Buchtipp: "Mit Wuwei zum Dao" von Peter Hubral

Erstellt von Michael Ditsch | | Spiritualität & Lebenskunst

Mit Philía zum Lógos

Mit Wuwei zum Dao ist ein lang überfälliges Buch, welches einem breiten Publikum die Begriffswelt der daoistischen Sicht des Lebens näher bringt und tiefgreifend erläutert. Es richtet sich an Sinologen, Philosophen, an TCM-Ärzte und Interessierte gleichermaßen und ist insbesondere für all die Praktizierenden des Qigong, des Taijiquan und anderer chinesischer Kampfkünste ein Fundus von unschätzbarem Wert. Dr. Peter Hubral greift in seinen Erläuterungen auf einen großen theoretischen und praktischen Erfahrungsschatz zurück. Dieses Buch ist die Mühe wert, es sich zu erarbeiten, im wahrsten Sinne des Wortes. © Bild und Text Lotus-Press. Mit Wuwei zum Dao: Mit Philía zum Lógos, Peter Hubral, Lotus-Press, 2012

Kommentar

Im Gegensatz zum Buddhismus führt der Daoismus in Deutschland eher ein Schattendasein. Allein der Blick in die Regale einer Buchhandlung zeigt den Unterschied. Über die Lehre Buddhas und ihre diversen Auslegungen gibt es gerade in Deutschland sehr viele Veröffentlichungen. Um so mehr freut es mich, wenn ich deutsche Literatur zu daoistischen Themen entdecke. Peter Hubral wagt in seinem Buch "Mit Wuwei zum Dao" den Versuch, seine Übungspraxis und persönliche Erfahrung, mit Erkenntnissen aus seinem Studium daoistischer und antiker westlicher Philosophie zu verbinden.

Allerdings ist mir das Lesen des Buches zunächst schwergefallen. Das Fehlen einer leserfreundlichen Strukturierung und Gliederung, die ständige Wiederholung bereits behandelter Themen oder die vielen Verweise auf ein anderes Buch von Peter Hubral, haben für mich das Lesevergnügen etwas geschmälert. Sehr schade fand ich, dass ausgerechnet der Wissenschaftler Hubral bei seinem Buch keine Quellenangaben der verwendeten Zitate beifügt. Gerade die vielfältigen Übersetzungs- und Interpretationsmöglichkeiten klassischer chinesischer Literatur erfordern, meiner Meinung nach, genaue Verweise auf die verwendete Original- und Sekundärliteratur. Auch hätte ich mir bei einem, nach eigener Darstellung, "Hobby-Philosophen" eine eigene Definition der verwendeten Begriffe gewünscht. Der ständige Hinweis, dass überhaupt nur Adepten eines Übungsweges, nach Erreichen einer entsprechenden Übungsstufe, die Begriffe der klassischen chinesischen Philosophie verstehen können, entbindet, meiner Meinung nach, nicht von einer begrifflichen Auseinandersetzung. Gerade bei chinesischen Begriffen ist, wegen der verschiedenen Umschriftsysteme, die zusätzliche Einfügung der chinesischen Schriftzeichen oft hilfreich.

Die Problematik unklarer Begriffe zeigt sich z.B. bei dem, vom Autor im Buch oft genannten, Gegensatz von Natur und Kultur. Der chinesische Begriff Zì Rǎn - 自 然 wird manchmal mit Natur übersetzt, hat aber eine andere Bedeutung, als z.B. der Naturbegriff der deutschen Romantik. Wo liegt eigentlich die Grenze von Natur und Kultur? Durch die Einführung des Ackerbaus im Neolithikum und dem Beginn der kulturellen Evolution, hat sich auch das Gen für die Produktion des Enzyms Amylase, welches Stärke zu Zucker abbaut, vervielfältigt. Ist diese genetische Anpassung nun der Natur oder der Kultur zuzurechnen?

Die Verehrung und Überhöhung des eigenen Lehrers und des eigenen Übungssystems kann ich nachvollziehen. Ein Phänomen, welches ich auch aus den Kampfkünsten nur zu gut kenne. Es ist, meiner Meinung nach, auch der Selbstvermarktung geschuldet, wenn die eigene Lehre als überlegen, authentisch und einzigartig dargestellt wird. Bei einem ausgewiesenen Wissenschaftler wie Hubral hätte ich mir allerdings mehr kritische Distanz und Objektivität gewünscht. Betrachtet man allein die historische Entwicklung des Daoismus und seiner vielfältigen Strömungen in China, so sind Aussagen wie die folgende für mich nicht nachvollziehbar:

"Was Taijixue laut Fangfu einzigartig macht, ist, dass es die einzige Schule ist, die von Anfang an Wuwei anwendet. Alle anderen traditionellen Schulen wenden Wuwei nur an, wenn sie schon fast am Ziel sind. Sie kommen also auf Umwegen zu Wuwei." S. 111

Bei Zhuangzi selbst finden wir in Kapitel 6 (Der große Ahn und Meister - 大 宗 師 - Dà Zōng Shīschon) schon einen Hinweis auf eine Übung zur Selbstvergessenheit (Zuò Wàng - 坐 忘 - Sitzen und Vergessen). Warum sollte es also nicht auch bei anderen Lehren von Anfang an zur "Sache" gehen?

Worüber ich mich oft wundern muss, ist die meist elitäre Darstellung und Verherrlichung von spirituellen Praktiken und deren Apologeten. Die Erfahrung der Einheit scheint ja ein sehr seltenes Ereignis zu sein, welches nur wenigen auserwählten, in übermenschlicher lebenslanger Übung und Askese gestählten, Heiligen widerfährt. Meinem Erachten nach handelt es sich dabei um ein, gerade in esoterisch-spirituellen Kreisen, weit verbreitetes Missverständnis, wenn Einheitserfahrungen immer in Verbindung mit diffusen Vorstellungen von moralisch-menschlicher Vollkommenheit gesehen werden. Der amerikanische Philosoph Ken Wilber zeigt anhand der Entwicklungslinien seiner Integralen Theorie, dass Menschen in der kognitiven, emotionalen, moralischen, zwischenmenschlichen, psycho-sexuellen und spirituellen Linie unterschiedlich weit entwickelt sein können.

Daher finde ich den Daoismus nach Zhuangzi sehr sympathisch, weil Zhuangzi bodenständig bleibt und aus sich keinen Heiligen und aus seiner Lehre kein Dogma macht.

"Meister Zhuang fischte einst am Pu-Fluss. Der König von Chu entsandte zwei hochrangige Beamte mit folgender Botschaft zu ihm: 'Ich möchte Euch mit der Verwaltung meines Reiches beladen.'
Mit der Angelrute in der Hand sagte Meister Zhuang, ohne sich auch nur umzudrehen: 'Ich habe gehört, dass es in Chu eine heilige Schildkröte gibt, die schon seit dreitausend Jahren tot ist. Der König verwahrt sie in seinem Ahnentempel in einem mit Tuch umwickelten Korb. Was glaubt Ihr wohl, wäre dieser Schildkröte lieber: dass sie tot ist und ihre Knochen als Objekt der Anbetung aufbewahrt werden, oder lebendig zu sein und ihren Schwanz durch den Schlamm zu ziehen?'
'Sie wäre sicher lieber lebendig und zöge ihren Schwanz durch den Schlamm', sagten die beiden Beamten.
'Also fort mit Euch!', sagte Meister Zhuang. 'Ich will meinen Schwanz lieber weiter durch den Schlamm ziehen!'" Zhuangzi; Mair, Schuhmacher; 2008; S. 203

Sehr gut gefällt mir bei Peter Hubral die Abgrenzung daoistischer Philosophie und Spiritualität von den traditionellen chinesischen Körper-Geist Praktiken wie der Kampfkunst Taijiquan und den Gesundheitsübungen des Qigong. Es ist, meiner Meinung nach, zum Teil auch der Vermarktung im Westen geschuldet, dass Kampfkunst und Gesundheitsübungen eine so übertriebene daoistisch-philosophische Einbettung erhalten haben. Allerdings habe ich nicht verstanden, warum Peter Hubral im Rahmen seines Buches mehrfach auf die traditionelle chinesische Kampfkunst Taijiquan eingeht. Nach meinem Verständnis (siehe auch Link unten) ist Taijiquan für die Beschäftigung mit dem Daoismus nicht erforderlich.

Ein großes Wagnis von Peter Hubral ist die Suche nach Gemeinsamkeiten der chinesisch-daoistischen und der westlich-antiken Weisheitslehren. Die Schwierigkeiten der komparativen interkulturellen Philosophie benennt Simin Mazaheri in seinem Werk "Anfänge der Metaphysik im alten China und im alten Griechenland" (Shaker, 1997) und wählt daher bewusst den Untertitel "Eine Gegenüberstellung". Auch der, bereits oben erwähnte, amerikanische Philosoph Ken Wilber versucht in seiner integralen Theorie eine Zusammenführung westlicher und östlicher Weisheit. Bei einem Vergleich philosophischer Traditionen besteht immer die Gefahr, dass, aus der subjektiven Sichtweise des jeweiligen Autors heraus, beliebige Begriffe aus philosophisch-spirituellen Systemen heraus gepickt werden, ohne die historische Entwicklung der jeweiligen Systeme und Begriffe zu berücksichtigen. Sehr wohl kann aber eine Verbindung und gegenseitige Beeinflussung nicht ignoriert werden. Bei der Ausstellung "Ursprünge der Seidenstraße" in den Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen wurde mir der Umfang des West-Ost Austausches über die Seidenstraße seit der Bronzezeit sehr deutlich bewusst. Sehr wahrscheinlich wurden über die vielen Verzweigungen der Seidenstraße nicht nur Waren, sondern auch spirituell-philosophisches Gedankengut transportiert.

Ein besonders wichtiger Aspekt des Buches von Peter Hubral ist für mich die Einbeziehung subjektiver leiblicher Erfahrung auf dem Weg der Erkenntnis und Selbsterkenntnis.

"Alles auf dem Dao-Weg ist persönlich. Alles will mit Leib und Seele erlebt sein" S. 17

Hier unterscheiden sich, meiner Meinung nach, spirituelle und wissenschaftliche Erkenntnisprozesse. In seinem Vortrag über Spiritualität und intellektuelle Redlichkeit sagt deshalb der deutsche Philosoph Thomas Metzinger, welcher selbst seit Jahren meditiert, dass spirituelle Personen nicht glauben, sondern wissen wollen. Dieses Wissen ist nicht nur theoretischer Natur, sondern bezieht ganz explizit die praktische Erfahrung mit ein. Thomas Metzinger hielt diesen Vortrag auf dem interdisziplinären Kongress zur Meditations- und Bewusstseinsforschung in Berlin 2010. Es ist, meiner Meinung nach, sehr zu begrüßen, dass spirituelle Erkenntnissysteme und -praktiken nicht länger nur als esoterische Geheimlehren  sogenannter "Meister" gesehen werden.

Leider geht Peter Hubral kaum auf seine Übungspraxis ein. Mehrere Andeutungen lassen vermuten, dass es sich bei der praktizierten Stehübung um Zhàn zhuāng 站桩 Stehen wie ein Pfahl handelt. Die Stehübung Zhàn zhuāng findet sich bei fast allen inneren Künsten Chinas. Sehr gut gefällt mir, dass Peter Hubral auf den spirituellen meditativen Aspekt der Übung hinweist, da Stehen wie ein Baum meist als Gesundheits- und Kräftigungsübung im Qigong und in den Kampfkünsten Verwendung findet. 

Trotz mancher Schwierigkeiten beim Lesen von "Mit Wuwei zum Dao" hat mir das Werk gut gefallen. In dem Buch gibt es viel zu entdecken und ständig ist auch zu spüren, dass "Mit Wuwei zum Dao" nicht einfach nur das Ergebnis einer Literaturarbeit ist, sondern das der Dao-Weg für Peter Hubral eine Herzensangelegenheit ist, der er sich mit "Leib und Seele" widmet. 

Buchtipp: "Mit Wuwei zum Dao" von Peter Hubral