Buchtipp: "Spiritualität im 21. Jahrhundert" von Katharina Ceming

Erstellt von Michael Ditsch | | Spiritualität & Lebenskunst

Orientierungshilfe im weiten Feld der spirituellen Welt

Über Spiritualität im Allgemeinen und das Aufbrechen eines neuen Bewusstseins im Besonderen kann man heute immer öfter lesen. Demnach stehen wir an der Wende zu einer spirituelleren Welt, die sich seit den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts immer deutlicher abzeichnet. Für diese Annahme spricht die konstant wachsende Zahl von Menschen, die sich für Spiritualität zu interessieren beginnen. Allerdings ist diese bislang eher auf westliche Länder beschränkt. Auf der anderen Seite steigt die Zahl der politisch, sozial, religiös motivierten Konflikte, welche, wie die weltweiten ökologischen Probleme nicht weniger werden. Aber nicht nur das offensichtlich wachsende globale Konfliktpotenzial scheint einem neuen spirituellen Zeitalter entgegenzustehen, sondern auch die Tatsache, dass nicht wenige, die dieses neue, spirituelle Bewusstsein für sich reklamieren, der Vorstellung einer spirituellen Lebensweise nicht immer entsprechen. Zu zeigen, wie diese Widersprüche zu erklären sind, und darüber hinaus eine Verständnishilfe hinsichtlich der Verortung der unterschiedlichsten spirituellen Phänomene zu geben, ist eines der Anliegen dieses Buches. Was dieses Buch also nicht ist: ein Ratgeber zur Erleuchtung und ein spiritual-praktisches Handbuch. Es versteht sich als eine Orientierungshilfe im weiten Feld der spirituellen Welt. © Bild und Text Phänomen Verlag. Spiritualität im 21. Jahrhundert, Katharina Ceming, Phänomen Verlag, 2012

Kommentar

Der "Esoterik" und "Wellness" Markt boomt. Auszeiten in Klöstern sind auch bei Managern gefragt und allein das Angebot einer beliebigen Volkshochschulen zeigt, dass die spirituelle Globalisierung auch bei uns angekommen ist. Eine mögliche Motivation für die zunehmende Beschäftigung mit Spiritualität im westlichen Kulturkreis könnte ausgerechnet unser wirtschaftlicher Erfolg sein. 

"Das die Güte und Qualität des Lebens nicht in der Anhäufung von immer mehr materiellen Dingen besteht, wird für eine wachsende Zahl von Menschen zur grundlegenden Überzeugung. Die Sehnsucht, im Leben eine tiefere Dimension zu berühren, führt oftmals zur Beschäftigung mit den unterschiedlichsten Formen der Spiritualität. Und diese können zu einer echten Bereicherung des Daseins führen, wenn sie nicht wieder als anzusammelnde Objekte unter vielen anderen verstanden werden." S. 95 

Katharina Ceming hat sich in ihrer akademischen Ausbildung hauptsächlich mit mystischer Theologie des Christentums, des Hinduismus und des Buddhismus beschäftigt. Sehr lesenswert ist dazu ihr Buch "Einheit im Nichts - Die mystische Theologie des Christentums, des Hinduismus und Buddhismus im Vergleich", Edition Verstehen, 2004. 

Bei ihrer weiteren Entwicklung wurde sie von der Integralen Theorie des amerikanischen Philosophen Ken Wilber stark beeinflusst. Obwohl ihr Buch "Spiritualität im 21. Jahrhundert" im Wesentlichen auf ihren Kenntnissen der Philosophie von Ken Wilber, christlicher Mystik und der spirituellen Tradition Indiens basiert, wird beim Lesen schnell deutlich, dass Katharina Ceming die Essenz ihrer eigenen Erfahrung niedergeschrieben hat. Sehr bedauerlich finde ich, dass sie keine eigene Definition des Begriffes Spiritualität liefert. Eine Andeutung ihres Verständnisses von Spiritualität zeigt folgender Absatz: 

"Besonders in der westlichen Spiritualszene lässt sich der Trend zur Etablierung einer Religionsgrenzen überschreitenden Spiritualität erkennen, die quasi wie ein metareligiöses System alle traditionell religiösen Ausdrucksformen übersteigt. Man geht davon aus, dass die Ebene der tiefsten spirituellen Erfahrung etwas ist, das Menschen unterschiedlichster religiöser Prägungen so verbindet, dass ihre religiösen Herkunftssysteme verblassen, weil das Ziel eine reine Einheitserfahrung ist, die jede Form und jeden Inhalt transzendiert." S. 10 

Ein sehr wichtiger Beitrag des Buches ist die Differenzierung von moderner Spiritualität und sozio-kulturell geprägten, traditionellen religiösen Systemen. Aktualität erhält die Thematik durch die derzeitige Diskussion über religiöse Riten, welche durch ein Urteil des Kölner Landesgerichtes ausgelöst wurde. 

"Die großen Weltreligionen und mit ihnen die spirituellen Traditionen entstanden in der Regel in einer noch mythologisch geprägten Phase der Menschheitsentwicklung, was sich z.T. in Vorstellungen, Normen etc. zeigt." S. 26 

"Der indische Guru, der japanische Zen-Meister, der Sufi-Scheich, der Rebbe oder der christliche Heilige vergangener Zeiten hat nicht auf alle Fragen der Moderne die richtige Antwort." S. 27 

"Dies bedeutet, dass auch viele scheinbar absolute Wahrheiten der spirituellen Traditionen nur kulturell bedingtes Glaubensgut sind und nicht unhinterfragt von den Praktizierenden übernommen werden müssen." S. 28 

Mit großem Sachverstand und manch ironischem Seitenhieb klärt Catarina Ceming im weiteren Verlauf ihres lesenswerten Buches viele Missverständnisse und gängige Klischees der "esoterisch-spirituellen Szene". Folgend eine unvollständige Auswahl der beschriebenen Themen. 

# Ego
Kaum ein Gespräch über psychologische oder spirituelle Themen bei dem nicht irgendwann der Begriff "Ego" fällt. Es entsteht der Eindruck, dass das "Ego" das menschliche Grundübel schlechthin ist. Mit dem Begriff "Ego" sind sehr viele Missverständnisse verbunden und wenige hinterfragen, was das Ego eigentlich ist, warum wir es haben und warum sich spirituelle Wege damit auseinandersetzen. 

"Das Ich ist nicht nur der Aspekt, der uns zu Individuen macht, indem es uns ein Bewusstsein von uns selbst vermittelt, sondern es ist zudem für die lebenserhaltenden Funktionen notwendig. Die Entwicklung eines autonomen Ichs war in der Geschichte der Menschheit ein ungeheurer Quantensprung, ohne den es all die Entwicklungen der Moderne niemals hätte geben können, auf die die Nutznießer dieser Entwicklung gerne naserümpfend herabblicken. Interessanterweise teilt die retro-romantische Verklärung der ach so guten, heilen, ganz weit zurückliegenden Zeit kaum jemand außer zivilisationsmüden Westlern und geistig minderbemittelten Fundamentalisten, welcher Couleur auch immer." S.35 

"Was für die persönliche Entwicklung zunächst wichtig ist, wird also für die spirituelle Entwicklung zum Hindernis, da der Glaube an das von allem unterschiedene Ich verhindert, die Wirklichkeit als das zu erfahren, was sie ist: ununterschieden oder non-dual. Jeder mit dem Ich verbundene Akt, ob es sich um das Denken, Fühlen oder Wollen handelt, erzeugt Zweiheit." S. 39 

"Diese Dualitätserfahrung, die immer mit dem Gefühl von Trennung verbunden ist, wird in allen Spiritualtraditionen als etwas Mangelhaftes empfunden und soll daher überwunden werden. Aus diesem Grund gibt Meister Eckhart wohl den Rat: 'Wir sind die Ursache aller unserer Hindernisse. Hüte dich vor dir selbst, so hast du wohl gehütet.'" S. 40 

"... genau genommen, geht es auch nicht um eine Ausschaltung oder Überwindung des Egos, auch wenn sehr oft von der Aufgabe des Ich die Rede ist, sondern um eine Nicht-Identifikation mit ihm." S. 40 

"Nicht-Identifikation bedeutet, dass das Ego mit seinen Funktionen weiter erhalten bleibt, der Mensch es zudem 'benutzt', um sich in dieser Welt zu bewegen und zurechtzufinden, ohne sich aber mit den Funktionsweisen zu identifizieren. Auch der  Erleuchtete geht zur Toilette, weil er isst und trinkt. Er redet und lebt in dieser Welt des Relationalen. Wo Hilfe und Unterstützung benötigt werden, wird er sie leisten, wo Trost gespendet werden muss, wird er ihn spenden. Der Unterschied zum nicht-erleuchteten Menschen besteht darin, dass er einfach das tut, was getan werden muss, unabhängig davon, ob das Gegenüber es ihm danken wird oder nicht, weil er sich nicht in Assoziationsketten und falschen Identifikationen von 'Mein' und 'Ich' verliert. Oder um es einfacher zu sagen: das Ich wird wieder vom Herrn zum Knecht degradiert. Nicht das Ego bestimmt, wohin die Reise geht, sondern das reine Bewusstsein." S. 40-41 

"Interessanterweise stimmen die meisten Lehren darin überein, dass dieses höhere Selbst immer schon im Menschen existiert und nur aufgrund der Ego-Identifikation nicht wahrgenommen wird. ... Ego und wahres Selbst ins rechte Verhältnis zu bringen, das ist die große Kunst des spirituellen Wegs." S. 42 

# Erleuchtung
Mittlerweile ist "Erleuchtung" zu einem inflationären Begriff geworden. Allerdings scheint das Spektrum der Begriffsinterpretationen so zahlreich zu sein wie die Anzahl der angeblich Erleuchteten. Ich warte noch darauf, dass mir einmal jemand ein Erleuchtungszertifikat unter meine unerleuchtete Nase hält. Hier machen mich manche Aussagen der Autorin doch stutzig. Zum einen gibt es anscheinend viele Wege und Möglichkeiten, um zur Erleuchtung zu gelangen, dann aber wird Erleuchtung als eine Art Lotto-Jackpot beschrieben, mit ebenso unwahrscheinlicher Gewinnchance. Persönlich habe ich das Thema Erleuchtung erst mal abgehakt. Falls ich einmal erleuchtet sein sollte, gebe ich Bescheid ;-) 

"Was in den alten spirituellen Lehren stets als Endziel des Weges genannt wurde, ist Erleuchtung, unabhängig davon, wie diese im Einzelnen nun genannt wurde." S. 43 

"... dass das Erleben dieser Erfahrung nicht immer identisch ist, weil sich die Erleuchtungserfahrung bedingt durch die verschiedenen Bewusstseinsebenen, in der sie wahrgenommen werden kann, verändert. An dieser Stelle darf noch einmal Ken Wilbers Definition von Erleuchtung zur Erinnerung wiedergegeben werden. 'ERLEUCHTUNG heißt eins werden mit allen Zuständen und Stufen, die zu einem gegebenen Zeitpunkt existieren.'" 

"Die mitunter inflationäre Rede von Erleuchtung zur Umschreibung irgendwelcher transrationaler Erlebnisse zielt an dem vorbei, was in den meisten Spiritualtraditionen - unabhängig davon, welcher Begriff im Einzelnen gebraucht wurde - mit Erleuchtung umschrieben wurde." S. 44 

"Zwar mag es sich für das Ego sehr gut anfühlen, aber nicht jede Erfahrung ist eben schon die Erleuchtung." S. 46 

"Natürlich gibt es weder eine Erleuchtungsgarantie noch ist das Üben allein ausschlaggebend, da das, was erreicht werden soll, kein Objekt im herkömmlichen Sinn ist, das durch eine bestimmte Technik hergestellt wird. Das Ziel der meditativen Übung besteht bekanntermaßen im Erfahren der Wirklichkeit. Dieses muss aber nicht erzeugt oder erlangt werden, da sie immer schon präsent ist. Es bedarf genau genommen nur einer anderen Sichtweise auf diese Realität, um sie zu erkennen." S. 91 

"Man sollte sich stets vor Augen halten, dass es kein Erleuchtungszertifkat gibt, selbst wenn viele große Lehrer ihrerseits von einem solchen ernannt wurden." S. 106 

"So bleibt uns zunächst nichts anderes übrig, als anzuerkennen, dass für uns als 'unerleuchtete' Wesen durchaus zwei verschiedene Ebenen existieren, die des Relativen und des Absoluten." S. 61 

# Psychologie
Die dunkle Seite der Spiritualität hat Abdi Assadi schon in seinem hervorragenden Buch "Schatten auf dem Pfad: Wie uns die Suche nach Erleuchtung hinters Licht führen kann" eingehend beschrieben (siehe Link unten). Zurecht weist auch Katharina Ceming in ihrem Buch darauf hin, dass spirituelle Erfahrung nicht unbedingt mit ethisch-moralischer Entwicklung einhergeht. Ganz im Gegenteil können vorhandene psychische Defizite durch die spirituelle Praxis noch verstärkt werden. Gerade in der Kampfkunstszene ist mir dies sehr deutlich bewusst geworden. Traditionelle Wertvorstellungen und Lehrer-Schüler Beziehungen auf Basis eines sogenannten Weges "Do" haben nicht selten zu narzisstischen Störungen und Missbrauch geführt. Überhaupt verkennt das ganze romantische Getue um den sogenannten Bushido, den ach so ehrenvollen Weg des Kriegers, die tatsächlichen historischen Gegebenheiten. So benutzten die hochverehrten Samurai spirituelle Meditationstechniken, um als willige Erfüllungsgehilfen, mit aller "Seelenruhe", die Gegner ihrer Herren besser abschlachten zu können. Jede spirituelle Methode kann für sehr egoistische‬ Ziele zweckentfremdet werden. Spitzensportler nutzen Mentaltechniken zur Leistungssteigerung für den Wettkampf und erfolgsorientierte Manager verwenden Entspannungsmethoden zur Selbstoptimierung und Stressreduzierung im Geschäftsalltag. Zu beachten ist bei der Wahl einer Übungspraxis auch die Körper-, Sexual- oder Frauenfeindlichkeit manch traditioneller Lehre. 

"Spirituelle Erfahrungen welcher Art auch immer führen also nicht zwangsläufig dazu, dass ein Mensch toleranter und verantwortungsvoller mit seiner Mitwelt umgehen wird. Und dies gilt leider für alle Religionen." S. 50 

"Man kann wohl zu dem Schluß kommen: spirituelle Erfahrung schützt vor Dummheit nicht oder im Kontext unserer Ausgangsfrage: Eine Welt voller Mystiker ist noch nicht zwangsläufig besser und friedlicher." S. 54 

"Es ist jedoch nicht nur der Bereich des Körperlichen, der zum Ganzheitlichen dazugehört, sondern ebenso der Bereich des Psychischen. Dieser erfuhr in den klassischen Spiritualsystemen noch keine eigenständige Betrachtung, da man psychische Probleme nicht als eigenständige Größen, sondern als Teil des spirituellen Weges wahrnahm. Die eigenständige Beschäftigung mit dem Psychischen ist ein Verdienst des 20. Jh. Sie ist im Kontext einer ganzheitlichen Spiritualität unverzichtbar, da wir unsere Schatten nicht wegmeditieren, sondern diese durch das Darüber-Meditieren sogar verstärken können. Das hängt damit zusammen, dass der eigene Schatten der bewussten Durchdringung nicht zugänglich ist." S. 58 

"Spiritualität ist nämlich kein Wunscherfüllungsbrünnchen, das durch genug positives Denken aktiviert werden kann, wie es immer wieder in esoterischen Kreisen zu hören ist." S. 80 

"Fundamentalismus ist leider nicht nur ein Phänomen, das bei 'Normalgläubigen' anzutreffen ist, sondern ebenso in spirituellen Kreisen." S. 110 

# Denken
In esoterischen und spirituellen Kreisen wird kaum etwas so angefeindet wie kritisches rationales Denken, welches ein wesentliches Merkmal westlicher Aufklärung und Wissenschaft ist. Der Verstand ist von Übel und sollte daher möglichst ausgeschaltet werden. Es werden künstliche Gegensätze und Feindbilder kreiert und die angebliche "männliche Rationalität" zum Sündenbock erklärt. Das Heil wird dann meist in unverstandenen und als "weiblich" gedeuteten archaischen schamanischen Ritualen gesucht, um ein ozeanisches Einswerden mit was auch immer zu erlangen. Mit Drogen, Mental-, Atem- und Körperübungen können alle möglichen und unmöglichen Bewusstseinszustände erreicht werden. Unser Gehirn ist sehr empfänglich für Hormonschübe und elektro-chemische Cocktails. Fraglich ist nur, was diese geist-magischen psychedelischen Erlebnisse mit wahrer Spiritualität zu tun haben. 

"So erfüllend es mitunter sein mag, nächtens in wehenden Gewändern um ein Feuer zu tanzen und im Einklang mit sich und der Natur zu sein, so wenig führt diese Erfahrung in der Regel zu einer echten Transformation des Egos. Das Spüren von Mutter Erde, was immer auch Mutter Erde ist, ist ein sehr subjektives Erleben." S 75 

"Das Denken ist eine großartige Orientierungshilfe, um sich nicht in den Wirrungen des Daseins zu verlieren." S. 81 

"Beide Bewertungen teilen jedoch eines: die Verkennung dessen, was Ratio und Philosophie im Osten bedeuteten. Sowohl die großen Systeme des Hinduismus wie des Buddhismus, aber auch des philosophischen Taoismus bedienten sich des Denkens. Was sie von der modernen abendländischen Geistestradition tatsächlich unterscheidet, ist die Tatsache, dass ihr Denken nie ein Selbstzweck war, sondern in den Kontext einer Heilslehre eingebunden war. Das denkerische Erschließen der Wirklichkeit dient dazu, dem Menschen zu zeigen, dass in dieser Wandelwelt niemals ein Heilszustand erlangt werden kann. Die Philosophie und das Denken hatten die Aufgabe zu demonstrieren, wieso dies der Fall ist und wie der Weg zu diesem Heil aussehen kann." S. 82-83

"Die Rückbesinnung auf die vermeintlich gute alte Zeit und die im Einklang mit der Natur lebenden Menschen, wird die Probleme unserer Tage jedoch auch nicht lösen helfen." S. 87 

"... dass es bei einer etwas weniger verklärenden Betrachtung der Vergangenheit deutlich wird, dass bei Weitem nicht all unsere Vorfahren der grauen Vorzeit so in Einklang mit der Natur lebten, wie wir es in sie hinein projizieren." S. 88 

"So mancher Brauch und Ritus ist kein Hilfsmittel auf dem Weg zur Erleuchtung, sondern  Ausdruck eines magisch-mythischen Denkens, der noch nicht in die Moderne übersetzt wurde." S. 96 

Nach Lektüre des Buches von Katharina Ceming wird klar, dass Spiritualität keine einfache Angelegenheit ist. Warum also sollte man sich überhaupt mit Spiritualität beschäftigen? Existentielle Fragen haben die Menschen schon immer bewegt. Antworten hatte der Mensch bisher bei der religiösen Tradition gefunden, in die er geboren wurde. Die globalisierten Lebenstile des 21. Jahrhunderts und der weltweite Austausch über das Internet haben allerdings viele religiöse Überlieferungen in Frage gestellt. Zudem haben die Erkenntnisse der westlichen Wissenschaft viele religiöse Argumentationen entkräftet. Wissenschaft allein wird uns aber nicht weiterhelfen. Wissenschaft schafft Wissen, die wissenschaftliche Forschung sucht nach neuen Erkenntnissen im jeweiligen Forschungsfeld und kann aufgrund ihrer Methodik immer nur begrenzte Aussagen machen. Für die transzendenten Fragestellungen des Menschen ist die Wissenschaft daher als Ersatz für die Religionen ungeeignet. Anderseits sind die traditionellen Religionen mit ihrem meist jahrtausendealten archaischen Ballast für den modernen Menschen auch zu begrenzt, um in einer globalisierten vernetzten Welt noch als glaubwürdige Wegweiser zu dienen. Der Philosoph Thomas Metzinger sagt daher ganz zurecht, dass das Gegenteil von Religion nicht Wissenschaft ist, sondern Spiritualität und er leitet daraus die Frage ab, ob es eine vollständig säkularisierte Spiritualität geben kann. 

"Ein Einsatz für die Welt, der mit Rückschlägen und Niederlagen zurechtkommen muss, da sich nicht immer das Gute und Gerechte behaupten, braucht eine tiefe geistige Verankerung, um nicht in Resignation oder Fanatismus abzugleiten. Diese Basis kann die spirituelle Übung schaffen." S. 65

Spiritualität im 21. Jahrhundert, Katharina Ceming, Phänomen Verlag, 2012