Buchtipp: "Living Biotensegrity" von Danièle-Claude Martin

Erstellt von Michael Ditsch | | BewegtSein & Balance

Interplay of Tension and Compression in the Body

This book provides a detailed look at the structural principles of biotensegrity and the relevance it may have for the architecture of living structures. The author, Danièle-Claude Martin begins with fundamental thoughts on the integrative mechanics of the human body and progresses to a theoretical framework of biotensegrity that can be useful for both body therapists and movement practictioners. Readers will also find discussions of key concepts in biotensegrity that reflect the concrete application in a wide variety of fields. Introduction to biotensegrity: observations – need – historyExploring the principle: constructing models – discovering the essential aspects – implications of the tensegral approach Applying the principle to living structures: the principle in nature – theoretical framework for bodywork – new perspective on anatomy and on movement. © Bild und Text Kiener Verlag. Living Biotensegrity - Interplay of Tension and Compression in the Body, Danièle-Claude Martin, Kiener Verlag, 2016

Kommentar

# Bewegung hat mich schon seit meiner frühen Jugend fasziniert. Laufen, Wandern, Klettern, Schwimmen, Tauchen, Radfahren und immer: Kampfkunst. Dazu die entsprechenden Aus- und Weiterbildungen mit theoretischen und praktischen Inhalten. Der bewegte Mensch wurde dabei meistens als eine Art Maschine betrachtet und erklärt. Die Maschinenmetapher wird auch heute noch oft für die Beschreibung des Menschen als eine, aus Einzelteilen bestehende, komplexe Maschine verwendet. Beispielsweise wird das Herz als Pumpe, ein Muskel als Motor, das Gehirn als Computer oder das Skelett als Haltegerüst bezeichnet. Die Kraftübertragung durch Knochen, Muskeln und Sehnen wird mittels Hebel oder Seilzügen erklärt. Bilder der Wirbelsäule (der Name sagt ja schon alles) als antike Tempelsäule oder als Segelmast. Darstellungen von Becken und Beinen als eine Art Bogenbrücke, welche das Körpergewicht aufnimmt und den Druck nach unten zum Boden ableitet. Entstanden sind diese Erklärungen auf Basis der westlichen Wissenschaft, welche hauptsächlich reduktionistisch und analytisch arbeitet. Die anatomischen Modelle wurden anhand sezierter Leichen erstellt und jeder kennt noch die klapprigen Skelette aus dem Biologieunterricht. Der Begriff Anatomie stammt aus dem Griechischen und bedeutet "das Zerschneiden, das Zergliedern". Dabei ist alles an uns Menschen lebendig und verbunden. Selbst Knochen sind lebendige, gut durchblutete Organe, die aus verschiedenen Geweben bestehen.

# Wer schon einmal Turner, Akrobaten oder Kampfkünstler in Aktion beobachtet hat, wird den Menschen nicht als zusammengesetzte Maschine verstehen können. Und selbst in der Schwerelosigkeit kann sich ein Mensch noch sehr gut bewegen, ohne das Einzelteile davonschweben. In der Kampfkunst bin ich immer wieder Phänomen begegnet, die sich mit gängiger Körpermechanik nicht erklären lassen. Fajin (发 fā senden, schicken; 劲 jìn Kraft, Stärke; innere Energie abgeben oder Explosivkraft) oder ein One-inch Punch z.B. sind, meiner Meinung nach, nicht allein mit mechanischen Schwung- oder Drehbewegungen infolge von Muskelkontraktionen zu erklären. Besonders in den chinesischen inneren Kampfkünsten, Neijiaquan 內家拳 Nèijiāquán, wird sehr oft über die Unterschiede der verschiedenen Kräfte wie Jin 劲 jìn, Li 力 lì oder Shi 势 shì diskutiert. Klassische Texte der Neijiaquan erwähnen immer wieder die bruchlose Verbundenheit der Körperbewegungen: "Wenn sich ein Teil des Körpers bewegt, bewegt sich der ganze Körper. Steht ein Teil des Körpers still, steht der ganze Körper still." Wu Yuxiang 武禹襄.

# Mein Interesse für das Körper<=>Geist System hat mich im Herbst 2007 zu einer Spiraldynamik® Fachkraft Level Basic Ausbildung bei Willi Schneider in München geführt. An einem Wochenende gab Dr. Danièle-Claude Martin eine Einführung zu neuen Erkenntnissen im Bereich der Körpermechanik. Nicht nur das Thema hat mich sofort fasziniert, es war auch die sympathische Art und Weise, in Verbindung mit viel Enthusiasmus, mit der Dr. Danièle-Claude Martin über Biotensegrität referiert hat. Sie ist eine wahrhafte Forscherpersönlichkeit die, mit Herz und Verstand und großer Beharrlichkeit, die Grenzen des Wissens zu erweitern sucht. Als promovierte Physikerin, mit Ausbildungen und Erfahrungen in Tanz, Spiraldynamik® und chinesischen Kampf- u. Gesundheitskünsten, hat sie die besten Voraussetzungen, um ein neues Modell der lebendigen Bewegung zu entwickeln. Durch die Zusammenarbeit mit dem Biotensegrity Pionier Stephen M. Levin MD und mit Gründung der Biotensegrity Interest Group hat sie die Forschung auf diesem Gebiet weiter vorangetrieben. Nach der ersten Begegnung habe ich weitere Seminare bei Dr. Danièle-Claude Martin besucht und mich intensiver mit Biotensegrität beschäftigt.

# Die Gliederung des neuen Buches von Dr. Danièle-Claude Martin entspricht der Logik, nach der sie ihren Unterricht aufbaut. Das selbständige Anfertigen von Tensegritätsmodellen ist nach ihrer Ansicht eine wichtige Voraussetzung für das Verständnis von Prinzipien und Konzepten der Biotensegrität. Eine rein theoretische Auseinandersetzung mit der Thematik ist, auch nach meiner Erfahrung, nicht ausreichend. Nach einer kurzen Einführung im ersten Kapitel beschäftigt sich das zweite Kapitel mit der Konstruktion einfacher Modelle. Die gut bebilderten Anleitungen sind sehr hilfreich und schon durch den Bau eines "Tensegrity Tripod" entwickelt sich ein Gefühl für das "Interplay of Tension and Compression". Im dritten Kapitel "Reflections upon tensegrity" werden die gewonnen Erkenntnisse vertieft und erläutert. Praktische Beispiele für die Anwendung der Biotensegrität werden im vierten Kapitel "Inspirations" vorgestellt. Als "Bewegungsmensch" hat mich natürlich der Abschnitt "The body: a biotensegral hierarchy" im dritten Kapitel besonders interessiert. In diesem Abschnitt wird auch die Faszienforschung von Dr. Robert Schleip erwähnt, der mit seinen Veröffentlichungen einen wahren Faszien Hype ausgelöst hat. Die Marktmechanismen der Fitness- und Gesundheitsbranche lassen sich hier gut beobachten. Nach dem Prinzip "Alter Wein in neuen Schläuchen" werden altbekannte Übungssysteme neu etikettiert und auf den Markt geworfen. Nach "Faszien-Yoga" und "Faszien-Ernährung", warte ich auf den ersten Anbieter von "Faszien-Taichi".

# Besonders die traditionellen ostasiatischen Kampf- u. Gesundheitssysteme haben, meiner Ansicht nach, schon immer die tensegrale und fasziale Struktur des Menschen gefördert. Im vierten Kapitel "Inspirations" geht Dr. Danièle-Claude Martin dann auch auf die "Biotensegral body awarness" der chinesischen inneren Künste ein. Wesentliche Erfahrungen stammen z.B. aus dem Yiquan 意拳Yìquán, einer inneren chinesischen Kampfkunst, welche durch Übung von Yi 意 (Vorstellungskraft, -bilder, Geist) Körpergewebe beeinflusst und so Jin 劲 (innere Kraft) erzeugt. Durch die Beschäftigung mit Biotensegrität sind mir viele Begriffe und Konzepte, die mir beim Praktizieren ostasiatischer Kampfkünste begegnet sind, viel klarer geworden. Mir ist dabei auch bewusst geworden, welche Auswirkung die falsche Interpretation von Begriffen und Konzepten haben kann. So verwenden viele chinesische Lehrer den Begriff Fangsong 放松 fàngsōng, der meist mit entspannen, loslassen oder lockern übersetzt wird. Diese Übersetzung führt aber bei Übenden oft zu einem Verlust der Körperspannung, einer Erschlaffung der Körperstruktur und einem Absinken des Körpergewebes.

"Since a loaded tensegrity structure becomes stiffer and stronger, thereby restricting changes in its volume [...], spaciousness becomes inseparably linked to strength and resistance. Developing this kind of perception induces the sense of an internal support based on space rather than hard bone-on-bone contact. It then becomes possible to 'rest' within this internal support and find a balanced state of optimal self-stress - 'neither too much nor too little' - as expressed in the Chinese art of movement (and studied by the author); and this quality can be termed 'comfort self-stress' (as a pendant to 'Wohlspannung', a word coined in German by the author). The use of the word 'comfort selfstress' allows the body and mind to get rid of the simplistic idea of  'letting-go', and its side effects of weakening and collapsing, which are commonly associated with 'relaxation'. Comfort self-stress implies redistribution of tension - and compression - within the mesokinetic organ [...] and includes all the other qualities such as strength. As a consequence, strength will no longer be equated with ideas of compactness or contraction but those of space and comfort self-stress." S. 95

#  Dr. Danièle-Claude Martin bin ich sehr dankbar für die Vermittlung ihres Wissens und auch für die Inspiration und Motivation, mit der sie meinen Übungsweg bereichert hat. Ich wünsche ihr viel Erfolg für ihr Buch und für ihre weitere Forschung auf dem Gebiet der Biotensegrität.

Table of Contents

Foreword V

Preface and Acknowledgements VI

I Introduction 1

II Constructing simple tensegrity models 5

Tensegrity tripod 5
Materials 6
Construction 7

Three-level 'Needle Tower' 22
Materials 22
Construction variation 1 23
Construction variation 2 30

Six-strut spherical tensegrity structure ('tensegrity icosahedron') 34
Materials 34
Construction 35

III Reflections upon tensegrity 43

Forces: the interplay of tension and compression 43
Traditional versus tensegral 43
Tensegrity maximises the advantages of tension and minimises the drawbacks of compression 46
Tensegrity structures are elastic and highly responsive 47
Tensegrity structures are synergic 47
The spiralling and volume-maintaining response of tensegrity structures to loads 49
Glossary 52

Forms: a geometry for thinking and feeling 57
Space in art and architecture 57
Shaping the space with innovative organic geometry 57
A short stroll through art history 59
Energetic geometry 60
Polyhedral shapes materialise energy states of space 60
'Jitterbug' and the icosahedron 62
The special status of the icosahedron among the other polyhedra 66
A critique of 'cubic thinking' 68
What really is a cube? 68
The cube cannot be chosen as the primary reference for the description of space 72
Some more about the cubic perspective 73
Part-whole relationship: inescapable complexity 74
Complexity is given à priori, irreducible and independent of size 74
Tensegrity: the epitome of Fuller's concept 77
The 'tensegrity icosahedron' 77
Fuller and architecture 83

The body: a biotensegral hierarchy 85
Tensegrity at the organism level 85
Bones are islands of compression 85
The significance of the compressional discontinuity 87
Tensegrity from the subcellular to the tissue level 87
The place of water in biotensegral structures 89
Biotensegrity and the organs 90
A unifying approach to anatomy and biomechanics 90
Steps towards unity 91
The 'mesokinetic organ' 92
Putting things together: which mechanical model best fits body function and our perception of it? 94

IV Inspirations 95

Biotensegral body awareness 95
Creative thoughts by contributors sharing the spirit of biotensegrity 104
Dance and biotensegrity (Liane Simmel) 104
Ostéo éveil and biotensegrity (Michèle Tarento) 105
Biotensegrity and manual fascia therapy: the importance of the bones' structure (Nadine Quéré) 107
Reflections of a cardiologist inspired by the concept of biotensegrity (Bernard Payrau) 108
Exploring the biotensegral response potential with special needs child ren and adults - advanced biomechanical rehabilitation (Diane Drake Vincentz) 112
Towards a tensegral grammar (Marc Nürnberger) 117

Further realisations and projects involving tensegrity 120
From bird flocks formation ... 120
... to virus' self-assembly and motion ... 120
... to innovative human-designed structures ... 121

V Concluding words 123

VI Appendix
Bibliography 124
Index 129

Living Biotensegrity - Interplay of Tension and Compression in the Body, Danièle-Claude Martin, Kiener Verlag, 2016