Buchtipp: "Lehrbuch Faszien" Robert Schleip (Hrsg.)

Erstellt von Michael Ditsch | | BewegtSein & Balance

Grundlagen, Forschung, Behandlung

Faszien – alles über die wichtigen Gewebeschichten. Informieren Sie sich über einen ganz neuen Forschungs- und Therapiebereich: Die Faszie bildet ein zusammenhängendes Spannungsnetzwerk, das den gesamten menschlichen Körper durchzieht und durch das jedes einzelne Organ, jeder Muskel, selbst jeder Nerv und jede Muskelfaser eingehüllt und eingebunden wird. Das bisher unterschätzte "Binde-Gewebe" – die Faszie – ist inzwischen Gegenstand eines rasch wachsenden Forschungsgebiets geworden, weil man erkannt hat, welch wichtige Rolle sie in Gesundheit und Krankheit spielt. Ob Praktiker, die die Manipulation dieses körperweiten Gewebes therapeutisch einsetzen möchten oder Wissenschaftler – das Buch liefert Ihnen alle relevanten Informationen systematisch zusammengefasst. Das knapp 80-köpfige Autorenteam setzt sich zusammen aus Praktikern der manuellen Therapien und Wissenschaftlern unterschiedlichster Disziplinen. Sie alle vermitteln Ihnen das notwendige Grundlagenwissen über die Faszie sowie konkrete Behandlungsmöglichkeiten. © Bild und Text Elsevier. Lehrbuch Faszien - Grundlagen, Forschung, Behandlung; Robert Schleip (Hrsg.); Elsevier 2014

Kommentar

# Bereits in meinem Kommentar zu dem Buch "Faszien in Bewegung" von Gunda Slomka (siehe Link unten) hatte ich geschrieben, dass das Thema Faszien noch zu vielen weiteren Publikationen führen wird. Das nächste empfehlenswerte Buch hat nun der Pionier der deutschen Faszienforschung Dr. Robert Schleip, Direktor Fascia Research Group Universität Ulm, zusammen mit Thomas W. Findley, Leon Chaitow, Peter A. Huijing herausgegeben. Es handelt sich um die deutsche Ausgabe des 2012 bei Churchill Livingstone Elsevier erschienen Buches "Fascia - The Tensional Network of the Human Body". Die Herausgeber waren Organisatoren der ersten drei International Fascia Research Congresses (siehe Link unten) und haben in den genannten Veröffentlichungen relevante Beiträge aus dem ersten und zweiten International Fascia Research Congress zusammengefasst. Deshalb finde ich die Bezeichnung "Lehrbuch" irreführend, da die Texte nur zusammengestellt, aber nicht didaktisch aufbereitet wurden. Es handelt sich, meiner Meinung nach, wie bei der Originalausgabe um einen Sammelband, welcher den aktuellen Stand der Faszienforschung und -therapie zusammenfasst.

# Die große Stärke des Buches liegt in der Verbindung von wissenschaftlicher Grundlagenforschung und Erkenntnissen aus der klinischen Anwendung. Die Fülle des vorgelegten Materials ist beeindruckend. Allein im Adressverzeichnis der Autoren auf S. IX werden 82 Personen aufgelistet. Unter den Autoren finden sich bekannte Namen wie z.B. Tom Myers, Jean Claude Guimberteau, Helene Langevin oder James L. Oschman. Auf insgesamt 432 Seiten und in 75 Kapiteln wird dem Leser ein breites Spektrum verschiedenster Themen geboten. Die Texte sind auch für Laien gut zu lesen, allerdings ist bei manchen Kapiteln ein anatomisch-medizinisches Fachwörterbuch sehr hilfreich. Durch die Vielfalt und Verschiedenheit des Materials eignet sich das Buch nicht zum Lesen von vorne bis hinten, sondern eher zum Durchblättern und Durchstöbern.

# Eine wichtige Leistung des Buches ist die Definition des Faszienbegriffs. Zu Recht erwähnt Schleip, dass die Faszien in der Anatomie und in der Medizin bisher meist ignoriert wurden. Für die sauberen und ordentlichen Darstellungen in Anatomiebüchern wurde das weißliche Fasziengewebe entfernt. Die reduktionistisch-analytische Herangehensweise westlicher Wissenschaft führte bei der Untersuchung des Menschen zu einer Zerlegung des Körpers in einzelne Bestandteile. Der Begriff Anatomie stammt aus dem Griechischen und bedeutet "das Zerschneiden, das Zergliedern". Die Bedeutung der Faszien wurde dabei nicht erkannt. Ihnen wurde nur eine passive Funktion als Verpackungs- und Füllmaterial zugesprochen. Neue Erkenntnisse der Forschung führen nun immer mehr zu einer, früher verpönten, ganzheitlichen Sicht auf das menschliche Geist-Körper System. Im vorliegenden Buch wird von vielen Autoren betont, dass im lebenden Körper aus biomechanischer oder neurophysiologischer Sicht alle Gewebe in ein Gesamtsystem integriert sind.

"Die Faszie bildet ein zusammenhängendes Spannungsnetzwerk, das den gesamten menschlichen Körper durchzieht und durch das jedes einzelne Organ, jeder Muskel, ja selbst jeder Nerv und jede kleine Muskelfaser eingehüllt und eingebunden wird." S. V

"Die Frage 'welcher Muskel' eine Bewegung ausführt, ist somit in der einfachen Form, wie sie üblicherweise in den Lehrbüchern behandelt wird, obsolet. Muskeln sind keine funktionell abgeschlossenen Einheiten – auch wenn diese Vorstellung noch so verbreitet ist. Vielmehr werden die meisten Muskelbewegungen durch eine Vielzahl einzelner motorischer Einheiten generiert, die über bestimmte Bereiche eines Muskels sowie über andere Bereiche anderer Muskel verteilt sind. Die Zugkräfte dieser motorischen Einheiten werden auf ein komplexes Netz aus Faszienmembranen, -strängen und -taschen übertragen und so in eine Körperbewegung umgesetzt. " S. V

"Dieser weiter gefasste Faszienbegriff bietet wichtige Vorteile für das Fachgebiet. Nachdem nun keine – oft willkürlichen – Grenzlinien mehr zwischen den Gelenkkapseln und angrenzenden Ligamenten und Sehnen (oder auch Aponeurosen, Retinakula und intramuskulären Faszien) gezogen werden müssen, kann die Faszie als ein großes, vernetztes Spannungsübertragungssystem wahrgenommen werden, dessen Faserausrichtung und -dichte je nach den örtlichen Anforderungen unterschiedlich gestaltet ist. Diese Terminologie kommt im Übrigen der lateinischen Wurzel des Begriffs 'Faszie' (Bund, Band, Binde bzw. Verbindung) recht nahe und entspricht mehr oder weniger dem, was der Laie unter 'Bindegewebe' versteht. Wissenschaftlich ist der Bindegewebebegriff dagegen weiter gefasst und beinhaltet auch die Stützgewebe wie Knorpel oder Knochen sowie Spezialformen wie Blut oder Lymphe – also alle Abkömmlinge des embryonalen Mesenchyms." S. VII

# Einer der führenden Faszienforscher ist der französische Chirurg Dr. Jean Claude Guimberteau. Bekannt ist er für seine spektakulären Aufnahmen des lebenden Fasziengewebes. Seine endoskopischen Untersuchungen bestätigen die Ansicht, dass der lebende Organismus als ein Gesamtsystem zu betrachten ist.

"Die traditionellen Konzepte, Begriffe und Angaben zur natürlichen Verschieblichkeit der Organe scheinen in einem gewissen Widerspruch zur anatomischen Realität zu stehen. Die üblichen Beschreibungen verschiedener Faszien, Binde- und areolärer Gewebe oder früher als Paratendineum bezeichneter kollagener Gleit- und Verschiebesysteme gehen immer von abgegrenzten Strukturen aus. Dagegen zeigen Bilder aus der Rasterelektronenmikroskopie, dass das Gesamtsystem gar nicht aus einzelnen, übereinanderliegenden Schichten besteht. In Wirklichkeit gibt es eine einzige zusammenhängende Gewebearchitektur mit unterschiedlichen Spezialisierungen. Um den daraus folgenden funktionellen Konsequenzen Rechnung zu tragen, nennen wir dieses Gewebe 'multimikrovakuoläres kollagenes (dynamisches) Aufnahmesystem' (im Englischen 'multimicrovacuolar collagenous [dynamic] absorbing system' MVCAS." S. 106

"So gesehen kann das gesamte Strukturgerüst des menschlichen Körpers als ein großes Kollagennetzwerk angesehen werden, dessen Eigenschaften entsprechend den Anforderungen, die an es gestellt, und an den Belastungen, die auf es ausgeübt werden, variieren. In der Tat sind das MVCAS und der menschliche Körper eigentlich ein und dasselbe Gewebe." S. 107

# Aus der Vielzahl der Themen möchte ich auf einige Kapitel hinweisen, welche mir persönlich als sehr interessant und lesenswert erschienen sind. Ausgangspunkt ist dabei mein Interesse an den chinesischen Kampf- und Gesundheitskünsten. Etliche Phänomene der chinesischen inneren Künste lassen sich mit den gängigen westlichen mechanischen Körpertheorien und -modellen nicht erklären. Die neueren Forschungen zeigen, dass die Faszien als körperweites Netzwerk sehr viele Aufgaben erfüllen, wie z.B: Kommunikations- und Informationssystem, Transport- und Ernährungsfunktion, immunologische Funktion, Kraftübertragung.

# Das Fasziennetzwerk als Kommunikations- und Informationssystem
In den Beiträgen von Robert Schleip (S. 56) und James L. Oschman (S. 75) wird deutlich, dass die Faszien auf Grund ihrer Beschaffenheit und Vernetzung im Körper einen wesentlichen Beitrag für die Wahrnehmung und zur Informationsverarbeitung des Körper-Geist Systems leisten. Robert Schleip weist darauf hin, dass das Fasziennetz eines der am reichsten sensibel innervierten Organe des Körpers ist und daher für die körperliche Eigenempfindung unser wichtigstes Wahrnehmungsorgan darstellt (S. 56) . James L. Oschman, bekannt durch sein Buch Energiemedizin, vertieft in seinem Beitrag "Die Faszie als körperweites Kommunikationsorgan" (S. 75) die Möglichkeiten der nichtneuralen Energie- und Informationsübertragung im Fasziennetzwerk. Bemerkenswert finde ich seinen Hinweis, dass unser Nervensystem eine junge evolutionäre Errungenschaft ist und bereits vorher ein innerkörperliches Kommunikationssystem auf Basis des Bindegewebes existiert hat. In der weiteren Entwicklung haben sich dann enge Verflechtungen zwischen dem Bindegewebe und dem Nervengewebe entwickelt. Dabei ist die Faszie, im Gegensatz zum Nervensystem, das einzige System mit Verbindung zu allen physiologischen Funktionen. Oschman erwähnt auch weitere Phänomene wie z.B. elektrische Felder und piezoelektrische Effekte.

# Kraftübertragung über Anatomische Zuglinien
Tom Myers erläutert ab S. 96 sein Konzept der Anatomischen Zuglinien der myofaszialen Meridiane. Er betont aber immer wieder in seinem Beitrag, dass dies keine wissenschaftlich bewiesene Tatsache ist, sondern eher ein "Argument per Design" (S. 99). Auch Myers weist wieder darauf hin, dass unser derzeitiges Verständnis des Körpers und seiner Funktionen durch anatomische Betrachtungen geprägt ist. Dieses Verständnis darf aber als überholt bezeichnet werden.

"Trotz der biblischen und aristotelischen Neigung des Menschen, Teile zu benennen, müssen Anatomen, gleichgültig, wie gut sie sich in der Terminologie – einem Fass ohne Boden – auskennen, zugeben, dass sich der Mensch organisch aus einer einzigen Eizelle entwickelt und nicht wie ein Auto aus Einzelteilen zusammengesetzt wird. Die üblichen technischen Begriffe, mit denen wir den Körper gerne beschreiben – das Herz ist eine Pumpe, die Lunge ein Luftbalg, das Gehirn ein Computer -, fördern unterschwellig die Vorstellung isolierter Abläufe und voneinander getrennter Systeme. Doch was wir im tiefsten Herzen wissen, sollten wir auch im klinischen Alltag nicht vergessen: dass unser Körper vom Zeitpunkt der Empfängnis an immer und überall in einem beständigen Zusammenspiel funktioniert." S. 96

# Biotensegrität – die Faszienmechanik
Der Begriff "Biotensegrity" stammt von dem amerikanischen Orthopäden Stephen Levin. Biotensegrity (Biotensegrität) ist ein mechanisches Modell biologischer Strukturen und Funktionen auf der Grundlage der Konzepte von Buckminster Fuller und Snelson (siehe Link unten). Danièle-Claude Martin ist Physikerin, Bewegungsforscherin, ausgebildet in Qi Gong, Yi Quan und Spiraldynamik®, Lehrerin für dreidimensionale Bewegungskoordination in eigener Praxis. In ihrem  gemeinsamen Beitrag ab S. 101 erläutern sie die Funktionsweise der Biotensegrität im menschlichen Körper und mögliche Methoden für ein Faszientraining. Für mich persönlich einer der wichtigsten Beiträge, da hier der direkte Bezug zu den chinesischen inneren Künsten gegeben ist.

"Ein intern verstrebter Ikosaeder ist eine Tensegritätsstruktur. Diese besteht laut einfacher Definition aus 'schwimmend gelagerten Druckelementen in einem zusammenhängenden Spannungsnetz'. Die Druckelemente haben keinen Kontakt untereinander, sodass Belastungen über das Netz übertragen werden. Das ist etwas ganz anderes als die uns eher vertrauten Kompressionssäulen aus aufeinandergestapelten Blöcken, die auf Druckbelastung nach den schwerkraftorientierten Hebelgesetzen reagieren. Tensegritätsikosaeder lassen sich unendlich oft zusammensetzen, hierarchisch oder als Fraktale [...]. Sie sind Niedrigenergiestrukturen, in denen mit minimalem Materialaufwand maximaler Raum und maximale Festigkeit gewonnen wird. Durch die Triangulierung sind sie trotz flexibler Gelenke stabil und anpassungsfähig. Ihre mechanischen Eigenschaften sind nicht linear, wie es auch bei biologischen Materialien und Strukturen der Fall ist. Säulen benötigen die Schwerkraft, damit sie zusammenhalten – ohne die Schwerkraft würden sie zusammenfallen und alles, was sie tragen, mit ihnen. Tensegritätsstrukturen dagegen sind in sich geschlossen und nicht von der Schwerkraft als Kohäsionskraft abhängig." S. 101

"Wesentlich für das Konzept der Biotensegrität ist die Erkenntnis, dass die Faszie im System ununterbrochen unter Zug steht. Faszien weisen die für alle biologischen Gewebe charakteristische Nichtlinearität auf, und im nichtlinearen Gewebe erreicht die Spannungs-Dehnungs-Kennline niemals null (wie es im Gegensatz dazu für lineare Materialien typisch ist). Es bleibt also grundsätzlich immer Spannung im System. Diese kontinuierliche Eigenspannung ist ein essenzielles Element von Tensegrität und gibt den Ton(us) im Organismus an. In der Faszie gibt es aktive kontraktile Elemente [...], und das Fasziennetz ist engstens mit der Muskulatur verbunden [...].  Auch die Muskulatur hat einen intrinsischen Tonus ist niemals vollkommen schlaff. Das gesamte Fasziennetz wird also durch seine Eigenspannung wie auch durch aktive, regelbare Kontraktionen kontinuierlich unter Spannung gehalten." S. 102

"Im Unterschied zur klassischen Mechanik haben die hierarchischen Tensegritätsstrukturen nur Spannungs- und Kompressionselemente. Es gibt keine Scherung, keine Dreh- oder Biegemomente. Die Ausrichtung der Struktur im Raum hat keinen Einfluss auf ihre Funktion. Kräfte werden im gesamten System verteilt und nicht – wie in Hebelsystemen – lokal konzentriert. Das gesamte System reagiert immer als zusammenhängende Einheit. All dies macht das System ausgesprochen energieeffizient. Bewegung geschieht nicht durch Abknicken in (Scharnier-)Gelenken, sondern durch Ausdehnung, Umlagerung und Kontraktion von Tensegritätselementen. Durch die sofortige Umlagerung der Tensegritätselemente können sich die Gelenke frei bewegen, während die Triangulierung gleichzeitig für die Stabilität von Form und Funktion sorgt. Biotensegrität ist das übergreifende strukturell-mechanische Konzept, das unsere bisherigen vereinzelten Kenntnisse über die Faszie verbindet und zu einem Archipel des Wissens über die Faszienanatomie und -physiologie macht." S. 103

"Das Konzept der Biontensegrität bietet nicht nur die theoretische Grundlage zur Mechanik und Dynamik des Körpers, sondern auch für ein praktisches Verfahren, das man als inneres Faszientraining bezeichnen könnte. Wesentliches Element dieses Verfahrens ist die mentale Vorstellung von Bewegungen ('Motor Imagery') mit visueller Repräsentation und kinästhetischer Bewusstheit nach den Prinzipien der Biotensegrität. Ziel ist die Unterstützung von Bewegungsfunktionen." S. 103

"Die Stabilität einer Tensegritätsstruktur beruht auf dem Gleichgewicht zwischen dem nach außen gerichteten Druck starrer Elemente, die das Spannungsnetz aufspannen, und dem nach innen gerichteten Zug der miteinander verbundenen Spannungselemente, die die starren Elemente zusammendrücken, ohne sie miteinander in Berührung kommen zu lassen: Die Tensegritätsstruktur kann als 'gebremste Expansion' aufgefasst werden. Expansion (oder Raum) erzeugt Spannug, und zunehmende Spannung erzeugt einen Widerstand in der Tensegrtätsstruktur und lässt sie kräftiger werden." S. 103

"Bei dem Training wird daher zunächst mit mentalen Techniken eine plastische Vorstellung für die Knochen als Raum schaffende Streben und für den Raum zwischen den Knochen erzeugt. Darauf aufbauend kann man dann die Vorstellung eines elastischen inneren Halts entwickeln. Wenn man diese innere Stütze einmal gefunden hat, kann man sich darin 'entspannen'. Entspannung heißt hier nicht, einfach loszulassen, was zu einer Schwächung und zum Zusammenbruch führt, sondern ist gleichbedeutet mit einer Umverteilung von Spannung im faszialen Netz aus den Qualitäten Raum, Stärke und Spannungsgleichgewicht heraus." S. 103

"Im nächsten Schritt des Trainings werden diese Qualitäten in die Bewegung integriert. Bei der Bewegung einer Tensegritätsstruktur lassen sich verschiedene Dinge beobachten." S. 103

"Bewegung ist von Natur aus polar, und die Orte, von denen eine Bewegung ausgeht, nennen wir Bewegungspole. Bei der Bewegung wird die Struktur gebogen, aber sie reagiert darauf mit einer Neuausrichtung ihrer Elemente und bildet nirgendwo Knicke aus. Überall in der Struktur bleibt Spannung erhalten, sowohl an der konkaven als auch an der konvexen Seite, und keines der starren Elemente übt auf irgendein anderes Druck aus." S. 103

"Im Körper finden sich Bewegungspole z.B. in den beiden Knochenenden, die miteinander ein Gelenk bilden; die Tensegritätsstruktur dazwischen ist dann der Gelenkspalt." S. 103

"Vielleicht können Sie sogar die Ausbreitung dieser Bewegung über die Wirbelsäule und den gesamten Körper wahrnehmen, da ja alle Körperregionen und ihre Bewegungspole miteinander in Verbindung stehen […]. Die Bewegung ist leicht, langsam, erfolgt unter Einsatz minimaler Muskelkraft, und man kann sich dabei in der inneren Stütze entspannen." S. 104

"Neben der Bewegungsrichtung der Spirale ist auch der Widerstand der gespannten Elemente wichtig. Die kinästhetische Wahrnehmung des feinen Widerstands, der die Bewegung begleitet, wird mit einer modifizierten Mentaltechnik aus der chinesischen Kampfkunst geschult. Dadurch können alle oben beschriebenen Qualitäten verstärkt werden. Man kann sich diesen Widerstand auch als Ergebnis zweier entgegengesetzter Bewegungen vorstellen: der eigentlich angestrebten primären Bewegung sowie einer Gegenbewegung, die der primären Bewegung aufhält. Die simultane Wahrnehmung beider Bewegungen ist mental herausfordernd, aber genau dieses Training des Nervensystems führt zu einer tiefgreifenden Verbesserung von Flüssigkeit, Kraft und Elastizität der Bewegung." S. 104

"Charakteristisches Merkmal des Trainings ist der minimale Einsatz von Muskelkraft. Studien zeigen, dass das Nervensystem auf die Vorstellung einer Bewegung bereits ganz ähnlich wie auf die tatsächliche (körperliche) Durchführung dieser Bewegung reagiert […] und Muskelkraft dafür entwickelt […]. Über die mentale Arbeit ('Mental Imagery') lässt sich Muskelarbeit also in faszinierend ökonomischer Weise einsetzen, um optimale Effizienz und Leichtigkeit der Bewegungen zu erzielen." S. 104

"Mit der Zeit werde die Bewegungen dann ganz natürlich durch die verinnerlichten Prinzipien der Biotensegrität unterstützt: Die Wahrnehmung des inneren Raums und das Spüren der überall vorhandenen Spannung, die die Körpermechanik kontrolliert, ermöglichen eine optimale Nutzung der Strukturelemente unter optimal ausgeglichen Spannungsverhältnissen. Dadurch werden die Bewegungen freier und effizienter, ob im Sport, im Alltag oder in der Therapie. Die neue Sichtweise auf die Körperarchitektur und -bewegung verhilft zusätzlich zu einer positiveren Einstellung zur Schwerkraft, die dann keine drückende Last mehr ist, die den Körper zusammendrückt und beugt, sondern eine Kraft, die Raum und Stärke in unserer Struktur erzeugt." S. 105

# Faszien-Fitness: Empfehlung für ein faszienorientiertes Training in Sport und Bewegungstherapie
In ihrem Beitrag ab S. 350 erwähnen Divo G. Müller und Robert Schleip, dass die traditionellen asiatischen oder asiatisch inspirierten Körper-Geist Künste (Yoga, Kampfkünste, etc.) die Bedeutung des Bindegewebes kennen, aber konkrete Erkenntnisse aus der modernen Faszienforschung noch nicht integriert haben. Sie haben daher ein Übungssystem entwickelt, welches diese Erkenntnisse besonders berücksichtigt. Sehr interessant fand ich den Hinweis zum Lauftraining.

"Ziel des Faszientrainings ist es, die faszialen Fibroblasten zur Ausbildung einer 'jugendlichen' und 'gazellenartigen' Faseranordnung anzuregen. Dies geschieht am besten durch Bewegungen, die das Fasziengewebe in verschiedenen Dehnwinkeln belasten und seine elastische Sprungfederkraft fordern." S. 351

"Ein dynamisches Belastungsmuster, bei dem der Muskel sowohl aktiviert als auch gedehnt wird, verspricht letztendlich die umfassendste Stimulation des Fasziengewebes." S. 352

"Sehr wichtig ist dabei die zeitliche Abfolge der einzelnen Be- und Entlastungsphasen. Im Rahmen des modernen Lauftrainings wird häufig empfohlen, immer wieder kurze Gehphasen beim Laufen zwischenzuschalten. Dafür gibt es gute Gründe: Unter Belastung wird Flüssigkeit aus dem Fasziengewebe herausgedrückt und das Gewebe, das auf diese Weise seine elastisch-federnde Geschmeidigkeit immer mehr einbüßt, kann nach einer gewissen Zeit nicht mehr optimal funktionieren. Die kurzen Gehpausen dienen daher der Rehydrierung des Gewebes, das so die Gelegenheit hat, frische, nährende Flüssigkeit aufzunehmen." S. 356

"Wenn die Laufbewegung sicht- und spürbar gedämpft und nicht mehr federnd ist, wird es Zeit für eine Unterbrechung. Und wenn sich, umgekehrt, nach einer kurzen Gehpause das federnde 'Gazellengefühl' wieder eingestellt hat, war die Ruhepause ausreichend lang." S. 356

# Lehrbuch Faszien - Inhaltsverzeichnis

I Wissenschaftliche Grundlagen 1
1. Faszienanatomie 3
2. Die Faszie als Kommunikationsorgan 55
3. Fasziale Kraftübertragung 81
4. Das Fasziengewebe 109

II Klinische Anwendungsbereiche 135
5. Fasziale Erkrankungen 137
6. Diagnostische Verfahren  zur Bestimmung der Faszienelastizität 195
7. Faszienorientierte Therapieformen 217

III Wege in der Forschung 359
8. Zur Forschung: methodische Herausforderungen und neue Richtungen 361

Glossar 383
Abkürzungen 389
Register 391
Farbtafeln 403

Lehrbuch Faszien - Grundlagen, Forschung, Behandlung; Robert Schleip (Hrsg.); Elsevier 2014