Buchtipp: "Leise Menschen - starke Wirkung" von Sylvia Löhken

Erstellt von Michael Ditsch | | Körper & Psyche

Wie Sie Präsenz zeigen und Gehör finden

Die starken Seiten introvertierter Menschen - Ratgeberliteratur zum Thema Kommunikation und Umgang mit Menschen orientiert sich so gut wie immer an den "Extros", also an Menschen, die sich in ihrem Verhalten dynamisch, spontan und gern nach außen öffnen. Extrovertierte Menschen sind mit Blick auf die Gesamtbevölkerung jedoch keinesfalls in der Mehrheit, werden wegen ihrer offensiveren Kommunikation aber in der Regel stärker wahrgenommen. Das vorliegende Buch ist anders: Es will leise Menschen auf positive Weise mit sich selbst bekannt machen. Im Mittelpunkt stehen die Vorteile, die sie mit ihren Eigenschaften im Umgang mit sich selbst und anderen haben. Denn introvertierte Persönlichkeiten sind nicht defizitär, sondern sie haben schlicht andere Stärken und andere Bedürfnisse als extrovertierte Menschen. © Bild und Text Gabal. Leise Menschen - starke Wirkung: Wie Sie Präsenz zeigen und Gehör finden, Sylvia Löhken, Gabal Verlag, 2012

Kommentar

Viele Angebote in der Wellness, Coaching- und Ratgeberbranche gehen von der Frage aus "Wer will ich sein?". Da die meisten Menschen schön, reich, glücklich, gesund und erfolgreich sein wollen, werden sie mit Literatur und Kursen überschüttet, die eine optimale Anpassung an die Anforderungen des globalen Arbeitsmarktes versprechen. Die meist vollkommen unrealistische Orientierung an sogenannten "erfolgreichen" Menschen aus der Wirtschaft oder den Medien führt aber oft zu sehr leidvollen Erfahrungen. 

In ihrem Buch "Leise Menschen - starke Wirkung" hat Sylvia Löhken einen ganz anderen Ansatz:  

"Gute Kommunikation hat, das war (und ist) mein Ausgangspunkt, etwas mit Identität zu tun. Erst wenn ich mich selbst kenne und mit mir selbst gut umgehen kann, kann ich auch mit anderen erfolgreich um gehen: im Vortrag, beim Verhandeln, beim Netzwerken und auch im Privatleben." S. 12 

Dieser Ausgangspunkt impliziert die Frage "Wer bin ich?" und damit die Forderung nach Selbsterkenntnis. Selbsterkenntnis hat aber immer mit Spiritualität zu tun und obwohl es sich um branchenübliche Ratgeberliteratur handelt, lässt sich die spirituelle Grundhaltung von Sylvia Löhken immer wieder erkennen. So stammt das Vorwort von Dr. Fleur Sakura Wöss, Leiterin des Daishin Zen-Meditationszentrums Wien und auch einige Textstellen geben die Einstellung von Sylvia Löhken direkt wieder: 

"In der zweiten Lebenshälfte wird die Introversion für extrovertierte Menschen damit zugänglicher und hat einen besonderen Wert: Sie hilft, über sich selbst und das eigene Leben zu reflektieren, über Werte und Sinn nachzudenken." S. 24 

"Ruhe ist aber viel mehr als die Abwesenheit äußerer Reize. Sie ist - das zeigen viele Jahrtausende spiritueller Tradition - auch der einzige Weg, um Klarheit zu bekommen: über sich selbst, über andere, über das Leben. Gemeint ist aber eine andere Art von Ruhe: die innere Ruhe, ein Zustand, der im Gehirn messbare Veränderungen verursacht." S. 55 

"Dieses Prinzip der sich bereichernden Gegensätze hat die Philosophie mit Blick auf die Natur verallgemeinert, besonders plastisch im Yin und Yang des Taoismus" S. 268 

Die promovierte Germanistin Sylvia Löhken bezeichnet sich selbst als introvertierte Kommunikatorin. Als Vortragsrednerin und Coach unterstützt und berät sie Menschen und Unternehmen im Umgang mit Extro- und Introversion. Die persönliche Lebenserfahrung hat Sylvia Löhken zur Beschäftigung mit der Introversion geführt. Gerade die derzeitige Dominanz der extrovertierten Ethik in Beruf, Gesellschaft und Erziehung, mit dem Zwang zu ständiger Selbstdarstellung und -vermarktung, führt oft zu leidvollen Anpassungsdruck bei introvertierten Persönlichkeiten. 

"Ganz und gar ungesund ist es allerdings, ständig außerhalb der persönlichen Komfortzone zu leben. ... Im Extremfall kann ein Leben mit zu viel Anteil außerhalb der eigenen Komfortzone tatsächlich krank machen." S. 22 

"Die Frage, ob Sie ein leiser Mensch sind, ist wahrscheinlich die wichtigste in diesem Buch ... Wo sind Sie auf dem Kontinuum zwischen Introversion und Extroversion angesiedelt? Wenn Sie diesen Ort gefunden haben, finden Sie auch Ihren Zugang zu wichtigen Stärken und Hürden im Umgang mit sich selbst und anderen. Sie werden außerdem viel Energie sparen, die  Sie womöglich (wie ich auch) investiert haben, um wie eine Person zu leben, die Sie gar nicht sind." S. 37 

"Am stärksten sind wir, wenn wir uns selbst kennen, unsere Eigenschaften bejahen und für unsere Stärken und Bedürfnisse Verantwortung übernehmen." S. 40 

"In einer Welt, in der vor allem die Kommunikation extrovertierter Menschen als erstrebenswert gilt, rückt das, was leise Menschen können, leisten und zu bieten haben, leicht in den Hintergrund." S. 46 

"Gerade für junge Intros ist es unschätzbar, wenn sie sich in einer Welt, in der in Kindergärten und Schulen vor allem Extros als 'cool' angesehen werden und Aufmerksamkeit bekommen, mit ihrem eigenen Stärken und Vorlieben gewürdigt sehen." S. 116 

Wer schon das Buch "Still" von Susan Cain (siehe Link unten) mit großem Vergnügen gelesen hat, wird auch von "Leise Menschen - starke Wirkung" begeistert sein. Im Gegensatz zu dem umfassenden Sachbuch von Susan Cain hat Sylvia Löhken ein sehr gut strukturiertes Praxishandbuch geschrieben. Im ersten Teil des Buches gibt Sylvia Löhken eine fundierte Einführung in das Thema Introversion und bezieht dabei auch neueste Erkenntnisse der Hirnforschung mit ein. Besonders hat mir gefallen, wie sie die Stärken und Hürden introvertierter Menschen dargestellt hat. Ein Selbsttest zur eigenen Verortung rundet den ersten Buchteil ab. In Teil 2 und 3 zeigt Sie, wie die in Teil 1 erarbeiteten Grundlagen in den verschiedensten Lebensbereichen angewendet werden können. Sehr nützlich sind die Fragebögen, die das ganze Buch durchziehen und immer wieder Gelegenheit zur Reflexion der eigenen Lebenssituation geben.

Leise Menschen - starke Wirkung: Wie Sie Präsenz zeigen und Gehör finden, Sylvia Löhken, Gabal Verlag, 2012