Buchtipp: "Gesundheit zwischen Fasten und Fülle" von Ulrike Gebhardt

Erstellt von Michael Ditsch | | Gesundheit & Ernährung

Warum Nahrungsverzicht Gehirn, Geist und Körper jung hält

In diesem Buch erfahren interessierte Laien, wie sie durch eine leicht veränderte Ernährungsweise nicht nur dem Körper, sondern auch Gehirn und Geist Gutes tun können. Mediziner raten dazu, hin und wieder auf Nahrung zu verzichten – und das nicht nur in der Fastenzeit. Aber warum soll eine Kalorienreduktion gesund sein? Tatsächlich mehren sich die Hinweise darauf, dass Fasten auch dem Gehirn und der Psyche gut tut: Der Sparstoffwechsel wirkt wie ein Antidepressivum und kurbelt das neuronale Recycling an. Die Enthaltsamkeit beim Essen könnte sogar Demenz vorbeugen. © Bild und Text Springer Verlag. Gesundheit zwischen Fasten und Fülle - Warum Nahrungsverzicht Gehirn, Geist und Körper jung hält, Ulrike Gebhardt, Springer, 2019

Kommentar

# Mit dem Thema "Fasten" habe ich mich schon öfters auseinandergesetzt. Sei es durch Gespräche mit Freunden, die gerade eine Fastenkur machten, oder durch Texte über das Fasten in Büchern und Zeitschriften. Allerdings war die Auseinandersetzung bisher nur theoretischer Natur. Bezüglich Urlaub oder Wochenende liegen meine Prioritäten auf anderen Gebieten und für den Alltag fehlte mir bisher Wille und Überzeugung. Eine längere Fastenzeit kommt daher für mich nicht in Frage, obwohl ich die Notwendigkeit durchaus sehe.

# In früheren Lebensphasen habe ich die verschiedensten Genussmittel intensiv konsumiert und mich auch ausgiebig "landestypisch" ernährt. Gedanken habe ich mir darüber nicht gemacht, es war halt so. Nach einer existentiellen Lebenskrise und durch die Beschäftigung mit spirituellen Wegen, haben sich meine Konsum- und Ernährungsgewohnheiten geändert. Der Verzicht auf bestimmte Genussmittel und der Wechsel zu einem vegetarischen Lebensstil haben zu dramatischen Veränderungen in meinem Geist<=>Körper System geführt. Dabei ist der gesundheitliche Aspekt für mich eher zweitrangig. Für mich zählt mehr die geistige Klarheit und Wachheit, die mit der Veränderung des Lebensstils einhergeht. Hier würde ich noch gerne weitergehen und daher kommt das Buch von Ulrike Gebhardt zur rechten Zeit.

# Leider werden heutzutage Diskussionen über Gesundheits- und Ernährungsfragen sehr dogmatisch und mit fast schon religiösem Eifer geführt. Kein Wunder, handelt es sich doch um einen milliardenschweren Markt, der ständig mit neuen Trends am Laufen gehalten werden muss. Ein Credo unserer Zeit ist, dass der Mensch ein Mangelwesen sei, welches optimiert, repariert und für die heutige Leistungsgesellschaft fit gemacht werden muss. Es gibt kaum Themen, die den modernen Wohlstandsmenschen so sehr verunsichern, wie Gesundheit und die richtige Ernährung. Online und offline sind massenweise Gesundheits- und Ernährungsratgeber erhältlich. Etliche davon propagieren sehr fragwürdige Methoden, die wissenschaftlich nicht untersucht sind, oder sogar medizinische Risiken mit sich bringen.

# Ein Glücksfund ist daher die Veröffentlichung von Ulrike Gebhardt über das Fasten. Das knapp 200 Seiten umfassende Buch enthält in kompakter Form die wesentlichsten Informationen zum Thema. Sehr gut gefallen hat mir die praktische und lesefreundliche Aufmachung des Buches. Jedes Kapitel beginnt mit einer kurzen Zusammenfassung als Einstieg und endet mit einem kurzen Fazit. Direkt nach jedem Kapitel werden Literatur- und Internetquellen aufgelistet. Inhalts- und Stichwortverzeichnis runden das Ganze ab. Auch inhaltlich halte ich das Buch für sehr stimmig und fundiert. Überzeugt hat mich auch der wissenschaftliche Hintergrund der Autorin und ihre Herangehensweise:

"Sie werden es schnell merken, dieses Buch hat keine Fastenärztin geschrieben; auch keine Journalistin, die sich für die Recherche mehrere Wochen lang in eine Fastenklinik begeben hat. Ich bin Biologin (und Wissenschaftsjournalistin) und, ja, stand dem Fasten bisher eher kritisch gegenüber. Also habe ich es gemacht wie immer: Fakten gesammelt und mich dem Thema aus verschiedenen Richtungen genähert. Das ist genau das, was ich an meinem Beruf so mag." Vorwort S. V

# Dass Ulrike Gebhardt nicht nur einen der üblichen Fastenratgeber geschrieben hat, zeigt sich besonders in Kapitel 8 "Fasten - die Kritik". Etliche Gesundheits- und Ernährungsratgeber basieren nämlich nicht auf wissenschaftlichen Fakten oder belastbaren wissenschaftlichen Studien. Oft sind es persönliche Erfahrungen der Autoren, verbunden mit Pseudowissen und anekdotischen Fallberichten, die in Seminaren und Veröffentlichungen dann weitergegeben werden. Aber selbst wissenschaftliche Studien sind kritisch zu hinterfragen. Zur Recht erwähnt Ulrike Gebhardt, dass viele Erkenntnisse der Ernährungsforschung auf Experimenten mit Tieren beruhen und die Übertragbarkeit der Ergebnisse auf die menschliche Gesundheit und Ernährung noch nicht überprüft wurde. Sehr gut finde ich auch, dass die Autorin auf mögliche Risiken und Nebenwirkungen einer Ernährungsveränderung hinweist und daher empfiehlt, eventuelle Maßnahmen mit einem Arzt zu besprechen. Allerdings ist dies heutzutage nicht so einfach. Der Optimierungswahn und das individualisierte Leistungsdenken haben natürlich auch die Medizin erfasst und es braucht schon viel Glück, um einen guten Arzt zu finden.

"Ein Mensch, der sich selbst optimieren, verbessern, im Griff haben will (und dabei nicht in eine Gemeinschaft eingebettet ist oder ein korrigierendes Gegenüber hat), steht in der Gefahr, das rechte Maß zu verlieren und womöglich in ein Extrem, eine Abhängigkeit, ein Suchtverhalten zu rutschen." S. 117

# Viele Aktivitäten und moderne Lifestyle-Trends, die heute in Fitnessstudios oder Managertrainings angeboten werden, wie z.B. Yoga, Achtsamkeit oder Meditation, sind eigentlich Methoden, die innerhalb traditioneller spiritueller Systeme und spiritueller Gemeinschaften praktiziert wurden. Herausgelöst und auf den kapitalistischen Markt geworfen, dienen diese Methoden nicht mehr der Transzendenz und der Überwindung des Ego-Denkens, sondern vielmehr der Steigerung der individuellen Fitness und der Selbstoptimierung für den Wettbewerb der "Human Ressources". Ähnlich verhält es sich bei der Ernährung. Die teilweise dogmatisch-ideologischen Auseinandersetzungen hinsichtlich der "richtigen" Ernährungs- und Lebensweise, zeigen, dass auch hier ein marktwirtschaftlicher Wettbewerb im Gange ist. Selbst beim Fasten scheint dieser Wettbewerb angekommen zu sein, wenn ich z.B. solche Begriffe wie "Warrior-Diät" auf S. 131 lese. Allerdings nutzt ja auch Ulrike Gebhardt den "Jugend- und Fitnesswahn", wenn sie im Untertitel ihres Buches verspricht, dass Nahrungsverzicht "Gehirn, Geist und Körper jung hält". Aber vielleicht waren das nur Vorgaben des Verlages, um die Auflage zu steigern.

# Sehr wichtig finde ich das Kapitel 6 "Der  Mensch und das Fasten" ab S. 79. In diesem Kapitel geht Ulrike Gebhardt auf die Ursprünge des menschlichen Fastens ein. Es gibt ein "natürliches" Fasten, wenn der Mensch schläft und sich dabei regeneriert. Aber auch Phasen der Krankheit, des Verliebtseins oder der Trauer führen zu Appetitlosigkeit und Nahrungsverzicht.

"Ob ein Mensch sich bewusst zum Fasten entscheidet, oder es unbewusst tut, ist nicht immer klar abgegrenzt, die Übergänge sind manchmal fließend. Wir erfahren, dass uns eine Phase des Rückzuges im Krankheitsfall - viel schlafen, wenig essen, keine Lust auf Nichts - gut tut, dass wir aus dieser Krise heil hervorgehen. Wahrscheinlich liegt gerade in dieser Erfahrung, die Wurzel des Heilfastens, des bewussten Entschlusses, für eine gewisse Zeit auf Nahrung zu verzichten, um aus der Balance geratene Prozesse wieder ins Lot zu bringen." S. 83

# Das Wiederherstellen von Balance im Leben eines Menschen ist auch das Ziel spiritueller Traditionen. Viele Leibes- und Ernährungsvorschriften dienen dazu, dass der Mensch innerlich gefestigt wird, einen klaren und wachen Geist entwickelt und dadurch die Grundlage erhält, um seinen spirituellen Weg zu gehen.

"Der Mensch wird schon ganz früh gemerkt haben, dass er morgens nach der nächtlichen Fastenperiode die Welt mit geschärften Sinnen wahrnimmt, eine klare Sicht auf das Innen, auf das Außen hat, sich das Gehirn in einem besonderen Aufmerksamkeitszustand befindet. Von dieser Erfahrung ist es nur noch ein kleiner Schritt, das Fasten auch bewusst als Mittel einzusetzen, um sich - gereinigt - dem Göttlichen zu nähern, klar zu schauen, denn 'der stets gefüllte Magen kann keine geheimen Dinge sehen' wie die afrikanischen Zulu es sagen." S. 85

"'Fasten' kommt vom gotischen 'fastan' und bedeutet: sich festmachen, festhalten, anhalten. Wer fastet, hält an, steigt aus, hält inne, und macht sich fest an Regeln, an Rituale und letztlich, im religiösen Verständnis an Gott, der das Leben schenkt, trägt und erhält." S. 85

# Fast in jeder Veröffentlichung zum Thema "Ernährung" finden sich Hinweise zur angeblich "natürlichen"  oder "artgerechten" Ernährung des Menschen. Als Beweis werden dann gerne die Lebens- u. Ernährungsgewohnheiten der Jäger und Sammler aus der Steinzeit herangezogen. Ganze Ernährungssysteme, wie z.B. die Paläö-Diät, haben sich aus dieser Vorstellung heraus entwickelt. Allerdings beruhen diese Überlegungen auf mehreren Denkfehlern, z.B. dass die menschliche Evolution seit der Steinzeit stillsteht, oder dass alle steinzeitlichen Menschen ähnliche Lebensbedingungen hatten. Und gab es während der ca. 2  bis 3 Millionen Jahre dauernden Steinzeit bei der Gattung Homo wirklich keine Veränderungen der Lebensweise? Da es keine schriftlichen Überlieferungen gibt, stützen sich viele Vermutungen der Paläoanthropologie über die menschliche Lebensweise auf lückenhafte fossile Funde. Auf michaelditsch.de habe ich eine Webseite zu dem Thema "Artgerechte Ernährung" - siehe Link unten. Sehr zu empfehlen sind die Veröffentlichungen von Marlene Zuk.

"The answer is that no one, whether a low-carb enthusiast, a proponent of bacon fat, or a fan of organic food, can legitimately claim to have found the only 'natural' diet for humans. We simply ate too many different foods in the past, and have adapted too many new ones, to draw such a conclusion." Paleofantasy: What Evolution Really Tells Us about Sex, Diet, and How We Live; Marlene Zuk; Norton & Company; 2013; S. 133

# Auch Ulrike Gebhardt kommt nicht umhin, in ihrem Buch auf die "Jäger und Sammler" einzugehen. Im Gegensatz zu anderen Autoren hat Frau Gebhardt aber gut recherchiert. Zu Ihren Quellen gehören z.B. Veröffentlichungen von Tobias Lechler, Alexander Ströhle und Andreas Hahn. Auf meiner Webseite über "Artgerechte Ernährung" finden sich dazu Hinweise und Zitate - siehe Link unten.

# Mein Fazit: Unbedingt lesen! Ulrike Gebhardt ist es gelungen, alle wichtigen Aspekte des Fastens kurz und bündig in ihrem Buch aufzuzeigen. Für vertiefte Informationen bietet sie genügend Quellenhinweise. Für mich entscheidend war der Hinweis auf das "Übernachtfasten". In meiner Lebenssituation ist dies die optimale Möglichkeit, um Fasten zu praktizieren und in den Alltag zu integrieren. Fasten bei michaelditsch.de - siehe Link unten. Wichtig ist, dass Fasten nicht als isolierte Maßnahme verstanden wird. "Fasten als Lebensprinzip" überschreibt Ulrike Gebhardt das letzte Kapitel ihres Buches, in dem sie betont, dass Leben ständiger Wechsel bedeutet und Rhythmen unser Leben bestimmen.

"Geschaffen für den Wechsel. Auch, wenn wir es oft nicht wahrhaben wollen und uns immer wieder isolieren in einer künstlichen, scheinbar sicheren Welt: Wir sind Teil eines großen Netzwerks, Teil dieser natürlichen Welt, wir atmen mit ihr ein und aus. Wir können uns gar nicht absondern. Unser Körper weiß das, hören wir auf ihn." S. 170

Links

Inhaltsverzeichnis "Gesundheit zwischen Fasten und Fülle" von Ulrike Gebhardt

Vorwort 5
Inhaltsverzeichnis 8
Teil I: Fülle 12
1: Leben in der Fülle 13
1.1 Leben ist Wechsel 13
1.2 Leben im Überfluss 16
1.3 Woher wir kommen - eine kleine Reise in die Vergangenheit 17
1.4 Die Fülle und ihre Folgen 21
Literatur 25
2: Was wir brauchen 28
2.1 Futtern und Verdauen 29
2.2 Was der Mensch zum Leben braucht 31
2.3 Das Gehirn und seine besonderen Bedürfnisse 36
2.4 "Geht’s auch mal ohne?" 40
Literatur 41
3: Die Sache mit dem Zucker 43
3.1 Vom Exoten zum Kassenschlager 44
3.2 Der Mensch im Zuckeruniversum 46
3.3 Zucker und Gehirn 49
Literatur 53
4: Älter werden 55
4.1 Merkmale des Alter(n)s 56
4.2 Das alte Gehirn 60
4.3 Nahrung und Neurodegeneration, Alzheimer und der Hypothalamus 64
Literatur 68
Teil II: Verzicht 70
5: Fasten im Tierreich 71
5.1 "Fastende" Tiere? 72
5.2 Fastenphasen bei Tieren 75
5.3 Tiere in der Alters- und Fastenforschung 77
Literatur 83
6: Der Mensch und das Fasten 85
6.1 "Natürliches" Fasten 86
6.2 Religiöses Fasten 91
6.3 Fasten im Christentum - vom rechten Maß 93
Literatur 96
7: Jungbrunnen Verzicht 98
7.1 Länger leben durch Kalorienverzicht? 99
7.2 Was passiert im Körper, wenn der Mensch fastet? 105
7.3 Fasten hält das Gehirn auf Trab 107
Literatur 111
8: Fasten - die Kritik 113
8.1 Der Mensch ist keine Maus 114
8.2 Für wen sich das Fasten nicht eignet und welche Nebenwirkungen auftreten können 117
8.3 Das Essen und die Angst 120
Literatur 123
Teil III: Wechsel zwischen Fülle und Verzicht 124
9: Wie Fastenforscher fasten 125
9.1 Essen nach der inneren Uhr 126
9.2 Fastende Forscher 127
9.3 Welche Fastenformen gibt es? 130
Literatur 135
10: Fasten zur Therapie von Krankheiten 137
10.1 Heilfasten historisch 138
10.2 Fasten und Psyche 140
10.3 Fasten bei Krankheiten des Körpers und der Seele 142
10.4 Fasten bei Chemotherapie? 146
Literatur 147
11: Fasten light 149
11.1 "Fasting Mimicking Diet" 150
11.2 Mit Pülverchen und Pille – fasten ohne zu fasten 154
Literatur 159
12: Fasten als Lebensprinzip 161
12.1 Leben ist Wechsel 161
12.2 Wie wir tatsächlich leben 164
12.3 Was das mit unserem Gehirn macht 169
12.4 Ein Leben zwischen Fülle und Fasten 171
Literatur 172
Stichwortverzeichnis 175

Gesundheit zwischen Fasten und Fülle - Warum Nahrungsverzicht Gehirn, Geist und Körper jung hält, Ulrike Gebhardt, Springer, 2019