Buchtipp: "Stille in der Stadt" von Ursula Richard

Erstellt von Michael Ditsch | | Spiritualität & Lebenskunst

Ein City-Guide für kurze Auszeiten und überraschende Begegnungen

Mitten im Trubel einen Ort zu finden, der aufatmen lässt, das wünschen sich viele Stressgeplagte. Überraschend und entlastend: Es ist nicht nötig, aus der Stadt zu fliehen, um sich zu erholen. Mit Achtsamkeit und einer veränderten Wahrnehmung bietet die Großstadt wieder erfrischende Begegnungen und pulsierendes Leben. Großstadtmeditationen - Entspannung beginnt am Hauptbahnhof. Übungen zur Entschleunigung. Auszeiten: Kirchen, Parks und Treppenhäuser. © Bild und Text Kösel. Stille in der Stadt - Ein City-Guide für kurze Auszeiten und überraschende Begegnungen, Ursula Richard, Kösel, 2011

Kommentar

Ein Phänomen, welches mir öfter bei der Praxis west-östlicher Wege begegnet, ist die Trennung zwischen Alltag und Übungspraxis. Das Üben des Weges wird oft als etwas "Heiliges" oder "Besonderes" empfunden, welches nur zu bestimmten Zeiten und an speziellen Orten durchgeführt werden kann. Einer meiner Lehrer wurde einmal gefragt, wie oft und wie lange er den am Tag übe und welche Tageszeiten besonders geeignet wären. Mein Lehrer hat die Frage zunächst gar nicht verstanden, da er sein tägliches Leben als Übungsweg sieht und nicht in Übungseinheiten oder -zeiten unterteilt. Auch habe ich schon erlebt, daß sich jemand geweigert hat Tai Chi in einer Schulsporthalle zu üben, da der Ort dieser Kunst angeblich nicht angemessen sei. Unverständlich, wenn man selbst erlebt hat, wie in China Tai Chi oder Qigong an jeder Straßenecke praktiziert wird. Das Üben eines Weges wird manchmal auch als Methode zur Selbstoptimierung und Leistungssteigerung benutzt, um in der westlichen Leistungsgesellschaft zu den Siegern zu gehören, oder vielleicht als exotische Wellness-Flucht aus dem, als trostlos empfundenen, Alltag.

In ihrem lesenswerten Buch "Stille in der Stadt" geht Ursula Richard auf ein weit verbreites Mißverständnis spiritueller Wege ein und beschreibt aus ihrer eigenen Lebenserfahrung die Entdeckung der spirituellen Stadtpraxis.

"Solange ich spezielle Zeiten und Orte für Stille und spirituelle Praxis, für Meditation oder Entspannung 'reserviere', um mich frisch, wach und gelassen den weiteren 16 Stunden des Tages widmen zu können, so lange besteht die Gefahr, dass Spiritualität kein integraler Bestandteil meines Lebens ist, sondern lediglich Teil meines Terminkalenders, in dem ich eben auch noch die halbe Stunde Meditation am Morgen oder Abend, die Yogastunde, die Meditationsgruppe einmal in der Woche oder den Vortrag am Wochenende unterbringe. So wird Spiritualität unweigerlich zu einer unter anderen Selbstoptimierungsstrategien." Loc. 46-49

Ursula Richard lebt und arbeitet in Berlin und praktiziert seit 1985 Zen. Obwohl die buddhistische Sichtweise in ihrem Buch vorherrschend ist, geht Ursula Richard auch auf andere Wege ein und versucht die Essenz des Übens aufzuzeigen. Sie bemerkt daher zurecht: "... dass achtsam über die Straße zu gehen oder einem anderen Menschen die Tür aufzuhalten durchaus mit Spiritualität zu tun hat." Loc. 64

In der "spirituellen Szene" wird das alltägliche Leben meist als minderwertig und belastend empfunden. Die lästigen täglichen Verrichtungen, der Stress in Familie und Beruf, der Lärm und Schmutz der Stadt, das Elend in manchen Stadtvierteln. Wie anders dagegen das Praktizieren der "edlen und heiligen" Wege in besonders schöner Umgebung und mit ganz besonderen Menschen. Ursula Richard entlarvt dieses Mißverständnis und zeigt wie sinnlos diese Fluchten sind: "Ein letztlich vergeblicher Versuch, denn wir sind keine abgetrennten, isolierten Inseln, die für sich allein 'Rettungspakete schnüren' könnten." Loc. 76-77

Sehr gelungen finde ich, wie Ursula Richard im ersten Teil ihres Buches die wesentliche Elemente ihrer spirituellen Stadtpraxis herausarbeitet. "Im ersten Kapitel des Buches geht es mir darum, ausführlich zu zeigen, dass urbane Spiritualität sich vor allem in der bereits angesprochenen Haltung von Achtsamkeit, Offenheit, Anteilnahme und Verbundenheit ausdrückt und dass sie mit traditionellen spirituellen oder religiösen Kontexten verbunden werden kann, aber nicht notwendigerweise muss. Im zweiten und dritten Kapitel wird die Achtsamkeit als ein entscheidendes Werkzeug spiritueller Stadtpraxis näher betrachtet, aber es wird auch beleuchtet, warum wir uns damit oft so schwer tun." Loc. 108-9

Was mir auch gut gefällt ist, dass Ursula Richard in ihrem Buch sehr bodenständig und menschlich bleibt und nicht in esoterische Glückswelten oder Heilsversprechen abdriftet. Sie weist immer auf die Schwierigkeiten und Probleme hin und klammert auch das Leiden nicht aus. "Es erscheint mir ein wichtiger Teil dieses Weges zu sein, sich mit der Kunst des Scheiterns vertraut zu machen; zu akzeptieren, sich immer wieder als unachtsam, genervt, hektisch und aggressiv zu erleben." Loc. 128-29

In den weiteren Kapiteln beschreibt Ursula Richard ihre Begegnungen mit Orten und Menschen in der Stadt und zeigt anhand vieler Beispiele, wie spirituelle Stadtpraxis im Alltag aussehen könnte.

Am Ende ihres Buches entwirft Ursula Richard ihre Vision einer "achtsamen Stadt". Die Gründe für ihre Wunschvorstellung kann ich gut nachvollziehen, allerdings habe ich immer ein ungutes Gefühl im Bauch, wenn Menschen Utopien dafür entwickeln, wie andere Menschen leben sollten. 

Ursula Richard hat ein sehr schönes, lesenswertes und reichhaltiges Buch über die spirituelle Stadtpraxis geschrieben. Trotz der vielen Geschichten, Begegnungen und Beschreibungen kommt sie immer wieder auf das Wesentliche zurück. 

"Achtsamkeit bedeutet, von Moment zu Moment achtsam zu sein für das, was wir tun, für das, was ist, und wenn wir abschweifen mit unseren Gedanken – und das tun wir ständig -, geduldig wieder in den gegenwärtigen Moment zurückzukehren, wieder und wieder. Mehr gibt es nicht zu tun." Loc. 317-19

Buchtipp: "Stille in der Stadt" von Ursula Richard