Buchtipp: "Hilfe, wir machen uns verrückt!" von Steve Ayan

Erstellt von Michael Ditsch | | Körper & Psyche

Der Psychokult und die Folgen

Wieso dreht sich das Denken vieler Menschen heute nur noch um das eigene Ich? Warum sind Diagnosen wie Burn-Out oder ADHS schick? Weshalb tanzen wir den Therapeuten und Coaches nach der Pfeife? Hinter dem Psychoboom verbirgt sich eine kollektive Beunruhigung, die mehr Probleme schafft, als sie zu lösen vermag, sagt Psychologe und Wissenschaftsjournalist Steve Ayan. Sich andauernd selbst im Blick zu haben und das eigene Befinden an den Versprechen der Psychobranche zu messen lässt uns vermeintliche Defizite besonders schmerzlich empfinden. Getrieben vom Mythos der Machbarkeit halten wir unser Lebensglück für eine Frage der Disziplin und des richtigen Know-how. Doch je mehr wir uns abstrampeln, um endlich rundum zufrieden zu sein, desto schneller entfernen wir uns vom Ziel. Selbstoptimierung ist nicht der Schlüssel zum Glück. Denn wer sein Denken und Fühlen ständig unter Kontrolle halten will, der gewinnt nichts und verliert viel - nämlich eine Gabe, die uns die schönsten Momente beschert: Selbstvergessenheit. © Bild und Text Pendo. Hilfe, wir machen uns verrückt! - Der Psychokult und die Folgen, Steve Ayan, Pendo, 2012

Kommentar

Im Jahr 2002 hat die Historikerin Miriam Gebhardt in ihrem Buch "Sünde, Seele, Sex - Das Jahrhundert der Psychologie" die  Psychologisierung der Gesellschaft beschrieben. In einem Interview mit dem Magazin Der Spiegel (siehe Link unten) antwortet sie auf die Frage warum die Psychologie so wichtig geworden ist: "Weil sie in den Bereichen Arbeit, Liebe, Erziehung, Sozialprophylaxe wichtige Dienste leistet. Und weil sie die Religion als Erklärungshilfe ersetzt hat."

10 Jahre später hat nun Steve Ayan, Psychologe und Redaktionsleiter des Gehirn&Geist Magazins, sein Buch "Hilfe, wir machen uns verrückt!: Der Psychokult und die Folgen" veröffentlicht. Sehr richtig hat auch Steve Ayan existentielle Fragen als wesentliche Ursache der Psychologisierung erkannt.

"Viele Menschen treibt heute der Wunsch, sich selbst zu finden. Wer bin ich? Was will ich? Was soll ich tun? Das sind die großen Fragen unseres Lebens." Loc. 137

Seit der Mensch Selbstbewusstsein erlangt hat, beschäftigen ihn auch die großen Fragen des Lebens. Die Suche nach Selbsterkenntnis ist die zentrale Aufforderung in allen spirituell-philosphischen Systemen auf der Welt. "Gnothi seauton" (Erkenne dich selbst) steht auf der Säule der Vorhalle des Apollontempels in Delphi und Laozi schreibt in Kapitel 33 "Wer andere kennt, ist klug. Wer sich selbst kennt, ist weise".

Neben den existentiellen spirituell-philosophischen Erkenntnissystemen hat es aber schon immer Abspaltungen gegeben, welche die Angst der Menschen vor den Unwägbarkeiten des Lebens bedient haben. Zum Beispiel entwickelte sich nach dem philosophischen Daoismus der religiöse Daoismus bei dem Laozi als Gottheit verehrt wurde. Durch Gebete und Opfergaben wollte man sich Vorteile im Lebensalltag verschaffen.

So waren es schon immer die alltäglichen Ängste, Sorgen und Nöte, weshalb die Menschen bei religiös-geist-magischen Lehren Zuflucht gesucht haben. Und schon immer gab es einen Basar an Quacksalbern, Heilversprechern und Beutelschneidern, welche alle möglichen Praktiken und Elixiere zur Lebensverbesserung und -verlängerung feil geboten haben. Im Gegensatz zu spirituell-philosophischen Systemen, welche die Illusion der Trennung durch Erkenntnis und Erleuchtungserfahrung überwinden wollen, versuchen geist-magische Lehren dem Ich-identifzierten Individuum Vorteile im alltäglichen Konkurrenzkampf zu verschaffen. So dienen heutzutage uralte Methoden wie Meditation oder Yoga nun nicht mehr der spirituellen Entwicklung, sondern sie sollen nur die individuelle Fitness im globalen Wettbewerb erhöhen.

In unseren modernen Zeiten wurde auch die Deutungshoheit der Religionen über Lebensfragen von der Wissenschaft übernommen.  Ein Kind der Wissenschaft ist die Psychologie. Im ihrem Kielwasser entwickelten sich pseudowissenschaftliche Heilslehren, welche alte und neue Bedürfnisse zur Bewältigung des täglichen Lebens durch Methoden der Ich-Optimierung befriedigen wollen.

In seinem lesenswerten Buch beschäftigt sich Steve Ayan mit der Psychologie, unserer Gesellschaft und ihrer gegenseitigen Wechselwirkung.

"Dieses Buch hat drei Teile. Im ersten geht es um die Gesellschaft, in der wir leben, um die Inflation der Seelennöte und um die Frage, warum wir so ein Problem damit haben, Probleme zu haben. Der zweite Teil handelt von der Psychologie als Wissenschaft und erklärt, warum sie so anfällig für Legenden ist. Der dritte Teil schließlich schildert die Folgen des Psychokults im Alltag - etwa beider Partnerwahl und der Kindererziehung - und zeigt, wie wir es schaffen, uns nicht dauernd selbst verrückt zu machen." Loc. 187

Die Notwendigkeit der seriösen Psychologie stellt Steve Ayan nicht in Frage. Obwohl die Psychologie, nach Steve Ayan, eine "weiche" Wissenschaft ist, "...handelt es sich um eine in vielen Fällen dringend benötigte Heilbehandlung mit bestätigter Wirksamkeit." Loc. 1055 

Allerdings mahnt uns der Autor zu einem kritischen und vorsichtigen Umgang mit der Psychologie und ihrer Produkte. Hier liegt die große Stärke dieses Buches. Denkweisen, Methoden und Interessen des psychologisch-gesellschaftlichen Komplexes werden von Steve Ayan sehr genau analysiert und anschaulich dargestellt. 

"Doch fast allen Psychomethoden ist zweierlei gemeinsam: erstens das Ziel, tief greifende Veränderungen im Leben der Kunden zu bewirken, und zweitens der Weg dorthin. Denn der führt nahezu unausweichlich über mehr Sensibilität, mehr Bewusstsein, mehr In-sich-Hineinhorchen! Von dem Irrtum, das zum Allheilmittel zu erheben, handelt dieses Buch." Loc. 173

Steve Ayan ist das Kunststück gelungen, eine hervorragende Einführung in die Arbeitsweise der heutigen Psychologie und der Psychoindustrie, mit einer kritischen Analyse der gesellschaftliche Rezeption psychologischer Konzepte und Denkweisen zu verbinden.

Sehr kritisch sehe ich die Lösungsansätze, welche Steve Ayan am Ende seines Buches dem Leser anbietet.

"Und Therapeuten können zwar wirkungsvoll psychische Störungen lindern; den Weg zu einem gelingenden Leben kennen aber auch sie nicht. Wir müssen ihn selbst ausfindig machen - ohne Garantien und auf eigenes Risiko!" Loc. 2414

Geht es nach Steve Ayan, sollen wir unserem "Autopiloten" vertrauen und alles wird gut. Der Mensch wird dabei mit sich und seinen inneren Nöten allein gelassen. Der Autor glaubt, mit einfachen Faustregeln und banalen Alltagsritualen, die existentiellen Bedürfnisse und Nöte in den Griff zu bekommen und drückt sich damit um die Auseinandersetzung mit der spirituellen Dimension des menschlichen Daseins. Viele Aktivitäten, Ängste und Sorgen sind nämlich oft nur Symptome für das Gefühl der Trennung und des Verlorenseins. Der heutige Mensch ist eben nicht mehr eingebettet in ein allgemeingültiges Glaubenssystem, welches ihm Gewissheit und Vertrauen in das Leben gibt und damit Seelenfrieden verschafft. Warum sind die Religionen, trotz Wissenschaft und Aufklärung, nicht verschwunden? Warum gibt es in der Esoterik eine Renaissance uralter schamanischer Traditionen? Das Bedürfnis nach "religio" (lat.: Rückbindung) kann die Wissenschaft, die Psychologie und auch die Psychoindustrie nicht befriedigen. Allerdings sehe ich im religiösen Fundamentalismus, der Flucht in geist-magische Praktiken, oder dem Wiederbeleben steinzeitlicher Traditionen nicht die Lösung für die spirituellen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts.

Als eine Lösung nennt der Autor die Selbstvergessenheit, welche auch Gelassenheit genannt werden kann.

"Wer sein Ich exakt vermessen und unter Kontrolle halten will, gewinnt nichts und verliert viel - nämlich die Gabe, die uns die besten Momente beschert: Selbstvergessenheit." Loc. 2454

"Doch die Lösung aller Probleme liegt nicht darin, das Ich von A bis Z zu durchleuchten, sondern im Machen - und in der selbstvergessenen Lust daran." Loc. 2558

Aber auch hier vermeidet Steve Ayan die spirituelle Dimension der Begriffe Selbstvergessenheit und Gelassenheit. Daher möchte ich an dieser Stelle auf meine Seite über die Bedeutung der Gelassenheit bei Meister Eckhart verweisen:

In der heutigen Umgangssprache beschreibt der Begriff "Gelassenheit" meist ein ruhiges und entspanntes Verhältnis zu den Anforderungen des stressigen Lebensalltages. Seinem Ursprung nach ist es aber ein Wort aus der Lehre des Meister Eckhart. "Mit lâzen wird die Selbstentäußerung bezeichnet, die unter Preisgabe des Eigenwillens zur gehorsamen Annahme des göttlichen Willens vorbereitet. Lâzen meint eine Entbindung vom Ich, der der Eingang Gottes folgt." (Panzig, 2005, S. 99)
"Erst im Gelassensein - und Meister Eckhart schließt auf oberer Ebene sogar den eigenen Willen aus - kann die höchste Wirklichkeit erfahren werden, es führt zu ihr hin." (Voigt u. Meck, 2005, S. 146) Gelassenheit bei michaelditsch.de

Das lesenswerte Buch von Steve Ayan ist hervorragend strukturiert und gut recherchiert. Sehr hilfreich sind Anmerkungen, Literaturverzeichnis und Bücher zum Weiterlesen.

Anmerkung:
Um Regalplatz zu sparen, habe ich mir das Buch von Steve Ayan als E-Book gekauft, aber diese Entscheidung bereue ich bereits. Ich kann mich an das Lesen von E-Books einfach nicht gewöhnen. Mir fehlt das schnelle Durchblättern und Suchen, die Möglichkeit schnell und unkompliziert Unterstreichungen und Notizen anzufügen, oder einfach ein Stück Papier als Lesezeichen einzulegen.

Hilfe, wir machen uns verrückt! - Der Psychokult und die Folgen, Steve Ayan, Pendo, 2012