ist auch die, in diesem Kapitel erläuterte, Tatsache, dass das deutsche Wort Gelassenheit nicht in andere Sprachen übersetzt werden kann.

"Streng genommen ist jedes Wort unübersetzbar. Das ist eine Binsenwahrheit, doch gilt sie für einige Wörter mehr als für andere. Auf die Gelassenheit trifft sie in verschärfter Form zu: Sie besitzt eine semantische Aura, die sich kaum in andere Sprachen übertragen lässt. Letztlich gibt es kein fremdsprachiges Wort, das dem deutschen Gelassenheit annähernd entspricht - auch im Umkreis der eigenen Sprachfamilie nicht." S. 21

# Die wichtigsten Kapitel sind für mich natürlich diejenigen, bei denen die spirituelle Bedeutung der Gelassenheit im Mittelpunkt steht. Im Kapitel V "Um Gottes willen - Die Gelassenheit stammt aus der Mystik" beschreibt Thomas Strässle die Bedeutung der Gelassenheit bei Meister Eckhart (mehr zu Meister Eckhart siehe Link unten). Meister Eckhart wird zwar der deutschen Mystik zugerechnet, ist aber, von seinem Werk und Wirken her, wohl eher als christlicher Philosoph und Theologe zu verstehen.

"Die Gelassenheit ist 'radikale Selbstaufgabe, Distanz zu eigenen Bestrebungen, Vorstellungen und Bildern, erst recht zu Ehren und Besitz'. Doch damit nicht genug: Sie ist nicht nur eine Abkehr von sich selbst, sondern von sämtlichen Dingen dieser Welt. Das gelâzen hân bezieht sich letztlich auf alles, was geschaffen und vergänglich ist, was in Vielheit, Zufälligkeit und Unterschiedenheit zerfällt: auf das Nicht-Göttliche und Nicht-Eine in Raum und Zeit. Wer gelassen hat, hat sich aus jeglicher innerweltlichen Abhängigkeit und Anhänglichkeit gelöst. Damit aber noch immer nicht genug: Meister Eckhart denkt den Gedanken des Lassens bis an sein äußerstes spekulatives Ende, wo es theologisch heikel wird. Nicht nur das Ich und die Welt muss man gelâzen hân, sondern auch Gott selbst." S. 39

"Die Folge ist, dass im gelassenen Menschen alle Unterschiedenheit und Ungleichheit, alle Vielheit und Zufälligkeit aufgehoben sind und er in einen Zustand der Gleichheit und Einheit mit Gott eintritt - mit dem einen, reinen, ungeschaffenen Sein. Diesen Zustand bezeichnet Eckhart als gelâzen sîn, als passivistische Seite der Gelassenheit. Es ist ein Zustand vollkommener Ausgeglichenheit und Unbewegtheit in sich selbst und ein Zustand größtmöglicher Seinsfülle." S. 40

"Gelâzen hân und gelâzen sîn sind zwei Seiten desselben Geschehens: einer Abwendung von sich selbst und den Dingen dieser Welt und einer Hinwendung zum gelassenen Gott. Beide Seiten sind im Wort lâzen enthalten, und Eckhart schöpft diese Doppeldeutigkeit voll aus: Das mittelhochdeutsche Verb lâzen kann einerseits 'verlassen' meinen (reinquere) und andererseits 'überlassen', 'sich überlassen' (committere). Dieser Doppelsinn verleiht der Gelassenheit erst ihren inneren Antrieb: Das Verlassen schlägt immerzu in ein Sich-Überlassen um." S. 41

"Man muss gelâzen hân, um gelâzen zu sîn: So lautet die kürzeste Formel, auf die sich das Gelassenheitsdenken Meister Eckharts zuspitzen lässt." S. 43

# Im anschließenden Kapitel VI "Arbeit am Ich - Die Mystiker stellen Forderungen" wird die weitere Entwicklung des spirituellen Gelassenheitsbegriffs durch die Eckhart Schüler Heinrich Seuse und Johannes Tauler dargelegt. Besonders Heinrich Seuse hat sich in seinem Werk "Das Buch der Wahrheit" intensiv mit der Bedeutung der Gelassenheit für die Lebenswirklichkeit des Menschen auseinandergesetzt.

"Das Buch der Wahrheit ist ein Lehrgespräch zwischen einem Jünger und der Wahrheit selbst, das sich ganz um den Begriff der Gelassenheit dreht." S. 45

"Es bedeutet zu erkennen, dass auch das persönliche Ich kreatürlich und daher nicht autonom ist. In dieser Erkenntnis der eigenen Abhängigkeit (von Gott) und der Zufälligkeit der eigenen Existenz besteht die wahre Gelassenheit - im Gegensatz zur falschen Gelassenheit, deren ungebundene Freiheit sich in einem zügellosen Eigenwillen auslebt. Dabei geht es nicht darum, das persönliche Ich zu zerstören. Es geht nur darum, dazu Abstand zu gewinnen." S. 46

"Aus den Fragen des Jüngers und den Antworten der Wahrheit entsteht so zuletzt ein plastisches Bild des idealtypisch gelassenen Menschen in seinen Verhaltensweisen und Lebensformen." S. 48

"'Er lebt im gegenwärtigen Augenblick, ohne an einem Vorhaben zu hängen, und begreift sein Höchstes im Kleinsten wie im Größten.' Der gelassene Mensch zerstreut sich in kein Vorher und kein Nachher: Weder sinnt er dem nach, was vorbei ist und sich doch nicht mehr ändern lässt, noch nimmt er vorweg, was erst auf ihn zukommt und ihn jetzt nicht zu beschäftigen braucht. Vielmehr hält er sich an die Gegenwart, ohne sich an etwas festzuklammern. Dadurch gewinnt er eine Freiheit, die ihn in allem Erfüllung finden lässt, im Kleinsten wie im Größten. Der 'gegenwärtige Augenblick', in dem er lebt, ist kein besonderer Augenblick, der aus dem Kontinuum der Zeit hervorsticht; er ist der gewöhnliche Augenblick - frei von Ekstase, aber voller Intensität." S. 48

"Das ist kein Aufruf zur Askese. Der wahrhaft gelassene Mensch ist nicht sinnenfeindlich. Aber er ist auch nicht sinnenfreudig in der Art, daß er darin seine ganze Befriedigung finden würde." S. 49

"'... und er hat einen ruhigen Lebenswandel, in dem die Dinge ohne sein Zutun durch ihn fließen, ...'" S. 49

"Vor allem aber ist die Gelassenheit ein Zustand, in dem man sich im strömenden Leben bewegt, in dem man das Leben durch sich hindurchströmen lässt. Der wahrhaft gelassene Mensch setzt das Sein über das geschäftige Tun. Sein über Tun: Das heißt nun nicht, dass die Gelassenheit mit Tatenlosigkeit zu verwechseln wäre oder es zu ihrer Erlangung keiner Anstrengung bedürfte. Das Gegenteil ist der Fall: Sie erfordert den ganzen Menschen, jede Fiber seines Wesens." S. 50

# Mir ist bewusst, dass der interkulturelle Vergleich philosophisch-spiritueller Quellen immer sehr kritisch betrachtet werden muss, aber an dieser Stelle drängt sich mir die Gegenüberstellung von Wuwei (Wú Wéi - 無 爲 - Nicht Handeln) und Gelassenheit direkt auf (Mehr zu Wuwei und Gelassenheit siehe Links unten).

"Wuwei bedeutet ein Handeln ohne den Dualismus von Subjekt und Objekt, ohne ein Ego, das handelt. Wuwei ist ein absichtsloses, selbstvergessenes Handeln, das ganz selbstverständlich, wie 'von selbst' (ziran) der jeweiligen Situation entspricht." Zhuangzi, Günter Wohlfart, Herder, 2002, S. 98

Praktiziere das Lernen: tägliche Anhäufung
praktiziere das Dào: tägliches Loslassen
Loslassen und wieder loslassen
so gelange zum
nicht-eingreifenden Handeln (wú wéi)
nicht-eingreifendes Handeln (wú wéi)
doch bleibt nichts unerledigt
Gewinne die Welt stets durch
Nicht-Geschäftigkeit
zu erlangen sie mittels Geschäftigkeit
ist nicht genug zur Eroberung der Welt
Laozi - Daodejing - Kapitel 48
Das Tao der Weisheit, Hilmar Klaus, Mainz Verlag, 2008, S. 226

# Sehr gut gefällt mir, wie Thomas Strässle die Entstehung und Entwicklung des Begriffs Gelassenheit in der deutschen Mystik zusammenfasst.

"Meister Eckhart hat den Begriff der gelâzenheit in die Welt gesetzt, in Anlehnung an die evangelische Forderung des Allesverlassens und an klassisch antike Konzepte wie die stoische Apathie und die epikureische Ataraxie, und seine Schüler allen voran Seuse und Tauler, haben ihn weiterentwickelt, der eine eher in philosophischer, der andere eher in pragmatischer Hinsicht. In ihrer Nachfolge hat die Mystik - und darüber hinaus der Pietismus und Quietismus - einen regelrechten Kult um die Gelassenheit betrieben, ohne ihr allerdings grundlegend neue Seiten abzugewinnen. Kaum ein Mystiker, der in seinen Schriften nicht immer wieder auf sie zu sprechen kommt und sie preist: von Valetin Weigel über Jakob Böhme bis Angelus Silesius. Um es mit Andreas Bodenstein genannt Karlstadt auf den Punkt zu bringen, dem Doktorvater Martin Luthers, der später von seinem einstigen Mitstreiter wegen zunehmenden Mystizismus der 'Schwärmerei' bezichtigt wurde: 'Ich weiß, daß es keine größere Tugend auf Erden und im Himmel gibt als Gelassenheit.'" S. 52

# In den anschließenden Kapiteln des Buches erläutert Thomas Strässle, anhand ausgewählter Werke aus Literatur und Philosophie, den Bedeutungswandel der Gelassenheit im weiteren Verlauf der deutschen Gesellschaftsentwicklung. Der Autor beschäftigt sich z.B. mit der "kalten Gelassenheit" bei Karl Philipp Moritz, philosophischen Konzepten der Gelassenheit bei Arthur Schopenhauer oder der Gelassenheit angesichts der Technik bei Martin Heidegger.

# "Und jetzt?" fragt Thomas Strässle im 13. und abschließenden Kapitel. Zur Beantwortung dieser Frage versucht er, unter Verwendung des Begriffs der "Gelassenheitskultur" von Peter Sloterdijk, die Bedeutung der Gelassenheit für die heutige postmoderne Wissensgesellschaft zu deuten. Für mich persönlich besitzt die spirituelle Ausrichtung nach Meister Eckhart auch heute noch hohe Aktualität.

Buchtipp: "Gelassenheit" von Thomas Strässle